wissenslogs Wild Dueck Blog

Menschenpuffer

27. Februar 2010, 11:24

Wieder einmal diskutieren wir öffentlich gelb ärgerlich über Leistungsverweigerer oder platt beim süddeutschen Stammtischbier über „faules Pack“, das nicht zu fünf Euro die Stunde bei täglicher Kündigungsfrist arbeiten will. Zeitungen und Fernsehen zeigen uns vermasselte Lebensläufe und zerrüttete Verhältnisse. Ehen von Einzelverdienern werden geschieden, damit der andere arm im Sinne des Gesetzes ist und Staatsgeld abzocken kann. Wie kommt es dazu? Es ist die unsichtbare Hand von Adam Smith, die immer dann regiert, wenn keiner etwas tut. (weiter)

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Fragebogengeometrie und das Template-Problem

14. Februar 2010, 12:31

Immer wieder dieses alltägliche Ärgernis mit den Fragebögen! Ich schlage einen neuen Bachelor-Studiengang in Fragebogengeometrie vor oder das Anlegen einer großen Musterbibliothek an brauchbaren Fragebögen im Internet. „Fragebogen-Gestaltung for Dummies“, ja, das brauchen wir

Ich reise ja viel und in jedem Hotel bekomme ich einen Fragbogen, der gefühlte 100 Felder für alles Mögliche enthält, aber sie wollen aber immer nur „Name, Adresse, Unterschrift“. Die Felder dafür sind nicht etwa oben auf dem Bogen, sondern so verstreuselt, dass man extra das ganze Empfangspersonal braucht, damit sie uns durch Kreuzchen auf dem Fragebogen den Weg weisen. (weiter)

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Bildschirmrückseitenberatung als Internet-Ersatz

24. Januar 2010, 21:29

Kennen Sie dieses Gefühl des defätistischen Verlorenseins, wenn Sie beraten werden? Wir gehen irgendwo hin und da sitzt eine/einer vor einem Bildschirm. Wir dürfen Platz nehmen, manchmal gibt es sogar Kaffee. Wir schauen auf die Rückseite des Bildschirms. Lange Zeit. Was geschieht hier eigentlich?

  Das Ganze wird Beratung genannt, glaube ich. Gehen Sie irgendwohin. Fragen Sie nach Personalausweisen, einem neuen Auto, einer risikolosen Geldanlage oder nach einer Reise. Sofort geht es los: „Wie ist Ihr Name? Immer noch derselbe? Ich schaue kurz drüber, ob die Daten noch stimmen. Bitte geben Sie mir Ihren Fahrzeugbrief, damit wir alle Daten eingeben.“ – „Wollen Sie mein Gebrauchtauto nicht einmal anschauen? Ich hab es extra gewaschen und innen das erste Mal gesaugt, es sind auch keine Tannennadeln mehr im Kofferraum. Tiptop, außer der Beule hinten.“ – „Bitte, alles nach der Reihe. Ich muss erst zehn Minuten lang alles vom Fahrzeugbrief abtippen.“ – „Aber wenn hinterher kein Deal zustande kommt, brauchen Sie doch das alles nicht? Meine Adresse und so.“ – „Doch, doch, diese Prozedur ist so langweilig für Sie, dass Sie keine Zeit haben, sie woanders zu wiederholen. Außerdem verkaufen wir Ihre Daten, damit machen wir schon Gewinn, auch wenn Sie nichts kaufen. Sprechen Sie mich bitte ein paar Minuten nicht an, damit ich mich voll auf den Bildschirm konzentrieren kann.“

