Rettet die Wirtschaft Amazonien?
Keine guten Zahlen gelangen vom Amazonas auf den Schirm der Ökologen: Die Abholzung nimmt 2010 wieder deutlich zu, nachdem sie in den letzten beiden Jahren stark gesunken war. Der Grund: Die Preise für Soja und Fleisch ziehen nach dem Ende der Wirtschaftskrise (die zumindest außerhalb Europas und der USA ausgestanden scheint) erneut stark an, und Banken vergeben wieder leichtfertiger Kredite für den Landkauf und landwirtschaftliche Großprojekte. Jahr für Jahr gehen Tausende von Quadratkilometern dafür in Flammen auf, ein Fünftel des brasilianischen Amazonasregenwaldes gilt schon als zerstört.
Entgegen der landläufigen Meinung treiben aber weniger arme Kleinbauern, die hier ihr Glück suchen, die Zerstörung voran. Vielmehr handelt es sich mittlerweile in vielen Fällen um große Unternehmen, die riesige Landstriche mit schwerem Gerät entwalden und umpflügen. Eine der größten beteiligten Agrarfirmen, die Grupo Amaggi, gehört passenderweise Blairo Maggi, der wiederum Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso ist - der brasilianischen Provinz, in der der Regenwald am umfassendsten und raschesten zerstört wird. Diese zweifelhafte Vermengung von politischen und wirtschaftlichen Interessen brachte Maggi bereits die "Goldenen Kettensäge" ein, die Greenpeace vergeben wird. Mit seiner politischen Macht kann Maggi - dessen Name nichts mit der bekannten Würzsoße zu tun hat - beispielsweise Infrastrukturprojekte vorantreiben, die den Anbau und die Vermarktung des von ihm erzeugten Soja erleichtern, etwa Straßen und Häfen.
Die Plantage hat hier zumindest vordergründig einen großen wirtschaftlichen Wert, der die Abholzung zumindest für die Handelnden rechtfertigt - auch wenn sich dies wegen Subventionen vielleicht eher um einen Scheinwert handelt. Der Wald hat hingegen für die Beteiligten keinen Wert, zumindest keinen, der sich kurzfristig realisieren ließe. Viele Ökonomen, aber auch Ökologen plädieren deshalb dafür, dass der stehende Regenwald wertvoller wird, dass ihm ein monetärer Wert zugewiesen wird, der das Ökosystem lebend wertvoller macht als dessen Zerstörung. Ein Mechanismus, der in letzter Zeit oft gehandelt wird, lautet auf den Namen REDD: Reducing Emissions from Deforestation and Degradation. Der brasilianische Bundesstaat Amazonien - einer der größten des Landes - setzt bereits voll auf dieses Programm, in dem, vereinfacht gesagt, dafür bezahlt wird, dass der Wald stehen bleibt und Kohlendioxid bindet: Die Regierung hat ein Moratorium erlassen, das Abholzungen untersagt, bis der Wert der regionalen Wälder und ihre Senkenwirkung erfasst sind.
Dennoch wird sich auch damit die Abholzung leider nicht auf Null zurückfahren lassen. Schon vor ein paar Jahren hat deshalb Clive Granger, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2003, ein relativ simples Modell entwickelt, wie sich der Wald maximal schützen lässt, aber auch Unternehmer wie Blairo Maggi noch ihre Interessen wahren können. Er schlug vor, dass Landschützer und Landnutzer jeweils Karten mit ihren Prioritäten entwickeln und übereinander legen. So sollten die Ökologen bestimmen, welche Areale am dringendsten geschützt werden müssten, weil sie besonders artenreich oder voller Endemiten sind. Agrarunternehmer und Politiker sollten hingegen herausfiltern, welche Ländereien sie bevorzugt "entwickeln"wollen - etwa weil deren Böden besonders fruchtbar sind oder sie verkehrstechnisch günstig liegen. Am Ende sollte man dann eine Karte erhalten, die - natürlich trotz einiger weiter vorhandener Konfliktherde - zeigt, was auf keinen Fall angetastet werden dürfe und was mit zumindest verringerten Folgen für die Natur erschlossen werden könnte.
Damit die Landnahme nicht weiterhin wild verläuft, wollte Granger dies über den strategischen Bau von Straßen steuern: Nicht mehr das Vorantreiben der Infrastruktur in den Primärwald war sein Ziel, was die Regierung zwingt, auf bestimmte Straßenprojekte zu verzichten. Stattdessen sollte der Staat vermehrt Wege befestigen, die bereits gebaut waren und in deren Umgebung der Regenwald ohnehin bereits vernichtet war. Auf diese Weise würden die Siedler und der Wald gewinnen, meinte der Ökonom in seinem Lindauer Vortrag aus dem Jahr 2006. Aktuell ist seine Idee noch heute - und vielleicht tatsächlich eine Lösung für die Umweltkrise am Amazonas.
Ähnliche Artikel:
- Avatar in Paraguay
- Regenwaldkauf als letzte Option
- Wald statt Öl: Erfolg in Ecuador
- Paraguay: Landkonflikte in der aufstrebenden Fußballnation
- Appell an die Bundesregierung: Stoppen Sie das Gesetz, das die letzten Regenwälder unserer Erde zerstört!



