Pine-Island-Bucht
Hoffen und Bangen prägten die Ereignisse dieser Woche. Wir waren in
der innersten Pine-Island-Bucht vor den 30-50 m hohen Schelfeiskanten
der gewaltigen Pine-Island- und Thwaites-Gletscher. Der Meteorologe Max
und Chefpilot Hans gaben das OK für einen Helikopterflug in die
vulkanischen Hudson-Berge während eines kleinen Wetterfensters. Das
Geologenteam sammelte dort Gesteinsproben, die den Rückzug des
Eisschildes dokumentieren sollten. Am nächsten Tag tastete sich das
Schiff zunächst noch im dichten Dunst an die vorgelagerte Gruppe der
Beckerinseln heran, für die über Satellitenaufnahmen aufgeschlossene
Gesteinsformationen zu erkennen waren. Wenige Stunden später nutzten
wir tatsächlich das vorhergesagte Loch in der niedrigen Wolkendecke und
konnten die Geologen zu ihren Zielen fliegen lassen. Mit satter
Ausbeute kehrten sie nach kurzer Zeit zurück. Die Geodäten ließen ihre
GPS-Instrumente für die Messungen der nächsten Tage aufgebaut zurück.
In
dieser Woche zogen sie erfolgreich mehrere bis zu 10 Meter lange
Sedimentkerne, die Auskunft über die langfristige Variabilität der
Gletscher in der Pine Island Bay geben werden. Mindestens zwei der
Kerne enthielten Kalkschalen von Meeresorganismen, welche in der
Wassersäule und im Meeresboden (nahe der Oberfläche) gelebt haben.
Kalkige Schalen sind in antarktischen Schelfsedimenten nur gelegentlich
zu finden, denn die sie bildenden Organismen kommen im kalten Wasser
des Südpolarmeeres nur selten vor, weil ihre Schalen leicht vom Wasser
aufgelöst werden. Die Geologen waren hoch erfreut über ihren Fund (den
sie mit dem Auffinden von Gold verglichen), weil die Kalkschalen sehr
genau mit der Radiokarbon-Methode datiert werden können. Im Gegensatz
zu früheren Untersuchungen wird diese Datierung eine viel präzisere
Rekonstruktion des Verhaltens der in die Pine-Island-Bucht mündenden
Gletscher erlauben. Eine weitere wichtige Entdeckung der Meeresgeologen
war das Auffinden einer dünnen, schwarzen Schlammschicht (die
unglücklicherweise nach faulen Eiern roch) an der Oberfläche eines
Sedimentkerns. Dieser schwarze Schlamm belegt extrem geringe
Sauerstoffgehalte im Bodenwasser. Sein Vorkommen in einem kleinen
Becken auf dem inneren Schelf weist darauf hin, dass nicht der gesamte
Meeresboden in der Pine-Island-Bucht von dem relativ warmen
zirkumpolaren Tiefenwasser überströmt wird. Diese Tiefenwassermasse
fließt von der Schelfkante des Amundsenmeeres bis zur antarktischen
Küste. Man hält es für wahrscheinlich, dass das gegenwärtige Ausdünnen
der schwimmenden Teile der Gletscher in der Pine-Island-Bucht
hauptsächlich auf das Abschmelzen durch das warme Tiefenwasser
zurückgeht.
Max gab den Landgruppen Hoffnung auf eine Lücke
zwischen den vielen Tiefs, die in diesem Jahr sehr weit südlich liegen
und wenig klaren Himmel erblicken lassen, dafür aber die Region
weitgehend eisfrei halten. Bei Sonnenaufgang standen die Teams mit den
Piloten vor der Wetterstation, und eine Stunde später wurden die Flüge
zum massiv aufragenden Mt. Murphy und dem etwas weiter gelegenen
Kohler-Range freigegeben. Das Schiff, dicht an der Eiskante des
Crosson-Eisschelfes, vermaß die Topographie des Meeresbodens eines
glazialen Troges, der zum ersten Mal so weit südlich zugänglich war.
Die Besatzung nutzte zwischendurch das ruhige Wetter für eine der
obligatorischen Übungen mit den Rettungsbooten.
Schon auf der
Fahrt in die südliche Pine-Island-Bucht ist uns eine tief
eingeschnittene, ringförmige Struktur am Meeresboden aufgefallen.
Sollte hier womöglich ein Schlammvulkan aktiv sein? Passend zu den sich
abzeichnenden Ereignissen an Bord gaben wir dieser Struktur den Namen
‚Neptun’s Bottle‘. Doch die Wasser- und Sedimentproben an
unterschiedlichen Stellen ergeben keine Hinweise darauf, dass hier Gase
(z.B. Methan) oder Flüssigkeiten aus dem Meeresboden austreten. Sollte
dieses eine ungewöhnliche Bodenformation, entstanden durch frühere
Eisschildbewegungen, sein?
Neptun ließ sich das Herumstochern
und Durchschallen seiner Gefilde natürlich nicht folgenlos gefallen.
Sein Besuch am Samstag war für die Ungetauften gnadenlos ....
Mit herzlichen Grüßen von allen Fahrtteilnehmern
Claus-Dieter Hillenbrand, Gerhard Kuhn und Karsten Gohl
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