wissenslogs Wild Dueck Blog

Elite verpflichtet – sie muss unten sein

28. September 2009, 09:27

Wer das Privileg genießt, in unserem Staate wirklich gut gebildet, ausgebildet und großartig erzogen zu werden, der hat die Pflicht, sich wieder unter die zu gesellen, die auf nicht so günstige Lebensumstände trafen, und ihnen zu helfen und sie zum Wohle aller zu führen. So lehrte es uns Platon in Der Staat. Heute, am 27. September 2009, gehen wir eine neue Regierung wählen. Mir ist etwas bange. (weiter)

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Der Profit der Anerkennung und mein Hass auf Hobby-Statistiker

15. September 2009, 22:41

Mitarbeiter klagen fast unisono über mangelnde Anerkennung für ihre Arbeit. Es gibt nur noch Geld, und das auch nur unwillig. Warum lobt uns keiner? Das würde nichts kosten. Aber die Manager schweigen fast wie eisern. Der Management-Guru Reinhard Sprenger rief auf, Mitarbeiter für Verdienste zu würdigen, aber eine wissenschaftliche Studie widerspricht ihm diametral und „zeigt“, dass sich Anerkennung für Unternehmen nicht auszahlt. Ich habe fast eine Stunde vor mich her geschimpft, nachdem ich das alles im Handelsblatt las.

Normale menschliche Erfahrung zeigt, dass Anerkennung die Stimmung im Menschen hebt. Wir gehen nicht so unwillig gedrückt zur stressigen Arbeit, sondern wir freuen uns, heute etwas zu bewirken. Dieses Gefühl der eigenen Wirksamkeit ist ganz körperlich spürbar und strömt als Energie pulsend durch unsere Adern. (weiter)

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Strukturloses Träumen der Innovatoren

30. August 2009, 08:02

Die meisten guten Ideen fallen schon an der nächsten Straßenecke erschreckt zusammen und sinken dahin. Die meisten Ideen brauchen ein weiter als gedachtes Umfeld, um zu gedeihen. Die Erfinder sind in der Mehrzahl blind dafür und denken sich, die Umgebung entstehe von allein. (weiter)

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"Ich zahle den Schaden selbst, ich bin systemirrelevant"

18. August 2009, 20:59

Einem Alleinverdiener mit einem hohen Gehalt wird von Versicherungen dringend geraten, zu Gunsten der ganzen Familie eine Versicherung abzuschließen. Die Wahrscheinlichkeit eines völligen Bankrotts ist zwar so hoch wie bei allen anderen Verdienern auch, aber der Schaden für andere ist hier immens. Wenn der Alleinverdiener stirbt, kann es ihm eigentlich egal sein. Darf ihm das egal sein?

Solche Anhäufungen großer Risiken Einzelner für schwache Andere treffen wir auch in der Wirtschaft an. Das will ich hier deutlich machen. (weiter)

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Was im Unternehmen für Innovation zusammenpassen muss

04. August 2009, 21:20

Die tollsten Innovationen scheitern, weil irgendetwas nicht passt, nicht will oder auf Bedenken stößt. Es liegt daran, dass die bestehenden Strukturen nicht zur Innovation passen und sie aufhalten. Man sagt: „Systeme zeigen eine Immunreaktion auf Innovationen.“ Die wird fast immer unterschätzt. Es scheitert an der Umfeld-Kultur und den Strukturen, gar nicht so sehr am Geld. (weiter)

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Innovation durch einen Prozess - geht das?

22. Juli 2009, 11:03

Innovationen bringen angeblich das große Geld. Hinter dem sind natürlich alle her. Innovation wird oft mit Goldsuchen verglichen. Goldsucher graben, schürfen und sieben in Flussbetten. Ihr Zustand wird meist mit dem Wort fieberhaft beschreiben. Sie warten auf das große Glück. Die Idee modernen Managements ist es nun, dieses Glück in einer systematischen Art und Weise durch einen Brezelback-Geschäftsprozess zu erzeugen. Ich fürchte, genau diese Idee verhindert Innovation. (weiter)

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Missbrauch der BILD-Zeitung als Kernintellekt Deutschlands

29. Juni 2009, 17:34

Auf der ersten Seite der SZ hieß es neulich fast wörtlich (Namen von mir unterdrückt): „Partei und Kanzlerkandidat wollen den Streit in der Öffentlichkeit um die eventuelle Pleite des Konzerns XY nicht weiterführen, weil er der eigenen Partei geschadet hat. Nach Umfragen haben sowohl Partei als auch Kandidat in der Wählergunst verloren.“ Das ist schon fast die so genannte Lean Brain Politik, oder? Man wirft etwas auf den Stammtisch und schaut, ob es absäuft oder nicht!

