Wissenslogs (Über)Leben in den Wäldern

Rettet die Wirtschaft Amazonien?

Daniel Lingenhöhl | 17. Juni 2010, 13:15

Keine guten Zahlen gelangen vom Amazonas auf den Schirm der Ökologen: Die Abholzung nimmt 2010 wieder deutlich zu, nachdem sie in den letzten beiden Jahren stark gesunken war. Der Grund: Die Preise für Soja und Fleisch ziehen nach dem Ende der Wirtschaftskrise (die zumindest außerhalb Europas und der USA ausgestanden scheint) erneut stark an, und Banken vergeben wieder leichtfertiger Kredite für den Landkauf und landwirtschaftliche Großprojekte. Jahr für Jahr gehen Tausende von Quadratkilometern dafür in Flammen auf, ein Fünftel des brasilianischen Amazonasregenwaldes gilt schon als zerstört.

Entgegen der landläufigen Meinung treiben aber weniger arme Kleinbauern, die hier ihr Glück suchen, die Zerstörung voran. Vielmehr handelt es sich mittlerweile in vielen Fällen um große Unternehmen, die riesige Landstriche mit schwerem Gerät entwalden und umpflügen. Eine der größten beteiligten Agrarfirmen, die Grupo Amaggi, gehört passenderweise Blairo Maggi, der wiederum Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso ist - der brasilianischen Provinz, in der der Regenwald am umfassendsten und raschesten zerstört wird. Diese zweifelhafte Vermengung von politischen und wirtschaftlichen Interessen brachte Maggi bereits die "Goldenen Kettensäge" ein, die Greenpeace vergeben wird. Mit seiner politischen Macht kann Maggi - dessen Name nichts mit der bekannten Würzsoße zu tun hat - beispielsweise Infrastrukturprojekte vorantreiben, die den Anbau und die Vermarktung des von ihm erzeugten Soja erleichtern, etwa Straßen und Häfen.

Die Plantage hat hier zumindest vordergründig einen großen wirtschaftlichen Wert, der die Abholzung zumindest für die Handelnden rechtfertigt - auch wenn sich dies wegen Subventionen vielleicht eher um einen Scheinwert handelt. Der Wald hat hingegen für die Beteiligten keinen Wert, zumindest keinen, der sich kurzfristig realisieren ließe. Viele Ökonomen, aber auch Ökologen plädieren deshalb dafür, dass der stehende Regenwald wertvoller wird, dass ihm ein monetärer Wert zugewiesen wird, der das Ökosystem lebend wertvoller macht als dessen Zerstörung. Ein Mechanismus, der in letzter Zeit oft gehandelt wird, lautet auf den Namen REDD: Reducing Emissions from Deforestation and Degradation. Der brasilianische Bundesstaat Amazonien - einer der größten des Landes - setzt bereits voll auf dieses Programm, in dem, vereinfacht gesagt, dafür bezahlt wird, dass der Wald stehen bleibt und Kohlendioxid bindet: Die Regierung hat ein Moratorium erlassen, das Abholzungen untersagt, bis der Wert der regionalen Wälder und ihre Senkenwirkung erfasst sind.

Dennoch wird sich auch damit die Abholzung leider nicht auf Null zurückfahren lassen. Schon vor ein paar Jahren hat deshalb Clive Granger, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2003, ein relativ simples Modell entwickelt, wie sich der Wald maximal schützen lässt, aber auch Unternehmer wie Blairo Maggi noch ihre Interessen wahren können. Er schlug vor, dass Landschützer und Landnutzer jeweils Karten mit ihren Prioritäten entwickeln und übereinander legen. So sollten die Ökologen bestimmen, welche Areale am dringendsten geschützt werden müssten, weil sie besonders artenreich oder voller Endemiten sind. Agrarunternehmer und Politiker sollten hingegen herausfiltern, welche Ländereien sie bevorzugt "entwickeln"wollen - etwa weil deren Böden besonders fruchtbar sind oder sie verkehrstechnisch günstig liegen. Am Ende sollte man dann eine Karte erhalten, die - natürlich trotz einiger weiter vorhandener Konfliktherde - zeigt, was auf keinen Fall angetastet werden dürfe und was mit zumindest verringerten Folgen für die Natur erschlossen werden könnte.

