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Der Hansen-Faktor

von Stefan Rahmstorf, 19. April 2008, 14:32

James Hansen ist Leiter des NASA-Klimaforschungsinstituts in New York und einer der prominentesten amerikanischen Klimatologen. Im Sommer 1988 erregte er Aufsehen, als er vor dem US-Kongress drei Szenarien der künftigen Klimaerwärmung präsentierte. Zwanzig Jahre später wissen wir: Hansen hatte damals Recht. Das mittlere Szenario B, von ihm damals als das plausibelste Szenario bezeichnet, trat ein (siehe Diskussion hier).

Nun hat Hansen mit einer neuen Arbeit international ein breites Medienecho ausgelöst – u.a. Guardian, FAZ und taz berichteten, die taz druckte dazu auch ein Interview mit mir, und auch aus der Politik erreichten mich Anfragen dazu. Zu den Koautoren von Hansen bei dieser Studie gehören einige der führenden Paläoklimatologen, wie Jim Zachos von der University of California und Valerie Masson-Delmotte vom Institut Pierre Simon Laplace bei Paris, denen wir wichtige Erkenntnisse über die Klimaentwicklung in der Erdgeschichte verdanken. Daten über diese früheren, natürlichen Klimaveränderungen sind es denn auch, auf denen die Analyse von Hansen und Kollegen beruht. Die wichtigste Folgerung der Autoren lautet, dass die CO2-Konzentration unterhalb von 350 ppm stabilisiert werden muss, um unsere Erde in einem Zustand zu erhalten, „der dem ähnelt, auf dem die Zivilisation sich entwickelte und an den das Leben auf der Erde angepasst ist“. Das ist insofern radikal, als 350 ppm deutlich unterhalb der heutigen CO2-Konzentration liegt, denn der Mensch hat diese bereits von 280 auf derzeit 385 ppm erhöht. 

Die Klimasensitivität

Dabei machen sich Hansen et al.  ein einfaches Prinzip zu nutze: kennt man den Antrieb früherer Klimaveränderungen (konkret ist das die Veränderung in der Strahlungsbilanz der Erde, gemessen in Watt pro Quadratmeter) sowie die Reaktion des Klimasystems darauf (v.a. die globale Temperaturänderung), dann kann man daraus die Empfindlichkeit des Klimasystems ableiten. Wir nennen dies die „Klimasensitivität“ – genau diese Zahl muss man kennen, um die Reaktion des Klimas auf unsere CO2-Emissionen zu berechnen. (Diese Konzepte werden z.B. in unserem Büchlein „Der Klimawandel“ näher erklärt.) Je empfindlicher das Klimasystem in der Vergangenheit reagiert hat, je heftiger also frühere Klimaveränderungen wie die großen Eiszeiten gewesen sind, desto stärker wird auch die globale Erwärmung ausfallen.

Abschätzungen der Klimasensitivität aus paläoklimatologischen Daten hat es bereits früher gegeben, u.a. aus meiner Arbeitsgruppe am Potsdam-Institut (siehe Studie und PM vom August 2006), und diese sind auch in den letzten IPCC-Bericht eingeflossen. Seit den 1970er Jahren gilt eine globale Erwärmung von 3 ºC bei CO2-Verdopplung als wahrscheinlichster Wert der Klimasensitivität; der neue IPCC-Bericht gibt den Unsicherheitsbereich mit 2 – 4,5 ºC an. Über die bis hierher gesagten Dinge besteht weitgehend Konsens unter Klimatologen. 

Neu und kontrovers

Substanziell neu und sicher kontrovers sind zwei Dinge an der Arbeit von Hansen et al.

1. Hansen et al. versuchen aus der Erdgeschichte abzuleiten,  bei welcher CO2-Konzentration die Kontinentaleismassen verschwinden. In den letzten 65 Millionen Jahren, also in der Erdneuzeit (Känozoikum), ist die CO2-Konzentration aus natürlichen Gründen (Plattentektonik – auch dies ist in unserem Buch erläutert) langsam abgesunken. Dabei hat das Klima sich immer weiter abgekühlt, bis vor 34 Millionen Jahren die Vereisung begann, zunächst in der Antarktis. Hansen et al argumentieren, dass die Vereisung bei einer CO2-Konzentration zwischen 350 und 500 ppm einsetzte. Auf dieser Basis kommen sie zu dem Schluss, dass eine CO2-Konzentration über 350 ppm die Gefahr birgt, dass die Eismassen abtauen und damit der Meeresspiegel um bis zu 70 Meter ansteigt.