„Ich bin für die Rettung der Menschen! … Äh, nein? Okay, dann nicht.“

Vor vier Jahren habe ich diese Art von Lean Brain Politik im Lean Brain Buch empfohlen. Das wird nun umgesetzt! Ich bin begeistert. Ich schrieb im Buch (schwach verändert und mit Bitte um Verzeihung für nichtaktuelle Anspielungen; die Partei hatte damals einen anderen Kandidaten, dem Haare viel bedeuteten):

Wenn die Bürger irgendwann fast auf die Straße gehen und protestieren, weil nichts vom politischen System geleistet wird und wenn auch Entschuldigungen nichts mehr fruchten, dann werfen die Politiker jeden Abend im Fernsehen neue Schlagwörter in die Menge. Regierung und Opposition übertrumpfen sich einfach mit kuriosen Bierstammtischplänen. „Steuern auf die Hälfte!“ – „Millionärssteuer!“ – „Erziehungsgeld für Kampfhundebesitzer in derselben Höhe wie bei der Geburt von Söhnen!“ – „Ernennung eines offiziellen Parteifrisörs!“ Nun arbeitet die Redaktion der BILD-Zeitung jeweils die ganze folgende Nacht daran, diese Vorschläge zu sichten und intellektuell zu bewerten. Am nächsten Morgen korrigiert die Volksmeinung die Position der BILD-Zeitung noch um ein paar Nachkommazehntel und gibt sie als Endergebnis einer „Umfrage“ aus.

Die BILD-Zeitung wird in unserer Demokratie als Kernintellekt missbraucht.

Die Parteien lesen alles am nächsten Morgen genau, und wenn zufällig einmal ein Unsinn vom Vorabend überlebt hat und Stimmen zu bringen scheint, wird diese Idee zum Zentrum eines neuen Jahrhundertwahlprogramms aufgemotzt. Fertig. Leider kann nach der Wahl nicht daran gearbeitet werden, weil die neue Regierung erst noch die Wahlversprechen der früheren Jahrzehnte verkraften muss … „Die Rentner sind sicher“ etc.

Wann gehen wir endlich die weiteren notwendigen Schritte und institutionalisieren die volle Lean Brain Demokratie? Wir lassen die Staatssekretäre ohne die täglich störenden BILD-Zeitungskapriolen der Minister einfach normal fleißig arbeiten und inszenieren die Wahlen als Event oder Casting-Show. Die Regierung und die Opposition dienen dann nur noch als Schauspieler für Reality-Shows. Wir sollten ständig Wahlen haben, nicht immer diese ermüdende Zeit dazwischen, wo Politiker nichts entscheiden können, weil die Wähler keinen Druck ausüben. Wenn aber Wahlen sind, ist der Druck der Wähler so groß, dass wegen des Wahlkampfes auch nichts entschieden werden kann. Das macht aber nichts, weil es jetzt wegen der Wahl nicht langweilig ist. In der Casting-Show bekommen die Kandidaten von Heidi Klum oder Lothar Matthäus die Aufgabe, ein Regierungsprogramm freier Wahl flüssig in zwei Minuten vorzutragen. Dann rufen die Zuschauer an und wählen das Programm oder den Kandidaten oder irgendetwas Passendes aus. Die Anrufe kosten wie immer 49 Cents, was so viel Geld einbringt, dass alle Steuergesetze gestrichen werden können. Das Niveau des Fernsehens verändert sich gleichzeitig um einen historisch noch nicht gesehenen Qualitätsbetrag und wird endgültig volksfest.

Ach, im Ernst: Ist es nicht traurig, dass es keine Meinungen, Fronten und Diskussionen mehr gibt? Werden nun Haltungen, Einstellungen und Ethiken zum Kriegführen, zur Umwelt oder zum ökonomischen Zweck des Menschen nur noch nach Tagesumfragen gestylt? Wie kann eine langfristige Politik umgesetzt werden, wenn täglich neue Konzepte vom Stammtisch tropfen?

Früher, als die Grünen noch Turnschuhe trugen und ebensolche unausgetretenen Ansichten vertraten und Fundamentales kannten – da wurde um Positionen noch gerungen! Früher waren die Freien noch wirklich frei in Ihrer Meinung und fühlten sich nicht zum Parteiprogramm der reflexhaften Widerrede gegen jede von anderen geäußerte Meinung verpflichtet, auch wenn es die eigene ist. Früher hatte Linkssein eine gewisse intellektuelle Vornehmheit, sie war nicht dazu da, extremitätisch um sich zu beißen.