Damit die Landnahme nicht weiterhin wild verläuft, wollte Granger dies über den strategischen Bau von Straßen steuern: Nicht mehr das Vorantreiben der Infrastruktur in den Primärwald war sein Ziel, was die Regierung zwingt, auf bestimmte Straßenprojekte zu verzichten. Stattdessen sollte der Staat vermehrt Wege befestigen, die bereits gebaut waren und in deren Umgebung der Regenwald ohnehin bereits vernichtet war. Auf diese Weise würden die Siedler und der Wald gewinnen, meinte der Ökonom in seinem Lindauer Vortrag aus dem Jahr 2006. Aktuell ist seine Idee noch heute - und vielleicht tatsächlich eine Lösung für die Umweltkrise am Amazonas.



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Paraguay: Landkonflikte in der aufstrebenden Fußballnation

Daniel Lingenhöhl | 01. Juni 2010, 07:00

Hierzulande schenkt man Paraguay leider viel zu wenig Beachtung, obwohl dort eine beträchtliche Zahl an Menschen mit deutschen Wurzeln lebt: Doch seit der Absetzung des ebenfalls deutschstämmigen Diktators Alfredo Stroessner im Jahr 1989 (er verstarb 2006 in Brasilien) ist das Land mehr oder weniger in Vergessenheit geraten – allenfalls alle vier Jahre, wenn sich die Nation für die Fußballweltmeisterschaft qualifiziert, macht es in der hiesigen Presse etwas mehr auf sich aufmerksam. (weiter)

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Kick it like Einstein: La Ola - Fußball und Wälder in Mexiko

Daniel Lingenhöhl | 12. Mai 2010, 05:53

"De dónde viene?" Woher kommen Sie? Das ist eine der gängigsten Fragen, die man als Forschungsreisender in Mexiko beantworten darf – zumal fernab der touristisch geprägten Regionen. Auf die Antwort "Alemania" entspringt dann meist ein sehr angeregtes Gespräch über die weite Reise, die man bis dorthin zurücklegen muss – und über Béckénbauér und Mathéus. Denn Mexiko ist fußballverrückt, selbst in den entlegensten Dörfern gibt es einen Bolzplatz und weiß man einen guten Kick zu schätzen: Aus Mexiko stammt schließlich die La-Ola-Welle, die heute noch durch die Stadien schwappt, wenn unten die Heimelf brilliert.

 

1998, kurz nach der vorvorletzten Copa Mundial durfte ich diese Begeisterung hautnah miterleben: als Geografiestudent aus Erlangen auf Exkursion und anschließendem Forschungsaufenthalt im Soconusco und Motozintlatal im Süden von Chiapas, hart an der Grenze zu Guatemala. Hier sollte ich die grundlegenden Daten für mein bahnbrechendes Werk zur "Zusammensetzung und Diversität der Segetalflora von Maisfeldern im Soconusco und Motozintlatal, Chiapas, Mexiko" sammeln. Bis zu diesem Ziel und der "Basisstation" in der Provinzmetropole Tapachula, schickte unser Professor uns über mehrere Gebirgsketten, damit wir mit eigenen Augen sehen konnten, was Alexander von Humboldt 1807 in seinem Buch "Ideen zu einer Geografie der Pflanzen" vorexerzierte: wie sich die Verbreitung von Pflanzen in Gebirgen mit der Höhe, aber auch mit dem Breitengrad veränderten.

Wir durchwanderten dabei Gebiete, die fernab der Moderne zu liegen scheinen (zumindest damals), in denen die hygienischen Bedingungen bisweilen grenzwertig waren oder die Versorgung mit Lebensmitteln, die nicht selbst angebaut wurden, bestenfalls als rudimentär bezeichnet werden konnte. Aus der Not schlugen die Menschen – zumeist Indígenas – ihre Bergwälder kurz und klein, um Feuer- und Bauholz zu gewinnen oder um kleine Maisfelder anzulegen. Mexiko weist nicht umsonst eine der höchsten Entwaldungsraten der Erde auf.

