Vitamin D-Mangel – ein Problem?
Vitamin D-Mangel spielt eine bedeutende Rolle im Kalzium- und Phosphat-Stoffwechsel und damit im Knochen- und Zahnaufbau des Menschen. Weitaus bedeutender ist aber seine Rolle als "Hormon" in Form des 1,25-Dihydroxyvitamin D, das Prozesse des Zellwachstums und der Differenzierung regelt. Es kann vom menschlichen Körper selbst synthetisiert werden. Die Voraussetzung hierfür ist jedoch eine ausreichende Exposition der Haut - dem eigentlichen Syntheseort - mit UV-Strahlen des Sonnenlichts.
Ein erhöhter Bedarf an Vitamin D besteht beim Säugling infolge einer noch unzureichenden Synthese in den ersten beiden Lebensjahren. Bei Erwachsenen reicht die Eigenproduktion i.d.R. aus. Mangel-gefährdet sind jedoch speziell Schwangere und Stillende aufgrund eines erhöhten Verbrauchs. Nicht zuletzt zählen Senioren, selbst wenn diese sich im Freien aufhalten, zur wesentlichen Risikogruppe für eine Vitamin D-Unterversorgung, da die Synthese des Vitamin D in der Haut alter Menschen nur noch 25-50% der Vitamin D-Synthese junger Erwachsener beträgt.
Der vielerorts diskutierte Vitamin D-Mangel bei älteren Menschen wurde in zahlreichen klinischen Studien belegt und bzgl. dessen Folgen untersucht. Besonders zwei vor Kurzem erschienene Studien konnten bemerkenswerte Ergebnisse liefern.
Studie 1:
"Independent association of low serum 25-hydroxyvitamin D and 1,25-dihydroxyvitamin D levels with all-cause and cardiovascular mortality"
Dobnig H et al., Archives of Internal Medicine 2008, Vol. 168(12), pp. 1340-1349.
Im Rahmen der Untersuchung von Dobnig und Mitarbeitern wurde die Sterblichkeitsrate an 3258 Koronarpatienten im Hinblick auf deren 25-Hydroxyvitamin D- und 1,25-Dihydroxyvitamin D-Spiegel im Serum untersucht. Die Patienten waren 62 +/- 10 Jahre alt. 737 Patienten (22,6%)starben während der Studie.
463 Todesfälle traten infolge der kardiovaskulären Erkrankung auf. Nach einer medianen Studiendauer von 7,7 Jahren konnten Dobnig und Mitarbeiter den zu Studienbeginn angenommenen schädlichen Effekt eines erniedrigten Serum-25-Hydroxyvitamin D- und 1,25-Hydroxyvitamin D-Spiegels bestätigen. Die Sterblichkeitsrate an sich und infolge der kardiovaskulären Erkrankung war aufgrund der erniedrigten Serumspiegel erhöht.
Studie 2:
"High prevalence of vitamin D deficiency, secondary hyperparathyroidism and generalized bone pain in Turkish immigrants in Germany: identification of risk factors"
Erkal MZ et al., Osteoporosis International 2006, Vol. 17(8), pp. 1133-1140.
Ein lang andauernder niedriger Vitamin D-Status hat einen Anstieg der Parathormon-Spiegel zur Folge. Dieser sekundäre Hyperparathyroidismus wiederum führt häufig zu Osteomalazie und Osteoporose. Basierend auf verschiedenen wissenschaftlichen Hinweisen, daß ein durch einen 25-Hydroxyvitamin D-Mangel verursachter Hyperparathyroidismus häufig bei Migranten zu finden ist, wurde an nach Deutschland eingewanderten Türken untersucht, ob diese für einen Hyperparathyroidismus sowie für Knochen- und generalisierte Schmerzen als frühe Zeichen einer Osteomalazie anfälliger als die westliche Bevölkerung sind. 994 städtische Einwohner wurden rekrutiert. Darunter befanden sich 101 Deutsche, 327 in der Türkei lebende Türken und 566 in Deutschland seßhafte Immigranten türkischer Abstammung. Das Alter betrug 16-69 Jahre.
