Wissenslogs Sprachlog

Kevin allein in der Unterschicht?

Anatol Stefanowitsch | 30. August 2010, 10:03

Die Vornamen-Studie, die ich hier am Samstag besprochen habe, hat auch Christian Reinboth (Frischer Wind/ScienceBlogs.de) beschäftigt. Er überlegt (ähnlich wie Sprachlogleser Arndt in einem Kommentar zu meinem Beitrag), ob Kinder mit unterschichttypischen Namen möglicherweise deshalb als weniger leistungsfähig angesehen werden, weil sie es im Durchschnitt eben aufgrund ihrer Schichtenzugehörigkeit tatsächlich sind. In diesem Zusammenhang fragt er, ob es überhaupt schichtentypische Namen gibt, denn das wäre natürlich eine Voraussetzung für diese Überlegung.

Zu der grundsätzlichen Überlegung selbst kann ich nicht viel sagen. Ich halte sie nicht für grundsätzlich unplausibel, wobei ich noch einmal darauf hinweisen muss, dass Lehrer/innen sich von möglichen Vorurteilen gegenüber bestimmten Namen bei der Notengebung eben nicht beeinflussen lassen.

Aber die Frage, ob es schichtenspezifische Vornamen gibt, kann ich auf der Grundlage einer aktuellen, sehr ausführlichen Studie des berliner Soziologen Jürgen Gerhards klar mit „Ja“ beantworten. (weiter)

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Die mit den Prolls tanzt

Anatol Stefanowitsch | 27. August 2010, 10:08

Werden Schüler mit Namen wie Kevin oder Mandy für dieselbe Leistung schlechter benotet als Schüler mit Namen wie Maximilian und Charlotte? Müssen sich Justin und Jacqueline schon wegen ihrer Namen auf eine Hauptschulkarriere einstellen, wärend Alexanders und Katharinas Eltern schon mal einen Platz im Studentenwohnheim reservieren lassen können? Die kurze Antwort lautet „Nein“, auch wenn die Medien uns seit einigen Tagen das Gegenteil erzählen.

Die lange Antwort lautet ebenfalls „Nein“, nur ist der Weg dahin etwas komplizierter. (weiter)

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SMS-Kürzel im 19. Jahrhundert

Anatol Stefanowitsch | 22. August 2010, 15:16

SMS-Kürzel aus dem 19. JahrhundertViola hat mich auf einen Artikel im Guardian hingewiesen, in dem es um eine neue Ausstellung der British Library geht: Evolving English: One Language, Many Voices.

Die Ausstellung, die am 12. November 2010 eröffnet wird und bis zum 3. April 2011 laufen wird, bietet einen umfassenden Einblick in die (dokumentierte) Geschichte der Englischen Sprache. Wertvolle Manuskripte aus den letzten tausend Jahren werden dort ebenso zu bestaunen sein wie Tonaufnahmen verschiedener englischer Dialekte aus der ganzen Welt.

Der Guardian freut sich aber am meisten über ein sogenanntes „Emblematisches Gedicht“ aus dem 19. Jahrhundert, das dort zu sehen sein wird und das zeigt, dass die bei britischen Sprachnörglern besonders verhassten SMS-Abkürzungen schon damals üblich waren:

... 130 years before the arrival of mobile phone texting, Charles C Bombaugh uses phrases such as “I wrote 2 U B 4”. Another verse reads: “He says he loves U 2 X S,/ U R virtuous and Y's,/ In X L N C U X L/ All others in his i's.”

