Wissenslogs Sprachlog

Erfolgte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung auf Deutsch?

Anatol Stefanowitsch | 18. März 2010, 10:15

Ist gerade Vollmond, oder was lockt die VDS'ler in Scharen unter den Steinen hervor, unter denen sie normalerweise leben? Nach dem reizenden Kommentar, den Regionalleiter Lietz mir am Wochenende hier hinterlassen hat, finde ich heute morgen diese deutlich höflicher und orthografisch korrektere E-Mail in meinem Postfach:

Sehr ungeehrter Juniorprofessor! Als Englischprofessor ist Ihnen die deutsche Sprache natürlich nichts wert, mit ihr können Sie sich nicht brüsten. Wer befangen ist, sollte einfach schweigen! Für einen Professor sind Sie außerdem ziemlich ungebildet. Sie müssten wissen, daß Deutsch fast Amtssprache der USA geworden wäre und daß sogar die amerikanische Unabhängigkeitserklärung zuerst auf Deutsch veröffentlicht wurde. http://vds-ev.de/verein/aha/aha.php Mit unfreundlichen Grüßen, Holger (Mitglied beim VDS)

Ehrlicherweise muss ich dazu sagen, dass ich nicht beurteilen kann, ob es sich beim Autor wirklich um ein VDS-Mitglied handelt. Die E-Mail ist über einen anonymen E-Mail-Dienst verschickt worden und „Holgers“ angebliche E-Mail-Adresse scheint nicht zu existieren. Die Anrede „Juniorprofessor“ deutet allerdings auf ein VDS-Mitglied hin, da man im Forum des VDS der irrigen Meinung ist, ich sei Juniorprofessor und da mich schon des öfteren nachvollziehbar authentische VDS-Mitglieder so angeschrieben haben. (weiter)

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Von der Rechtschreibprüfung in die Provinz verbannt

Anatol Stefanowitsch | 13. März 2010, 01:10

Ich bin ein großer Freund der „Korrektor“-Software aus dem Hause Duden, die es als Plug-In für OpenOffice.org und StarOffice gibt und der neben einer sehr guten Rechtschreibprüfung und einer sehr flexibel einstellbaren Silbentrennung auch eine passable Stil- und Grammatikprüfung bietet. Noch schöner wäre es, wenn man das Plug-In auch unter Firefox verwenden könnte, aber ich bin auch so zufrieden.

Nur eine Sache irritiert mich sehr. Jedesmal, wenn ich das Wort Bremen tippe, und das ist nun einmal relativ häufig, unterstreicht der Korrektor es mit einer blauen Linie: (weiter)

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Die Deutsche Bahn, Bewahrerin der englischen Sprache

Anatol Stefanowitsch | 08. März 2010, 08:41

Ich bin ja zurzeit viel mit der Deutschen Bahn unterwegs und nutze, um die Reisezeit optimal zu verwerten, die Durchsagen als Forschungsobjekt. Deshalb habe ich mich natürlich besonders über den aktuellen Beitrag in Kristin Kopfs „Schplock“ gefreut, in dem sie sich mit einer Besonderheit des Bahnenglisch befasst, die deutlich interessanter ist als die Frage, ob „Call-a-Bike“ besser „Ruf-ein-Rad“ heißen sollte:

Fast jedes Mal, wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, fällt mir eine kleine Eigenheit im Bahnenglisch auf: “Ladies and Gentlemen, we arrive Berlin-Spandau ...“ Die Wendung scheint fest zu sein, äußerst selten höre ich Varationen mit einer Präposition, die to arrive ja eigentlich fordert: Man kann nur at (oder in) arriven, nackt ist das Verb nicht brauchbar. Ganz abgesehen davon, dass die Verbform eine andere sein müsste (we will be arriving ...).

Die Frage der Verbform würde ich etwas differenzierter sehen. Der grammatische Kontext ist ja normalerweise In a few minutes, we arrive... oder We arrive ... at 19:47, und da wäre es vorstellbar, dass die intendierte Aussage eine habituelle sein soll, also etwa „Zum Zeitpunkt X erreichen wir immer/jeden Tag ...“. In diesem Fall wäre die Form we arrive annehmbar. Wenn das spezifische Ereignis des Ankommens an diesem einen Tag um diese eine Zeit gemeint ist, dann wäre ein Futur nötig, entweder in der Verlaufsform, wie Kristin vorschlägt, oder in der einfachen Form, also we will arrive.... Tatsächlich könnte das we arrive einfach ein undeutlich ausgesprochenes einfaches Futur sein: we’ll arrive.