Im Ergebnis zeigte sich, daß in Deutschland lebende türkische Immigranten im allgemeinen sowohl unter einem Vitamin D-Mangel als auch unter einem sekundären Hyperparathyroidismus leiden. Besonders betroffen sind verschleierte Frauen. Als entscheidende Faktoren, die Einfluß auf den 25-Hydroxyvitamin D-Spiegel nehmen, wurden die folgenden Faktoren identifiziert: Geschlecht, BMI (Body Mass Index), fehlende Sonnenexposition und Sitz des Wohnortes (geographische Breite). Als unabhängige Risikofaktoren für einen Vitamin D-Mangel bei in der Türkei und in Deutschland lebenden türkischen Frauen gelten das Tragen eines Kopftuches und eine hohe Anzahl an Kindern.
Der Vitamin D-Status der zur Risikogruppe für einen erniedrigten Vitamin D-Spiegel gehörenden Personen sollte regelmäßig überprüft werden. Dies ist z.B. leicht über eine Bestimmung der 25-Hydroxyvitamin D- und Parathormon-Spiegel möglich. Mangelhaft versorgte Personen sollten in jedem Fall angemessen behandelt werden.
Co-Autorin:
Dipl.Biol. Tinz, Jana
Wissenschaftliches Informationsmanagement des Instituts für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft, Universität Hohenheim
Ähnliche Artikel:
- Erstes Hohenheimer Ernährungsgespräch: Unzureichende Vitamin-D-Versorgung
- Vitamin-D-Mangel in Deutschland - ein ernst zunehmendes Gesundheitsproblem
- Biesalski: Vortrags-Fazit
- Spitz: Vortrags-Fazit
- Vitamine sind nicht so schlecht wie ihr Ruf ...



Sehr geehrter Hans Konrad Biesalski
Ich fand ihren Artikel zum Thema Vitamin D Mangel sehr aufschlußreich und interessant.
Wenn es Ihnen recht ist würde ich den Artikel gerne auf der Webseite www.Sciencestage.de veröffentlichen.
Dies ist keine kommerzielle Webseite und man kann dort Artikel und Videos zum Thema Wissenschaft und Forschung hochladen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn sie mir hier für die Erlaubnis geben.
Viele Grüße
Annette Poggendorf
Unter www.Sciencestage.de ist keine Internetseite erreichbar.
Einiges ist mir noch nicht ganz klar. Warum haben in Deutschland lebende türkischstämmige Menschen Vitamin D Mangel? Wegen der dunklerer Haut? Und die Frauen noch stärker, weil sie zudem die Haut bedecken und Kinder bekamen. Wenn es wegen der Haut ist, gibt es auch Studien zu Farbigen, die in Nordamerkia wohnen. Denen müßte es doch noch schlimmer gehen.
Kann man den Magel durch Ernährung ausgleichen?
Ich finde dieses Blog erst gerade. Das ist ja alles sehr interessant. Gesunde Ernährung ist meine Leidenschaft, ich habe auch oft gesundheitliche Probleme, Allergien, Juckreiz, tränende Augen usw. Ich bin sicher, dass Ernährung der Schlüssel für Gesundheit ist. Allerdings gibt es viele Schulen und "Sekten", die einem dies oder das raten. Was ist denn wissenschaftlich belegbar? Ich würde mich freuen, wenn ich in diesem Blog mehr erfahren könnte.
Auch Folsäure, sagt man, sei neben Vitamin D für den Embryo wichtig. In den USA bekommen Schwangere deshalb beides verabreicht.
Wozu braucht der Mensch eigentlich Folsäure und Vitamin B12? Dimension des Problems - von Olaf Stanger
http://www.dach-liga-homocystein.org/...aege_1.htm
Hallo Prof. Biesalski!
Schön, dass es jetzt diesen Blog gibt, da war ein Lücke, jetzt scheint sie sich zu schließen.
Zu Vitamin D, Sonne, UV-Strahlen und auch zum Thema Kleidung und Verschleierung als Gründe für Vitamin D-Mangel haben wir in unserem tagesaktuellen Blog Sonne ist Leben immer mal wieder Studien vorgestellt. Die von Ihnen zitierte zu Vitamin D und Mortalität z.B. im Juni hier:
Eine der Ziele unseres Blogs ist die Verbreitung von aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen, über die wir - oft vor Ihrer Print-Publikation - kurz berichten, die Quellen zitieren und auf die Originalquellen verlinken (Abstract oder PDF), so dass jedermann die Richtigkeit der Meldung mit einem Klick überprüfen kann.