Und da frage ich mich, was die Politiker dazu bewegt, heute diese neuen Spielchen zu treiben. Es kann doch sein, dass sie nach unserer Stimme tanzen?! Und ist die Demokratie nicht so gedacht? Und wie wollen wir sie? „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Wir quälen sie wie Superstars, Supertalente, Next Supermodels, noch Ungefeuerte – sie müssen vorspielen wie Big B(r)others, wir bewerten sie und lassen sie minutenlang unter teuflisch indifferentem Gebabbel leiden, bis wir ihnen sagen, dass sie raus sind.. Das ist wahre Machtausübung. Und im Grunde ist es so:

Das Publikum macht das Theater.

Publikum! Mach Theater im Theater, aber lass die Politik nicht in Theater ausarten! In der Politik bist Du nicht Publikum, sondern hier sind Sie verantwortlicher Bürger, dem es daran liegen sollte, mit seiner Stimme beizutragen, die gegenwärtige Krise zu bewältigen und unerschrocken in die Zukunft zu schreiten. Es ist nicht Ihre Krise, ich weiß, aber es ist letztlich doch Ihre Krise, glauben Sie mir. Springen Sie den Politikern ins Kreuz und seien Sie nicht nur eines für sie. Missbrauchen Sie sie nicht als Staatsschauspieler für den Kernintellekt Deutschlands. Verlangen Sie Taten! Und beurteilen Sie nicht täglich! Sie selbst hassen doch Chefs, die alle Woche an Ihren Zahlen herumkritteln und Ihnen als zuschauendes kritisches Publikum bei Ihrer Arbeit ständig mit Beifall und meistens Buhrufen Theater machen. Sie sind es doch, die unter dem Chef-Publikum täglich leiden. Sie stöhnen doch, dass man vor lauter Publikum kaum noch zum Arbeiten kommt! Also lassen Sie doch die Politiker einfach arbeiten, ja? Vielleicht können die das ja sogar, wenn wir sie nur lassen? Vielleicht geben wir ihnen sogar einen kleinen Spielraum für Eigenverantwortung?



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Wie erzeuge ich Schizophrenie?

08. Juni 2009, 13:27

Psychische Störungen werden ja meistens ziemlich spät diagnostiziert – wenn sie schon stark nerven. Dann überlegen alle, wie es dazu kommen konnte. Wenn sich diese Frage nicht gut beantworten lässt, muss es an einem genetischen Defekt liegen, für den niemand verantwortlich ist. Dass Störungen fast planmäßig erzeugt werden können, will niemand hören. Dabei geht es doch in der Vorstellung ganz gut, oder? Wie erzeugen wir zum Beispiel Schizophrenie? (weiter)

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Utopiesyndrome überall

26. Mai 2009, 20:10

Das Wort Utopiesyndrom habe ich bei Watzlawick als Kapitelüberschrift im Buch Lösungen gefunden. Es geht um das Anstreben von unerreichbaren Zielen, deren Aufstellen derzeit fast gängige Praxis ist. „Wir wollen Nummer 1 werden.“ – „Wir werden gestärkt aus der Krise hervorgehen, indem wir von ihr enorm profitieren.“ Und im privaten Sektor gibt es Formen wie diese: „Ich bin finster entschlossen, ein absolut sinnvolles Leben zu führen.“ – „Ich will immer schön sein.“ – „Wir wollen die ideale Liebe leben.“ – „Meine Kirche ist die wahre.“ (weiter)

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Blockierte Unternehmen

15. Mai 2009, 14:16

Ein Leser bat mich einmal, das Buch Lebenslust von Manfred Lütz zu lesen – das würde mir gefallen. Es ist im Prinzip keine gute Idee, mir das Lesen von Büchern zu empfehlen, weil ich sooo viel Rat diesbezüglich bekomme, dass ich praktisch immer peinliche Ausreden vorbereiten muss – verstehen Sie meine Lage? Außerdem lese ich nicht gerne Bücher, die meine Meinung bestätigen. Es sollte mich doch erweitern!

 

Ich habe mir den Autor angeschaut. Lütz. Theologe. Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Hmmh. Das hat doch etwas? Er hat viele Bücher geschrieben. Eines heißt: Der Blockierte Riese. Was meint er damit? Untertitel: Psycho-Analyse der katholischen Kirche. Ich habe es gelesen und schreibe hier, was mich besonders berührt hat.