Ich halte diese Abschätzung aus folgendem Grund für fragwürdig. Sie setzt voraus, dass in einem sich abkühlenden Klima die Eismassen bei der gleichen kritischen CO2-Menge zu wachsen beginnen, wie sie in einem sich erwärmenden Klima dann wieder verschwinden. Diese Annahme ist jedoch wahrscheinlich falsch, und zwar aufgrund der Eis-Albedo Rückkopplung. Dadurch stabilisieren Eismassen sich gewissermaßen selbst, indem sie Sonnenstrahlung reflektieren und das Klima abkühlen. Man muss das Klima deshalb stärker aufheizen, um sie wieder loszuwerden. Physiker nennen dieses Verhalten „Hysterese“. Im Grundsatz ist dies für Eismassen seit Jahrzehnten bekannt; eine Untersuchung dieses Hysterese-Verhaltens in unserem Klimamodell haben meine PIK-Kollegen Reinhard Calov und Andrey Ganopolski  2005 publiziert. Die Schwelle zum Abtauen des Eises verschiebt sich dadurch zu deutlich höheren CO2-Werten. Dem entgegen muss man allerdings bedenken, dass ja nicht nur ein völliges Abtauen der Eismassen für die Menschen katastrophale Folgen hätte. Schon ein Eisverlust von 5% würde den Meeresspiegel um über 3 Meter steigen lassen. Die von Hansen et al. untersuchten Paläodaten liefern leider keine Auskunft darüber, bei welchem CO2-Gehalt eine solche 5%-Schrumpfung der Eisschilde zu erwarten wäre.

2. Hansen und Kollegen definieren eine neue Art von Klimasensitivität – nennen wir sie zur Unterscheidung die „Erdsystem-Sensitivität“. Sie unterscheidet sich dadurch von der herkömmlichen Klimasensitivität, dass sie einige sehr langsam wirkende Rückkopplungen einbezieht, die normalerweise in der Klimasensitivität nicht enthalten sind. Insbesondere sind dies Rückkopplungen durch die Veränderungen der Kontinentaleismassen, der Landvegetation und durch klimatisch bedingte Freisetzung von Treibhausgasen wie CO2 und Methan (also nicht direkte menschliche Emissionen). Hansen et al. gehen davon aus, dass diese Rückkopplungen den Klimawandel noch verstärken – dem kann ich zustimmen, denn jeder einzelne dieser Feedbacks ist sehr wahrscheinlich verstärkend. Nicht folgen kann ich jedoch Hansen et al. bei dem Versuch, diese Erdsystemsensitivität aufgrund von Eisbohrkerndaten aus der Antarktis zu quantifizieren – sie kommen auf ein Ergebnis von 6 ºC für CO2-Verdoppelung, also das Doppelte der herkömmlichen Klimasensitivität. Diese Abschätzung hat jedoch eine grundlegende Schwäche. Denn bei der Analyse wird das Wachsen und Schrumpfen der Kontinentaleismassen während der Eiszeitzyklen als verstärkende Rückkopplung auf die CO2-Veränderungen aufgefasst. Wir wissen jedoch, dass diese Vereisungen direkt durch Veränderungen in der Erdbahn und die damit verbundene starke Veränderung der saisonalen Sonneneinstrahlung ausgelöst wurden (die Milankowitsch-Zyklen – sorry, wenn ich auch hier für Näheres auf unser Buch verweise). Damit wird diese Rückkopplung von Hansen et al. zwangsläufig stark überschätzt. 

Fazit

Die neue Hansen-Arbeit bringt viele richtige und bedenkenswerte Argumente vor. Zu Recht lenkt sie den Blick darauf, dass die Erdgeschichte für ein instabiles Klimasystem spricht, das auf Störungen heftig reagiert. Diese Argumentation stützt auch der IPCC-Bericht, der ein 65-seitiges Kapitel zu den natürlichen Klimaveränderungen der Erdgeschichte enthält (disclosure: ich bin einer der Autoren dieses Kapitels). Bei den Diskussionen innerhalb des IPCC gab es tatsächlich eine gewisse Spannung zwischen den Paläoklimatologen und den „Zukunftsmodellierern“ (IPCC-Kapitel 10), weil erstere die Folgen unserer Treibhausgasemissionen eher noch pessimistischer einschätzen – zum Beispiel in der viel diskutierten Meeresspiegelfrage. Während ich also qualitativ Hansens Argumentation teile, halte ich seine quantitativen Abschätzungen aus den oben genannten Gründen für nicht überzeugend.