Ich schaue dann eben auch auf den Bildschirm. Der Berater tippt. Ab und zu runzelt er die Stirn. Er schimpft leise und flüstert, etwas funktioniere nicht. Er beginnt offensichtlich, alles neu einzutippen, weil sein Zeigefinger auf dem Fahrzeugbrief wieder hoch wandert. Ich werde nervös. Er will darauf nicht eingehen und demonstriert Konzentration. Ich fürchte, er wechselt jetzt das Betriebssystem oder bootet neu. Ich bin sicher, dass ich es besser eintragen könnte. Ich starre auf die Rückseite des Bildschirms und versuche, Gelassenheit zu bewahren. Er schüttelt nun öfter den Kopf. Ich weiß jetzt, dass etwas nicht geht. Ich weiß, dass es jetzt noch zehn Minuten dauert, bis er jemand anderen um Hilfe bittet. Endlich, schon nach acht Minuten: „Waltraud, schau mal.“ Sie kommt nach wenigen Minuten und drückt zweimal Enter. Es geht wieder weiter. Der Berater tippt, sie schüttelt den Kopf und gibt immer wieder kleine Hinweise.

Kennen Sie das? Beim Autokauf kommt nach langen Wehen der Wert der Schwacke-Liste aus dem Computer, den wir uns schon woanders besorgt hatten. In dem Büchlein (der „Printversion“) könnte der Berater auch nachschauen, aber das soll er nicht, weil wir dann bestimmt verhandeln werden. Mit dem Computer geht das nicht richtig. Der sagt Nein.

  Das war jetzt ein harmloser Fall. Aber wenn Ihnen das in Zeitnot beim Hotelauschecken/Taxihupen oder am Flughafen passiert? Am besten nicht Ihnen selbst, sondern dem letzten Möchtegernpassagier vor Ihnen? Da schauen Sie noch viel konzentrierter auf den Flachbildschirm und bald in die Röhre! Letzteres haben Sie bestimmt schon bei einer Bank getan. Wieder Daten und Daten, solange Daten, bis der Computer von allein weiß, was Ihnen verkauft werden muss. Der Computer schätzt Ihre Risikobereitschaft, Ihren Kenntnisstand, den Grad Ihrer Introversion und den Peinlichkeitsgrad bei wortringenden Feilschversuchen – am Ende berechnet er genau, welches der drei Produkte Sie kaufen, die jetzt gerade forciert werden. Immer starren Sie auf die Bildschirmrückseite.

  Beratung ist doch etwas, wobei man sich in die Augen schaut und Vertrauen gewinnt? Ich will doch mehr, als von einer den Computer fütternden Stirnrunzelmarionette die Auskünfte des Rechners verraten zu bekommen?

  Mir hat neulich ein genervter Computernutzer den Stoff zu diesem Rückseitenanstarrthema geschickt. Er rief bei einer Helpline an, weil sein Computer streikte. Er musste wie immer erst seine Personalnummer, die Rechnungsadresse und sein sonstiges Familienleben eingeben, dann sagte eine Computerstimme: „Dieser Service wird nun nicht mehr von Menschen für Sie erbracht. Wir haben eine Frage-Antwort-Software erstellt, nach der allmählich Call-Center-Mitarbeiter auch dann Ihren Computer wieder durch Ratschläge reparieren konnten, wenn sie selbst noch nie einen Computer gesehen hatten. Call-Center-Mitarbeiter fragen einfach der Reihe nach, ob Sie sicher sind, dass Sie wirklich einen Computer vor sich haben, ob die Stecker festsitzen und ob Strom kommt usw. Diese Art von persönlicher, individueller Beratung ging mit der Zeit so gut, dass wir nun Ihnen selbst zutrauen, den Service eigenständig durchzugehen. Klicken Sie also auf die Website, die den Service neuerdings für Sie übernimmt. Geben Sie wie gewohnt alle Daten über Ihr Leben ein und die Rechnungsadresse. Sie bezahlen denselben Betrag wie früher, aber nun als Lizenzgebühr. Sie werden feststellen, dass Sie mit dem Programm besser zurecht kommen als die früheren Servicemitarbeiter. Damit bieten wir Ihnen ja auch einen besseren Service – ganz ohne Mehrkosten.“

Und das Witzige ist: Es stimmt, es geht viel schneller, wenn man es selbst macht.

