Wissenslogs Sprachlog

Nachruf auf eine Sprache: Aka-Bo

von Anatol Stefanowitsch, 07. Februar 2010, 07:24

Man schätzt, dass alle ein bis zwei Wochen eine der derzeit noch sechs- bis siebentausend menschlichen Sprachen für immer verschwindet, weil ihr letzter Sprecher oder ihre letzte Sprecherin stirbt. Meistens geschieht das, ohne dass es jemandem auffällt. Aber da inzwischen in vielen Gegenden der Welt Sprachwissenschaftler versuchen, aussterbende Sprachen in einem Wettlauf gegen die Zeit zu dokumentieren, erfahren wir ab und zu davon.

Diese Woche ging der Tod der 85-jährigen Boa Sr., der letzten Sprecherin des Aka-Bo, durch die Medien.

Aka-Bo gehört zum Zweig der groß-andamanischen Sprachen in der Familie der andamanischen Sprachen, die auf den Andamanen vor der Küste von Birma gesprochen werden [Google Maps], und die vermutlich mit keiner anderen heute noch existierenden Sprachfamilie verwandt sind. Von den zehn bekannten Sprachen dieses Zweiges sind neun bereits ausgestorben, nur das A-Pucikwar hat noch 8-10 Sprecher/innen. Dem anderen Hauptzweig der Sprachfamilie, den drei klein-andamanischen Sprachen, geht es etwas besser, aber auch sie werden vermutlich zu den mindestens 2000 Sprachen zählen, die die nächsten fünfzig Jahre nicht überleben: Sie haben zusammen nur noch etwa 450 Sprecher [Lewis 2009].

Wer wissen will, wie das Aka-Bo klang, kann sich hier anhören, wie Boa Sr. über den Tsunami spricht, der 2004 auch die Andamanen traf.

Als Sprecher einer Sprache mit über hundert Millionen Sprechern, einer lebendigen Presse- und Medienlandschaft und einer umfangreichen literarischen Tradition können wir uns kaum vorstellen, wie es sich anfühlen muss, der letzte Sprecher seiner Sprache zu sein und sich sogar mit der eigenen Familie nur noch in einer Fremdsprache austauschen zu können. Natalia Sangama, die letzte Sprecherin des Chamicuro, sagte einem Reporter der New York Times 1999: „Ich träume auf Chamicuro, aber ich kann meine Träume niemandem erzählen. Einige Dinge lassen sich auf Spanisch nicht ausdrücken. Es ist einsam, wenn man die letzte ist.“ [NYTIMES.com 1999] Und Johnny Hill Jr., der letzte Sprecher des Chemehuevi (eines Dialekts des Ute), erzählte den Machern des Dokumentarfilms The Linguists, dass er sich alte Aufzeichnungen inzwischen verstorbener Stammesmitglieder anhört. Und: „Ich spreche meine Sprache mit mir selbst, weil es niemanden gibt, mit dem ich sie sprechen kann“ [NATIONALPOST.com/Knight 2009].

Das Verschwinden einer Sprache ist für die Wissenschaft jedes Mal ein Verlust, denn eine umfassende Theorie menschlicher Sprachen muss auf einer möglichst breiten Datengrundlage beruhen. Es kommt immer wieder vor, dass eine neuentdeckte oder bislang nicht dokumentierte Sprache eine Struktur oder ein grammatisches Merkmal enthält, von dem man bis dahin annahm, dass es unmöglich vorkommen könne. Es ist deshalb wichtig, verschwindende Sprachen möglichst umfassend zu dokumentieren. Dort, wo das geschieht, gibt es außerdem die Möglichkeit, die Sprache wiederzubeleben, falls die Nachfahren der letzten Sprecher nach deren Tod entdecken, dass ihnen mit der Sprache auch ein Stück ihrer kulturellen Identität verloren gegangen ist.

Wer die Dokumentation aussterbender Sprachen unterstützen will, kann das durch eine Spende an die Gesellschaft für bedrohte Sprachen tun.


