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Pine-Island-Bucht

von Polarstern, 13. März 2010, 09:35

Hoffen und Bangen prägten die Ereignisse dieser Woche. Wir waren in der innersten Pine-Island-Bucht vor den 30-50 m hohen Schelfeiskanten der gewaltigen Pine-Island- und Thwaites-Gletscher. Der Meteorologe Max und Chefpilot Hans gaben das OK für einen Helikopterflug in die vulkanischen Hudson-Berge während eines kleinen Wetterfensters. Das Geologenteam sammelte dort Gesteinsproben, die den Rückzug des Eisschildes dokumentieren sollten. Am nächsten Tag tastete sich das Schiff zunächst noch im dichten Dunst an die vorgelagerte Gruppe der Beckerinseln heran, für die über Satellitenaufnahmen aufgeschlossene Gesteinsformationen zu erkennen waren. Wenige Stunden später nutzten wir tatsächlich das vorhergesagte Loch in der niedrigen Wolkendecke und konnten die Geologen zu ihren Zielen fliegen lassen. Mit satter Ausbeute kehrten sie nach kurzer Zeit zurück. Die Geodäten ließen ihre GPS-Instrumente für die Messungen der nächsten Tage aufgebaut zurück.

Das Schwerelot wird ins Wasser gelassen, um Sedimentkerne aus dem Meeresboden zu stanzen. (Foto: D. Baqué)

Innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte zeigten Gletscher, die in die Pine-Island-Bucht fließen, die dramatischsten Anzeichen für Eisrückzug in der gesamten Antarktis. Diese Gletscher sind charakterisiert durch Ausdünnung und beschleunigten Eisfluss, und die Aufsetzlinie von mindestens einem der Gletscher (Pine-Island-Gletscher) zieht sich landeinwärts zurück. Das dynamische Verhalten der Gletscher könnte darauf hindeuten, dass in absehbarer Zukunft der rückwärtige Teil des westantarktischen Eisschildes vollständig abschmelzen könnte, was zu einem globalen Meeresspiegelanstieg von ca. 1,4 Metern führen würde. Bis jetzt ist allerdings ungeklärt, 1) ob die beobachtete heutige Variabilität der Gletscher aus der gegenwärtigen globalen Erwärmung resultiert oder eine Fortsetzung des Eisrückzugs ist, welcher am Ende der letzten Eiszeit begonnen hat, und 2) ob der heutige Gletscherrückzug eine vorübergehende, kurzfristige Phase darstellt oder aber in der Zukunft weitergehen wird. Die Meeresgeologen an Bord von “Polarstern” versuchen diese offenen Fragen zu beantworten, indem sie Abfolgen von Meeressedimenten untersuchen, die während der letzten ca. 12 Tausend Jahre auf dem inneren Schelf in der Pine-Island-Bucht abgelagert wurden.

 

Claus-Dieter beprobt eine der aufgesägten Sedimentkernhälften und wird dazu vom Filmteam befragt. (Foto: D. Baqué)

In dieser Woche zogen sie erfolgreich mehrere bis zu 10 Meter lange Sedimentkerne, die Auskunft über die langfristige Variabilität der Gletscher in der Pine Island Bay geben werden. Mindestens zwei der Kerne enthielten Kalkschalen von Meeresorganismen, welche in der Wassersäule und im Meeresboden (nahe der Oberfläche) gelebt haben. Kalkige Schalen sind in antarktischen Schelfsedimenten nur gelegentlich zu finden, denn die sie bildenden Organismen kommen im kalten Wasser des Südpolarmeeres nur selten vor, weil ihre Schalen leicht vom Wasser aufgelöst werden. Die Geologen waren hoch erfreut über ihren Fund (den sie mit dem Auffinden von Gold verglichen), weil die Kalkschalen sehr genau mit der Radiokarbon-Methode datiert werden können. Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen wird diese Datierung eine viel präzisere Rekonstruktion des Verhaltens der in die Pine-Island-Bucht mündenden Gletscher erlauben. Eine weitere wichtige Entdeckung der Meeresgeologen war das Auffinden einer dünnen, schwarzen Schlammschicht (die unglücklicherweise nach faulen Eiern roch) an der Oberfläche eines Sedimentkerns. Dieser schwarze Schlamm belegt extrem geringe Sauerstoffgehalte im Bodenwasser. Sein Vorkommen in einem kleinen Becken auf dem inneren Schelf weist darauf hin, dass nicht der gesamte Meeresboden in der Pine-Island-Bucht von dem relativ warmen zirkumpolaren Tiefenwasser überströmt wird. Diese Tiefenwassermasse fließt von der Schelfkante des Amundsenmeeres bis zur antarktischen Küste. Man hält es für wahrscheinlich, dass das gegenwärtige Ausdünnen der schwimmenden Teile der Gletscher in der Pine-Island-Bucht hauptsächlich auf das Abschmelzen durch das warme Tiefenwasser zurückgeht.

Max gab den Landgruppen Hoffnung auf eine Lücke zwischen den vielen Tiefs, die in diesem Jahr sehr weit südlich liegen und wenig klaren Himmel erblicken lassen, dafür aber die Region weitgehend eisfrei halten. Bei Sonnenaufgang standen die Teams mit den Piloten vor der Wetterstation, und eine Stunde später wurden die Flüge zum massiv aufragenden Mt. Murphy und dem etwas weiter gelegenen Kohler-Range freigegeben. Das Schiff, dicht an der Eiskante des Crosson-Eisschelfes, vermaß die Topographie des Meeresbodens eines glazialen Troges, der zum ersten Mal so weit südlich zugänglich war. Die Besatzung nutzte zwischendurch das ruhige Wetter für eine der obligatorischen Übungen mit den Rettungsbooten.

Schon auf der Fahrt in die südliche Pine-Island-Bucht ist uns eine tief eingeschnittene, ringförmige Struktur am Meeresboden aufgefallen. Sollte hier womöglich ein Schlammvulkan aktiv sein? Passend zu den sich abzeichnenden Ereignissen an Bord gaben wir dieser Struktur den Namen ‚Neptun’s Bottle‘. Doch die Wasser- und Sedimentproben an unterschiedlichen Stellen ergeben keine Hinweise darauf, dass hier Gase (z.B. Methan) oder Flüssigkeiten aus dem Meeresboden austreten. Sollte dieses eine ungewöhnliche Bodenformation, entstanden durch frühere Eisschildbewegungen, sein?

Neptun ließ sich das Herumstochern und Durchschallen seiner Gefilde natürlich nicht folgenlos gefallen. Sein Besuch am Samstag war für die Ungetauften gnadenlos ....


Mit herzlichen Grüßen von allen Fahrtteilnehmern
Claus-Dieter Hillenbrand, Gerhard Kuhn und Karsten Gohl



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