Regelrecht falsch waren einige der Medienberichte. Der Guardian zitierte Hansen mit der Aussage, das EU-Ziel von einer CO2-Stabilisierung bei 550 ppm sei viel zu lasch und müsse radikal revidiert werden. Dies ist insofern falsch, als die EU überhaupt kein 550-ppm Ziel verfolgt. Das übergeordnete EU-Ziel ist die Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal 2 ºC. Dabei ist den maßgeblichen EU-Politikern völlig klar, dass dazu eine Stabilisierung der Treibhausgase deutlich unterhalb von 450 ppm CO2-äquivalent nötig ist – das steht im IPCC-Bericht, und daran orientiert sich ja auch die EU-Politik, den Ausstoß von Treibhausgasen global bis 2050 mindestens zu halbieren und in Europa sogar um 80% zu reduzieren. Hansens 350 ppm beziehen sich auf CO2 alleine – die maximal 450 ppm der EU dagegen auf alle Treibhausgase zusammengerechnet und als CO2-äquivalent angegeben. Diese Werte liegen daher gar nicht weit auseinander. Das sieht man auch daran, dass Hansen die Begrenzung der weiteren Erwärmung (ab heute) auf 1 ºC für notwendig hält – 1 Grad ab heute sind aber 1,7 oder 1,8 Grad über der vorindustriellen Temperatur, sehr ähnlich dem 2-Grad-Limit der EU. Der IPCC-Bericht sagt dazu (WG3, Tabelle SPM 5), dass eine Stabilisierung bei 350-400 ppm CO2, entsprechend 445-490 ppm CO2-äquivalent, zu einer Erwärmung um 2,0- 2,4 ºC führen würde (über das vorindustrielle Niveau). Damit unterscheiden sich Hansens Zahlen nur wenig von denen des IPCC und den Zielen der EU. Einen Frontalangriff auf den IPCC stellen sie jedenfalls nicht dar, wie es von einigen Journalisten interpretiert wurde.

Damit gibt diese neue Arbeit auch keinen Anlass zu einem radikalen Umdenken in der EU-Klimapolitik. Diese Politik hat m.E. die richtigen Ziele – allerdings müssen sie auch konsequent umgesetzt werden.

p.s. Zwei aktuelle Kurzmeldungen:

Die NOAA hat bekannt gegeben, dass der März 2008 über den Landgebieten der Erde der wärmste März seit Beginn der Aufzeichnungen vor 129 Jahren gewesen ist.

Unser englisch-sprachiges Schwesterblog realclimate ist von TIME Magazine unter die 15 besten Klima- und Umweltsites gewählt worden. 





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Kommentare

  1. Jörg Haas Welche Risiken gehen wir ein?
    19.04.2008 | 20:19

    Sehr schöne Rezension der Arbeit von Hansen. Dies war nach der extensiven Berichterstattung dringend notwendig.
    Doch selbst wenn Hansens Argumentation nicht völlig überzeugt: Es gibt eine nicht vernachlässigbare Wahrscheinlichkeit, dass die Erdsystemsensitivität deutlich über drei Grad liegt. Das Klima würde damit deutlich empfindlicher auf Treibhausgase reagieren als in den wahrscheinlichsten Szenarien angenommen.
    Weshalb ist das bedeutsam? Kein geringerer als der Klima-Ökonom Richard Tol, sonst gerne von Klimaskeptikern zitiert, hat in jüngerer Zeit darauf hingewiesen, dass die Existenz extrem hoher Klimaschäden bei geringer Eintrittswahrscheinlichkeit die Anwendbarkeit klassischer Kosten-Nutzen-Rechnungen stark in Frage stellt (siehe http://www.fnu.zmaw.de/...pers/dismaltheoremwp.pdf
    ).
    Siehe dazu auch http://www.klima-der-gerechtigkeit.de/...t-hansen/

  2. adenosine kein Betreff
    20.04.2008 | 07:52

    Eine hohe Klimasensitivität des CO2 ist durchaus eine Möglichkeit, die durch plausible Indizien gestützt ist, einen empirischen Beweis gibt es nicht, die Möglichkeit von Überraschungen in diesem Thema ist noch vorhanden. Wie dem auch sei, die Wahrscheinlichkeit, dass ein CO2-Anstieg auf > 550ppm verhindert werden kann ist, wenn man sich die CO2-Steigerungsraten in Asien anschaut praktisch Null (Atomkrieg mal ausgeschlossen). Die Zivilisation ist flexibel genug, sich auch an Steigerungen des Meeresspiegels anzupassen, die Auswirkung von Kriegen, die wir überstanden haben, waren auch nicht schlimmer. Mir scheint, dass sich die Entdecker der CO2-Klimasensitivität sich hauptsächlich am Feuer der möglichen Katastrophenszenarien wärmen. Da zu Zeit noch keine Maßnahmen zur Beherrschung der Lage akut sind, versucht man Gewinn aus illusionären CO2-Vermeidungsstrategien zu schneiden. Ein Indiz für die Unaufrichtigkeit in diesem Vorgehen ist, dass man zu einer teuren CO2-Vermeidungsangabe niemals den erzielbaren Effekt auf de Temperatur angibt, z.B. 0.000001K für Milliarden Solarstromsubventionen in Deutschland.