Für die Leser/innen des Sprachlogs ist mir kein Aufwand zu groß, deshalb habe ich das vollständige Gedicht bei Google Books gesucht, gefunden und abgetippt: (weiter)

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Die Kleingartenkolonie und der Stadtpark

Anatol Stefanowitsch | 19. August 2010, 19:09

Mein Beitrag zu Google Street View hat etwas mehr Aufmerksamkeit gefunden als ich geplant hatte -- auch ich kann also manchmal noch von der öffentlichen Wirkung des WWW überrascht werden. In den über zweihundert Kommentaren und weit über tausend Tweets zum Beitrag habe ich viel Zustimmung erhalten, was angesichts der demografischen Eigenschaften von Blog- und Twitter-Nutzer/innen sicher nicht als gesamtgesellschaftlich repräsentatives Stimmungsbild gelten kann, was aber auf jeden Fall zeigt, dass es große Teile der Bevölkerung geben dürfte, die Google Street View im Besonderen und der digitalen Öffentlichkeit im Allgemeinen gegenüber positiv gestimmt sind.

Natürlich gab es auch einige kritische Stimmen, von denen viele die aus der öffentlichen Diskussion bekannten Fehlinterpretationen und Pöbeleien wiederholt haben, von denen einige aber auch ernstzunehmende Bedenken angemeldet haben. Wegen der Vielzahl der Kommentare -- und weil ich aus dem Sprachlog nicht dauerhaft ein Google-Blog machen will -- kann ich hier nicht einmal annähernd auf alle Punkte eingehen. Aber es scheint mir wichtig, den Kern meines Anliegens noch einmal etwas differenzierter darzustellen. (weiter)

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Historiendramen der Zukunft

Anatol Stefanowitsch | 16. August 2010, 09:16

Endlich mal wieder ein XKCD-Cartoon zum Thema „Sprache“ (Dank an Peter Darcy für den Hinweis):

Historiendramen der Zukunft
 

Bei meiner Übersetzung habe ich versucht, die Sprachvarietäten des Originals nachzuempfinden. (weiter)

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Pro Google Street View

Anatol Stefanowitsch | 14. August 2010, 11:16

Um es gleich zu sagen: Ich mag Google nicht. 

Nein, ich liebe Google. Viele der Politiker, die immer, wenn ihnen sonst gerade nichts einfällt, gegen Google hetzen, kennen das Prä-Google-Internet vermutlich gar nicht. Ich kenne es, und es hat mir keine Freude bereitet. Google hat immer wieder entscheidende Entwicklungen angestoßen, die das Internet überhaupt erst benutzbar gemacht haben. Ich freue mich über das breite Angebot an Suchmaschinen für Texte, Videos, Bilder, usw., an Webmailern, an Blog- und Foren-Plattformen, an Online-Office-Paketen, an Landkartendiensten, an Chat-Anwendungen und an all den anderen Dingen ohne die viele von uns weder ihre Arbeit noch ihre Freizeit vernünftig organisieren könnten, aber wenn Google nicht ständig Messlatten vorgeben würde, gäbe es nichts davon. Google hat sogar die Werbung im Internet erträglich gemacht.

Die Dinge für die Google ständig kritisiert wird, sind oft keine Alleinstellungsmerkmale. Ja, Google speichert meine E-Mails auf seinen Servern auch dann, wenn ich sie gelöscht habe -- genau wie jeder andere E-Mail-Dienst auf diesem Planeten. Auch GMX, Freenet, Strato und die Universitäten Rice, Hamburg und Bremen haben Back-Ups aller E-Mails, die ich jemals über meine jeweiligen E-Mail-Adressen verschickt habe. Ja, Google versucht, mittels Cookie mein Online-Verhalten zu erkunden, genau wie tausend andere Firmen. Ja, Google versucht mich dazu anzuregen, in meinem Google-Profil möglichst viele personenbezogene Daten freiwillig preiszugeben, allerdings lange nicht soviele, wie ein durchschittliches soziales Netzwerk. (weiter)

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Außerirdische in den USA?

