Klonfleisch und Ethik - eine Betrachtung
Vor einem guten halben Jahr hat Klonfleisch für Furore gesorgt. Und das nicht nur bei den Menschen, die sich eher weniger mit den Hintergründen und biologischen Mechanismen auskennen. Auch Journalisten tappten gerne in die Falle und warfen Klonen und Gentechnik wild durcheinander, wenn sie es nicht schon auf den Tellern der Verbraucher sahen. Jetzt habe ich vor einigen Tagen diesen Artikel entdeckt, dem zufolge der Deutsche Ethikrat die Diskussion um den kommerziellen Vertrieb des Klonfleisches weiter ausbauen möchte.
Dabei geht es gar nicht darum, das Fleisch geklonter Tiere für den Verzehr zu verkaufen, da die Methode des Klonens viel zu teuer ist. Vielmehr sollen bei diesem Vorschlag die Nachkommen geklonter Tiere für den Vertrieb und Verzehr zugelassen werden. Aber bevor ich zu dem Ethik-Teil komme, hier nochmal eine kurze Erklärung, was Klonen eigentlich ist. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Sonderform der In-Vitro-Fertilisation, mit dem Unterschied, dass man das entstehende Lebewesen praktisch nicht vom Spendertier unterscheiden kann, da beide Chromosomensätze von dort stammen und nicht - wie bei der In-Vitro-Fertilisation - nur einer. Mit Gentechnik hat das Ganz nichts zu tun, da Klone durch somatischen - "somatisch" bedeutet körperlich - Zelltransfer hergestellt werden. Das bedeutet, dass man einer beliebigen Körperzelle den Zellkern entnimmt und diesen dann in eine entkernte Eizelle "stopft".
Aber nun zum eigentlichen Anliegen dieses Artikels: dem ethischen Aspekt. Nach Meinung von Eve-Marie Engels, Professorin für Ethik in den Biowissenschaften an der Universität Tübingen, sei das Klonen eine unnatürlich Reproduktionsmethode. Außerdem bedeute Klonen als Routine eine Instrumentalisierung der Tiere und würde eine verrohende Einstellung gegenüber dem Tier befördern. Aber sind denn die gängigen Methoden soviel natürlicher? Zuchthengste und -eber bekommen heutzutage doch kaum noch eine Stute oder eine Sau zu Gesicht - und wenn, dann nur, damit sie einen "hochkriegen". Das kostbare Sperma dürfen sie dann in eine künstliche Vagina spritzen. Ist ein bisschen so, wie auf einer Erotik-Messe für Menschen.
Auch mit dem Gegenargument des Instrumentalisierends der Tiere beim Klonen tue ich mich ein wenig schwer. So sind zum Beispiel Vier-Schinkenschweine keineswegs eine Idee der Evolution gewesen. Oder nehmen wir mal den Weißblauen Belgier, eine Rinderrasse, die derart stark bemuskelt ist, dass es regelmäßig zu Problemen beim Knochenwachstum und der Geburt (zu enger Geburtskanal) kommt. Auch das Argument der Verrohung gegenüber den Tier lässt mich ein wenig fragend zurück. Was ist denn mit Tiertransporten, um nur mal einen sehr polarisierenden Punkt herauszunehmen? Der Mensch hat die Tiere nunmal schon vor Tausenden von Jahren domestiziert, um sie für seine Zwecke zu nutzen. Meiner Meinung nach begann die Instrumentalisierung der Tiere - wenn man es denn tatsächlich so hart ausdrücken möchte - also schon damals und keineswegs erst jetzt oder in Zukunft beim Klonen.Von den Auswirkungen menschlicher Domestikation und Selektion im Haustierbereich fange ich mal gar nicht an (könnte mir das aber als eigenen Beitrag vormerken).
Wenn man also bedenkt, dass auch bei der Domestikation über lange Zeiträume nicht immer alles "glatt" gelaufen ist, sollte man der Entwicklung im Klonbereich durchaus eine Chance geben.
Hier nochmal ein Link zu einer sehr guten und ausführlichen Erklärung, was Klonen genau bedeutet.
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Gebe Dir vollkommen recht. Hast Du zufällig einen Link zu dem Geseibere von Frau Engels?
Lieber Edgar Dahl,
klar, der Link versteckt sich hinter "diesen Artikel". Von da gehts dann auch noch weiter, wenn gewünscht.
