Wissenslogs (Über)Leben in den Wäldern

Avatar in Paraguay

von Daniel Lingenhöhl, 08. Februar 2010, 17:15

Meilenstein des Kinos, neuer Einspielrekord, für neun Oscars nominiert: "Avatar - Rückkehr nach Pandora", der Sciencefiction-Film von James Cameron, wird derzeit mit Superlativen überhäuft. So überzeugend die computeranimierte Schaffung der Mondwelt Pandoras ausfällt - zumal, wenn sie in 3-D betrachtet wird, so altbekannt ist die Handlung: Böse Eindringlinge zerstören die Heimat edler Wilder, der Na'vi, die im Einklang mit der Natur leben. Ein Plot, der so alt ist wie das Genre Kino.

Und doch steckt in den Filmen mehr Realität, als den meisten Besuchern bewusst sein dürfte. Denn die Geschichte spielt sich jeden Tag ab. Auf diesem Planeten. Rund um die Uhr. Wie im Film sind die Opfer Völker, die nicht über Bulldozer, Computer, Kettensägen oder Maschinengewehre verfügen, sondern noch mit Pfeil und Bogen jagen, mit Pflanzengiften fischen und in einfachen Hütten hausen. Sie heißen Ayoreo, M'ba, Chamococ, Guarani oder Penan und leben in Amazonien, Paraguay, dem Kongo oder auf Borneo. Und sie kamen noch nie mit der so genannten Zivilisation in Kontakt - oder entschieden sich, diese nach schlechten Erfahrungen zu meiden.

Ein besonders extremes Beispiel für einen "Pandora-Konflikt" spielt sich derzeit im südamerikanischen Binnenstaat Paraguay ab, wo das Volk der Ayoreo-Totobiegosode gerade um sein Überleben kämpfen muss. Brasilianische Rinderzüchter dringen mit Axt und Planierraupe in ihre Heimat im Norden des Landes vor, um neuen Platz für Rinderherden zu schaffen. Während der letzten Monate des Jahres 2009 fielen im Trockenwald des Chaco jeden Tag über 400 Hektar Natur den Maschinen zum Opfer - mitten in der Heimat des letzten unkontaktierten Indianervolkes Südamerikas außerhalb des Amazonasbeckens. Selbst vor einem Unesco-Biosphärenreservat schreckten die Eindringlinge nicht zurück und zerstörten dabei nicht nur die Jagdgründe der Ayoreo-Totobiegosode, sondern ebenso eines der letzten großen Wildnisgebiete des Kontinents mit zahlreichen seltenen Tierarten wie Jaguar, Mähnenwolf oder Riesengürteltier.

Weiter nördlich in Ecuador und Peru wehren sich verschiedene Völker dagegen, dass ihr Stammesterritorium von Ölfirmen besetzt und damit früher oder später zerstört wird. Sie lehrt das verhängnisvolle Schicksal der Tetete und Sansahuari, die einst am Río Napo und Río Aguarico lebten und dem Öldurst von Chevron-Texaco zum Opfer fielen. Heute erinnern nur noch die Namen zweier Ölfelder an ihr Schicksal. Dies wollen andere Stämme mit Hilfe von außen verhindern.

In Peru entschlossen sie sich im Juni 2009 zum Widerstand - und blockierten die Zufahrtspisten zu ihrer Urwaldheimat, was die peruanische Regierung mit einem massiven Polizeiaufgebot beantwortete: Am Ende waren 23 Polizisten und mindestens 10 Indianer tot, doch könnten ihre Opferzahlen auch noch höher liegen, weil nach Angaben der Stämme viele Tote einfach in die Flüsse gekippt wurden. Am Ende setzte sich die Staatsgewalt durch und sorgte dafür, dass Hunt Oil aus Texas kurze Zeit später mit der Exploration auf dem Land der Amarakaeri beginnen konnte: Die Firma rückte mit schwerem Gerät und Helikoptern an, um seismische Tests durchzuführen. Die immer tiefer in den peruanischen Regenwald vordringenden Holzfäller und Ölprospektoren gelten auch als Ursache für die Flucht eines noch unbekannten Volkes nach Brasilien, das letztes Jahr mit sensationellen Bildern Schlagzeilen machte.

Auf der anderen Seite des Planeten leiden die Penan Borneos unter der Vernichtung ihres Regenwaldes, weil das Holz der Bäume dort besonders begehrt ist bei Möbelmachern und weil Malaysia und Indonesien ihre Position als Weltmarktführer für Palmöl ausbauen möchten. Seit den 1980er Jahren werden sie immer weiter zurückgedrängt. Auf ihr Territorium eindringende Holzfäller vergewaltigten Mädchen des Volkes, was von einem offiziellen Bericht des malaysischen Ministeriums für Frauen, Familien und Gesellschaftsentwicklung bestätigt wird. Und 2008 wurde der Penan-Häuptling Kelesau Naan ermordet, wohl weil er sich zu sehr gegen die Verfolgung seines Volkes gewehrt hatte.