Die Folgen davon waren überall zu sehen: Da die neuen Felder nicht terrassiert werden, schwemmen die sommerlichen Starkniederschläge rasch erst den fruchtbaren Oberboden weg, bevor sich die Erosion immer tiefer in den Hang frisst. Kurz vor unserem Aufbruch fegte der Tropensturm "Earl" über Chiapas hinweg und verwüstete das Untersuchungsgebiet im Motozintlatal und angrenzenden Regionen: Mehrere hundert, vielleicht sogar tausende Menschen verloren ihr Leben, als die Fluten und Schlammmassen ganze Dörfer unter sich begruben - ohne die Wälder stabilsierte nichts mehr die Hänge. In der anschließenden Trockenzeit, als keine Wolken den Blick auf die Bergketten versperrten, konnte man von erhobener Warte aus unzählige Erdrutsche an den Hängen zählen.

Mit den Rodungen einher geht auch ein beträchtlicher Verlust an Artenvielfalt, zumal viele Regionen Mexikos zu den Hotspots der Biodiversität zählen: zum einen die Kiefern-Eichenwälder der Gebirge nördlich des Isthmus von Tehuantepec, die noch zu Nordamerika gehören und zum anderen die Regen-, Berg- und Trockenwälder des zentralamerikanischen Teils südlich davon. Hier vermengen sich tropische Arten mit Zuwanderern aus gemäßigten Breiten, weshalb Affen, Papageien und Tukane aus dem Süden auf Stinktiere, Hirsche oder Wölfe aus dem Norden treffen. Gleiches gilt für die Pflanzenwelt, in der sich südamerikanische Fuchsien und Bromelien mit nordamerikanischen Eichen und Kiefern vermischen.

Die Abholzung der Urwälder hat dafür gesorgt, dass zum Beispiel der Kaiserspecht (ein noch größerer Verwandter des Elfenbeinspechts) bereits ausgestorben ist, ebenso wie der mexikanische Grizzly; Wölfe sind mittlerweile selten, Ara- und Maronensittiche ebenfalls und so weiter. Den Menschen in den Dörfern ist dies durchaus bewusst; sie registrieren das Verschwinden einst typischer Arten ebenfalls – und sehen es gar nicht gerne, wenn ausländische Orchideensammler in den Restwäldern über die Seltenheiten herfallen, wie sie uns berichtet haben.

Das Bewusstsein wandelt sich aber: Im Sierra-Gorda- Biosphärenreservat im Herzen des Landes wird nun auf Initiative lokaler Anwohner ein Gebiet von der Größe Bremens geschützt, das zu den artenreichsten der Welt gehört. Rund um den prächtigen Bergregenwald von El Triunfo sollen vogelfreundlicher Schattenkaffeeanbau und Ökotourismus das Ökosystem bewahren. Und auf der Yukatan-Halbinsel sorgt ein Bündnis zwischen Staat, der US-amerikanischen Nature Conservancy und Dörfern vor Ort, dass im Biosphärenreservat von Calakmul nicht nur Maya-Tempel erhalten bleiben, sondern auch Jaguar und Tapir.

Unsere Wanderungen damals führten durch einige der interessantesten Wälder, die ich bislang gesehen habe, aber auch durch deprimierende Wüstungen, wo die Erosion die Lebensgrundlage der Menschen zerstörte. Eines war jedoch sicher: Am Ende des Tages übernachteten wir stets in einem Indianerdorf. Und nach dem "De dónde viene?" stand ein Fußballmatch auf dem Plan, in dem die fränkischen Studenten gegen die einheimischen Jungs kickten – zur Begeisterung der Bevölkerung. Ein Spiel blieb mir dabei besonders in Erinnerung – auf einem Platz, auf dem faustgroße Steine lagen, tümpelgroße Pfützen den Ball verlangsamten und es rechts runter in die Schlucht ging. Ausgelaugt vom Wandern, mit Treckingstiefeln und in der Höhenluft droschen wir den Ball über das Feld und hechelten den flinken "Amigos" hinterher. Immerhin: Zum Schluss konnten wir das Match schlammverkrustet doch zu unseren Gunsten entscheiden: 4:3 nach Elfmeterschießen mit anschließender große Verbrüderung. Für mich heißt es deshalb bei jeder Copa immer auch Viva México!