    [Antwort: Und wie haben Sie diese Zahl genau ausgerechnet? Nach einer internationalen Vergleichsstudie ökonomischer Modelle (Edenhofer et al, Energy Journal) ergibt sich, dass die Kosten, die Erwärmung bei 2 ºC zu stoppen, wahrscheinlich unter 1% des globalen Bruttosozialprodukts liegen werden - für den Normalbürger also kaum zu bemerken. Die jährlichen Kosten für die ganze Welt sind etwa vergleichbar zu dem, was der Irak-Krieg alleine die USA jährlich gekostet hat. Wir können das hier nicht näher erörtern, aber ich nehme Ihren Kommentar gerne zum Anlass, künftig einmal hier in einem Artikel die Kostenfrage aufzugreifen. S.R.]

  3. Ohne Worte Langsam wird zurück gerudert
    20.04.2008 | 19:51

    Zum Klimasensitivitätsfaktor habe ich das gefunden.

    http://klimakatastrophe.wordpress.com/...echenden/

    Schon lustig, wie sich die Modelle widersprechen (Wolkenfeedback). Der Hansen-Faktor liegt also höher als der PIK-Faktor. Jedes Institut scheint seinen eigenen Faktor zu haben.

  4. Eddy Vereisung
    21.04.2008 | 11:03

    Hallo herr Rahmstorf,

    Erst einmal vielen Dank, dass Sie sich hier als Skeptiker betätigen. ;-) Nun aber zu ihrer Aussage:

    "Wir wissen jedoch, dass diese Vereisungen direkt durch Veränderungen in der Erdbahn und die damit verbundene starke Veränderung der saisonalen Sonneneinstrahlung ausgelöst wurden (die Milankowitsch-Zyklen – sorry, wenn ich auch hier für Näheres auf unser Buch verweise). Damit wird diese Rückkopplung von Hansen et al. zwangsläufig stark überschätzt."

    Da die Sonnenaktivität seit 1940 besonders hoch ist, und der Einfluss auf das Klima bis 1940 kaum bezweifelt wird, ist der Einfluss der Sonne auch ab 1940 kaum geringer geworden.

    Dadurch ist aber auch wohl (später?) die polare Eiskappe geschmolzen und wurde der Schneefall geringer weltweit.

    Müsste man in diesem Fall nicht auch von einer natürlichen Rückkoppelung sprechen, die, wenn ich das System Erde einigermassen verstehe, einige Jahrzehnte anhalten sollte, bzw. verzögert wirken sollte?

    Mir ist schon klar, dass diese heutigen Berechnungen dem Co2 die Schuld geben. Mir ist die Erklärung auch durchaus geläufig und verständlich.

    Mir ist bloss auch bekannt, dass im Mittelalter die Gletscher in Europa so schmolzen wie heute, und damals auch Grönland so grün war, wie heute, ohne Milankovitch-Einfluss, ohne Co2 und bei weit geringerer Sonnenaktivität.

    Ich frage mich also, als Laie, wie man sich so sicher sein kann, dass die heutige Klimaentwicklung kein natürliches Phänomen sein soll.

    Hochachtungsvoll
    Eddy

    [Antwort: Für mich ist der Hauptgrund der, dass wir die Energiebilanz der Erde und die Physik des Treibhauseffekts verstehen, und zwar seit dem 19. Jahrhundert. Es kann leider keinen ernsthaften Zweifel daran geben, dass unsere CO2-Emissionen zu einer Erwärmung im beobachteten Ausmaß führen. Natürliche Faktoren haben in den letzten 50 Jahren insgesamt sogar eher abkühlend gewirkt. Die Sonnenaktivität hat einfach seit 1940 nicht zugenommen, seit rund 20 Jahren nimmt sie sogar ab. (Dass die Sonnenaktivität vor 1940 zugenommen hat, kann auch bei Berücksichtigung der Trägheiten im Klimasystem nicht zu der starken Erwärmung 1980 bis heute geführt haben.)