KRAMER, Seth, Daniel A. MILLER und Jeremy NEWBERGER (2008), The linguists, Ironbound Films. [IMDB, Offizielle Webseite]

LEWIS, M. Paul (Hg, 2009). Ethnologue: Languages of the world, 16. Auflage. Dallas: SIL International. [Link]

NATIONALPOST.com/KNIGHT, Chris (2009), When the spoken word falls silent, National Post, 27. November 2009 [Link]

NYTIMES.com (1999), With world opening up, languages are losers, New York Times, 16. Mai 1999. [Link]

© 2010, Anatol Stefanowitsch



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Kommentare

  1. Michael Boehm Sprachentod kein Schaden
    07.02.2010 | 12:16

    Je weniger Sprachen es gibt um so besser
    sinnvoll wäre es wohl eine wirkliche
    Weltsprache nicht nur zu haben sondern auch durchzusetzen die in Zukunft jeder
    Mensch auch wirklich spricht und schreibt man denke nur mal daran was das für Vorteile hätte könnte sich doch jeder Weltweit!!!
    verständigen die Vorteile einer
    Weltweiten Einheitssprache wären wohl
    enorm nicht nur in finanzieller Hinsicht
    sondern auch was Effetivität betrifft
    man mache sich darüber nur mal Gedanken
    was dann alles überflüssig werden würde
    welcher enorme Arbeitsaufwand sich auf dauer einfach in Luft auflösen würde
    von der "einfachen" Bedienungsanleitung
    in 10 Sprachen bis zum Fremdsprachenunterricht und noch vielem mehr.
    Nachteile? nicht wirklich oder doch?
    der Verlust von unzähligen Überflüssigen Arbeitsplätzen

  2. Matthias Kein Verlust?
    07.02.2010 | 15:05

    Sicher wäre vieles einfacher, wenn alle dieselbe Sprache sprechen würden. Aber offensichtlich ist das Interesse daran nicht vorhanden, sonst hätte sich eine einzelne Sprache längst durchgesetzt.

    Im Hinblick auf die kulturelle Vielfalt wäre es sicher auch ein Verlust, wenn es nur noch eine einzige Sprache gäbe.

  3. Patrick Schulz Was bringt sprachliche Diversität
    07.02.2010 | 15:39

    Im Grunde habe ich schon auf einen Beitrag wie den meines Vorkommentators gewartet. Das ist aber noch nichts gegen die Kommentare auf den BBC-Artikel von „The Linguist“ K. David Harrison über Sprachtod.

    Natürlich sind aus rein wirtschaftlich-globalisierter Sicht zu viele (i.e. mehr als eine) Sprachen hinderlich. Doch wenn man seinen Blick mal von solchen schlimmen Dingen wie Wirtschaft abwendet merkt man schnell, dass es daneben noch mehr gibt, was sprachliche Vielfalt fördern kann: Der Drang sich von Anderen abzugrenzen, beispielsweise. Man denke an Jugendsprache, wie auch immer sie aussehen mag. Oder eine bewusst gehobene Sprache um sich von wer-auch-immer-da-unten-ist abzuheben. Oder Rotwelsch (oder wegen mir Navaho), wenn man was zu verbergen hat. Die Gründe für's abgrenzen sind vielfältig.

    Auch glaube ich kaum, dass es je irgendwem geschadet hat, eine oder mehrere Fremdsprachen zu erlernen, und wenn man der Populärwissenschaft glauben schenken will, soll es ja sogar dem Geiste förderlich sein, fremdsprechen zu können… (zumindest solange man dafür nicht seine Muttersprache aufgibt)

    Davon abgesehen ist „Sprache“ etwas sich so rasant entwickelndes, dass zwar in 100 Jahren nur noch 100 Sprachen gesprochen werden, es aber in 200 Jahren wieder 1000 sein werden, auch wenn man vielleicht nur 10 zählen wird -- soviel zum Thema „Die Vorteile von globalem Monolingualismus“

    Oder gehen wir ganz linguistisch-egozentrisch an die Sache ran: Wenn es nur noch eine Sprache gäbe wären wir niemals in der Lage, die vollständige Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu entschlüsseln, weil wie einfach nicht wissen werden, welche formalen Strukturen es zu bilden in der Lage ist (sage ich, der ich aus einer generativen Schule komme oO ).