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Belo Monte - Wasserkraft gegen Indianer

Daniel Lingenhöhl | 26. April 2010, 20:09

Der Einsatz war umsonst: Obwohl sich nun neben Naturschützern, Menschenrechtlern, Bischöfen und Juristen auch James Cameron - Erfolgsregisseur mit den Filmen "Titanic" und "Avatar" - in die Bresche warf, will die brasilianische Regierung einen neuen Mega-Staudamm im Amazonasregenwald bauen. Belo Monte, so der Name des Projekts, soll bald als drittgrößtes Wasserkraftwerk der Welt 23 Millionen Haushalte mit Strom versorgen - allen Protesten und Gerichtsentscheidungen zum Trotz.

Es ist unbestritten, dass Brasiliens wachsende Volkswirtschaft mehr Energie benötigt: Ein massiver Blackout im letzten Jahr, der seinen Ausgang im Wasserkraftwerk Itaipú an der Grenze zu Paraguay nahm, verdunkelte fast den gesamten, relativ gut industrialisierten Süden des Landes und brachte das Leben für einige Stunden zum Stillstand - für die aufstrebende südamerikanische Wirtschaftsmacht natürlich ein Entwicklungshemmnis und untragbarer Zustand.

Um ihn zu beheben, greift die Regierung von Lula da Silva allerdings sehr tief in die Mottenkiste - und zu einem Projekt, das maximalen Schaden bei eher mickrigen Erträgen bringen dürfte. Die ersten Pläne für Belo Monte entwarf bereits das brasilianische Militärregime in den 1960er Jahren, doch verschwanden sie immer wieder in der Versenkung, weil sich entweder keine Finanziers fanden, sich das Projekt als zu schwierig erwies oder nationale und internationale Proteste zu laut wurden. Nun aber, im Wahljahr 2010, setzte sich da Silva über alle Widerstände hinweg und ignorierte sogar zwei Gerichtsentscheidungen, die die Baugenehmigung für nichtig erklärten. Der Damm gefährde die Lebensweise von tausenden Ureinwohner der Region. Außerdem seien die nötigen Umweltverträglichkeitsprüfungen durch den Betreiber Eletronorte unvollständig und fehlerhaft durchgeführt worden, so die Richter. Aus Protest traten sogar hochrangige Mitarbeiter der brasilianischen Umweltbehörde IBAMA zurück - mit dem Hinweis, dass starker Druck auf sie ausgeübt wurde, Belo Monte zuzustimmen. Der Anführer des ausgewählten Konsortiums zum Bau der Anlage, die Grupo Bertin, steht zudem in vier brasilianischen Bundesstaaten vor Gericht, weil die Firma massiv gegen Umweltgesetze verstoßen hat.

Die Eingriffe in die Natur und die Dörfer am Ríu Xingu werden gewaltig sein: Mindestens 12.000 Menschen müssen umgesiedelt werden, weil ihre Heimat überflutet wird oder Platz machen muss für die gewaltigen Kanäle, die das Wasser vom Stausee zu den Turbinen schaffen sollen. Die zwei geplanten Wasserbahnen sind 500 Meter breit, 75 Kilometer lang und übertreffen in ihren Dimensionen den Panamakanal. Der Speichersee selbst überflutet 400 Quadratkilometer Regenwald und unterbindet den normalen Wasserfluss durch die Volta Grande - eine riesige Flussschleife, in der das kleine Volk der Juruna lebt. Die Artenvielfalt der Fische im Ríu Xingu gilt als extrem artenreich, die Laichgebiete einiger Arten, die nur hier vorkommen, werden entweder ausgetrocknet oder im Stausee überflutet, was gravierende Folgen für diese Arten haben wird. Die Zerstörung der Fisch-, Jagd- und Sammelgründe durch Belo Monte und die damit verbundene Infrastruktur bedroht die Lebensgrundlage von weiteren 30.000 Menschen. Da der Bau wohl bis zu 100.000 Menschen in die Region locken könnte, dürften weitere Kollateralschäden an der Natur und für die ursprünglichen Bewohner der Region zu erwarten sein.