Aber um die Zeitform geht es ja auch gar nicht, es geht um die Frage, ob arrive ein direktes Objekt erlaubt (We arrive [Objekt Berlin-Spandau]), oder ob das Ziel als adverbiale Ergänzung in Form einer Präpositionalphrase benannt werden muss (We arrive [Adverbial at/in Berlin-Spandau]). Kristin geht davon aus, dass ein direktes Objekt nicht möglich ist, und erklärt den Fehler als Interferenz aus dem Deutschen:  (weiter)

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Weltliterarische Illusionen

Anatol Stefanowitsch | 05. März 2010, 09:56

Die „Aktion Lebendiges Deutsch“, bei der vier Obersprachnörgler jeden Monat nach Alternativen für englische Lehnwörter suchen, scheint zu schwächeln. Seit Ende November steht auf der Webseite der Aktion unverändert folgender Aufruf:

Von „Statements“ werden wir umzingelt, Feststellungen also, mehr oder weniger wichtigen Verlautbarungen, zumal von Politikern. Sollte sich dafür nicht ein schlichteres, ein saftiges deutsches Wort finden lassen? Angebote bitte bis 18.12.2009.

Die deutsche Sprache würde es verkraften, wenn die Aktion einschliefe, aber für mich wäre es eine mittlere Katastrophe: Ich konnte die ganzen letzten Jahre immer darauf bauen, dass die Aktion mir einmal im Monat Stoff für mein Blog liefern würde.

Da mir diese Inspiration nun fehlt, musste ich die Webseite der Aktion nach anderen Themenanregungen durchforsten. Und natürlich wurde ich schnell fündig: Hinter der Verknüpfung Weltliteratur verbirgt sich das passende Gegenstück zu den sprachlichen Untergangsphantasien der Sprachnörgler: kultureller Größenwahn. Unter dem Titel „Das Sammelbecken der Weltliteratur?“ wollen uns die Aktioneure weismachen, dass man als kulturell und literarisch interessierter Mensch eigentlich nur eine einzige Sprache kennen muss: Deutsch. (weiter)

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Verzählt

Anatol Stefanowitsch | 27. Februar 2010, 20:45

Da wende ich dem Wissenschaftsfeuilleton nur kurz den Rücken zu, um mich ein paar Tage lang auf einer der wichtigsten Konferenzen der deutschen Sprachwissenschaft herumzutreiben, und verpasse dabei glatt die sprachwissenschaftliche Sensation des Jahrhunderts. Holger Dambeck weiß auf Spiegel Online nämlich Folgendes zu berichten:

So sehr sich amerikanische und europäische Kinder in Mathe-Tests anstrengen – ihre Altersgenossen aus China sind besser. Dank eines einfacheren Zahlensystems können sie schon früh besser zählen und rechnen. Sprachforscher glauben, dass die Methodik auch deutschen Kindern helfen würde. [SPIEGEL.de/Dambeck 2010]

Bevor ich erklären kann, was daran eine Sensation wäre, muss ich erklären (wie es auch der Artikel tut), was mit einem „einfacheren“ Zahlensystem gemeint sein soll: nämlich ein System sprachlicher Ausdrücke, das sich möglichst streng an der Dezimalschreibweise orientiert. In dieser Schreibweise gibt es, wie wir alle wissen, eigene Symbole für die Zahlen von Null bis Neun, ab der Zehn werden alle Zahlen als Kombination dieser Symbole geschrieben, in der Einer, Zehner, Hunderter, usw. in absteigender Reihenfolge genannt werden. Die Zahl „Einhundertfünfzehn“ etwa wird 115 geschrieben, was ja soviel heißt wie „Ein Mal Hundert, und ein Mal Zehn, und fünf Mal eins“. (weiter)

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Unterwegs

Anatol Stefanowitsch | 21. Februar 2010, 14:38

Ich komme gerade von einer Konferenz aus Kiel und sitze im Zug nach Nürnberg. Von da aus muss ich in eine kleine Universitätsstadt in der Nähe, wo ich einen Tag lang zu tun habe bevor ich auf die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft in Berlin weiterfahre. Kurz danach muss ich dann schon nach Mannheim auf die Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache; vorher schaue ich vielleicht noch auf dem jährlichen Treffen der SciLogger vorbei, um meine neuen Mitblogger/innen persönlich kennenzulernen. (weiter)

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Die Spiegelung eines Plagiats in der Erschaffung von Wörtern

