02. September 2008, 23:00
Die so genannten Prozesse, Reorganisationen und
Rahmenrichtlinien werden wie im Frankensteinschen Labor konstruiert. Die
Manager und Politiker konstruieren eine schöne Leiche und stellen sie dann
unter die Mitarbeiter oder mitten ins Volk. Das soll dem Monster den Atem
einhauchen.
Wenn wieder einmal ein Prozess von allen Mitarbeitern oder
ein Gesetz vom Volk ignoriert wird, dann laufen die Wahlkämpfer und Beschwörer
durch alle Meetings und Versammlungen und appellieren: „Diese neuen
Bestimmungen lösen die alten ab. Damit sind wir wieder bestens aufgestellt.
Unsere Firma überlebt in einem schwierigen Markt. Die Weichen sind gestellt.
Wir müssen nun mit aller Energie die neuen Prozesse auch mit Leben erfüllen. Geben
Sie Ihr Herzblut, meine Damen und Herren, dann ist uns der Erfolg gegen die
anderen nicht zu nehmen.“
Neue und bessere Prozesse werden geplant. Der
Unternehmensstab denkt sich Abläufe aus und konstruiert in langen Meetings die
Wirklichkeit in Form von so genannten Powerpoints. Diese Wirklichkeit wird von
allen Anwesenden noch einmal umgewünscht. Es entsteht ein System, mit dem alle
leben können, weil sie es mit ihren eigenen Bereichsforderungen vollkommen
überladen haben. Die Prozesse und Vorschriften sind wie Blutadern und Därme,
wie Nervenbahnen und Eileiter. Alles wird sorgsam verbunden. Eine wunderschöne
monströse Leiche mit ganz verwickelten Leitungen entsteht. Sie hat vier Beine,
sechs Arme, drei Flügel und soll Eier legen und Wolle liefern. Alles wird
hineingezimmert, bis die Leichenteile zusammengenäht sind. Die Nähte platzen
erfahrungsgemäß sehr oft, es sind die später beklagten Abteilungsgräben oder
Ressortbrüche. Die werden überschminkt und poliert. Am Ende ist die Leiche
vollkommen glatt („seamless organization“ oder „nahtlose Organisation“) und hat
eine einheitliche Farbe.
Leider lebt sie noch nicht. Die alte Organisation war auch
einmal eine Leiche, sie wurde künstlich belebt und siechte, weil die Kräfte
fehlten und das Herzblut sowieso, außerdem die Mitarbeiterenergie und das Geld.
Nun soll das Nahtote durch eine frisch gezimmerte Leiche ersetzt werden, die
alles liefern wird, was von ihr gewünscht wird – wenn sie denn je zum Leben
erwacht.
„Meine Damen und Herren, lassen wir das Alte sterben.
Lassen Sie uns das Neue zum Leben erwecken. Wir wollen unsere Geschäftsprozesse
leben. Das verlangt viel Hingabe und etliche Überstunden. Wir fordern Sie auf,
dem Alten zu entsagen, es hat ausgedient. Hängen Sie nicht Ihr Herz daran! Wir
gehen in eine neue Zeit. Geld für den Übergang haben wir nicht. Blutinfusionen
wollen wir uns nicht leisten. Wir rufen Sie deshalb auf, diesem wundervoll
verwickelten Körper Atem einzuhauchen. Seien Sie gleichzeitig schnell und auch
vorsichtig. Vieles ist in der gebotenen Eile mit der heißen Nadel gestrickt und
wird zu Blutverlust führen. Das Managementteam unterstützt Sie mit Quick Fixes.
Wir müssen noch lernen. Wir haben wahrscheinlich zu viel des Guten gewollt und
fürchten, dass diese Wunderleiche zu komplex geworden ist. Aber unsere Welt ist
so komplex, weil wir in separaten Egoismen ersticken. Hoffentlich passiert es
nicht beim Aufrichten der Leiche wie bei billigen Rasenwasserschläuchen – da kommt
am Ende nichts raus, wenn auch nur eine Stelle umgeknickt ist.“ Manchmal fehlen
auch einige Verbindungsschläuche in der Leiche, die zu inneren Stockungen
führen. Politiker nennen es Gesetzeslücken und Unschärfen in der Formulierung.