  Aber beim Arzt? „Haben Sie den Krankenschein? Die Praxisgebühr? Woran glauben Sie zu kranken? Ich gebe alles in den Computer ein, damit der ausrechnet, wie viele Sekunden Ihre Behandlung voraussichtlich dauert. Danach rechnet er aus, wie lange sie dauern darf, damit die Praxis nicht schließen muss…“ Oder beim Rechtsanwalt? Alle starren auf Bildschirme, die Versicherungsagenten, die Reiseberater – alle – bald sogar Finanzbeamte.

 Es wird immer schlimmer. Ich trage Trauer. Erinnern Sie sich noch, als ich im Jahr 2005 auf meiner Homepage das erste Mal über Intelligenzsparen schrieb? Daraus entstand noch im selben Jahr das Buch Lean Brain Mangement, das eigentlich als Satire gedacht war, aber heute wie früh visionär erscheint. Im neuen Buch AUFBRECHEN erkläre ich das Ende der Dienstleistungsgesellschaft: Die Dienstleistenden verschanzen sich hinter Flachbildschirmen und verschwinden bald selbst darin. "Die Welt im Netz." Ist das wirklich vorbei, anderen in die Augen zu schauen? Wird das Verschwinden der Augen durch das neue deutsche Wort "Face-toface" signalisiert, das die Seitenbedeutung einer eigentlich zu kostspieligen Ausnahme hat? "Augen nur ausnahmsweise, sonstFlachbildschirmrückseite."





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Yips - Vor dem Höllentor der Entscheidung

20. Januar 2010, 21:19

Machen Sie eigentlich traumhaft sicher die Big Points, wenn es wirklich darauf ankommt? Oder sind Sie Trainingsweltmeister aller Klassen? Gerade ist Phil Taylor, den sie „The Power“ nennen, wieder einmal Dart-Weltmeister geworden. Er spielt vollkommen seelenruhig und scheint absolut ausgeglichen. Der Dart fließt nur so von seiner Hand ins Bull’s Eye, aber sehr viele andere Spieler leiden unter der so genannten Dartitis. Sie können nicht loslassen.

Ja genau, sie können den Pfeil nicht loslassen! Oder sie lassen ihn nur quasi ungern los, sodass er zu tief auf der Scheibe ankommt – das Ergebnis ist eine Punktekatastrophe. Im Hirn eines Dartitis-Kranken versagt etwas. Der Wille verliert gegen die Angst. Die Angst blockiert die Hand.

Seitdem der damalige fünfmalige Dart-Weltmeister Eric Bristow von seiner Loslassschwäche berichtete und sich nach einem Leistungseinbruch unter höchster Selbstdisziplin wieder bis zur Nummer 1 hochkämpfte, ist das Phänomen weithin bekannt geworden.

Es scheint viele Spieler zu befallen, aber meist erst dann, wenn sie es zu einiger Meisterschaft gebracht haben. Fürchten sie sich vor der Entscheidung? Verkrampfen sie in Höllenqualen vor der Schwelle, die Triumph oder Versagen bedeutet?

Es gibt viele Ratschläge im Internet, wie man die Dartitis wieder loswird. Am besten ohne Druck und ohne Publikum spielen! Keine internen Leistungserwartungen mitbringen! Viel Geduld – am besten eine Meisterschaftssaison aussetzen! Wer die Dartitis besiegt, berichtet oft, dass der Sport nie wieder so schön wie früher geworden ist.

Weil mich das Thema interessiert hat, während Phil The Power Taylor gerade im Finale überlegen Weltmeister wurde, stieß ich beim Googlen auf eine andere Krankheit: sie heißt Yips und tritt beim Golfen fast nur beim Einlochen auf und soll bis zu einem Drittel der Spieler in der einen oder anderen Stärke befallen. Bernd Langer wird als berühmtes Beispiel angeführt, der 1988 am vorletzten Loch der British Open fünf Schläge für den letzten Meter zum Loch benötigte. Ratgeber über Ratgeber raten zu Entspannungsübungen, damit sich der Schläger ruhig zum Putt schwingt.