    Und auch, wer historisch interessiert ist, wird um das Studium von Sprache nicht herumkommen: Wie sollen wir etwas über vergangene Kulturen lernen, wenn keiner die Sachen versteht, die sie uns sprachlich hinterlassen haben?

    Mir ist aber schon klar, dass das alles Sachen sind, die einen primär wirtschaftlich denkenden Menschen nicht wirklich interessieren. Deswegen kann er auch nichts aus der Vergangenheit lernen und macht stur so weiter, wie er es gewohnt ist, auch wenn er dadurch schnurstracks in den Abgrund latscht.

    So, genug aufgeregt für heute…

  4. suz kein Betreff
    07.02.2010 | 16:17

    Die von (leider) von vielen Menschen geteilte Meinung "weniger Sprachen sind besser/konfliktfreier/effektiver/..." lässt viel zu häufig ein eurozentrisches Weltbild vermuten: die weit verbreitete Monolingualität in unserer westlichen Welt ist global gesehen die Ausnahme - und damit lasse ich bewusst die Bi- und Multilingualität einiger außer acht, denn nach wie vor ist Monolingualität in mindestens den ersten zehn Jahren eines Menschen in der westlichen Welt die Regel, und darüber hinaus bleiben die meisten von uns abgesehen von ein paar in der Schule gelernten FREMDsprachen meist Monolingual.

    Weltweit gesehen ist Bi- und Multilingualität von einem frühen Alter an die Regel. Die meisten Menschen in Afrika und Asien sprechen zwei oder mehr Sprachen, und zwar ihr Leben lang und in unterschiedlichen Funktionen, nicht nur die gebildete Elite ihres Landes, nicht nur im "Urlaub" oder mit ihren Geschäftspartnern. Dies gilt besonders für multilinguale Gesellschaften in Indien, Malaysia oder Indonesien, nur um mal einige zu nennen. Im Vergleich zu Indien sind wir in der EU ja noch unglaublich gut bedient :)

    Darüber hinaus hat man in der Geschichte ja schon oft gesehen, wozu gewaltsam durchgesetzte Monolingualität führen kann - Spanien, Balkan, Sovietunion, um nur mal Europa anzuführen. Sprache ist nicht nur für den Austausch von Gütern und deren Effizienz da.

    Wir werden den Rückgang der Sprachenvielfalt nicht aufhalten können (interessiere mich selbst sehr für Sprachdokumentation usw. und muss dementsprechend viel Skepsis meiner Umwelt "ertragen"), zu bedauern ist sie sehr. Nur weil uns in Europa EINE Sprache den Übersetzungsapparat der EU einsparen würde, heißt das nicht, dass wir unser monolinguales Ideal auf die Welt übertragen können. Das ist eine sehr undifferenzierte und bevormundende Einstellung.

  5. MisterBernie kein Betreff
    07.02.2010 | 18:39

    @suz: Rein bürokratiestechnisch übertrifft die EU inzwischen Indien; Indien hat 22 Sprachen im "Eight Schedule" und zwei Arbeitssprachen, die EU inzwischen 23 Amtssprachen (ohne den Halbstatus von Katalnisch, Galizisch und Baskisch) und drei Arbeitssprachen.

    Zum Thema selbst kann ich mich nur der Meinung, dass eine höhere Wirtschaftlichkeit der Einsprachigkeit nicht die kulturelle Verarmung wert ist, nur anschließen.
    (Ganz abgesehen davon finde ich die Vorstellung von hunderten Lojban-Dialekten* o.ä. in ein paar Generationen leicht furchteinflößend >_> )

    *Wenn schon Weltsprache, dann eine, die für jedermann gleich schwierig ist.

  6. kreetrapper kein Betreff
    07.02.2010 | 19:11

    Ich freue mich sehr, daß das "neue" Sprachlog in letzter Zeit so rege ist. Und besonders freue ich mich über Artikel wie diesen, in denen es zur Abwechslung mal nicht um Sprachkritikkritik geht. Auch wenn ich dieser ihre Berechtigung nicht absprechen will, aber zuviel desselben wird dann eben doch irgendwann langweilig.