Dabei könnte Belo Monte ein gigantischer Flop werden: Das Kraftwerk ist auf 11.000 Megawatt angelegt, doch während der drei- bis viermonatigen Trockenzeit könnte die Auslastung mangels Wasser auf ein Zehntel sinken. Über das Jahr gesehen erreicht Belo Monte insgesamt nur eine Kapazität von rund 4500 Megawatt - und damit deutlich weniger Stromausbeute, als geplant. Zusätzlich droht die Entwicklung im brasilianischen Bundesstaat Pará, in dem Belo Monte gebaut wird, dem Damm noch weiteres Wasser zu rauben: Die Region hat eine der stärksten Entwaldungsraten der Welt - und damit verliert das Einzugsgebiet mehr und mehr den natürlichen Regler für den Wasserabfluss. Stattdessen drohen sich starke Fluten mit ausgeprägten Dürren abzuwechseln. Ein Dilemma, das mit einem noch viel gewaltigeren Vorhaben bekämpft werden könnte: dem Bau weiterer Dämme am Oberlauf, die Wasser für Notzeiten speichern sollen - allein der größte unter ihnen, Babaquara, überflutet mehr als 6000 Quadratkilometer Land.

Auch mit der angeblich sauberen Energiegewinnung durch die "umweltfreundliche Wasserkraft ist es nicht weit her: Aus den Stauseen und weiter flussabwärts entweicht durch die verrottende Vegetation (häufig wird sogar geflutet, ohne die Bäume zu fällen) sehr viel Methan - ein potentes Treibhausgas. Laut den Kalkulationen von Célio Bermann, Professor für Energiefragen in São Paulo, könnten die Stauseen am Ríu Xingu in den ersten zehn Betriebsjahren mehr Methan freisetzen als die Megastadt São Paulo.

Doch gibt es Alternativen für Brasiliens Strombedarf? Der WWF-Brasilien meint Ja: ausreichend in Energieeffizienz investiert, könnte die Nation bis 2020 rund 40 Prozent seines zukünftigen Energiebedarfs einsparen - so viel wie 14 Belo Montes theoretisch erzeugen würden.

 



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Offener Brief an EU-Kommissar Günter Oettinger

Daniel Lingenhöhl | 09. April 2010, 15:38

Ölpalmen sind Gift für das Klima und die Artenvielfalt - zahlreiche wissenschaftliche Studien haben dies bereits belegt.Viele Politiker wollen dies aber nicht wahrhaben und propagieren weiterhin den Einsatz von Palmöl als vermeintlich grünem Energieträger. Nun plant die Europäische Kommission, die Ölpalmplantagen mit dem ursprünglichen Ökosystem der tropischen Regenwälder gleichzusetzen, um die Importe aus Südostasien besser rechtfertigen zu können. Dieses Ansinnen erzürnt nicht mehr nur Naturschützer, sondern auch Wissenschaftler. Deshalb veröffentlichen wir an dieser Stelle nun einen Brief, den  Manfred Niekisch, habilitierter Direktor des Zoologischen Garten Frankfurts, in seiner Rolle als Vorsitzender der wissenschaftlichen Gesellschaft für Tropenökologie an den EU-Kommissar Günter Oettinger geschrieben hat.

 Monotonie statt Vielfalt

Sehr geehrter Herr Oettinger!

Ich schreibe Ihnen heute in meiner Eigenschaft als Präsident der Gesellschaft für Tropenökologie (gtö), in der die große Mehrzahl aller namhaften Tropenökologen Deutschlands, aber auch anderer Länder, sowie viele Nachwuchswissenschaftler Mitglied sind. Wir sind höchst besorgt und alarmiert darüber, dass die EU-Kommission nach unseren Informationen plant, Ölpalmplantagen mit Urwäldern gleichzusetzen. Ich bitte Sie, alles daran zu setzen, dass diese völlig unsinnige und aus wissenschaftlicher Sicht geradezu absurde Gleichsetzung einer industriellen Monokultur mit den absoluten Zentren der Biodiversität, den Tropenwäldern, verhindert wird.