Gibt es noch mehrere solcher Verkrampfungen, die durch eine große Angst vor dem schlechten Ausgang und der Häme der Zuschauer verursacht werden? Ich schaue… Goldfieber befällt die Bogenschützen! Sie haben Schusshitze. Sie können das Ziel nicht richtig anvisieren und halten den Bogen gespannt – unter größter innerlicher Anspannung und Seelenzittern. Es ist wohl wie Lampenfieber der Schauspieler, wie die Angst vieler Manager, auf die große Bühne zu einer Rede zu gehen, wie die Angst von Politikern, im TV etwas anderes als druckreif Korrektes zu sagen.

Es gibt bei den Verkäufern die Abschlussangst – die Angst vor dem eisigen Nein des Kunden. Wir alle kennen das Gefühl vor dem Heiratsantrag, wir fragen lieber erst, wenn die Zustimmung sicher ist. Viele Verkäufer müssen unbedingt vor Jahresende noch die Unterschrift des Kunden holen und trauen sich nicht, die Gretchenfrage zu stellen. Sie eiern herum, weil ein Nein das endgültige Aus für die dicke Provision bedeuten würde (welche ja eigentlich ein Anreiz sein sollte). Dadurch machen sie den Kunden unsicher in seiner Entscheidung und verlieren den Deal.

Viele Manager können sich nicht zu einer Entscheidung durchringen, besonders nicht zu einer Innovation. Es ist nicht die „Angst, Fehler zu machen“, wie überall in geredet wird, es ist wie Yips oder „Decisionitis“!

Kleinanleger wie Investoren starren oft auf die Kurse und können sich nicht entschließen, zu kaufen oder zu verkaufen. Sie starren auf diese eine Aktie, die sie schon lange kaufen oder verkaufen wollen und tun dann täglich nichts – das ist „Stockitis“.

Kinder leiden unter Prüfungsangst bis hin zu totalen Leistungsblockaden, später haben sie Berufswahl- oder Bewerbungsangst, beim Sport gibt es Torblockaden.

Für alle Probleme gibt es Heilungschancen – über Atmungsübungen, Entspannung und Ruhe. Im Grunde aber steckt der Teufel in den zu hohen Erwartungen an uns selbst, mögen sie von den Eltern, den Chefs, der Gesellschaft, unserer Familie oder von uns höchstpersönlich stammen. Der Teufel steckt in der Kulmination. Ein einziger kurzer Moment scheint über Leben und Tod zu entscheiden. Unser Leben erscheint vor dem Elfmeter, dem Matchdart, der Investition, dem Heiratsantrag wie ein russisches Roulette.

Wenn wir jung sind, ist alles wie eine Hürde, die wir meistern werden. Später erst fühlen wir, dass wir womöglich über beängstigend weite Abgründe springen. Und da reagieren wir wie Pferde: die bocken, steigen hoch, scheuen oder gehen durch. Ich glaube, man muss ewig jung bleiben und die ganze Zeit vor Freude springen, oder? Ich will lebenslang auf hohen Mauern laufen können und nicht beim Anblick der eigenen Enkel dabei Angstkribbeln im Körper bekommen. Ich will unbekümmert siegen wollen!

Wie ich schon früher geschrieben habe: Bayern München wird immer Meister, wenn sie Spielfreude auf den Rasen mitbringen, und Schalke litt bis heute immer unter Yips. Nie wird Schalke Meister, schrieb ich, denn Schalke zerbricht regelmäßig unter den Erwartungen viel zu glühender Fans. Für dieses eine Jahr 2010 bin ich nicht mehr so sicher. Ihr Trainer Felix Magath hat absolut kein „…itis“. Schau’n mer mal, München? Und Real Madrids Mannschaft ist jetzt so irre teuer, dass sie ganz bestimmt so etwas wie Yips bekommen muss.

Auch wenn wir uns selbst und alle anderen uns mit Erwartungen belasten: Geben wir einfach unser Bestes und vergessen wir alle Erwartungen in der Aktion. Oder versuchen wir, uns an dem Gesichtsausdruck bei der Wendung „freudige Erwartung“ zu orientieren. Es ist unser Baby, das da entsteht, unser normales Baby, und das ist vollkommen gut so.