    Einige Ihrer Aussagen treffen m.E. nicht zu - die Sonnenaktivität war im Mittelalter nicht "weit geringer" als heute, sondern etwa gleich hoch. Und die Gletscher in Europa waren im Mittelalter nicht so klein wie heute - ich habe das selbst einmal sowohl einen schweizer als auch einen norwegischen Gletscherexperten gefragt, und sie können das auch im IPCC-Bericht nachlesen. S.R.]

  5. Krishnag Gletscher
    21.04.2008 | 23:02

    Herr Rahmstorf,
    #Und die Gletscher in Europa waren im Mittelalter nicht so klein wie heute -#
    Das ist zumindest für einige Schweizer wie auch Französische Gletscher falsch, und es ist allgemein anerkannt, das unter dem heute zurückgehenden Eis Holz und Artefakte, die zweifelsfrei dem Mittelalter zugeordnet werden können, hervorkommen, was beweist, daß die Gletscher eben doch zumindest gleichweit zurückgingen.

    Und das die Sonnenaktivität jetzt nicht mehr 1955 sondern jetzt schon 1940 ihr Maximum erreicht haben soll, wird unabhängig von den Daten durch gebetsmühlenartige Wiederholung nicht wahrer.

    [Antwort: Gletscher verändern sich auch regional unterschiedlich, einzelne Beispiele und Gegenbeispiele werden Sie daher immer finden - man könnte zum Beispiel auch den Ötzi nennen, der 5300 Jahre unter Eis lag und erst jetzt freigelegt wurde und nicht im Mittelalter. Deshalb ist ein Gesamtüberblick so wichtig, wie Sie ihn im IPCC-Bericht finden. Das Maximum der Sonnenaktivität können Sie aufgrund der überlagerten Schwankungen und der Unterschiede zwischen verschiedenen Datensätzen nicht aufs Jahr genau bestimmen - bei manchen publizierten Kurven liegt es vor 1950, bei manchen danach. Aber einigen wir uns doch darauf, dass spätestens seit 1955 die Sonnenaktivität nicht mehr zugenommen hat - das ändert nichts daran, dass die Sonne nicht für die Erwärmung der letzten Jahrzehnte verantwortlich sein kann. S.R.]

  6. Raimund Leistenschneider Eigenartiger Faktor
    22.04.2008 | 12:21

    Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Rahmstorf,

    Sie beginnen Ihren Blog mit der vermeintlichen Treffsicherheit von Hansen bzgl. seines postulierten Szenarios von 1988 und verweisen auf „Ihre“ Internetseite „real climate“ und vergeben sogar die physikalische Güte eines Faktors („Hansen-Faktor“), wie z.B. Permeabilität oder die Hubble-Konstante. Dass dieser Versuch nicht nur fehlgeleitet, sondern auch wissenschaftlich absonderlich ist, liegt schon darin begründet, dass es sich bei physikalisch üblichen Faktoren um Naturkonstanten oder um in vielfachen Messreihen bestätigte (Faktor)Werte handelt. Folge ich nun Ihrem angegebenen Link und schaue mir die beiden Graphiken an – die erste zeigt den Strahlungsantrieb in W/m2 über einen Zeitraum und zeigt eine Gerade (Anmerkung: Das Wetter beruht im Wesentlichen auf den physikalischen Gebieten der Thermodynamik, Strömungs- und Strahlungslehre und Verhalten von Gasen. Alle vier sind keine linearen, sondern, der Mathematiker spricht von „chaotischen Systemen“ also nicht linearen Systemen!, so dass eine Gerade hier wenig wissenschaftliche Aussagequalität hat), die zweite Graphik zeigt nun die Temperaturvariabilität über einen Zeitraum. Vergleiche ich (bis zum heutigen Zeitpunkt und nicht darüber hinaus, weil man für die Zukunft heute nichts vergleichen oder gar bestätigen kann!) weiter diese postulierte Temperatur-Anomaliekurve von Hansen mit der gemessenen Temperaturkurve „UAH MSU Global Monthly Mean Mid Troposphere Temperature Anomalies“ (z.B. zu finden unter: http://members.shaw.ca/...mate_Change_Science.html), der Sie in Ihrem Blog „Ist die Erderwärmung vorbei?“ Richtigkeit attestierten, da man mit ihr auf die gleiche, von Ihnen, nach den Daten der NASA ermittelte globale Temperaturkurve kommt, so stelle ich fest, dass die Angaben von Hansen in seinem Szenario B aus 1988 falsch sind und nicht mit den tatsächlich gemessenen Temperaturen bis Dezember 2007 übereinstimmen – beide Temperaturkurven sind im Vergleichzeitraum 1979 bis 2007 vollkommen unterschiedlich. Wenn nun die gemessenen Temperaturen etwas anderes angeben, als die in 1988 postulierten, so sind die 1988 postulierten falsch. Aber selbst wenn sie übereinstimmten, so ließe sich selbstverständlich aus der einen Richtigkeit nicht darauf schließen, dass Hansen mit seiner aktuellen Prognose richtig läge und es ist vollkommen abwegig, dies mit einem „Faktor“ zu bezeichnen.