Meine Kollegen Dr. Carsten Brühl und Dr. Martin Pfeiffer haben mit weiteren, international ausgewiesenen Forschern ganz aktuell über Ölpalmenanbau und dessen Einfluss auf Biodiversität und Klima geforscht und publiziert: Die afrikanische Ölpalme Elaeis guineensis wird auf einer Fläche von mehr als 13,5 Millionen Hektar angebaut, in einer Zone, die natürlicherweise von tropischem Regenwald bedeckt ist, dem Landökosystem mit der höchsten Artenvielfalt. Malaysia und Indonesien erzeugen derzeit 80 Prozent der jährlichen Palmölproduktion und beherbergen gleichzeitig 80 Prozent des  verbliebenen Primärwaldes Südostasiens - dem Gebiet mit den weltweit höchsten Entwaldungsraten. Umfassende Studien über viele Tier- und Pflanzenarten zeigen, dass Ölpalmplantagen wesentlich weniger Arten aufweisen als Wälder oder andere Agrarflächen. Weitere negative Einflüsse auf das Ökosystem umfassen die Fragmentierung von Lebensräumen, die Veränderungen des klein- und großräumigen Klimas, die Belastung von Oberflächengewässern durch Dünger und Pestizide sowie die Emission von Treibhausgasen (Methan).

Zudem bringt der Wandel der Landnutzung Veränderungen im Kohlenstoffhaushalt mit sich. Untersuchungen zeigen, dass es mindestens 75 bis 93 Jahre dauert, bis die Kohlendioxideinsparungen durch Biokraftstoffe den Verlust durch die Rodung der Wälder ausgleichen. Wandelt man Sumpfwälder in Ölpalmplantagen um, wie das gerade in großem Umfang geschieht (z.B. im malaysischen Sarawak und indonesischen Kalimantan), so wird der Kohlenstoffhaushalt erst nach 600 Jahren ausgeglichen.

Aus ökologischer Sicht sind Ölpalmplantagen in keiner Weise ein Ersatz für Primär- oder auch Sekundärwälder. Durch den steigenden Bedarf an Ölpalm-Produkten [...] stehen weitere gravierende Verluste der Artenvielfalt bevor. Wenn Deutschland und die EU nun danach streben, ihre Verpflichtungen durch das Kiotoprotokoll einzuhalten, sollten sie darauf achten, auch ihre Verpflichtungen aus der Konvention über die Biologische Diversität zu erfüllen. Um beide Vereinbarungen umzusetzen,
müssen die Entwaldungsraten dramatisch reduziert werden, und Palmöl darf nicht als Biokraftstoff eingesetzt werden.

Wir wissen uns mit vielen privaten Naturschutzorganisationen einig und unterstützen ausdrücklich deren drei Kernforderungen an die EU-Kommission und nationale Regierungen, jede Initiative oder Formulierung abzulehnen bzw. zu verhindern, die Ölpalmplangagen in irgendeiner Form mit Wäldern gleichsetzt, des Weiteren verbindliche Beimischungsquoten, steuerliche Vergünstigungen und Förderungen für Agrosprit abzuschaffen und nicht zuletzt die Agrosprit-Importe aus Übersee in die EU zu
beenden.

Auch aus eigener Anschauung weiß ich, dass Monokulturen in den Tropen und ganz besonders in den Entwicklungsländern nicht nur ökologisch höchst bedenklich und nur allzu oft katastrophal sind, sondern auch verheerende Probleme für die arme Bevölkerung mit sich bringen. Industrielle Monokulturen schaffen Landknappheit und Armut. So gehen ökologische und soziale Argumente gegen Agrosprit und Monokulturen Hand in Hand.