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Immunität durch rituelle Strategienfindung und die Vorsatzanwendung zu Neujahr

30. Dezember 2009, 13:52

Haben Sie schon Vorsätze für das neue Jahr? Wollen Sie sich denn gar nichts vornehmen, so wie die Unternehmen es tun, die sich Wachstum und Profit auf die Fahnen schreiben? Viele von Ihnen nehmen sich persönlich deshalb nichts vor, weil sie wissen, dass sie es nicht tun werden. Das ist bei Unternehmen auch so, aber sie nehmen sich trotzdem etwas vor. Sich etwas vorzunehmen ist nämlich strategisch. Und eine Strategie muss man haben, sonst kann einem jedermann Vorwürfe machen, nicht zu wissen, was man tut. Wer aber eine Strategie hat, ist erst einmal immun gegen Vorwürfe. Die Festlegung einer langfristigen Strategie ist die kurzfristigste und leichteste aller Unternehmensproblemlösungen. (weiter)

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Volkskrankheit Rückgratbruch

13. Dezember 2009, 18:58

Der Tod eines Torhüters hat uns für Momente wachgerüttelt und berührt. Wir informierten uns einige Tage lang über Depressionen und Selbstmordgedanken. Wir verfolgten die schnell vorgeführten realen Fälle in schnell ausgestrahlten Fernsehsendungen. Danach gingen wir zur Tagesordnung über: Wir beugen uns dem Druck, dem manche von uns leider wohl nicht standhalten. Warum reden wir nicht einmal über den Druck an sich, der unser Rückgrat bricht?

 

Die Einschläge kommen doch näher – für jeden von uns. Der Druck frisst uns. Bei jedem Selbstmord heißt es hinterher: „Der Druck lastete zu stark.“ Nach jedem Burnout wird diagnostiziert: „Ich versuchte mit aller Kraft, unter übermenschlichen Belastung doch meine Leistung zu bringen. Irgendwann zerbrach etwas in mir, ich konnte nicht mehr.“ Besonders im Management ist es ein wichtiges Thema, wie jeder selbst für sich mit dem Druck umgehen kann und klarkommt. Die meisten geben den Leistungsdruck einfach eine Ebene nach unten weiter. Er kommt heute in vielen Firmen ganz unten an. Ganz unten, meine ich! Nicht nur die rund um die Uhr schuftenden Berater und Manager stehen unter Druck, die das alles noch bewusst für den Hauptgewinn einer Karriere in Kauf nehmen – auch die Reinigungskräfte, Call-Center-Mitarbeiter und Leiharbeiter stöhnen unter der Fron. Der Hauptgewinn ist für sie, die Arbeit behalten zu dürfen. Der Druck ist immer derselbe, ob er nun um des Geldes oder des Lebens willen ausgehalten wird oder werden muss.

 

Es ist weithin bekannt, dass der Druck zu Depressionen und zu Ausbrennungserscheinungen führt. Das liegt daran, dass Depressionen und Burnouts irgendwann in der Klinik behandelt werden müssen, sehr teuer sind und zu langen Fehlzeiten bei der Arbeit führen, die den Kranken fast aus dem System werfen. Weil ein Betroffener davor Angst hat, geht er aus Angst mit Sicherheit erst dann zum Arzt, wenn der nichts mehr tun kann. Und dann werfen sie ihm alle vor: „Warum hast du so lange nichts gesagt?“