    Da mich dieses Thema zur Abwechslung sogar mal beruflich betrifft, nutze ich die Gelegenheit und weise Interessierte einfach mal auf das DoBeS-Programm der Volkswagen-Stiftung hin. Hier widmet sich ein Haufen emsiger Linguisten der Dokumentation Bedrohter Sprachen (=DoBeS) und zumindest einen Teil der so entstandenen Videos und Tonaufnahmen kann man sich auch direkt im Internet anschauen.

  7. suz kein Betreff
    07.02.2010 | 19:31

    @MisterBernie: da gebe ich Ihnen Recht, wobei es mir weniger um die offiziellen Amtssprachen, als vielmehr um die linguistische Vielfalt der Gesellschaft an sich ging. Darüber hinaus ging es mir lediglich um Beispiele, die verdeutlichen sollten, dass unser eurozentrisches Modell von "ein Land, eine Sprache" global gesehen doch eher etwas mickrig ist. (Wobei es, wenn Sie die EU ansprechen, natürlich viel Diskussionsstoff gibt - ob es denn "sinnvoll" ist, jedes Dokument für wenige zehntausend Sprecher in Irisch zu übersetzen, die ja vermutliche alle zweisprachig sind - vom rein ideologischen Standpunkt her finde ich das aber richtig. Die EU definiert sich vielsprachig.)

    Wir mögen in Europa zwar - je nach Bildungsgrad - Zwei- oder Mehrsprachigkeit leben, aber für die meisten bleiben es FREMDsprachen, in vielen anderen Regionen der Erde sind viele aber Sprecher mehrerer MUTTERsprachen, und zwar durch alle Schichten. Darum ging es mir hauptsächlich.

  8. CAL Thanks God...
    07.02.2010 | 19:51

    Wer weiß, was uns allen noch abgehen würde, wenn es das beliebte Internet nicht gäbe.

  9. Michael Boehm da war ich wohl etwas zu Provokativ
    07.02.2010 | 21:07

    ja ich bin ein primär wirtschaftlich denkender Mensch vor allem im Bezug auf Arbeitszeiteinsparung was wohl an meiner früheren Tätigkeit in einem Arbeitsbereich lag wo Zeit eine sehr wichtige Rolle spielte zudem war mein Kommentar eng mit dem Gedanken von Fremdsprachigen Arbeitsaufträgen verknüpft die niemand wirklich lesen konnte aber dennoch ausgeführt werden sollten und mir schon so manchen Nerv gekostet haben und ich rede nicht von Englisch und für einen primär wirtschaftlich denkenden Menschen wäre es fatal nichts aus seiner Vergangenheit zu lernen und einfach so weiter zu machen wie er es gewohnt ist das Gegenteil ist der Fall ständiger Zwang sich anzupassen zu reagieren und zu verändern. Ich bitte meinen "Kurzschlusskomentar" zu entschuldigen.

    Die derzeitige Sprachenvielfalt wird sich weiter vermindern - eine neue Sprachenvielfalt wohl kaum noch entstehen. Vielleicht wäre es mit einer globalen Einheitssprache als Primärsprache und der Muttersprache als "Fremdsprache" getan um einen Mittelweg zu haben damit die kulturelle Vielfalt nicht Verloren geht? Als primär wirtschaftlicher Mensch und aufgrund meiner Erfahrungen sehe ich - muss ich leider zugeben vorrangig den enormen Wirtschaftlichen Kostenfaktor und "Einsparungspotenzial" das wurde mir leider wärend meines Arbeitslebens "antrainiert".

  10. Peter Jakob Sprachentod / Einheitssprache
    08.02.2010 | 18:04

    Es ist sicher schön eine Sprache zu haben, die alle Menschen gut beherrschen. Denoch ist der Tod jeder Sprache ein Verlust. Und die Einsamkeit der Letzten einer solchen Sprache rührt mich an.
    Eine Sprache ist auch ein Speicher kollektiver Kreativität eines Volkes.
    Es wäre auch ökonomischer nur eine Blumensorte zu züchten, aber es die Erde wäre sicher ärmer.
    Bitte drescht nicht so aufeinander ein!