Die Gesellschaft für Tropenökologie bittet Sie dringend, Ihren ganzen Einfluss geltend zu machen, dass dieses fatale Vorhaben der Gleichsetzung von Wäldern und Ölpalmplantagen verhindert wird und die Subventionen für und Importe von Agrosprit gestoppt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Manfred Niekisch
Präsident der gtö



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Appell an die Bundesregierung: Stoppen Sie das Gesetz, das die letzten Regenwälder unserer Erde zerstört!

Klaus Schenck | 01. April 2010, 22:36

Palmöl? Nein danke! Mit diesem Bekenntnis zeigen Bündnis 90/Die Grünen in der Ruhrgebiet-Stadt Haltern am See späte Reue. 2006 hatte die Partei nämlich begeistert zugestimmt, für das Schulzentrum ein Blockheizkraftwerk (BHKW) zu bauen und es mit Palmöl zu befeuern. „Ein nachwachsender Rohstoff! Das war damals das Größte.“

Die Idee, „alternative“ Energie aus Sonne, Wind oder Biomasse zu gewinnen, wurde schon im Jahr 2000 massiv beflügelt – damals trat unter der rot-grünen Regierung das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) in Kraft. Im Interesse des Klima- und Umweltschutzes soll das Gesetz eine nachhaltige Entwicklung der Energieversorgung ermöglichen, die volkswirtschaftlichen Kosten der Energieversorgung verringern, fossile Energieressourcen schonen (...). So steht es in Paragraph 1, Absatz 1.

Und um dieses Gesetz zu forcieren, erhalten z. B. Kraftwerksbetreiber für ihren Strom aus Biomasse besondere Vergütungen. Die Verbrennung von Nahrungsmitteln für unsere Energieversorgung war von Anfang an umstritten. Doch die Mahnungen der Kritiker bewirkten bei den Politikern nichts. Im Gegenteil: Im August 2004 beschloss die Regierung, die Subventionen für Pflanzenöle kräftig zu erhöhen. Damit wurde die Verbrennung von Palmöl überhaupt erst rentabel. Bis zu 23 Cent Vergütung pro Kilowattstunde (kWh) erhält ein Energieerzeuger für seinen ins Netz gespeisten „grünen“ Strom.

Das Ergebnis: Die Zahl der BHKW, die mit Pflanzenöl betrieben werden, schnellte in die Höhe – auf 1400 Anlagen jeder Größenordnung im Jahr 2008. Und mit ihr wuchs die Nachfrage nach Palmöl, das billiger ist als alle anderen Öle. Die rot-grüne Koalition wollte mit dem EEG das Klima schützen. Für Umweltschützer trägt das Erneuerbare Energien Gesetz jedoch dazu bei, die Regenwälder zu vernichten. Besonders Indonesien, der größte Palmölexporteur der Welt, rodet seine Urwälder, um Platz zu schaffen für immer mehr Palmöl-Plantagen.

Und wir sind gezwungen, bei der Zerstörung der Regenwälder mitzumachen. Denn an den Subventionen aus dem EEG wird jeder Stromkunde in Deutschland mit 2 Cent / kWh beteiligt. Im Jahr 2008 wurde die Stromerzeugung aus Biomasse in Deutschland mit insgesamt 2,7 Milliarden Euro vergütet. Wenn Sie in einem 3-Personen- Haushalt leben und jährlich etwa 4.000 kWh Strom verbrauchen, dann unterstützen Sie das EEG und seine verheerenden Folgen mit 87,50 Euro pro Jahr. 450.000 Tonnen Palmöl verbrannten 2008 in deutschen BHKW – das ist knapp die Hälfte unseres gesamten Palmöl-Imports. Für die Plantagen, die eine solche Menge Öl produzieren sollen, braucht man 130.000 Hektar Land; und das wird vor allem durch die Abholzung der Regenwälder in Indonesien gewonnen.

Längst ist klar: Die Stromgewinnung durch Palmöl trägt nicht zum Klimaschutz bei – im Gegenteil: Durch den Verlust der Wälder als grüne Lunge, durch Brandrodung und Trockenlegung der Torfmoore entweichen mehr klimaschädliche Gase als eingespart werden sollen.

