15. Mai 2009, 14:16
Ein Leser bat mich einmal, das Buch Lebenslust von Manfred Lütz zu lesen – das würde mir gefallen. Es
ist im Prinzip keine gute Idee, mir das Lesen von Büchern zu empfehlen, weil
ich sooo viel Rat diesbezüglich bekomme, dass ich praktisch immer peinliche
Ausreden vorbereiten muss – verstehen Sie meine Lage? Außerdem lese ich nicht
gerne Bücher, die meine Meinung bestätigen. Es sollte mich doch erweitern!
Ich habe mir den Autor angeschaut. Lütz. Theologe.
Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Hmmh. Das hat doch etwas? Er hat
viele Bücher geschrieben. Eines heißt: Der
Blockierte Riese. Was meint er damit? Untertitel: Psycho-Analyse der
katholischen Kirche. Ich habe es gelesen und schreibe hier, was mich besonders
berührt hat.
Lütz ist atemberaubend frech. Er vergleicht doch
tatsächlich die katholische Kirche – natürlich mit allem nötigen Respekt – mit
einem normalen deutschen Alkoholikerhaushalt! Uiiih, ob er inzwischen schon exkommuniziert
ist? – So, jetzt sind Sie hoffentlich ganz gespannt, was ich sagen will. Nichts
da! Ich hole noch einmal aus: Was fällt Ihnen bei der katholischen Kirche ein? Ich
sage einmal als Protestant frisch von der Leber weg, was mir selbst dazu einfällt:
Zölibat, Priesterin, Abtreibung, Kondome, Unfehlbarkeit. Darum ranken sich anscheinend
alle Tagesdiskussionen. Und ich vermisse von außen als Christ etwas: Wo – bitte
– bleibt der Glaube? Das Ewige?
Manfred Lütz nennt es Problemtrance. Die katholische
Kirche zerreißt sich an der Peripherie. Sie vergisst fast das ewige Leben über
den Kondomen. Wenn früher der Bischof eine Gemeinde besuchte – es heißt wohl
korrekt: visitierte – dann sah er nach dem Rechten und gab Motivation, so
schildert Lütz. Heute kommt der Bischof wirklich nur zu Besuch. Die Vertreter
der Kirchengemeinde bereiten den Besuch vor und überlegen wochenlang, wie die
Zeit mit ihm sinnvoll genutzt werden könnte. Sie brainstormen und planen. Am
Ende beschließen sie, den Bischof in Bezug auf die sie selbst bewegendsten Fragen
anzusprechen. Das sind: Zölibat, Priesterin, Abtreibung, Unfehlbarkeit. In
diesen Themen liegen Zeichen für sie, das etwas nicht gut ist. Der Bischof
kommt und soll etwas dazu sagen. Das kann er natürlich nicht. Er steht im
Zwiespalt seiner persönlichen Meinung, der offiziellen Meinung der Kirche und
der Erwartung der besuchten Gemeinde. Lütz schreibt, wie Bischöfe wohl antworten:
Rheinisch mit Augenzwinkern und „nehmt es nicht so ernst“ oder preußisch
hölzern pflichtbewusst oder kumpelhaft gesellig mit „ich bin einer von euch“.
Was auch immer der Bischof sagt, befriedigt niemanden, denn er gibt keine
Antwort. Es gibt keine gute Antwort in dieser Lage. Je nach Bischof ist die
Antwort drohend, formal, gereizt oder mit einer kunstvoll verschluckten Bemerkung
über Haushälterinnen, wenn er sich traut? Danach fährt der Bischof nach Hause
und ist sehr unbefriedigt. Immer dieselben Fragen! In jeder Gemeinde! Und er
kann nie antworten!
***
Stellen Sie sich einen archetypischen Alkoholiker mit
einer archetypischen Frau und einem archetypischen Sohn vor. Wenn der
Alkoholiker gut drauf ist, versprüht er Charme und alle atmen auf. Dann
verfällt er in einen Rausch und verdunkelt als Rüpel seine kleine Welt. Die
Frau arbeitet wie wahnsinnig und hektisch daran, die Sucht nicht an die
Öffentlichkeit kommen zu lassen. Sie verteidigt den Mann, entwertet aufkommende
Gerüchte, stellt seine positiven Eigenschaften ins grellste Licht. Sie hofft,
außen die Lage zu retten, bis sie sich innen gebessert hat. Daran zweifelt sie
nie – dass sie sich innen bessert! Der Sohn aber hat zu viele Schläge bekommen.
Er hat alle Schwüre des Vaters gehört, nie wieder einen Tropfen anzurühren. Er
ist zynisch geworden und glaubt ihm nichts mehr. Er schimpft mit dem Vater und
lässt kein gutes Haar an ihm. „Du Saufsack vernichtest uns nur – ich hasse
dich!“ Er verlangt ohne rechte Überzeugung auf Machbarkeit eine Entziehungskur
und eine gemeinsame Anstrengung, den Haussegen gerade zu rücken und das Ziel
eines glücklichen Familienlebens anzustreben. Er verlangt vor allem eine sofortige
Bereitschaft zur Problemeinsicht und am besten auch eine Entschuldigung, dass
alles so kam. Das ist das klassische Drama-Dreieck der Transaktionsanalyse
zwischen dem „Problem“, dem „Retter“ und dem „Verfolger“.
