20. Januar 2010, 21:19
Machen Sie eigentlich traumhaft sicher die Big Points,
wenn es wirklich darauf ankommt? Oder sind Sie Trainingsweltmeister aller
Klassen? Gerade ist Phil Taylor, den sie „The Power“ nennen, wieder einmal Dart-Weltmeister
geworden. Er spielt vollkommen seelenruhig und scheint absolut ausgeglichen.
Der Dart fließt nur so von seiner Hand ins Bull’s Eye, aber sehr viele andere
Spieler leiden unter der so genannten Dartitis. Sie können nicht loslassen.
Ja genau, sie können den Pfeil nicht loslassen! Oder sie
lassen ihn nur quasi ungern los, sodass er zu tief auf der Scheibe ankommt –
das Ergebnis ist eine Punktekatastrophe. Im Hirn eines Dartitis-Kranken versagt
etwas. Der Wille verliert gegen die Angst. Die Angst blockiert die Hand.
Seitdem der damalige fünfmalige Dart-Weltmeister Eric
Bristow von seiner Loslassschwäche berichtete und sich nach einem Leistungseinbruch
unter höchster Selbstdisziplin wieder bis zur Nummer 1 hochkämpfte, ist das
Phänomen weithin bekannt geworden.
Es scheint viele Spieler zu befallen, aber meist erst
dann, wenn sie es zu einiger Meisterschaft gebracht haben. Fürchten sie sich
vor der Entscheidung? Verkrampfen sie in Höllenqualen vor der Schwelle, die Triumph
oder Versagen bedeutet?
Es gibt viele Ratschläge im Internet, wie man die Dartitis
wieder loswird. Am besten ohne Druck und ohne Publikum spielen! Keine internen
Leistungserwartungen mitbringen! Viel Geduld – am besten eine Meisterschaftssaison
aussetzen! Wer die Dartitis besiegt, berichtet oft, dass der Sport nie wieder
so schön wie früher geworden ist.
Weil mich das Thema interessiert hat, während Phil The
Power Taylor gerade im Finale überlegen Weltmeister wurde, stieß ich beim
Googlen auf eine andere Krankheit: sie heißt Yips und tritt beim Golfen fast
nur beim Einlochen auf und soll bis zu einem Drittel der Spieler in der einen
oder anderen Stärke befallen. Bernd Langer wird als berühmtes Beispiel
angeführt, der 1988 am vorletzten Loch der British Open fünf Schläge für den
letzten Meter zum Loch benötigte. Ratgeber über Ratgeber raten zu Entspannungsübungen,
damit sich der Schläger ruhig zum Putt schwingt.
Gibt es noch mehrere solcher Verkrampfungen, die durch
eine große Angst vor dem schlechten Ausgang und der Häme der Zuschauer
verursacht werden? Ich schaue… Goldfieber befällt die Bogenschützen! Sie haben
Schusshitze. Sie können das Ziel nicht richtig anvisieren und halten den Bogen
gespannt – unter größter innerlicher Anspannung und Seelenzittern. Es ist wohl
wie Lampenfieber der Schauspieler, wie die Angst vieler Manager, auf die große
Bühne zu einer Rede zu gehen, wie die Angst von Politikern, im TV etwas anderes
als druckreif Korrektes zu sagen.
Es gibt bei den Verkäufern die Abschlussangst – die Angst
vor dem eisigen Nein des Kunden. Wir alle kennen das Gefühl vor dem
Heiratsantrag, wir fragen lieber erst, wenn die Zustimmung sicher ist. Viele
Verkäufer müssen unbedingt vor Jahresende noch die Unterschrift des Kunden
holen und trauen sich nicht, die Gretchenfrage zu stellen. Sie eiern herum,
weil ein Nein das endgültige Aus für die dicke Provision bedeuten würde (welche
ja eigentlich ein Anreiz sein sollte). Dadurch machen sie den Kunden unsicher
in seiner Entscheidung und verlieren den Deal.
Viele Manager können sich nicht zu einer Entscheidung
durchringen, besonders nicht zu einer Innovation. Es ist nicht die „Angst,
Fehler zu machen“, wie überall in geredet wird, es ist wie Yips oder „Decisionitis“!
Kleinanleger wie Investoren starren oft auf die Kurse und
können sich nicht entschließen, zu kaufen oder zu verkaufen. Sie starren auf
diese eine Aktie, die sie schon lange kaufen oder verkaufen wollen und tun dann
täglich nichts – das ist „Stockitis“.
Kinder leiden unter Prüfungsangst bis hin zu totalen
Leistungsblockaden, später haben sie Berufswahl- oder Bewerbungsangst, beim
Sport gibt es Torblockaden.
Für alle Probleme gibt es Heilungschancen – über Atmungsübungen,
Entspannung und Ruhe. Im Grunde aber steckt der Teufel in den zu hohen Erwartungen
an uns selbst, mögen sie von den Eltern, den Chefs, der Gesellschaft, unserer
Familie oder von uns höchstpersönlich stammen. Der Teufel steckt in der
Kulmination. Ein einziger kurzer Moment scheint über Leben und Tod zu
entscheiden. Unser Leben erscheint vor dem Elfmeter, dem Matchdart, der
Investition, dem Heiratsantrag wie ein russisches Roulette.
Wenn wir jung sind, ist alles wie eine Hürde, die wir
meistern werden. Später erst fühlen wir, dass wir womöglich über beängstigend
weite Abgründe springen. Und da reagieren wir wie Pferde: die bocken, steigen
hoch, scheuen oder gehen durch. Ich glaube, man muss ewig jung bleiben und die
ganze Zeit vor Freude springen, oder? Ich will lebenslang auf hohen Mauern
laufen können und nicht beim Anblick der eigenen Enkel dabei Angstkribbeln im
Körper bekommen. Ich will unbekümmert siegen wollen!
Wie ich schon früher geschrieben habe: Bayern München wird
immer Meister, wenn sie Spielfreude auf den Rasen mitbringen, und Schalke litt
bis heute immer unter Yips. Nie wird Schalke Meister, schrieb ich, denn Schalke
zerbricht regelmäßig unter den Erwartungen viel zu glühender Fans. Für dieses eine
Jahr 2010 bin ich nicht mehr so sicher. Ihr Trainer Felix Magath hat absolut kein
„…itis“. Schau’n mer mal, München? Und Real Madrids Mannschaft ist jetzt so
irre teuer, dass sie ganz bestimmt so etwas wie Yips bekommen muss.
Auch wenn wir uns selbst und alle anderen uns mit
Erwartungen belasten: Geben wir einfach unser Bestes und vergessen wir alle
Erwartungen in der Aktion. Oder versuchen wir, uns an dem Gesichtsausdruck bei
der Wendung „freudige Erwartung“ zu orientieren. Es ist unser Baby, das da entsteht,
unser normales Baby, und das ist vollkommen gut so.
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Allgemein
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