Gott, Eve-Marie Engels und Hille Haker - die eine ist so doof wie die andere aussieht! Wenn es ums Klonen geht, sehen sie plötzlich eine ungerechtfertigte "Instrumentalisierung" vorliegen. Als würden Tiere nicht auf Schritt und Tritt instrumentalisiert werden - in der Forschung, in der Nutztierhaltung, der Jagd, dem Rodeo, dem Zoo, dem Zirkus.
Dass Tiere bereits in anderen Bereichen instrumentalisiert werden, soll natürlich nicht heißen, dass das Klonen deshalb gerechtfertigt wäre. Aber es muss doch einigermaßen verwundern, wenn die, die sich auf das Argument der "Instrumentalisierung" stützen, erst beim Klonen anmahnen, dass wir Tiere als ein "bloßes Mittel zum Zweck" verwenden.
"Instrumentalisierung" ist dabei das neue Zauberwort. Immer dann, wenn man sich nur schwer auf die "Menschenwürde" berufen kann, zieht man rasch das Schlagwort von der Instrumentalisierung aus dem Hut.
Und schließlich: Mit ihrem Einwand, dass das Klonen eine "unnatürliche Reproduktionstechnik" sei, gehört Frau Engels eher an die Päpstliche Akademie im Vatikan als an die Universität in Tübingen.
"Dass Tiere bereits in anderen Bereichen instrumentalisiert werden, soll natürlich nicht heißen, dass das Klonen deshalb gerechtfertigt wäre. Aber es muss doch einigermaßen verwundern, wenn die, die sich auf das Argument der "Instrumentalisierung" stützen, erst beim Klonen anmahnen, dass wir Tiere als ein "bloßes Mittel zum Zweck" verwenden."
Um genau diesen Punkt geht es mir dabei. Gut erkannt.
Lieber Sören, ich bemerke schon seit einiger Zeit, dass Du Dich mit dem Thema Tiere beschäftigst: Schreibst Du zufällig gerade an einer größeren Arbeit zur "Tierethik"?
Lieber Edgar,
nein, leider schreibe ich an keiner derartigen Arbeit. Bis es soweit ist, dass ich in den Genuss einer längeren Arbeit kommen könnte, dauert das auch noch ein bisschen. Ich beobachte aber viel und habe dann das Bedürfnis, etwas dazu zu sagen. Dabei sehe ich meine Artikel auch nie wirklich in sich geschlossen, weshalb ich auf Themen wie Mensch und Natur im weitesten Sinne immer wieder eingehe. Natürlich verbaue ich hier immer wieder auch Dinge, die ich gelernt habe.
Freut mich auf jeden Fall, dass es Dir gefällt. In Deinem letzten Artikel - aber vor allem in den Komentaren - tauchten Tiere und Ethik wohl auch schon auf, aber mittlerweile über 120 Kommentare schreckten mich ein wenig ab, das alles näher zu lesen^^ Der Artikel an sich gefällt mir aber recht gut, sowas hätte ich mal in der Schule gebrauchen können, also ich noch Religion hatte...
Ich hatte mal eine interessante Unterhaltung mit Peter Singer. Singer behauptet ja, dass wir auf den Verzehr von Fleisch verzichten müssen, weil das Leid, das Tiere in der Massentierhaltung erdulden müssen, durch unsere Gaumenfreuden schwerlich aufgewogen wird. Also fragte ich ihn: "Angenommen, es wäre möglich, Tiere zu klonen und sie mit Hilfe einer genetischen Knock-out-Technologie ihrer Empfindungsfähigkeit zu berauben. Dürften wir DIESE Tiere dann zu Nahrungszwecken züchten und verspeisen?"
Rate mal, was seine Antwort war!
@ Edgar
Hm, so eine ähnliche Idee eines amerikanischen Philosophen hatte Lars mir mal geschickt als Blogvorschlag. Natürlich hab ich mich dieses Artikels auch gleich angenommen. Das war der hier:
http://www.wissenslogs.de/...hnik-immer-die-l-sung
Wenn Du schon so fragst, hat er vermutlich unter den von Dir angenommenen Zuständen zugestimmt - vermute ich mal. Allerdings hab ich auch immer ein Problem damit, wenn wir Menschen versuchen, tierisches Verhalten auf minimale Reize zu reduzieren. Das zielt zu kurz.