Bekannt wurden die Penan durch den Einsatz des Schweizers Bruno Manser, der zeitweilig unter dem Volk gelebt hat und ihren Überlebenskampf international bekannt machte. Wegen dieses Einsatzes galt er bald als Persona non grata in Malaysia und durfte nicht mehr einreisen. Seit einem letzten Versuch, zu seinen Freunden im Regenwald von der indonesischen Seite aus zu kommen, ist er verschollen - und ein Verbechen wird ebenfalls nicht ausgeschlossen.

All diese Schicksale stehen exemplarisch für viele andere Völker, die unter unserem Wirtschaftsmodell der hemmungslosen Ausbeutung der Regenwälder leiden. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich Avatar im Kino ansieht, denn Pandora ist realer, als man sich vielleicht denken mag.

Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Carsten Könneker Herzlich willkommen!
    08.02.2010 | 18:03

    :-)

  2. Daniel Lingenhöhl kein Betreff
    08.02.2010 | 19:29

    danke ;-)

  3. Martin Huhn kein Betreff
    08.02.2010 | 19:44

    Bitte! :-p

  4. Michael Blume Ein starker Einstand...
    09.02.2010 | 20:50

    ...für einen sicher ganz spannenden Blog! Ich heiße Sie hiermit herzlich willkommen und lege gleich mal einen Link von meinem Avatar-Beitrag hier
    http://www.chronologs.de/...n-fortschrittszynismus

    damit dieser hier viele Leser findet! Und freue mich schon sehr, sehr auf Weiteres!

    Herzliche Grüße!

  5. Daniel Lingenhöhl Und nochmals
    09.02.2010 | 20:51

    danke für die Blumen (sic! ;-))

  6. Jürgen vom Scheidt Pandora -die vom Tod bedrohte Welt
    10.02.2010 | 10:50

    Danke, Daniel, für diesen ausführlichen und lehrreichen Bericht.
    Ich habe gestern "Avatar" gestern zum vierten Mal angeschaut, bin noch immer fasziniert von dieser großartigen Mischung aus Liebesgeschichte (auch: "Liebesgeschichte" mit einer gar nicht so liebevollen Natur) und eben dem irrwitzigen Kampf der Eingeborenen gegen die bodenschatzgierigen "Aliens" von der Erde.
    Ich habe diesen in der Science Ficiton unzählige Male beschriebenen Kampf (Beispiel: Ursula Le Guins "Das Word für Welt ist Wald" oder "Deathworld" von Harry Harrison) noch nie so eindrucksvoll dargestellt gefunden. Da es sich um den zentralen KLonflikt der modernen Menschheit handelt (mit der Klimakatastrophe als Highlight) machjt dies "Avatar" zu DEM Film für das beginnende Jahrtausend. Dein Bericht liefert den nötigen Background, um die vielen derartigen Konflikte hier auf der Erde besser zu verstehen - um die es ja letztendlich geht.
    Selbst in der "Süddeutschen Zeitung" wurde die Beschwörung eines Gaia-ähnlichen übergeordneten Wesens, wie sie "Avatar" ja sehr eindrucksvoll gelingt, ironisch abgewunken asl "Hippie-Sehnsucht" (also: als Vision einiger bekiffter Spät-Romantiker). Als wäre diese Sehnsucht nicht in jedem Menschen genetisch verankert durch Jahrhunderttausende resp. Jahrmillionen alte Erfahrungen der Jäger-und-Sammler-Kulturen, die früher die Menschheit prägten. Einzig diese Sehnbsucht kann irgendwann (hoffentlich) verhindern, dass die technikbewaffneten Gierhälse uns allen das Schicksal bescheren, das den Na´Vi von Pandora zugedacht ist.
    Wer ist da der Romantiker?

  7. Chris kein Betreff
    11.02.2010 | 21:04

    Ich fand den Film auch klasse und konnte durchaus die realen Parallelen entdecken, dein Artikel ist aber natürlich konkreter. Allerdings musste ich auch feststellen, dass viele andere die den Film auch gesehen haben, diesen auf seine technische Aspekte reduzieren. So geht die Message(sofern der Regisseur sie ernsthaft herüber bringen wollte) leider verloren.

  8. Manfred Graf Avatar in Paraguay
    20.02.2010 | 20:40

    Ich empfehle allen, die etwas Geld übrig haben, sich an der Waldkaufaktion von "Rettet den Regenwald" im Ayoreo-Gebiet zu beteiligen: https://www.regenwald.org/spenden.php?id=31
    Meines Erachtens die beste Möglichkeit, den Leuten zu Eigentumsrechten zu verhelfen, ohne die man in unserer Gesellschaft juristisch einwandfrei vertrieben werden darf.

  9. seblon kein Betreff
    18.05.2010 | 10:17

    Danke für den tollen Artikel :-)

  10. 18.05.2010 | 11:07

    für das Lob ;-)

Artikel kommentieren
szmtag