    Dass mit „Schreckensszenarien“ auf ein breites Medienecho gestoßen wird, liegt in der Sache begründet und deckt sich mit der Forderung von Herrn Prof. Stefan Schneider (Verfasser einiger IPCC-Kapitel) : „"... Um die öffentliche Aufmerksamkeit zu erringen, müssen wir erschreckende Szenarien entwerfen und mit vereinfachten und dramatischen Stellungnahmen in die Offensive gehen. Eventuelle Zweifel sollten wir nur am Rande erwähnen. Jeder von uns muss die richtige Balance dazwischen finden, effektiv zu sein und ehrlich zu sein." ("So we have to offer up scary scenarios, make simplified, dramatic statements, and make little mention of any doubts we might have [...] Each of us has to decide what the right balance is between being effective and being honest”).

    Die Schwankungen des Meeresspiegels, die in erster Linie auf die Plattentektonik zurückzuführen sind, zeigt recht anschaulich die folgende Abbildung für den Zeitraum der letzten 65 Mio. Jahre: http://www.oberrheingraben.de/...fuellung/Haq.pdf. Auf der Internet-Seite der Berkeley-University ist darüber hinaus der Meeresspiegel im Verlauf der letzten 600 Mio. Jahren zu sehen (http://geography.berkeley.edu/...Geog40.Week7.html). In beiden Diagrammen ist ersichtlich, dass der Meeresspiegel (in erster Linie durch Plattentektonik) gewaltigen Schwankungen unterliegt. Auch ist es nicht so wie Sie schreiben: „… ein einfaches Prinzip zu nutze….genau diese Zahl muss man kennen, um die Reaktion des Klimas auf unsere CO2-Emissionen zu berechnen.“ Herr Prof. Dr. Rahmstorf, wenn dies so einfach wäre, man nur eine Zahl zu kennen bräuchte, dann wären nicht nur die Klimamodelle besser, sondern auch deren Teilstücke, die Wettervorhersagen. Für den Leser ein kleiner Vergleich der bisherigen Klimaprognosen des IPCC für die Kenngröße „Anstieg des Meeresspiegels“; 1988: 20-150cm, 1990: 13-110cm; 1995: 13-94cm; 2001: 9-88cm; 2007: 18-59cm.

    Ich muss auch einen weiteren Punkt berichtigen. Sie schreiben „Dabei hat das Klima sich immer weiter abgekühlt, bis vor 34 Millionen Jahren die Vereisung begann.“ Der Leser entnimmt aus dieser Aussage, dass die Vereisung am Beginn des Oligozäns einsetzte und diese erstmalig ist. Dies ist, wie Ihnen sicherlich bekannt, nur für den Betrachtungszeitraum bis vor 65 Mio. Jahren richtig (Anmerkung: die Berkeley University – siehe obiger Link – gibt dies mit einem Fragezeichen an, d.h. es ist wissenschaftlich nach dortiger Ansicht nicht gesichert: „? First local ice on Antarctica“). Der Temperaturverlauf seither gibt die folgende Abbildung wieder: (http://global-warming.accuweather.com/...e_Rev.png).