 

Lütz ist atemberaubend frech. Er vergleicht doch tatsächlich die katholische Kirche – natürlich mit allem nötigen Respekt – mit einem normalen deutschen Alkoholikerhaushalt! Uiiih, ob er inzwischen schon exkommuniziert ist? – So, jetzt sind Sie hoffentlich ganz gespannt, was ich sagen will. Nichts da! Ich hole noch einmal aus: Was fällt Ihnen bei der katholischen Kirche ein? Ich sage einmal als Protestant frisch von der Leber weg, was mir selbst dazu einfällt: Zölibat, Priesterin, Abtreibung, Kondome, Unfehlbarkeit. Darum ranken sich anscheinend alle Tagesdiskussionen. Und ich vermisse von außen als Christ etwas: Wo – bitte – bleibt der Glaube? Das Ewige?

 

Manfred Lütz nennt es Problemtrance. Die katholische Kirche zerreißt sich an der Peripherie. Sie vergisst fast das ewige Leben über den Kondomen. Wenn früher der Bischof eine Gemeinde besuchte – es heißt wohl korrekt: visitierte – dann sah er nach dem Rechten und gab Motivation, so schildert Lütz. Heute kommt der Bischof wirklich nur zu Besuch. Die Vertreter der Kirchengemeinde bereiten den Besuch vor und überlegen wochenlang, wie die Zeit mit ihm sinnvoll genutzt werden könnte. Sie brainstormen und planen. Am Ende beschließen sie, den Bischof in Bezug auf die sie selbst bewegendsten Fragen anzusprechen. Das sind: Zölibat, Priesterin, Abtreibung, Unfehlbarkeit. In diesen Themen liegen Zeichen für sie, das etwas nicht gut ist. Der Bischof kommt und soll etwas dazu sagen. Das kann er natürlich nicht. Er steht im Zwiespalt seiner persönlichen Meinung, der offiziellen Meinung der Kirche und der Erwartung der besuchten Gemeinde. Lütz schreibt, wie Bischöfe wohl antworten: Rheinisch mit Augenzwinkern und „nehmt es nicht so ernst“ oder preußisch hölzern pflichtbewusst oder kumpelhaft gesellig mit „ich bin einer von euch“. Was auch immer der Bischof sagt, befriedigt niemanden, denn er gibt keine Antwort. Es gibt keine gute Antwort in dieser Lage. Je nach Bischof ist die Antwort drohend, formal, gereizt oder mit einer kunstvoll verschluckten Bemerkung über Haushälterinnen, wenn er sich traut? Danach fährt der Bischof nach Hause und ist sehr unbefriedigt. Immer dieselben Fragen! In jeder Gemeinde! Und er kann nie antworten!

 

***

 

Stellen Sie sich einen archetypischen Alkoholiker mit einer archetypischen Frau und einem archetypischen Sohn vor. Wenn der Alkoholiker gut drauf ist, versprüht er Charme und alle atmen auf. Dann verfällt er in einen Rausch und verdunkelt als Rüpel seine kleine Welt. Die Frau arbeitet wie wahnsinnig und hektisch daran, die Sucht nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Sie verteidigt den Mann, entwertet aufkommende Gerüchte, stellt seine positiven Eigenschaften ins grellste Licht. Sie hofft, außen die Lage zu retten, bis sie sich innen gebessert hat. Daran zweifelt sie nie – dass sie sich innen bessert! Der Sohn aber hat zu viele Schläge bekommen. Er hat alle Schwüre des Vaters gehört, nie wieder einen Tropfen anzurühren. Er ist zynisch geworden und glaubt ihm nichts mehr. Er schimpft mit dem Vater und lässt kein gutes Haar an ihm. „Du Saufsack vernichtest uns nur – ich hasse dich!“ Er verlangt ohne rechte Überzeugung auf Machbarkeit eine Entziehungskur und eine gemeinsame Anstrengung, den Haussegen gerade zu rücken und das Ziel eines glücklichen Familienlebens anzustreben. Er verlangt vor allem eine sofortige Bereitschaft zur Problemeinsicht und am besten auch eine Entschuldigung, dass alles so kam. Das ist das klassische Drama-Dreieck der Transaktionsanalyse zwischen dem „Problem“, dem „Retter“ und dem „Verfolger“.

 

Das Drama aber ist dies: Die Frau wirft dem Sohn vor, durch seine Zynismen die Problemlösung im Innern zu verhindern. Der Sohn wirft der Mutter vor, das Problem künstlich am Leben zu erhalten und an der langen Agonie schuldig zu sein. Nun beginnen sie sich zu hassen. Sie streiten und toben. Der Alkoholiker aber schläft und trinkt und wütet und schlägt. Bis zum Ende aller Tage.

