Anatol Stefanowitsch | 10. Februar 2010, 09:55
Eine Siebzehnjährige schreibt einen Roman, der inhaltlich und sprachlich weit über ihren Erfahrungshorizont hinausgeht. Da es um Sex und Drogen geht und die Siebzehnjährige blond und – nun ja, siebzehn ist, kann sich das deutsche Literaturfeuilleton kaum einkriegen vor erregten Lobpreisungen. Sie bescheinigen ihr eine „ernste Wildheit, die in eine expressive Sprachgewalt drängt“ (
Saarbrücker Zeitung), bezeichnen das Buch als „literarischen Kugelblitz“ (
Die ZEIT) und „großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre“ (
Frankfurter Allgemeine Zeitung) und behaupten ohne Ironie, dass sich „wohl alle deutschsprachigen Romandebüts [an ihm] messen lassen müssen“ (
Tagesspiegel).
Dann stellt sich -- eigentlich wenig verwunderlich -- heraus, dass der Roman „Axolotl Roadkill“ nicht nur jenseits des sprachlichen und inhaltlichen Erfahrungshorizonts der Verfasserin Helene Hegemann liegt, sondern auch jenseits ihrer sprachlichen und erzählerischen Fähigkeiten: Sie hat Teile daraus aus dem Roman „Strobo“ des Autors Airen abgeschrieben, wie Deef Pirmasens in seinem Blog
Gefühlskonserve zeigt.
Wie gesagt, es verwundert mich nicht. Natürlich gibt es literarische Wunderkinder; man denke an Jonathan Safran Foer, der gerade einmal 24 war, als sein überwältigendes Debüt Everything is Illumniated (dt. „Alles ist erleuchtet“) erschien. Nur schreiben die üblicherweise über Dinge, von denen sie etwas verstehen. Wenn jemand über Dinge schreibt, von denen er oder sie nichts wissen kann, sollte man stutzig werden (diese Strategie verwende ich seit Jahren erfolgreich, um Plagiarismus in Seminar- und Examensarbeiten aufzuspüren).
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