Anatol Stefanowitsch | 13. Februar 2010, 11:17

Ich wollte nicht noch einmal auf den Fall Hegemann zurückkommen. Die ganze Angelegenheit wirkt mir inzwischen zu inszeniert -- die völlige Abwesenheit eines Unrechtsbewusstseins, die die Plagiatorin in jedem Interview demonstriert, die schmunzelnde Komplizenschaft des Feuilletons und das Beharren auf dem literarischen Talent der Plagiatorin mit dem immer gleichen Argument, dass Abschreiben „im Internet“ nun einmal normal und im Falle Hegemann sowieso eine Kunstform sei, das trotzige Festhalten an der Nominierung des Plagiats für den Preis der Leipziger Buchmesse. (weiter)

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Verstrahlte SMS-Kürzel [Wiederabdruck]

Anatol Stefanowitsch | 11. Februar 2010, 12:45

Wiederabdruck aus dem Bremer SprachblogDie Ergebnisse der Auslese 2009 sind da, und das Bremer Sprachblog ist unter den Gewinnern. Der Beitrag „Verstrahlte SMS-Kürzel“ wurden von der Jury sogar als einer von zwei „absoluten Favoriten“ ausgewählt. Das freut mich natürlich unglaublich, denn Anerkennung ist das Beste, was einem als Wissenschaftsblogger passieren kann. Die anderen Sieger gehören für mich zu den Wegweisern der deutschen Wissenschaftsbloglandschaft und zur täglichen Lektüre und ich bin stolz darauf, mich in ihrer Gesellschaft wiederzufinden. Zur Feier des Tages möchte ich den Beitrag hier noch einmal „abdrucken“. (weiter)

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Intertextuelle Illusionen

Anatol Stefanowitsch | 10. Februar 2010, 09:55

Eine Siebzehnjährige schreibt einen Roman, der inhaltlich und sprachlich weit über ihren Erfahrungshorizont hinausgeht. Da es um Sex und Drogen geht und die Siebzehnjährige blond und – nun ja, siebzehn ist, kann sich das deutsche Literaturfeuilleton kaum einkriegen vor erregten Lobpreisungen. Sie bescheinigen ihr eine „ernste Wildheit, die in eine expressive Sprachgewalt drängt“ (Saarbrücker Zeitung), bezeichnen das Buch als „literarischen Kugelblitz“ (Die ZEIT) und „großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und behaupten ohne Ironie, dass sich „wohl alle deutschsprachigen Romandebüts [an ihm] messen lassen müssen“ (Tagesspiegel).

Dann stellt sich -- eigentlich wenig verwunderlich -- heraus, dass der Roman „Axolotl Roadkill“ nicht nur jenseits des sprachlichen und inhaltlichen Erfahrungshorizonts der Verfasserin Helene Hegemann liegt, sondern auch jenseits ihrer sprachlichen und erzählerischen Fähigkeiten: Sie hat Teile daraus aus dem Roman „Strobo“ des Autors Airen abgeschrieben, wie Deef Pirmasens in seinem Blog Gefühlskonserve zeigt.

Wie gesagt, es verwundert mich nicht. Natürlich gibt es literarische Wunderkinder; man denke an Jonathan Safran Foer, der gerade einmal 24 war, als sein überwältigendes Debüt Everything is Illumniated (dt. „Alles ist erleuchtet“) erschien. Nur schreiben die üblicherweise über Dinge, von denen sie etwas verstehen. Wenn jemand über Dinge schreibt, von denen er oder sie nichts wissen kann, sollte man stutzig werden (diese Strategie verwende ich seit Jahren erfolgreich, um Plagiarismus in Seminar- und Examensarbeiten aufzuspüren). (weiter)

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Nachruf auf eine Sprache: Aka-Bo

Anatol Stefanowitsch | 07. Februar 2010, 07:24

Man schätzt, dass alle ein bis zwei Wochen eine der derzeit noch sechs- bis siebentausend menschlichen Sprachen für immer verschwindet, weil ihr letzter Sprecher oder ihre letzte Sprecherin stirbt. Meistens geschieht das, ohne dass es jemandem auffällt. Aber da inzwischen in vielen Gegenden der Welt Sprachwissenschaftler versuchen, aussterbende Sprachen in einem Wettlauf gegen die Zeit zu dokumentieren, erfahren wir ab und zu davon.

Diese Woche ging der Tod der 85-jährigen Boa Sr., der letzten Sprecherin des Aka-Bo, durch die Medien. (weiter)

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