Es ist weithin nicht bekannt, dass der Druck auch anders krank machen kann, nicht nur in der Form der Depression und des Burnouts. Viele Menschen flippen bei der Arbeit aggressiv und teamunfähig aus. Andere haben dauerhaft Angst und trauen sich nicht, Entscheidungen zu treffen oder auch nur halbwegs selbstständig zu arbeiten. Viele werden unterwürfig und fragen den Chef bei jedem Handgriff: „Richtig so, Mama?“ Mindestens demonstrieren sie vollständige Bravheit („Compliance“). Eine andere Variante macht streng Dienst nach Vorschrift und zeigt sich beliebig stur und unflexibel. Insbesondere Techniker igeln sich in der Fachwelt mit ihrem Herrschaftswissen ein und schützen sich mit Unentbehrlichkeit. Im Management zeigen sich zunehmende Sozialphobien und wegen eigener Erfolglosigkeit Tendenzen zu Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitarbeitern („Ich leide unsäglich und soll zusehen, wie ihr Spaß bei der Arbeit habt? Warum arbeitet ihr nicht auch an der Leidensgrenze und erzielt dadurch bessere Ergebnisse, mit denen ich Karriere machen könnte?“). Die Kosten dieser anderen Rückgratbrüche sind doch viel, viel höher für die Unternehmen als die der Burnouts und der Depressionen, die ja der Krankenkasse übergeben werden! Was sind die Kosten von Angst, Misstrauen, Vermeidungsstrategien, Sadismus, Unterwürfigkeit oder passiven Widerstandes? Die sind so sehr viel dauerhaft größer als alles, was wir denken, dass wir in einem ungeheuren ökonomischen Suboptimum leben, da bin ich sicher.

 

Es gibt viele Ratschläge, wie mit dem Druck umgegangen werden soll. „Man muss ein dickes Fell bekommen.“ – „Du darfst es nicht an dich selbst herankommen lassen.“ – „Du darfst als persönliche Erniedrigung wahrgenommene Quälerei nicht persönlich nehmen, es ist nur eine bewährte Management-Technik, die dir widerfährt, mehr nicht.“ – „Der Druck ist der Preis für deine große Chance, den  muss jeder willig bezahlen.“ – „Ohne Druck geschieht nun mal nichts.“

 

Geht ohne Druck nichts? Gab es den beim Aufbau des Wirtschaftswunders Deutschland? Der Druck ist eine Spätfolge übertriebenen Behaviorismus. Die Behavioristen glauben, den Menschen über Anreize beliebig steuern zu können – also ausschließlich über extrinsische Motivation. Lob und Tadel müssen nach ihren Lehren so gesetzt werden, dass der Mensch tut, was er soll. Diese Ansätze haben eine Zeit lang ganz gut funktioniert, bis man mehr und mehr Lob und Belohnung weggelassen hat und fast ausschließlich mit Tadel, Druck und Drohung arbeitet. Man fordert einfach mehr, als der Mensch leisten kann und tadelt ihn nun immerfort. Denn auch die Anreizsetzer stehen ja als Menschen selbst unter dem übergroßen Druck. Deshalb setzen sie die Anreize nicht mehr nach der reinen Lehre der Wissenschaft, sondern sie setzen sie schon als selbst Rückgratgebrochene!

 

Die Behavioristen schenken uns also dieses Leiden:

 

·         Sie stellen Instrumente zur Druckerzeugung bereit, die man Management-Technik nennt.

·         Sie geben Kurse für Mitarbeiter und Manager, wie man mit dem Druck fertig wird, indem man ihn besser nicht so ernst nimmt und ihn dadurch neutralisiert.

·         Sie gehen davon aus, dass die Anreize nach zielrichtiger Vernunft gesetzt werden, nicht aber von selbst Leidenden.

 

Wir sollen also leiden, damit wir gut arbeiten. Aber wir sollen nicht leiden, weil das das Arbeitsergebnis verschlechtert. Gradlinig gebrochen?

Wieso reden wir so selbstverständlich über den „unmenschlichen Druck“? Wer kann das denn so selbstverständlich? Jeder, in dem schon etwas brach?

 

Ein Ruck müsste zu Weihnachten durch uns gehen – und wir sollten einfach nur noch gut arbeiten wollen, einfach so. Denken Sie dabei noch an daen vorigen Beitrag hier? An das rituelle Management? Bitte fangen Sie nicht an, dieses Problem des Drucks mit dem Vorgehen des rituellen Managements anzugehen. Das Rituelle, auch das zu Weihnachten, lindert nur das chronische Leiden. Das sollte uns nicht genügen.



