Schützt Rauchen vor Parkinson?
von Susanne Plotz, 16. März 2010, 09:58
Dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, steht außer Frage. Und bis jetzt wäre niemand auf die Idee gekommen, dass Rauchen neben seinen unerfreulichen möglichen Nebenwirkungen (zum Beispiel Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, chronisch obstruktive Lungenerkrankung) auch positive Effekte haben könnte.
Die Ergebnisse aus einer neuen amerikanischen Studie zeigen nun, dass sich diese Sichtweise in Zukunft ändern könnte. So fanden die Wissenschaftler heraus, dass Rauchen möglicherweise das Risiko vermindert, an Parkinson zu erkranken.
Zum Design: es wurden die Daten von 305 468 Probanden zwischen 50 und 71 Jahren ausgewertet. Alle waren Mitglieder der amerikanischen Vereinigung der Ruheständler. Neben Lebensgewohnheiten und Ernährung wurde in Umfragen auch das Rauchverhalten erfasst. Von den Teilnehmern entwickelten 1662 die Parkinson Krankheit.
Die Ergebnisse: regelmäßige Raucher hatten ein bis zu 44% geringeres Risiko, an Parkinson zu erkranken. Die Wissenschaftler fanden weiterhin heraus, dass offenbar die Zahl der Zigaretten pro Tag keine große Rolle spielt. Wichtig ist der Zeitraum, in dem die Teilnehmer geraucht hatten. Probanden, die 40 Jahre und länger geraucht hatten bekamen mit 46% geringerer Wahrscheinlichkeit die Parkinson Krankheit. Bei Tabakkonsum über eine Zeit von 30 bis 39 Jahren ermittelten die Forscher eine 35% geringere Wahrscheinlichkeit, während es bei ein bis neun Jahren immer noch 8% waren.
Für den Studienleiter Honglei Chan vom National Institute of Environmental Health Science in Research Triangle Park (North Carolina) sind diese Ergebnisse die Grundlage für weitere Forschungen. Am Tiermodell soll herausgefunden werden, welche Tabakbestandteile sich wie auf die Krankheit auswirken. Eines jedoch betont der Wissenschaftler: aufgrund der schädlichen Wirkung des Rauchens könne man potentiellen Parkinson Patienten natürlich nicht empfehlen, das Rauchen als Prophylaxe gegen die Krankheit einzusetzen.
Der letzte Satz ist sicher der entscheidende. Grundsätzlich sollten die Ergebnisse dieser Studie weder die Raucher beflügeln ("wie gut, dass ich rauche, dann bekomme ich kein Parkinson") noch bisherige Nichtraucher aus Angst vor der Parkinsonkrankheit zur Zigarette greifen lassen. Es könnte jedoch ein spannender Ansatz zur weiteren Forschung sein. Denn vielleicht gelingt es, einen bestimmten Stoff aus den Zigaretten zu isolieren und so aufzubereiten, dass er nicht mehr schädlich ist. Dieser könnte dann als Medikament zur Vorbeugung gegen die Parkinson Krankheit eingesetzt werden. Ansonsten gilt auch weiterhin: Rauchen ist nicht gut für die Gesundheit und die möglichen Folgen einer langen Raucherkarriere wiegen die Vorteile der Parkinsonprophylaxe nicht auf.
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Gott gib, dass es WAHR ist!
Meines Erachtens hat man aber bereits früher neben negativen Effekten auch von positiven Aspekten des Rauchens gesprochen - es beruhigt, erhöht die Konzentrationsfähigkeit und wirkt appetitzügelnd.
Lieber Edgar,
ich musste beim Schreiben dieses Artikels wirklich an Dich und Deine Worte denken: ob das Rauchen denn nicht auch was positives hätte und warum ich immer nur mit schlechten Sachen daherkäme. Et voila:-)))
Kann es sein, daß Rauchen auch die selektive Wahrnehmung steigert? Speziell für Edgar nun noch ein "Best of" des Artikels. ;-) :-p
gesundheitsschädlich, Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, schädliche Wirkung des Rauchens schließt das Rauchen als Prophylaxe gegen Parkinson aus
Da hast Du mich in der Tat auf dem falschen Fuß erwischt! Dennoch: Dass das Rauchen gesundheitsschädlich ist, leugnet niemand. Dass es daneben aber auch einige positive Effekte haben KANN, wird kaum jemals erwähnt.
Hab' letztens "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" gesehen. Es scheint, als hätten die Männer in den 30er, 40er und 50er Jahren nahezu ununterbrochen geraucht. Gemessen an den gegenwärtigen Horrormeldungen müsste es damals eigentlich eine Epidemie von Lungenkrankheiten gegeben haben, und zwar nicht nur unter den Männern, sondern auch unter ihren Frauen und Kindern.
Gibt es irgendwelche Daten dazu, Susanne?
Wir reden hier ja nur von einer statistischen Auffälligkeit, nicht von einer komplett bekannten und verstandenen Pathogenese.
Da gäbe es ja, zumindest theoretisch, auch einen anderen Erklärungsansatz für die beobachtete negative Korrelation zwischen Tabakkonsum und Auftreten der Parkinson-Krankheit.
Dass bei Krebserkrankungen, allemal bei durch Rauchen ausgeloesten Bronchialkarzinomen eine genetische Veranlagung beteiligt ist, ist, wenn ich unsere bisherigen Diskussionen richtig verstanden habe, als erwiesen.
Was, wenn die genetische Veranlagung, die Bronchialkarzinome begünstigt, in irgendeiner Form mit einer genetischen Veranlagung zusammenhängt, die die Erkrankung an Parkinson begünstigt? Es koennte dasselbe Gen sein, oder auch unterschiedliche Gene, die aber in dieser Form aus irgendeinem Grund gehäuft zusammen auftreten.