 

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Viele Unternehmen leiden. Die wahren Probleme sind bekannt: Die Innovationsfähigkeit sank, die Kunden sind mit den sehr „effizienten“ Services nicht mehr zufrieden, die Qualität der Produkte sinkt, es gibt Reklamationen. Die Unternehmenskultur ist durch Stress geprägt. Die Mitarbeiter sind demotiviert, weil es keine Lohnerhöhungen gibt und es zu Entlassungen kommt. Die Managergehälter sind dagegen zu hoch. Über diese Symptome streiten sich alle und vergessen darüber die Innovationen, die Kunden und die Weltmärkte. Kurz: Der Haussegen hängt schief.

 

Wenn früher ein Top-Manager die Mitarbeiter eines Werkes besuchte – dann sah er nach dem Rechten und gab Motivation. Heute kommt er wirklich nur zu Besuch. Die Vertreter des Werkes und die Betriebsräte bereiten den Besuch vor und überlegen wochenlang, wie die Zeit mit ihm sinnvoll genutzt werden könnte. Sie brainstormen und planen. Am Ende beschließen sie, den Top-Manager auf die sie selbst bewegendsten Fragen anzusprechen. Das sind: Gehälter, Arbeitszeiten, Entlassungen, Managergehälter. Da liegen Zeichen für sie, das etwas nicht gut ist. Der Top-Manager kommt und soll etwas dazu sagen. Das kann er natürlich nicht. Er steht im Zwiespalt seiner persönlichen Meinung, der offiziellen Haltung des ganzen Unternehmens und der Erwartung der besuchten Mitarbeiter. Was werden die Top-Manager wohl antworten? Rheinisch mit Augenzwinkern und „nehmt es nicht so tragischernst“? Oder preußisch hölzern pflichtbewusst? Oder kumpelhaft gesellig mit „ich bin einer von euch“? Sie sagen: „Wir werden gestärkt aus der Krise hervorgehen!“ Oder: „Wir sind bestmöglich aufgestellt, obwohl es nicht einfach ist.“ Oder: „Wir lassen niemanden aus der Verantwortung, Höchstleistungen und Top-Ergebnisse zu bringen - niemand komme auf die Idee, sich mit der Krise zu entschuldigen.“ Was auch immer der Top-Manager sagt, befriedigt niemanden, denn er gibt keine wirkliche Antwort. Es gibt keine gute Antwort in dieser Lage. Je nach Manager ist die Antwort drohend, formal, gereizt oder exaltiert begeistert. Danach fährt er nach Hause und ist sehr unbefriedigt. Immer dieselben Fragen! In jedem Werk! Und er kann nie antworten!

 

Die Manager agieren meistens als die gefühlten Retter. Sie versuchen zu oft, die Lage nach außen schön darzustellen und alle inneren Probleme gegenüber den Kunden und Mitarbeitern offensiv zu ignorieren, bis sie innen gelöst sind. Dass sie innen irgendwann gelöst werden, daran zweifeln sie nie. Viele Mitarbeiter und Kunden hadern. Sie sind zynisch und glauben den Besserungsschwüren des Systems nicht mehr. Sie wollen es radikal anders haben, nämlich den Haussegen wieder gerade rücken und die Kunden zufriedener bekommen – aber die Führungskräfte warten auf die innere Heilung, die sie sehr bestimmt erwarten, weil sie so oft und sorgsam im Unternehmen die Stühle hin und her gerückt haben. Aber wenn die beiden Seiten über dem System streiten, diskutieren sie doch nur die peripheren Probleme. Immer wieder und wieder: Leistungsmessungen, Gelder, Budgets, Incentives.

 

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Das Zentrale ist das Ewige, der Glaube, die Familie, die Prosperität der Menschen, sind funktionierende Märkte und florierende innovative Unternehmen in der Zukunft. Die Herrschenden glauben, dass sie eigentlich dafür sorgen, und sie halten Fehler im System für Fehler, die heilbar sind – sie sehen sie fast nie als Symptome einer kompletten Funktionsuntüchtigkeit des Ganzen. Die Bürger oder Mitarbeiter sehen grundsätzliche Untüchtigkeit viel heller und klarer, aber sie fordern dann doch wieder, die Symptome zu kurieren, weil sie von unten aus zwar das Ganze sehen, aber nicht gut verstehen, wie man ein System wandeln müsste. Die da oben versuchen es also gar nicht, weil sie hoffen, es werde sich von allein lösen. Die da unten können es mangels Fähigkeit nicht ändern und tragen aus dieser Unkenntnis dazu bei, dass immer nur über Symptome und Peripheres geredet wird. Das System aber dümpelt so vor sind hin. Es ist das stärkste der Drei. Kirche, Staat, Unternehmen, Familie, was auch immer.



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