Da man Singer vieles nachsagen kann, nur nicht Inkonsistenz, hat er tatsächlich "Ja!" gesagt. Nun entsteht aber die kuriose Situation, dass ein Vegetarier "Ja!", viele Nichtvegetarier aber "Nein!" zur Zeugung von empfindungsunfähigen Tieren sagen. Doch mit welchem Argument können sich Menschen, die Tiere zu rein kulinarischen Zwecken der Massentierhaltung aussetzen, gegen die Zeugung von empfindungsunfähigen Tieren wenden? Gut, sie sagen: "Igittigitt!", doch das ist natürlich kein Argument.
Vorsicht, Massentierhaltung und kulinarische Zwecke miteinander in einen Zusammenhang zu bringen, finde ich etwas problematisch. Ich wäre zB ein solcher Kandidat, der sich gegen empfindungsunfähige Tiere ausspricht. Aus dem einfachen Grund, weil das körperliche Empfinden allein bei der Betrachtung nicht ausreicht. All diese Tiere haben ein Gehirn, sie sind Individuen, sie epfinden etwas, auch ohne zwangsläufig Schmerzen zu haben. So beeinflusst starker Stress vor der Schlachtung enorm die Qualität des späteren Fleisches. Auch auf Tiertransporten kann es zu Stresssituationen kommen, wenn es etwa kein Wasser und nicht ausreichend Nahrung gibt, auch das schlägt sich in der Qualität nieder. Ich weiß nicht, wie weit Du mit der Idee der Empfindungsunfähigkeit gehen würdest...
Ich habe inzwischen Deine Diskussion zu den empfindungsunfähigen Tieren gelesen. Insbesondere den Vorschlag, saumäßige Musik in die Schlachthöfe einzuführen, fand ich amüsant.
Deine beide Einwände leuchten mir ein. Wenn man Tieren ihr Schmerzempfinden raubt, werden sie sich gewiss häufiger verletzen. Zudem mag der Stress, dem diese Tiere trotz alledem ausgesetzt sein werden, ihr Fleisch ungenießbar machen.
Dennoch glaube ich, dass dies Probleme sind, die sich technisch lösen ließen.
Frage: Macht es eigentlich Sinn von empfindungsUNfähigen Tieren zu sagen, dass sie unter Stress leiden?
"Frage: Macht es eigentlich Sinn von empfindungsUNfähigen Tieren zu sagen, dass sie unter Stress leiden?"
Du stellst mich aber vor heftige Fragen^^
Ich tu mich gerad noch etwas schwer mit dem Empfinden. Natürlich empfindet ein Tier etwas, das über eine simple "Schmerz: Ja oder Nein"-Überlegung hinaus geht. So werden Hunde in Tierheimen objektiv gesehen optimal versorgt. Glücklich sind sie dennoch nicht, weil es ihnen an Liebe und einer Bezugsperson fehlt.
Bevor wir uns also näher darauf eingehen, sollten wir erstmal klar definieren, was wir genau unter "empfindungsunfähig" verstehen wollen. Gibt es eigentlich niemanden, der dazu forscht? Das wär doch mal ne Idee.
Mit "empfindungsunfähig" meine ich ein Tier, das weder Freud noch Leid kennt, das weder Hitze noch Kälte verspürt und weder Vergnügungen noch Schmerzen erlebt. Kurz, ein Tier ohne jedes Bewusstsein!
Apropos Bewusstsein: Vielleicht sollte man es mit den leidenden Tieren genauso machen wie mit den leidenden Menschen - sie palliativ sedieren und mittels künstlicher Ernährung mästen!? (Falls einem die Sedativa ausgehen, kann man es auch mit ein paar Seiten Sloterdijk versuchen.)
Wenn Du die Empfindungsunfähigkeit tatsächlich so stark ausweitest, befürchte ich, dass Du damit vor einem ganz anderen Problem stehen wirst, denn die Idee Fleisch zu produzieren ohne Tiere leiden zu lassen ist, die ist keineswegs neu. Das Problem bei diesem Fleisch aus dem Labor ist, dass man bisher noch keinen Trick gefunden hat, um es herzustellen, da muskeln leider die Eigenschaft haben nur dann zu wachsen, wenn sie gereizt werden. Einfach so wird das nichts. Wenn Du jetzt ein Tier nimmst, das nichts mehr wahrnimmt, dann wird es auch nicht richtig "leben", das bedeutet, dass Du das Fleisch vermutlich ziemlich vergessen kannst.