    Vereisungen und zwar ganz massive, gab es bereits im Karbon, als Deutschland in den Tropen lag und seinerzeit die heutigen Kohlevorkommen entstanden, und ebenso im Perm (http://www.lothar-beckmann.de/.../Globalwetter.htm). Im Karbon lag i.ü. der CO2-Gehalt in der Atmosphäre bei über 1.000 ppm (Quelle: Paleontology Science Center, http://farm1.static.flickr.com/...6990ff2b33_o.jpg). Die Charts zeigen eindrucksvoll, dass Eiszeiten (das Klima) mit einer etwaigen CO2-Konzentration in keinem Zusammenhang stehen. Im Oligozän gab es dann wieder eine Vereisung (die jedoch rein gar nichts mit den Eiszeiten der jüngeren Erdgeschichte zu tun hat). Die „heutigen“ Eiszeiten (Günz-, Mindel-, Riss- und Würm-Eiszeit) begannen vor ca. 2 Mio. Jahren im Pleistozän mit ausgeprägten Interglazialen, in denen es weitaus wärmer war als heute. Sie hierzu die folgende Abbildung des Alfred Wegener Instituts: (http://www.awi.de/...ine_geology_and_paleontology/). Deutlich erkennbar, dass bis vor ca. 2,5 Mio. Jahren der Nordpol vollkommen eisfrei war! So lebten z.B. in der Mindel-Riss-Warmzeit (vor 500.000 Jahren) Waldelefanten auf dem Gebiet des heutigen Stuttgart am Neckar! (http://www.naturkundemuseum-bw.de/...8&bez=2_6). Im vorletzten Interglazial (derzeit leben wir auch in einem Interglazial!) vor 125.000 Jahren lag die durchschnittliche Temperatur um ca. 5°C höher als heute (http://www.ski-blog.com/...Ice_Age_Temperature.png). In noch einem Punkt bedarf ihr Blog einer Klarstellung.

    Sie schreiben, „Schon ein Eisverlust von 5% würde den Meeresspiegel um über 3 Meter steigen lassen.“ In den Medien und diversen Fachpublikationen (auch des IPCC) wird hervorgehoben, dass insbesondere die Eismassen der arktischen Meereisbedeckung in den letzten 25 Jahren rapide abnahmen. Anhand von Satellitenaufnahmen wird dies bestätigt. Die Grundlagen der Physik lehren uns, auch wenn alles Eis der Meereisbedeckung, inklusive des Nordpols schmelzen würde, so hebt sich dadurch der Meeresspiegel um keinen Millimeter, da es sich um schwimmendes Eis handelt. Einzig die Eismassen des grönländischen Eisschildes und insbesondere der südpolaren Einflächen (die südpolaren Eismassen machen gut 90% der Eismassen aus) würde den Meeresspiegel anheben. Nur, die Landeismassen haben in den letzten 25 Jahren in der Gesamtheit nicht abgenommen, sondern zugenommen und zwar überwiegend auf Grund der enormen Zuwächse in der Ostantarktis (Wingham, D.J., Shepherd, A., Muir, A. and Marshall - G.J. 2006, Mass balance of the Antarctic ice sheet. Philosophical Transactions of the Royal Society A 364: 1627-1635); Spektrum der Wissenschaft 08/05, S. 10, aber auch auf Grönland über 1.500m Höhe (Johannessen et al. in Science, 11. November 2005:.Vol. 310. no. 5750, pp. 1013 - 1016, „….5.4 ± 0.2 cm/year, or 60 cm over 11 years, or 54 cm when corrected for isostatic uplift.”, http://www.sciencemag.org/...bstract/310/5750/1013). Doch auch hier haben die Befürworter des anthropogenen Klimawandels eine Antwort, die da lautet, dies wäre nur vorübergehend.

    Zum Abschluss eine Verständnisfrage. Es wird viel davon geredet, dass die Erhöhung des CO2-Gehalts in direkter Kausalität mit dem Temperaturanstieg des ausgehenden 20. Jahrhunderts steht und zwar CO2 zuerst steigt und dann die Temperatur. Das IPCC gibt an, dass die in die Atmosphäre ausgebrachte C-Menge lediglich zu knapp 3% anthropogen ist, alles andere ist natürlichen Ursprungs. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass jeder Mensch mit jedem Atemzug die ca. 150-fache Menge von CO2 ausatmet, als die Menge, die er einatmet (die Menge CO2 fällt beim Citratzyklus in den Mitochondrien an). Wie überall in der Chemie gibt es auch für die Erdatmosphäre eine Sättigungsgrenze, bei der die Atmosphäre nicht mehr CO2 aufnehmen kann. Der Nobelpreisträger Paul Crutzen schrieb noch 1993: “Es gibt bereits so viel CO2 in der Atmosphäre, dass in vielen Spektralbereichen die Aufnahme durch CO2 fast vollständig ist, und zusätzliches CO2 spielt keine große Rolle mehr.“ (Chemie der Atmosphäre, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin, Oxford 1993, S. 414). Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages stellte in ihrem ersten Zwischenbericht 1988 zum Schutz der Erdatmosphäre fest: “Da die CO2-Absorptionsbanden weitgehend gesättigt sind, nimmt der Treibhauseffekt durch zusätzliches CO2 nur noch mit dem Logarithmus der CO2-Konzentration zu,...“ Dr. Herbert Fischer, Institut für Meteorologie der Uni Karlsruhe und meines Wissens ein Befürworter des anthropogenen Klimawandels hat untersucht, welche Transmissionsänderung eine CO2-Verdopplung in der Atmosphäre verursacht. Er stellte fest, dass im Hauptzweig bei 15,3 µm sich keine Änderung ergibt – es liegt also eine Sättigung vor. In den Nebenbanden tritt eine leichte Veränderung auf (http://www.john-daly.com/forcing/forcing.htm). Wie soll nun dieses CO2-strahlungsrelevant sein und somit Einfluss auf die thermischen Vorgänge in der Atmosphäre ausüben, wenn im Hauptzweig Sättigung vorliegt? Viele Grüße RL.