Anatol Stefanowitsch | 04. August 2010, 08:55

In den Kommentaren zu meinem letzten Beitrag zitiert Leser/in Balanus folgende interessante Passage von einer Nachrichtenseite und fragt, ob es stimmt, was dort über das Wort alien gesagt wird:
Der Streit um das Gesetz in Arizona, das jetzt eine Richterin erst einmal zu Fall brachte, hat die Stimmung lediglich zusätzlich angeheizt. „Illegal aliens“ -- so nennen vor allem Konservative immer häufiger die Einwanderer ohne Papiere. Schön klingt das nicht, eher bedrohlich: Aliens - das sind auch die Monster aus dem All. [Link]

Tatsächlich werden gleich drei Behauptungen über den Begriff illegal alien aufgestellt: Erstens, dass er Assoziationen „Monstern aus dem All“ auslöst; zweitens, dass es sich um einen neuen Begriff handelt („immer häufiger“); drittens, dass es sich dabei um einen Kampfbegriff der amerikanischen Konservativen handelt („vor allem Konservative“). (weiter)

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Zwischendurch

Anatol Stefanowitsch | 24. Juli 2010, 00:43

Um mich zwischen beruflichen Veränderungen und einem dringend benötigten Urlaub wenigstens kurz zu im Sprachlog blicken zu lassen, hier drei Kurzmeldungen (bitte langsam lesen -- da ich nicht weiß, ob ich in der nächsten Woche Internetzugang habe, müssen sie vielleicht bis zum Ende des Monats reichen).

Sarah Palin als Sprachschöpferin

Die ehemalige amerikanische Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin zeigt sich als Sprachschöpferin. In einem Tweet verwendete sie das Wort refudiate, vermutlich eine Vermischung von refuse („verweigern“) und repudiate („nicht anerkennen“, „zurückweisen“): (weiter)

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Grundformen der Tangst

Anatol Stefanowitsch | 04. Juli 2010, 10:36

Die journalistische Vermittlung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse ist eine schwierige Sache. Solche Ergebnisse sind komplex und vieldeutig, sie sind auf vielfältig vernetzte Weise in die verschiedensten, teilweise jahrzehnte- oder jahrhundertealten Forschungsstränge eingebunden, und ihre Einordnung und Interpretation erfordert sowohl umfangreiches fachspezifisches als auch allgemein wissenschaftstheoretisches Vorwissen. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel müssen dagegen einfach und eindeutig sein, sie müssen für sich stehen und dürfen deshalb beim Leser keinerlei Vorkenntnisse voraussetzen.

Das macht es selbst für erfahrene und gut geschulte Wissenschaftsjournalist/innen schwierig, ihre Aufgabe gut zu erledigen und es gibt nur wenige -- zum Beispiel unseren hauseigenen Lars Fischer -- denen es durchgängig gelingt. Die journalistischen Generalist/innen, die in den Redaktionen tagesaktueller Print- und Onlinemedien sitzen, sind damit völlig überfordert. Diese Überforderung kann man ihnen natürlich nicht zum Vorwurf machen, wohl aber, dass sie (und ihre Chefredakteur/innen) diese nicht erkennen. (weiter)

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Ein Traum in Weiß

Anatol Stefanowitsch | 01. Juli 2010, 19:30

Im Zusammenhang meines Beitrags über isländische Wörter für Schnee weist mich ein/e Leser/in per E-Mail darauf hin, dass Schneewörter von Vorgestern sind. Der moderne Sprachkenner weiß längst, dass die Eskimos über Schnee nicht gerne reden, dass aber dafür ihr Farbvokabular in einem entscheidenden Bereich erstaunlich differenziert ist. Er/sie schickt mir folgendes Zitat von der Webseite des Desy, dem Hamburger Teilchenbeschleuniger:

Farben sind alles anderes als universell. Welche Farben wie empfunden und unterschieden werden, hängt stark vom jeweiligen Kulturkreis ab. So gibt es in einigen Sprachen keine eigenen Worte für Grün und Blau oder Gelb und Orange, während Eskimos alleine 17 Wörter für das Weiß kennen. [Desy 2000]

„Was sagen Sie dazu?“, fragt er/sie. (weiter)

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szmtag