Wissenslogs (Über)Leben in den Wäldern

Kick it like Einstein: La Ola - Fußball und Wälder in Mexiko

von Daniel Lingenhöhl, 12. Mai 2010, 05:53

"De dónde viene?" Woher kommen Sie? Das ist eine der gängigsten Fragen, die man als Forschungsreisender in Mexiko beantworten darf – zumal fernab der touristisch geprägten Regionen. Auf die Antwort "Alemania" entspringt dann meist ein sehr angeregtes Gespräch über die weite Reise, die man bis dorthin zurücklegen muss – und über Béckénbauér und Mathéus. Denn Mexiko ist fußballverrückt, selbst in den entlegensten Dörfern gibt es einen Bolzplatz und weiß man einen guten Kick zu schätzen: Aus Mexiko stammt schließlich die La-Ola-Welle, die heute noch durch die Stadien schwappt, wenn unten die Heimelf brilliert.

 

1998, kurz nach der vorvorletzten Copa Mundial durfte ich diese Begeisterung hautnah miterleben: als Geografiestudent aus Erlangen auf Exkursion und anschließendem Forschungsaufenthalt im Soconusco und Motozintlatal im Süden von Chiapas, hart an der Grenze zu Guatemala. Hier sollte ich die grundlegenden Daten für mein bahnbrechendes Werk zur "Zusammensetzung und Diversität der Segetalflora von Maisfeldern im Soconusco und Motozintlatal, Chiapas, Mexiko" sammeln. Bis zu diesem Ziel und der "Basisstation" in der Provinzmetropole Tapachula, schickte unser Professor uns über mehrere Gebirgsketten, damit wir mit eigenen Augen sehen konnten, was Alexander von Humboldt 1807 in seinem Buch "Ideen zu einer Geografie der Pflanzen" vorexerzierte: wie sich die Verbreitung von Pflanzen in Gebirgen mit der Höhe, aber auch mit dem Breitengrad veränderten.

Wir durchwanderten dabei Gebiete, die fernab der Moderne zu liegen scheinen (zumindest damals), in denen die hygienischen Bedingungen bisweilen grenzwertig waren oder die Versorgung mit Lebensmitteln, die nicht selbst angebaut wurden, bestenfalls als rudimentär bezeichnet werden konnte. Aus der Not schlugen die Menschen – zumeist Indígenas – ihre Bergwälder kurz und klein, um Feuer- und Bauholz zu gewinnen oder um kleine Maisfelder anzulegen. Mexiko weist nicht umsonst eine der höchsten Entwaldungsraten der Erde auf.

Die Folgen davon waren überall zu sehen: Da die neuen Felder nicht terrassiert werden, schwemmen die sommerlichen Starkniederschläge rasch erst den fruchtbaren Oberboden weg, bevor sich die Erosion immer tiefer in den Hang frisst. Kurz vor unserem Aufbruch fegte der Tropensturm "Earl" über Chiapas hinweg und verwüstete das Untersuchungsgebiet im Motozintlatal und angrenzenden Regionen: Mehrere hundert, vielleicht sogar tausende Menschen verloren ihr Leben, als die Fluten und Schlammmassen ganze Dörfer unter sich begruben - ohne die Wälder stabilsierte nichts mehr die Hänge. In der anschließenden Trockenzeit, als keine Wolken den Blick auf die Bergketten versperrten, konnte man von erhobener Warte aus unzählige Erdrutsche an den Hängen zählen.

Mit den Rodungen einher geht auch ein beträchtlicher Verlust an Artenvielfalt, zumal viele Regionen Mexikos zu den Hotspots der Biodiversität zählen: zum einen die Kiefern-Eichenwälder der Gebirge nördlich des Isthmus von Tehuantepec, die noch zu Nordamerika gehören und zum anderen die Regen-, Berg- und Trockenwälder des zentralamerikanischen Teils südlich davon. Hier vermengen sich tropische Arten mit Zuwanderern aus gemäßigten Breiten, weshalb Affen, Papageien und Tukane aus dem Süden auf Stinktiere, Hirsche oder Wölfe aus dem Norden treffen. Gleiches gilt für die Pflanzenwelt, in der sich südamerikanische Fuchsien und Bromelien mit nordamerikanischen Eichen und Kiefern vermischen.

Die Abholzung der Urwälder hat dafür gesorgt, dass zum Beispiel der Kaiserspecht (ein noch größerer Verwandter des Elfenbeinspechts) bereits ausgestorben ist, ebenso wie der mexikanische Grizzly; Wölfe sind mittlerweile selten, Ara- und Maronensittiche ebenfalls und so weiter. Den Menschen in den Dörfern ist dies durchaus bewusst; sie registrieren das Verschwinden einst typischer Arten ebenfalls – und sehen es gar nicht gerne, wenn ausländische Orchideensammler in den Restwäldern über die Seltenheiten herfallen, wie sie uns berichtet haben.

Das Bewusstsein wandelt sich aber: Im Sierra-Gorda- Biosphärenreservat im Herzen des Landes wird nun auf Initiative lokaler Anwohner ein Gebiet von der Größe Bremens geschützt, das zu den artenreichsten der Welt gehört. Rund um den prächtigen Bergregenwald von El Triunfo sollen vogelfreundlicher Schattenkaffeeanbau und Ökotourismus das Ökosystem bewahren. Und auf der Yukatan-Halbinsel sorgt ein Bündnis zwischen Staat, der US-amerikanischen Nature Conservancy und Dörfern vor Ort, dass im Biosphärenreservat von Calakmul nicht nur Maya-Tempel erhalten bleiben, sondern auch Jaguar und Tapir.

Unsere Wanderungen damals führten durch einige der interessantesten Wälder, die ich bislang gesehen habe, aber auch durch deprimierende Wüstungen, wo die Erosion die Lebensgrundlage der Menschen zerstörte. Eines war jedoch sicher: Am Ende des Tages übernachteten wir stets in einem Indianerdorf. Und nach dem "De dónde viene?" stand ein Fußballmatch auf dem Plan, in dem die fränkischen Studenten gegen die einheimischen Jungs kickten – zur Begeisterung der Bevölkerung. Ein Spiel blieb mir dabei besonders in Erinnerung – auf einem Platz, auf dem faustgroße Steine lagen, tümpelgroße Pfützen den Ball verlangsamten und es rechts runter in die Schlucht ging. Ausgelaugt vom Wandern, mit Treckingstiefeln und in der Höhenluft droschen wir den Ball über das Feld und hechelten den flinken "Amigos" hinterher. Immerhin: Zum Schluss konnten wir das Match schlammverkrustet doch zu unseren Gunsten entscheiden: 4:3 nach Elfmeterschießen mit anschließender große Verbrüderung. Für mich heißt es deshalb bei jeder Copa immer auch Viva México!



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Kommentare

  1. Daniel Lingenhöhl Uruguay
    13.05.2010 | 16:28

    Und jetzt liegt der Ball im Feld von Uruguay

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szmtag