  7. Krishnag Sonnenaktivität
    22.04.2008 | 12:40

    Herr Rahmstorf,
    #Aber einigen wir uns doch darauf, dass spätestens seit 1955 die Sonnenaktivität nicht mehr zugenommen hat#
    warum soll ich mich mit Ihnen auf ein falsches Datum einigen ? Ich habe Ihnen doch Andernorts bereits einige Aussagen vorgelegt, die eben das nicht bestätigen.

    Bei der Gelegenheit gleich nochmal die Frage, wenn die Sonne, wie Sie in Ihrer aktuellen Antwort weiter schreiben, nicht für die Erwärmug verantwortlich ist, wie könnte sie dann, wie Sie neulich in Ihrer Antwort an Herrn Lincke schrieben, für die Abkühlung verantwortlich sein ?

    [Antwort: Hmmm... vielleicht weil die Sonnenaktivität abgenommen hat? S.R.]

  8. Ohne Worte Ötzi
    22.04.2008 | 13:12

    "...man könnte zum Beispiel auch den Ötzi nennen, der 5300 Jahre unter Eis lag und erst jetzt freigelegt wurde und nicht im Mittelalter."

    NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND

    „Im März 1991 hatten Stürme feinsten ockerfarbenen Sand aus der Sahara bis in die Alpen geweht. Unter der Sommersonne schmolzen die mit diesem höchst wirksamen Lösungsmittel bestäubten Gletscher nur so dahin. Allein in Tirol gab das vermeintlich ewige Eis ein halbes Dutzend Leichen frei, Ötzi als sechste.“

    Ötzi starb vor ca. 5300 Jahren. Zu dieser Zeit war die Sahara eine Savannenlandschaft, in der Ackerbau betrieben wurde. Es gab also über Jahrtausende keinen Saharastaub auf den Gletschern der Alpen. Erst der Saharastaub hat Ötzi freigelegt.

    [Antwort: Nur um sicher zu gehen, dass ich Ihre These richtig verstehe: Sie meinen, im Mittelalter gab es keinen Saharastaub auf den Gletschern, weil damals die Sahara eine Savanna war? S.R.]

  9. Ohne worte Ötzi...
    22.04.2008 | 16:05

    „Antwort: Nur um sicher zu gehen, dass ich Ihre These richtig verstehe: Sie meinen, im Mittelalter gab es keinen Saharastaub auf den Gletschern, weil damals die Sahara eine Savanna war? S.R.“

    Die erneute Austrocknung der Sahara begann ca. im 3. Jahrtausend v. Chr.. In dieser Zeit entwickelte sich die Savannenlandschaft wieder zur Wüste. Ötzi ist während des/eines Klimaoptimums des Holozän gestorben, danach wurde es deutlich kälter. Weder im Optimum der Römerzeit, noch in der mittelalterlichen Warmzeit, wurden die Temperatur des Holozän-Optimums in Kombination mit genügend Saharastaub erreicht. Heute haben wir Temperaturen vergleichbar mit denen des Optimums der Römerzeit und Mittelalters, aber einfach mehr Saharastaub.

  10. Krishnag Sonnenaktivität
    22.04.2008 | 20:45

    Herr Rahmstorf,
    #[Antwort: Hmmm... vielleicht weil die Sonnenaktivität abgenommen hat? S.R.]#
    Wenn die Aktivität steigt, gibt es keine Erwärmung, nimmt die Aktivität ab, wird es kälter ?

    Wollen Sie damit ernst genommen werden ?
    Vielleicht sollten Sie sich mal die Abfolge Ihrer Antworten und Statements vor Augen halten in den verschiedenen Threads.
    Man könnte fast meinen, PIK - denn sie wissen nicht was sie tun.

    [Antwort: Anstelle von Polemik könnten Sie vielleicht wörtlich zitieren, wo ich gesagt haben soll, dass steigende Sonnenaktivität keine Erwärmung verursacht? Danke. S.R.]

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