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Rituelles Management

03. Dezember 2009, 17:01

Rituale kennen wir bewusst vor allem aus dem geistlichen Bereich. In weihevollen Zeremonien werden Menschlichkeit, Frieden und Entsagung beschworen. Die Anwesenden bekennen sich feierlich zu hehren Werten und verpflichten sich zur vorbildhaften Weitergabe und zur Umerziehung aller noch Ungläubigen. Diese Events erbauen die Seelen aller Teilnehmer, aber am nächsten Tage geschieht nichts unter den Ungläubigen, die deshalb höhnen: „Nach jedem Bußgang immer sofort wieder grauer Alltag? Gibt es denn prinzipiell überhaupt Glauben – wenigstens irgendwo unter euch?“ Im Management registrieren wir so etwas gleichermaßen, ohne dass uns das Rituelle bewusst ist: Man beschwört Vertrauen, Kundenbefriedigung oder Mitarbeiter-Wellness – ohne dass viel geschieht. Darüber entrüsten sich viele. Aber! Rituale verändern doch nicht, sie lindern den chronischen Schmerz. (weiter)

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Wanted – Prozessergonomie!

16. November 2009, 09:18

Menschen sind anders als Maschinen. Diese Verschiedenheit erzeugt naheliegende Probleme, die nach einfach gestricktem Denken auf zwei Arten lösbar sind: Die Maschinen werden an den Menschen angepasst. Mit dieser herausfordernden Möglichkeit befasst sich die so genannte Ergonomie, eine Art melancholisch-resignierte Wissenschaft. Oder man überantwortet den Menschen vollständig der Maschine, so dass dieser sich der Maschine anpasst. Da das der Mensch selbst tut, gibt es keine Wissenschaft dafür, nur die Praxis. (In Wirklichkeit ist diese Praxis ein schon laufender Ausleseprozess Darwinscher Evolution, wenn man Maschinen als Lebewesen akzeptiert und damit das Problem erstmals erkennt.) Das Maschinenproblem tritt aber auch woanders auf, bei Geschäftsprozessen. (weiter)

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Was zuerst reizt, reizt später sehr

28. Oktober 2009, 14:33

Ein ruhiger Mann heiratet eine Frau, die ihn durch ihre Lebensfreude und Energie anzieht. Sie berauscht ihn, er aber ist für sie der ruhende Pol. Die Jahre vergehen, da findet er sie hektisch und sie ihn lahm. Nun bahnt sich eine Katastrophe an. Was wir im Leben zu Hause sehen, kehrt als allgemeines Motiv überall wieder. Der falsche Umgang miteinander in solchen Situationen zerstört einen großen Teil unser aller Leben.

Der ruhige Mann liebt seine Frau, weil sie Dinge in Schwung bringt, die er nicht von selbst anfangen würde. Er bewundert sie rückhaltlos, wie sie mit Problemen und Widerständen fertig wird. Sie dagegen fängt eigentlich immer viel zu viel auf einmal an und erwartet zu viel. Sie ist dankbar, wenn sie ihr Mann etwas dämpft und sie auf den realen Teppich zurückholt. Denn wenn sie eigentlich fliegen will, sieht er sie eigentlich eher schwimmen. (weiter)

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Abschreckende Wirkung von Kursen – und von Logik erster Ordnung

14. Oktober 2009, 13:06

Fast jeden Tag lese ich Artikel, in denen nur „Wenn-Dann-Logik-erster-Ordnung“ vorkommt – ja – und letztlich Unsinn propagiert wird. Am 9.9.2009 titelt das Handelsblatt einen Artikel der Serie Wissenschaft & Debatte mit „Abschreckende Wirkung“, Untertitel: „Entrepreneurship-Kurse sollen Lust auf Selbstständigkeit machen. Doch sie bewirken womöglich das Gegenteil.“ Was ist passiert? (weiter)

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