Dann hauchen alle ein bisschen ein, aber nicht mit voller
Lunge und voller Bluttransfusion, denn sie verlassen sich lieber noch einige
Zeit auf das alte Monster, das eigentlich sterben soll. Da lebt die frische
rosa geschminkte Prozessleiche nicht wirklich auf, sie erhebt sich ein bisschen
wie aufgepumpt und funktioniert nicht richtig.
Aber keine Sorge, Management heißt „keep things done“. Die
Führung oder die Ministerialbürokratie sorgt jetzt für das Leben, indem sie den
Blutdruck und die Lungenwerte alle paar Minuten misst und bei zu schwachen
Messungen den Mitarbeitern und dem Volk Vorwürfe macht. „Hauchet ein! Spendet
Blut! Die Leiche ist sehr komplex, sie wird nicht so einfach funktionieren. Wir
werden lernen und an ihr herumbasteln. Wir werden die Schläuche gerade richten
und viel mehr neue Schläuche ankleben, damit nichts abfließen kann.“
Dann erhebt sich die Leiche ein bisschen und überlebt dank
dauernder Infusionen so siech wie das ganz Alte, was im Keller immer noch nicht
ganz tot ist, weil man manche Funktionen des alten Patienten mit der neuen
Leiche zusammenschloss – als Ersatzorgane.
Sie gehen alle um die schwach lebende Fastleiche, den
neuen Geschäftsprozess oder die revolutionäre Gesetzesreform herum und feiern
sie frenetisch, um allen zu zeigen, das die neue Zeit wirklich und wahrhaftig
angebrochen ist. „Es ist kein Fake wie all die Jahre davor! Es ist real!“
„Wir sind noch nicht am Ziel, wir müssen lernen und dran
arbeiten. Wir stehen am Beginn einer neuen Epoche.“ Die alten Mitarbeiter haben
die Leichen schon viele Male konstruiert und faulen sehen. Kaum eine erwachte
je richtig zum Leben. Sie mahnen, einfachere Leichen zu konstruieren. Aber es
gibt so viele Interessen und Bereiche, dass es unmöglich ist, einfache Wesen zu
planen. In der Mitte des Jahres oder der Wahlperiode kümmern sie sich alle um
den nächsten Job oder die Wiederwahl. Sie lassen die gegenwärtige Fastleiche
mit den alten Kellerorganen des dort Röchelnden, wie sie ist. „Die Mitarbeiter
leben die Prozesse nicht. Das Volk kommt mit den radikalen Reförmchen nicht
klar.“
Da fassen sie den Beschluss, eine ganz neue Leiche zu
konstruieren, diesmal eine ganz fortschrittliche. Sie soll einfach sein, gleich
funktionieren und zusätzlich tauchen können. Kiemen mit Blondhaar! Zwei Lungensysteme!
Ein Berater hat so etwas in den USA gesehen, wo Firmen beobachtet werden, deren
Geschäftsjahr am 1. Juli des Jahres endet. Die haben Vorsprung! „Warum sollen
wir uns mit einer alten Fastleiche ärgern. Wir machen es so: Wir konstruieren
eine ganz radikal neue, aber gleich eine bessere. Und damit nicht dieselben
Fehler wie bei der gegenwärtigen gemacht werden, wechseln wir die gesamte
Führungsmannschaft / das Kabinett aus. Die Neuen und wilden Jungen haben noch
keine Leichen im Keller und gehen an diese noch nie gut gelöste Aufgabe mit
ihrem frischen, völlig unbelasteten Hirn heran, das noch durch keinerlei
Lebenserfahrung korrumpiert ist.
Ach ja. Und Sie, liebe Leser, deren Blut ich in Wallung bringe,
fragen mich immer banger: Wie aber sollen wir es tun? Antwort: Konstruieren Sie
denn zuhause Leichen? Sie bekommen doch Babys und ziehen die mit aller Geduld
heran. Diese strotzen bald vor Kraft, wachsen mal in die Länge und in die
Breite, entwickeln sich von einem Prototypen zu einem ausgewachsenen Glück.
Und? Warum nicht so? Weil Sie zuhause Zeit und Geduld aufbringen. Die aber gibt
es in Politik und Wirtschaft fast nicht mehr. Es fehlen das Herzblut und der
lange Atem. Und die Führenden päppeln nicht ihre Babys auf und herzen sie („google
google du!“, „yahoo, du kleine Amazone“). Sie wollen nicht heranziehen, nicht
das Kleine anlächeln. Nein, Frankenstein ist der Protagonist fast aller
Gedanken.
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Allgemein
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