Dann wäre ein plausibler Erklärungsansatz für die beobachtete statistische Korrelation, dass deswegen weniger Raucher im Alter an Parkinson erkranken, weil gerade diese Gruppe, die das Parkinson-begünstigende Gen in sich trägt, auch das Bronchialkarzinom-begünsigende Gen in sich trägt und deswegen in statistisch signifikanter Menge gar nicht das Alter erreicht, in dem die Parkinson-Krankheit häufig auftritt.
Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist, aber der Ansatz selbst klingt doch erst einmal nicht vollkommen unplausibel, oder?
Ich glaube, die Tatsache, dass die Leute früher offenbar allerorts geraucht haben hängt auch mit der allgemeinen Aufklärung zusammen. Schaut man sich alte Filme an, so sieht man oft rauchende Menschen, weil dies damals gesellschaftlich anerkannt war und man um die Folgen noch nicht wusste. Das heißt aber nicht, dass früher weniger oder mehr Menschen geraucht haben, nur weil man dies in der Öffentlichkeit und in den Medien häufiger sah (sicher rauchen heute weniger Menschen).
Zum zweiten treten die beschriebenen Veränderungen ja auch nicht sofort auf, sondern erst nach Jahrzehnten.
Ich habe einen interessanten Artikel über die Geschichte des Lungenkrebses gefunden. Daraus geht u.a. hervor, dass die Gesamtkrebshäufigkeit im Laufe von 100 Jahren um das 3,3fache zugenommen hat, die des Lungenkrebses jedoch um das 18fache. Eine Kausalität wird nicht hergeleitet, ließe sich aber sicher gut mit dem Rauchverhalten in Einklang bringen.
Zur Geschichte des Bronchialkarzinoms (PDF)
"Eine Kausalität wird nicht hergeleitet, ließe sich aber sicher gut mit dem Rauchverhalten in Einklang bringen."
Auf die Erklärung wäre ich gespannt. Wie soll denn die Tatsache einer 18fachen Erhöhung des Lungenkrebses mit der Senkung des Tabakkonsums zusammen passen?
Prozentual rauchen doch heute Männer sicherlich weit weniger als noch vor 50 Jahren, oder nicht?
Vielleicht hat ja auch Michael Khan wieder eine elegante Lösung des Problems zur Hand. (Ist der Zusammenhang zwischen Parkinson und Bronchialkarzinom in der Studie nicht mitberücksichtigt worden?)
Hallo Herr Khan,
genau, das kann schön möglich sein. Da ich nur den Abstract der Studie kenne kann ich leider auch nicht sagen, inwiefern andere Faktoren durch stat. Analysen ausgeschlossen werden konnten und wo die Forscher einen Bias vermuten (den es ja eigentlich immer irgendwo gibt...).
Insofern ist es erstmal eine Korrelation und keine Kausalität.
Aber interessant allemal......
Ich glaube nicht, dass man aus einer einzigen, und dann auch noch so allgemeinen Zahl wie der Zunahme der Krebshäufigkeit über einen Zeitraum von 100 Jahren irgendetwas Aussagekr'áftiges herleiten kann.
Das hier:
http://en.wikipedia.org/...orrelation_from_NIH.svg
... sind Zahlen über die Anzahl der gerauchten Zigaretten pro Person und Jahr und die Anzahl der Toten an Bronchialkarzinomen pro 100000 Männern in den USA, Quelle: NIH.
Sieht mir nach einen eindeutigen Korrelation aus.
Interessant ist aber auch das hier:
http://de.wikipedia.org/...imestamp=20100226215703
Das heißt, der Lungenkrebs erwischt einen typischerweise spät im Leben.
Nun war aber die mittlere Lebensdauer bei Männern in den USA 1900 bei unter 50, 1950 bei uber 66 und 2005 bei über 75 Jahren.
http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/hus08.pdf#026
Das heißt, wahrscheinlich ist die Anzahl der Toten an Bronchialkarzinomen allein über diesen Zeitraum noch nicht aussagekräftig für die tatsächliche Gefährdungssituation als Funktion des Tabakkonsums. Viele Raucher starben einfach zu früh an anderen Ursachen, als dass das diese Spätfolge des Rauchens sie ereilen konnte.
Ich weiß nicht, ob das elegant ist, aber es erscheint mir doch eine durchaus vertretbare Hypothese angesichts der datenlage.
"wie gut, dass ich rauche, dann bekomme ich kein Parkinson"
Hm. Mittlere Lungenkrebshäufigkeit über 80 pro 100,000 Menschen und Jahr. Davon 90% Raucher. Inzidenz von Parkinson etwa 13 pro 100,000 Menschen und Jahr. Beide Zahlen bezogen auf die Bevölkerung der USA.
Da erscheint die oben zitierte Schlussfolgerung nur sehr eigeschränkt stichhaltig. :-)
Doch, das ist eine sehr elegante Lösung des Problems.
Ich hoffe ja, dass ich trotz Rauchens so betagt und so kohärent wie Helmut Schmidt werde. Aber statistisch scheint das wohl ein frommer Wunsch zu sein...
Ich glaube, man kann hier noch viele Studien und Belege anführen, die die Schädlichkeit des Rauchens beweisen. Darüber muss man eigentlich nicht mehr diskutieren.
Und nochmal: nicht jeder Raucher bekommt ein Bronchial CA, aber die allermeisten der Menschen, die ein Bronchial CA bekommen, sind Raucher.