  11. VP kein Betreff
    09.02.2010 | 13:15

    @Michael Boehm: Auch aus wirtschaftlicher Sicht kann man eine rege Sprachenvielfalt als sehr gewinnbringend betrachten, nämlich wenn es darum geht, diese zu nutzen, um die Funktionsweisen des menschlichen Geistes zu ergründen (hat Patrick Schulz ja schon weiter oben angedeutet). Darum geht es nämlich der Linguistik unter anderem. Es ist nicht einfach "nur" ein kultureller Verlust, wenn eine Sprache ausstirbt, sondern jede einzelne Sprache verrät uns mehr darüber, wie der Mensch als geistiges Wesen 'funktioniert'. Und das wiederum lässt sich doch prima wirtschaftlich ausschöpfen und sei es nur in Coachings. Aber vorallem auch in der Entwicklung neuer Technologien, die die Mensch-Maschine-Kommunikation vorantreiben, Stichwort: Künstliche Intelligenz. Das eröffnet ganz neue Geschäftsfelder und Märkte.

    Natürlich sollte die Wissenschaft nicht für die Wirtschaft arbeiten, sondern immer unabhängig bleiben, aber dennoch arbeitet sie ihr indirekt zu und das ist doch der Punkt, der die Wissenschaft und auch deren Datengrundlage (in dem Fall die Sprachen der Welt) für sie interessant macht.

  12. Lars von Karstedt Wirtschaftliche Universalsprache
    09.02.2010 | 13:22

    @Michael Boehm
    Ihnen wurde also „leider wä[h]rend [Ihres] Arbeitslebens 'antrainiert'“, alles dem Primat der Wirtschaftlichkeit unterzuordnen. Offensichtlich bedauern Sie dies sogar. Ich habe aber den Eindruck, dass dieses Training in Sachen Wirtschaftlichkeit nicht hundertprozentig erfolgreich war und Sie sich einen Rest an Individualität bewahren konnten; das legt zumindest Ihr Schreibstil nahe.
    Oder aber es erscheint Ihnen wirtschaftlich, Ihre Gedanken so aufzuschreiben, wie sie Ihnen gerade durch den Kopf gehen und dabei beispielsweise weitestgehend auf die Verwendung von Satzzeichen zu verzichten. Für den Leser bringt dies hingegen einen Mehraufwand mit sich. In kommunikativer Hinsicht ist da also kein „wirtschaftlicher“ Vorteil entstanden.
    Dies offenbart aber auch, dass „Wirtschaftlichkeit“ kein besonders aussagekräftiges Konzept ist, wenn es um Sprache, ihre Verwendung und ihre Funktionen geht.

    Zur „Universalsprache“ ist aus sprachhistorischer Sicht anzumerken, dass eine solche den gleichen Veränderungsprinzipien unterworfen wäre, wie jede andere Sprache auch. Es würden sich also eher über kurz als über lang verschiedenste Sprachregister bis zu Dialekten und schließlich verschiedene Sprachen herausbilden (hierzu kann ich wärmstens Jean Aichisons 'Language change: progress or decay? Cambridge, 2006' als einführende Literatur empfehlen). Die Weltsprache Englisch ist beispielsweise wesentlich uneinheitlicher als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Britisches, amerikanisches, indisches und australisches Englisch hören sich nicht nur unterschiedlich an, es können sich hinter den gleichen Wörtern auch unterschiedliche gedankliche Konzepte verbergen. Das führt dann dazu, dass die Sprecher nur GLAUBEN, sie würden sich gegenseitig verstehen. Dies gilt natürlich in besonderem Maße für die Alltagssprache. Kleines Beispiel aus dem US- und dem kanadischen Englisch: „to be pissed“ bedeutet in New York State soviel wie „genervt sein/von etwas angekotzt sein“, in Alberta bedeutet es hingegen „betrunken sein“. Wenn man bedenkt, dass die (west-)kanadische Alltagskultur eine Vielzahl an Berührungspunkten mit der US-Alltagskultur hat, so kann man sich leicht ausmalen, was passiert, wenn es um Varianten einer Sprache geht, deren Sprecher nicht Tür an Tür leben.
    Vor dem Hintergrund sprachhistorischer Forschung ist die utopische Vorstellung, dass eine weltweit einheitliche Sprache von dauerhaftem Nutzen (und Bestand) wäre, nichts anderes als – eben eine Utopie.