Das Drama aber ist dies: Die Frau wirft dem Sohn vor,
durch seine Zynismen die Problemlösung im Innern zu verhindern. Der Sohn wirft
der Mutter vor, das Problem künstlich am Leben zu erhalten und an der langen
Agonie schuldig zu sein. Nun beginnen sie sich zu hassen. Sie streiten und
toben. Der Alkoholiker aber schläft und trinkt und wütet und schlägt. Bis zum
Ende aller Tage.
***
Viele Unternehmen leiden. Die wahren Probleme sind
bekannt: Die Innovationsfähigkeit sank, die Kunden sind mit den sehr
„effizienten“ Services nicht mehr zufrieden, die Qualität der Produkte sinkt,
es gibt Reklamationen. Die Unternehmenskultur ist durch Stress geprägt. Die
Mitarbeiter sind demotiviert, weil es keine Lohnerhöhungen gibt und es zu
Entlassungen kommt. Die Managergehälter sind dagegen zu hoch. Über diese
Symptome streiten sich alle und vergessen darüber die Innovationen, die Kunden
und die Weltmärkte. Kurz: Der Haussegen hängt schief.
Wenn früher ein Top-Manager die Mitarbeiter eines Werkes
besuchte – dann sah er nach dem Rechten und gab Motivation. Heute kommt er
wirklich nur zu Besuch. Die Vertreter des Werkes und die Betriebsräte bereiten
den Besuch vor und überlegen wochenlang, wie die Zeit mit ihm sinnvoll genutzt
werden könnte. Sie brainstormen und planen. Am Ende beschließen sie, den Top-Manager
auf die sie selbst bewegendsten Fragen anzusprechen. Das sind: Gehälter,
Arbeitszeiten, Entlassungen, Managergehälter. Da liegen Zeichen für sie, das
etwas nicht gut ist. Der Top-Manager kommt und soll etwas dazu sagen. Das kann
er natürlich nicht. Er steht im Zwiespalt seiner persönlichen Meinung, der offiziellen
Haltung des ganzen Unternehmens und der Erwartung der besuchten Mitarbeiter.
Was werden die Top-Manager wohl antworten? Rheinisch mit Augenzwinkern und
„nehmt es nicht so tragischernst“? Oder preußisch hölzern pflichtbewusst? Oder
kumpelhaft gesellig mit „ich bin einer von euch“? Sie sagen: „Wir werden
gestärkt aus der Krise hervorgehen!“ Oder: „Wir sind bestmöglich aufgestellt,
obwohl es nicht einfach ist.“ Oder: „Wir lassen niemanden aus der Verantwortung,
Höchstleistungen und Top-Ergebnisse zu bringen - niemand komme auf die Idee,
sich mit der Krise zu entschuldigen.“ Was auch immer der Top-Manager sagt,
befriedigt niemanden, denn er gibt keine wirkliche Antwort. Es gibt keine gute
Antwort in dieser Lage. Je nach Manager ist die Antwort drohend, formal,
gereizt oder exaltiert begeistert. Danach fährt er nach Hause und ist sehr
unbefriedigt. Immer dieselben Fragen! In jedem Werk! Und er kann nie antworten!
Die Manager agieren meistens als die gefühlten Retter. Sie
versuchen zu oft, die Lage nach außen schön darzustellen und alle inneren Probleme
gegenüber den Kunden und Mitarbeitern offensiv zu ignorieren, bis sie innen
gelöst sind. Dass sie innen irgendwann gelöst werden, daran zweifeln sie nie. Viele
Mitarbeiter und Kunden hadern. Sie sind zynisch und glauben den
Besserungsschwüren des Systems nicht mehr. Sie wollen es radikal anders haben, nämlich
den Haussegen wieder gerade rücken und die Kunden zufriedener bekommen – aber die
Führungskräfte warten auf die innere Heilung, die sie sehr bestimmt erwarten,
weil sie so oft und sorgsam im Unternehmen die Stühle hin und her gerückt haben.
Aber wenn die beiden Seiten über dem System streiten, diskutieren sie doch nur
die peripheren Probleme. Immer wieder und wieder: Leistungsmessungen, Gelder,
Budgets, Incentives.
***
Das Zentrale ist das Ewige, der Glaube, die Familie, die
Prosperität der Menschen, sind funktionierende Märkte und florierende innovative
Unternehmen in der Zukunft. Die Herrschenden glauben, dass sie eigentlich dafür
sorgen, und sie halten Fehler im System für Fehler, die heilbar sind – sie
sehen sie fast nie als Symptome einer kompletten Funktionsuntüchtigkeit des
Ganzen. Die Bürger oder Mitarbeiter sehen grundsätzliche Untüchtigkeit viel
heller und klarer, aber sie fordern dann doch wieder, die Symptome zu kurieren,
weil sie von unten aus zwar das Ganze sehen, aber nicht gut verstehen, wie man
ein System wandeln müsste. Die da oben versuchen es also gar nicht, weil sie
hoffen, es werde sich von allein lösen. Die da unten können es mangels
Fähigkeit nicht ändern und tragen aus dieser Unkenntnis dazu bei, dass immer
nur über Symptome und Peripheres geredet wird. Das System aber dümpelt so vor
sind hin. Es ist das stärkste der Drei. Kirche, Staat, Unternehmen, Familie,
was auch immer.
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