29. April 2010, 19:45
Schäfchenwolken und das satte Tiefblau des Meerwassers sind
untrügliche Anzeichen dafür, dass die Polarstern inzwischen den
subtropischen Hochdruckgürtel erreicht hat. Erstere – auch Passatkumuli
genannt – sind eine Folge der ausgeprägten Passatinversion, die die
Bildung hochreichender Bewölkung und somit zuverlässig Niederschlag
verhindert. Letzteres ist eine Folge des wüstenhaften, biologisch wenig
produktiven Charakters des Subtropenwirbels, dessen extrem klares Wasser
ein tiefes Eindringen des Sonnenlichts erlaubt und daher die für Wasser
typische blaue Rückstreuung zeigt.
Die Forschungsarbeiten unserer Reise ANT-XXVI/4, die von der
Oberkante der Troposphäre bis in die Tiefsee reichen, laufen derweil im
reibungslosen Routinebetrieb. Dabei bedienen wir uns einer großen
Palette sehr unterschiedlicher Beobachtungs- und Beprobungsmethoden wie
z.B. der Fernerkundung der Atmosphäre (u.a. Mikrowellen-Radiometer,
Raman-Lidar), der Beprobung von atmosphärischem Staub mit Hilfe von
Aerosolsammlern, kontinuierlicher Messungen chemischer und biologischer
Eigenschaften des Oberflächenozeans, der Gewinnung und Analyse von
Wasserproben aus verschiedenen Tiefen mit dem Kranzwasserschöpfer und
eines ganzen Spektrums von Instrumenten für Strahlungsmessungen und die
Bestimmung optischer Eigenschaften des Meerwassers. Ich möchte diesen
Wochenbericht den bio-optischen Untersuchungen widmen.

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Abb. 1: Meike Becker
und Björn Fiedler, die bei der profilierenden Strahlungsmessung helfen,
werden von einem Wolkenbruch erwischt.
Die
bio-optischen Arbeiten auf ANT-XXVI/4 werden von der
„Phytooptics“-Gruppe von AWI und Universität Bremen (Anja Feyen, Marta
Kasper, Julia Mroz und Alireza Sadeghi) und dem „Ocean Optics Research
Lab“ der Scripps Institution of Oceanography in La Jolla,
Kalifornien/USA (Rick Reynolds, Pierre Gernez) durchgeführt. Das
übergeordnete Ziel ist ein besseres Verständnis der Rolle des
Phytoplanktons in marinen Ökosystemen und biogeochemischen Kreisläufen.
Dabei ist die Bestimmung globaler Verteilungsmuster von Biomasse und
sogenannten funktionalen Gruppen des Phytoplanktons von besonderer
Bedeutung. Da Phytoplankter unterschiedliche Pigmente zur Nutzung von
Lichtenergie besitzen, enthalten satellitengestützte Messungen der
Ozeanfarbe Informationen über die Menge und Zusammensetzung des
pflanzlichen Planktons im Oberflächenozeans. Um diese Informationen
zuverlässig extrahieren und interpretieren zu können, wird eine bessere
Charakterisierung der optischen Eigenschaften, sowie der
Planktongemeinschaften und ihrer Pigmentzusammensetzung vor Ort, d.h. im
Oberflächenozean, benötigt.

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Abb. 2: Pierre
Gernez „angelt“ Daten mit dem driftenden Radiometer.
Die dazu
von den beiden Arbeitsgruppen durchgeführten Messungen umfassen eine
Vielzahl von Messgrößen und eingesetzten Geräten: Mit Hilfe von spektral
auflösenden Radiometern wird zum Zeitpunkt des mittäglichen
Sonnenhöchststandes die an der Meeresoberfläche ankommende
Sonnenstrahlung, der von dieser reflektierte Anteil (Abb. 1) und die
Intensität und spektrale Charakteristik der in die oberen 100-150 Meter
des Ozeans eindringenden Strahlung vermessen (Abb. 2). Dabei kommt auch
ein frei in 50-100 Metern Entfernung vom Schiff driftendes
Hyperspektralradiometer zum Einsatz (Abb. 3), mit dem die Reflektanz des
Ozeans gemessen werden kann, jener Größe also, die auch ein Satellit
aus dem Weltraum „sieht“.
Mit einem profilierenden System werden die Streueigenschaften und
Partikelgrößenverteilung von Meerwasser bei unterschiedlichen
Wellenlängen bis zu einer Tiefe von 200 Metern in situ gemessen (Abb.
4). Absorptionsmessungen werden an Wasserproben mit einer speziellen
Technik (PSICAM), die den störenden Einfluss der Lichtstreuung elegant
umgeht, im Bordlabor durchgeführt (Abb. 5). Wasserproben werden
ebenfalls benötigt, um die im Meerwasser enthalten Partikel hinsichtlich
Größe und Anzahl zu charakterisieren. Chemische Analysen, die erst nach
der Reise in den Heimatinstituten vorgenommen werden können, werden
schließlich zusätzliche Informationen über die elementare und
Pigmentzusammensetzung der Partikel liefern.

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Abb. 3: Rick
Reynolds (rechts) bringt ein Sensorpaket mit spektralen
Rückstreusensoren und laseroptischem Granulometer zur Bestimmung der
Größenverteilung von Partikeln zu Wasser.
Ein
besonderer Reiz unserer Reise liegt darin, dass diese umfassenden
Untersuchungen in sehr unterschiedlichen Ozeanregionen und -ökosystemen
stattfinden. Diese reichen von den subtropischen Ozeanwüsten bis zu den
deutlich produktiveren Regionen der mittleren Breiten und
Kontinentalschelfe. Der gewonnene Datensatz wird eine Menge Licht ins
das verbliebene Dunkel der optischen Eigenschaften des Meeres und ihrer
Fernerkundung aus dem Weltall bringen.
Mit herzlichen Grüßen von uns allen an die Leser dieses
Wochenberichts und natürlich an unsere Lieben daheim,
Arne Körtzinger

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Abb. 4: Anja Feyen
(hinten) und Julia Mroz bereiten die Absorptionsmessungen an der PSICAM
vor. (Foto: M. Kasper)
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