Dennoch wird für unser steigendes Verlangen nach „sauberem“ Strom immer weiter abgeholzt: „Die Verwendung nachwachsender Rohstoffe zur Energiegewinnung in den Bereichen Strom, Wärme und Mobilität ist unverzichtbar zum Erreichen der ehrgeizigen Ausbauziele der Bundesregierung für Erneuerbare Energien (...)“ Das schrieb uns Marie-Luise Dött, umweltpolitische Sprecherin von CDU/CSU.



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Have a break

Daniel Lingenhöhl | 18. März 2010, 11:16

Kettensägen röhren, verängstigt drückt die Mutter ihr Kind an den Bauch, ein Baum fällt, die Mutter ist tot - und wenn das Kleine Glück hat, landet es bei einem Tierhändler, der es an reiche Leute zur Zierde des Hauses verschachert. Alltag auf Borneo, wo die letzten Orang-Utans zunehmend von Plantagen und Waldbränden bedrängt und letztlich vernichtet werden. 

Immer wieder greifen Tierschützer umher irrende Menschenaffen auf, die sich ausgehungert und teilweise mit schweren Brandverletzungen aus frischen Rodungsgebieten in Palmölplantagen wagen, wo sie noch etwas zu fressen finden wollen. Vielfach werden sie dort erschlagen oder weggesperrt - ein bitteres Ende für unsere nahen Verwandten.

Und warum das Ganze? Damit hierzulande billiges Palmöl Kraftwerke antreibt und die Lebensmitteindustrie damit ihre Back- und Süßwaren oder Margarine günstig produzieren kann. Greenpeace hat Letzteres nun in einem eindrücklichen Werbespot persifliert, der einen bekannten Konzern aufs Korn nimmt, der offiziell kein Palmöl mehr aus Indonesien abnehmen möchte, aber dieses nun einfach von Zwischenhändlern kauft.

 

Am Sonntag ist "Internationaler Tag des Waldes": Have a break...



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Waldtod für die Gitarre

Daniel Lingenhöhl | 03. März 2010, 21:55

Relativ unbeachtet von der Weltöffentlichkeit glitt der Inselstaat Madagaskar im März letzten Jahres ins politische Chaos ab: Staatspräsident Marc Ravalomanana, der zugegebenermaßen zunehmend autoritär regierte, wurde durch einen Putsch abgesetzt und durch Andry Rajoelina ersetzt. Er hat das Militär auf seine Seite gezogen und ist nicht demokratisch legitimiert. Als Folge des Umsturzes leidet das Land nun unter internationalen Sanktionen, die die arme Nation weiter belasten und das Leben der Bevölkerung beeinträchtigen. Zudem kommt es immer wieder zu Unruhen und gewalttätigen Demonstrationen in der Hauptstadt Antananarivo. (weiter)

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Regenwaldkauf als letzte Option

Daniel Lingenhöhl | 24. Februar 2010, 09:11

Noch vor wenigen tausend Jahren bedeckten Wälder weite Bereiche der Erde: Ganz Europa war bewaldet, ein breiter Waldgürtel zog sich in den borealen Breiten über den Globus, Ostasien, Indien und der Osten der heutigen USA waren Waldland, Madagaskar war grün, ebenso wie Westafrika oder die brasilianische Atlantikküste. Vieles davon ist heute Geschichte: In Europa stehen fast nur noch einförmige Forste, Südostasien, China und Indien haben genauso wie Westafrika oder Madagaskar ihre Wälder fast vollständig verloren. (weiter)

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Palmölkerzen von Ikea - Wohnst du noch oder brennst du schon?

Klaus Schenck | 17. Februar 2010, 02:48

IKEA WerbungDer schwedische Möbelhaus-Konzern Ikea zählt zu den größten Verkäufern von Kerzen und Teelichtern in Deutschland und der Europäischen Union – nicht zuletzt dank günstiger Preise. Doch die billigen Kerzen haben ihren Preis: Statt teurer Rohstoffe verwendet Ikea günstiges Palmöl, für dessen Anbau in Malaysia, Indonesien, Papua Neuguinea, Kamerun oder Kolumbien die Regenwälder gerodet und durch Palmölmonokulturen ersetzt werden. (weiter)

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