  13. hanswerner Noch ein Beispiel
    09.02.2010 | 22:25

    @ Lars von Karstedt

    Irgendwann in den 70er Jahren kaufte ich mir ein Büchlein, ich glaube "What's the difference" war der Titel, in dem zahllose Beispiele für Bedeutungsunterschiede des selben Wortes im AE und BE angeführt wurden. Viele waren durch kleine Anekdoten ausgeschmückt. Eine ist mir im Gedächtnis hängen geblieben: Ein Engländer bemerkt in einem Gespräch über einen gemeinsamen Bekannten einem Amerikaner gegenüber: "He was my fag at Eton." Wobei der Amerikaner bei sich denkt: "My god, they are frank, those English."
    Wie ich eben bei Wikipedia gelesen habe, ist "fagging" in den 80er Jahren abgeschafft worden.

  14. Armin Verstaendigungsprobleme
    10.02.2010 | 00:12

    @ hanswerner

    Das "Verstaendigungsproblem" mit "fag" gibt's aber auch heutzutage noch:

    Im Britischen Englisch ist "fag" ein umgangssprachlicher Begriff fuer eine Zigarette, "he's gone for a fag" heisst so viel wie "Er ist eine rauchen gegangen".

    Gib' die Antwort mal einem Amerikaner der mit dem Begriff bzw der Redewendung nicht vertraut ist wenn er nach jemanden fragt...

  15. Martin Holland Trackback | fingolas.blogspot.com
    10.02.2010 | 07:18

    [...]Vergangene Woche ist der Stamm der Bo auf den Inseln der Andamanen endgültig ausgestorben[...]

  16. Martin Huhn @ Holland
    10.02.2010 | 09:00

    Wir hatten gestern Abend/Nacht auf unseren neuen Webserver umgestellt. Daher hat es mit dem Trackback nicht geklappt. Das wird aber bald wieder funktionieren.

  17. Patrick Schulz @Holland
    10.02.2010 | 10:37

    Das Stille-Post-Prinzip funktioniert noch immer: Nicht der Stamm ist ausgestorben, sondern die Sprache, die nach dem Stamm benannt wurde.

    Aber man kann natürlich streiten, ob beides einher geht…

  18. Achim Verständnisprobleme
    15.02.2010 | 17:14

    @Lars von Karstedt:

    Das führt dann dazu, dass die Sprecher nur GLAUBEN, sie würden sich gegenseitig verstehen.

    Eben. Das größte Problem in der deutsch-östereichischen Verständigung ist die gemeinsame Sprache. Hab ich vor einigen Jahren beruflich selbst erlitten.

    Andererseits frage ich als gebürtiger Schleswig-Holsteiner mich manchmal, ob das Gewese um friesischsprachige Ortsschilder etc. nicht doch ein bisschen doll ist. Rein zahlenmäßig kommt Friesisch (alle Dialekte zusammen) in Schleswig-Holstein inzwischen weit hinter Türkisch. Aber der Status von Einwanderersprachen ist nun wirklich ein anderes Thema

  19. Gerhard kein Betreff
    01.03.2010 | 12:27

    Warum sollen eigentlich einzelne Sprachen schutzwürdig sein, während gleichzeitig die Versuche, einen bestimmten Sprachstand zu bewahren (durch die sog. Sprachnörgler), angeblich lächerlich (oder zumindest völlig unnütz) sein sollen. Es würde mich wirklich interessieren, wie dieser (scheinbare?) Widerspruch aufzulösen ist.

  20. David kein Betreff
    01.03.2010 | 17:40

    Im einen Fall geht es um Sprachen, im andern Fall um einen arbiträren Sprachstandard, wie sie ja selbst schreiben.

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