Über Ihren Besuch und vor allem ihre kritischen Anmerkungen würden wir uns freuen.
L. Bergmann
Sieht ja ganz nett aus, Ihr Blog. Aber ich finde auf Ihrem Blog kein Impressum. Wer sind Sie denn - und warum befassen Sie sich mit der Sonne?
Es liegen durchaus Studien zu farbigen Menschen vor. Farbige sind aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe stark Vitamin D-Mangel-gefährdet, das ist richtig. Ein Mangel kann bei jungen Menschen i.d.R. mit der Ernährung ausgeglichen werden. Dies wird jedoch mit zunehmendem Alter schwieriger und ist bei alten Menschen so gut wie nicht mehr möglich.
Auf Ihre Frage, wozu der Mensch Folsäure und Vitamin B12 braucht, werden wir in einem der nächsten Blogs näher eingehen. Wir bitten Sie deshalb um ein wenig Geduld.
Lieber Herr Biesalski, liebe Frau Tinz,
ich wollte nochmal sagen, dass ich einen Blog zum Thema "Ernährung" ganz spannend finde und mich schon auf den Beitrag zur Folsäure freue. Auch finde ich es klasse, dass Sie auf die Reaktionen von uns Lesern eingehen! So wird Wissenschaft verständlich.
Ich habe eigentlich keine Frage gestellt, sondern einen Verweis auf einen Vortrag von Olaf Stanger erstellt mit dem Titel: "Wozu braucht der Mensch eigentlich Folsäure und Vitamin B12? Dimension des Problems".
Den Vortrag von Olaf Stanger finde ich hörenswert.
Ich bin langjähriger Dialysepatient und bekomme Vigantoletten. Haben sie eine med. Wirkung??da sie ja nicht in 1,25 gewandelt werden können und wenn ja wo und wie ???
Hallo Herr Biesalski,
Ich freue mich sehr darüber, daß Sie hier bloggen. Ich freue mich besonders, weil ich erstens einen beträchtlichen Teil meiner ernährungswissenschaftlichen Kenntnisse Ihren Büchern verdanke, und zweitens in genau diesem einen Punkt "Vitamin D-Mangel" finde, daß es ausreichend Evidenz gibt, die Empfehlungen von derzeit 200 IE/d beträchtlich anzuheben. So empfiehlt die Harvard School of Public Health die Zufuhr von mindestens 1.000 bis 2.000 IE/d (http://www.hsph.harvard.edu/...itamin-d/index.html), die Canadian Cancer Society hat im Oktober ebenfalls eine Empfehlung von 1.000 IE/d ausgesprochen (http://www.cancer.ca/...itamin%20D.aspx?sc_lang=en).
Auf www.vitamindcouncil.org finden sich Dutzende Links zu Originalpublikationen, die mich persönlich überzeugt haben, daß ein 25 (OH)D-Spiegel von 50-80 ng/ml physiologisch ist (auch Harrisons Innere Medizin betrachtet erst Plasma-Spiegel von über 100 ng/ml als pathologisch), daß eine Eigenproduktion durch Sonnenlichtexposition in Mitteleuropa im Winterhalbjahr überhaupt nicht und im Frühjahr und Herbst nicht ausreichend möglich ist (http://jn.nutrition.org/cgi/content/full/135/2/317)und daß deshalb in Deutschland eine Substitution von ca. 2.000 IE/d im Frühjahr und Herbst und im Winterhalbjahr sogar mehr empfehlenswert ist, um die physiologischen Plasmaspiegel zu erreichen.
Die präventiven Wirkungen eines Plasmaspiegels von 50-80 ng/ml betreffen nicht nur die Knochen- und Herz-Kreislauferkrankungen sondern vor allem diverse Krebsarten und immunologische Erkrankungen wie Diabetes I und MS.
Meine Frage ist, wie Sie diese Evidenzen beurteilen.
Mit besten Grüßen
Jürgen Bolt
Ihre Argumentation und die Evidenzen klingen überzeugend. Es ist nun abzuwarten, inwieweit deutsche Fachverbände diesen zukünftig folgen werden.
Da wir keine Empfehlungen geben, möchten wir Sie bitten, sich bzgl. des Präparates Vigantoletten an Ihren behandelnden Arzt zu wenden.