Wissenslogs Sprachlog

Sprachverbote

Anatol Stefanowitsch | 23. April 2010, 15:52

Ich versuche normalerweise, alles zu ignorieren, was Josef Joffe von sich gibt. Er schafft es immer wieder, uninformiert kontroverse Meinungen zu vertreten (der Irak-Krieg ist gut, Klimawandel existiert nicht, das Internet böse und Printjournalismus ist immer Qualitätsjournalsimus), ohne dabei irgendetwas Interessantes zu sagen. Aber manchmal klicke ich aus Versehen auf einen Link auf eine seiner Kolumnen, und wenn ich erst einmal angefangen hat, zu lesen, überkommt mich eine derartig bleierne geistige Trägheit, dass ich nicht aufhören kann, bis der Text zu Ende ist.

In einer aktuellen Kolummne geht es ums Thema Sprache, speziell zu „Denk- und Sprechverboten“. In typischer Joffe-Manier mäandert die Kolumne vor sich hin und es bleibt, wie so oft, unklar, worauf er eigentlich hinauswill, außer, dass irgendwie die Postmoderne, die Political Correctness und der Multikulturalismus an allem Schuld sind.

Er vermischt munter völlig verschiedene Arten von Sprachregelungen und Sprachverboten, vom alttestamentarischen Verbot, den Namen Gottes auszusprechen über das Verbot der Majestätsbeleidigung bis hin zum Verbot der Volksverhetzung und von Euphemismen über politisch korrekte Sprache bis hin zu Orwells Neusprech. Alles interessante Themen und Grund genug für mich, mich einmal selbst mit diesen Sprachregelungen auseinanderzusetzen, und sei es nur, um wieder wach zu werden.  (weiter)

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Deutsch im Außendienst

Anatol Stefanowitsch | 25. März 2010, 18:30

Besonders spannend ist es nicht, aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich müsste ein paar Worte dazu sagen: Seit ein paar Tagen wird in der deutschen und europäischen Presse ein Brief des deutschen Außenministers Guido Westerwelle an die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik Catherine Ashton diskutiert, in dem es um die Rolle der deutschen Sprache im derzeit in der Planung befindlichen Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) gehen soll. Viel genauer kann ich es nicht sagen, denn der Text des Schreibens ist nicht öffentlich. Ich habe versucht, ihn direkt vom Auswärtigen Amt zu erhalten, aber man möchte den Inhalt des Briefes dort nicht öffentlich machen, angeblich, um die Verhandlungen um den EAD nicht zu gefährden. Warum es keine Gefahr ist, dass der Brief in der Presse breitgetreten wird, erschließt sich mir nicht, aber sei’s drum. Grob gesagt scheint es in dem Schreiben darum zu gehen, dass bei der Einstellung für den EAD deutsche Sprachkenntnisse vorgeschrieben bzw. Bewerber/innen mit solchen Kenntnissen bevorzugt behandelt werden sollen: (weiter)

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Respektlose Lehnwörter

Anatol Stefanowitsch | 04. Februar 2010, 11:16

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer ist schon öfter durch eine Abneigung gegen englisches Wortgut aufgefallen. Im letzten Jahr strich er zum Beispiel aus dem Wahlprogramm der CSU die „Anglizismen“ heraus und begründete dies mit den Worten: „Wie will man in Deutschland etwas politisch umsetzen, wenn man es nicht mal auf Deutsch sagen kann?“ [PNP.de/Kain 2009]. Andererseits scheint er kein Eiferer zu sein: Ende 2008 sprach er sich dagegen aus, Deutsch als „Staatssprache“ im Grundgesetz zu verankern [DONAUKURIER.de/Rücker 2008].

In den letzten Tagen hat er durch anti-anglizistische Verordnungen für sein Ministerium von sich reden gemacht:

Er erließ für sein Haus ein striktes „Denglisch“-Verbot, also die Vermischung deutscher und englischer Begriffe, berichtete die „Bild“-Zeitung. So heißt das „Travel Management“ im Verkehrsministerium künftig wieder „Reisestelle“.

Statt „Task Forces“ arbeiten bei Ramsauer jetzt wieder „Projektgruppen“. Und statt zum „Inhouse Meeting“ kommen die Ministerialbeamten nun zum „hauseigenen Seminar“ zusammen. „Ich will, dass im Haus wieder mehr deutsch gesprochen wird“, sagte Ramsauer der Zeitung mit Blick auf seine Deutsche-Offensive im eigenen Haus. [WELT.de]

Diese Maßnahmen erscheinen mir nicht übermäßig kontrovers. Wie selbst Sprachnörgler schon verwundert feststellen mussten, versuche auch ich, Fremdwörter zu vermeiden, wenn es weit verbreitete und im Zusammenhang angemessene deutsche Alternativen gibt. Ich tue das nicht aus Angst vor einer Überschwemmung des Deutschen mit fremdem Wortgut, sondern um zu zeigen, wie sprachgewandt und gebildet ich bin.  (weiter)

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Englisch vor Gericht

Anatol Stefanowitsch | 01. Februar 2010, 10:14

Obwohl es sich die Leser/innen meines alten und auch neuen Blogs manchmal anders wünschen, beschäftigt sich ein ansehnlicher Teil meiner Beiträge mit den Sprachkritikern, die häufig den öffentlichen Diskurs über Sprache dominieren. Zum einen wäre es aus meiner Sicht ein großer Fehler, ihnen unwidersprochen das Feld zu überlassen, zum anderen fasziniert mich die überhitzte irrationale Rhetorik, mit der sie bei den nichtigsten Anlässen um sich werfen.

Ein Lehrstück sprachkritischer Redekunst und Logik bietet eine Presseerklärung des Vereins Deutsche Sprache (VDS) vom 11. Januar 2010 mit dem leicht größenwahnsinnigen Titel „Sprachschützer greifen Justizminister an“. Anlass für diese Presseerklärung sind aktuelle Pläne der Justizminister von Nordrhein-Westfalen und Hamburg, die die Voraussetzungen schaffen sollen, um internationale Wirtschaftsprozesse vor deutschen Gerichten in Zukunft bei einem entsprechenden Wunsch der Prozessparteien in englischer Sprache zu verhandeln. Auf diese Art sollen, wie die FAZ schon am 8. Januar 2010 erläuterte, der Justizstandort Deutschland gestärkt und die Interessen deutscher Firmen besser gewahrt werden:  (weiter)

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Unverständnis auf Deutsch

Anatol Stefanowitsch | 26. Januar 2010, 01:07

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war Latein die Sprache der Wissenschaft. Galileo Galilei, Johannes Kepler und Tycho Brahe verfassten ihre Hauptwerke nicht in italienischer, deutscher oder dänischer Sprache, sondern in lateinischer. Das ermöglichte ihnen, ihre Ideen schnell und direkt nachvollziehbar auszutauschen, sie zu kritisieren oder darauf aufzubauen.

Das Tempo der wissenschaftlichen Forschung und der Grad ihrer internationalen Vernetzung haben sich seitdem drastisch erhöht, und der freie Austausch von Ideen ist unverzichtbarer denn je. Wissenschaftlicher Fortschritt wäre schlicht nicht möglich, wenn Forscher jahre- oder auch nur monatelang auf Übersetzungen warten oder sprachkundige Kolleg/innen bitten müssten, Ihnen bei der Lektüre der Flut wissenschaftlicher Veröffentlichungen behilflich zu sein. (weiter)

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