Ansonsten müsste man in Versuchen abschätzen, welche Folgen diese Idee hätte.
Meine Frage bezieht sich darauf, ob man nicht sozusagen "Cartesische Schweine" züchten könnte, die sich, wie ein Käfer, zwar durchaus bewegen, aber nichts empfinden können. Wenn sie keinen Schmerz mehr verspüren, haben wir natürlich das bereits erwähnte Problem, dass sich diese Schweine dann selbst verletzen mögen, wie zum Beispiel an ihren Vorderläufen nagen. Doch dieses "autoagressive" Verhalten ließe sich doch mit Sicherheit auch ausschalten, oder nicht?
Uff, Du solltest bedenken, dass ich noch studiere, spontan kann ich Dir die Frage nicht beantworten, kann aber gerne mal versuchen, dahingehend etwas herauszufinden. Vielleicht findet sich ja auch ein kundiger Leser.
Lieber Sören, insofern wir hier eher eine philosophische Diskussion führen, ist es meines Erachtens gar nicht unbedingt nötig, über alle relevanten Fakten informiert zu sein. Wie Philosophen es gerne tun, postulieren wir einfach, dass es möglich wäre, Cartesische Schweine zu züchten: Was, wenn es uns gelingen würde, Schweine ohne Bewusstsein zu züchten - Schweine, die uns schmackhaften Schinken liefern, ohne auch nur das geringste Unbehagen zu verspüren?
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, wärst Du gegen die Zeugung solcher Schweine. Vermutlich würdest Du vorschlagen, dass wir lieber die gegenwärtigen Haltungsbedingungen der Tiere verbessern sollen. Da dies aber leichter gesagt als getan ist und zudem noch viele Jahre in Anspruch nehmen mag, brauchen wir, denke ich, ein stärkeres Argument gegen die Züchtung von Cartesischen Schweinen.
Lieber Edgar,
das Problem ist, dass ich nicht so gerne im Hypthetischen fische. Du hast mit Deiner Annahme, dass ich erstmal gegen die Züchtung solcher Schweine bin, vollkommen recht. Und das, gerade weil ich glaube, dass eine Optimierung der derzeitigen Bedingungen ohne Eingriffe in die Tiere durchaus möglich ist und keineswegs Jahre dauern muss. Wenn es um die Haltung der Tiere und die verwendeten Rassen in der Landwirtschaft geht, stehen sich zwei "Arten" gegenüber: die konventionelle und die ökologisch/biologische. Das Problem ist jetzt, dass weder die eine, noch die andere perfekt ist, die Fronten auf diesem Gebiet aber so hart sind wie ein Hundedarm nach zwei Wochen Verstopfung. Vielleicht ließen sich dort schneller und gezielter Erfolge erzielen, wenn sich aufgeschlossene Parteien beider Seiten zusammensetzen würden.
Ist natürlich auch nur eine Idee, erscheint mir aber irgendwie griffiger als die philosophische Linie. Mir geht es dabei tatsächlich weniger um Argumente als vielmehr um Lösungsansätze, auch wenn das etwas hochgegriffen erscheinen mag. Vielleicht werde ich dem auch nochmal einen eigenen Beitrag widmen.
Lieber Sören, ja, man muss seine Zeit nicht mit wilden Spekulationen vergeuden. Doch für die, die Philosophie als "Denken auf Vorrat" (Gerhad Vollmer) begreifen, sind solche Was-wäre-wenn-Fragen alles andere als müßig.
Wie auch immer, hier eine Sachfrage: Kann man sagen, dass sich das Leben der Nutztiere in den vergangenen 20 Jahren verbessert hat? Sind Rinder, Schweine und Hühner heute besser dran als noch vor zwanzig Jahrzehnten?
Oh, bitte nicht falsch verstehen. Philosophische Gedankenexperimente sind für mich keineswegs verdeudete Zeit. Allerdings halte ich mich nicht gerade für einen geeigneten Diskussionspartner auf dem Gebiet.
Zu Deiner Frage werde ich mal ein wenig recherchieren müssen, von daher werde ich die hier erstmal nicht beantworten. Nur soviel: es gibt mittlerweile durchaus interessante Konzepte für moderne Schlachthöfe, mal sehen, ob ich da in verschiedenen Mediatheken noch fündig werde.