Endspurt
Am 26.1.2010 wird die Expedition ANT-XXVI/2 nach 59 Tagen auf See im Containerhafen von Wellington zu Ende gehen. Wir werden dann 9757 Meilen (=18.050 km) zurückgelegt haben. Die Tanks werden um 1912 to Treibstoff leichter sein, was einem Tagesverbrauch von 32 Tonnen entspricht. Von einer anderen Flüssigkeit, Milch, wurden 1700 l verbraucht, also 28 l pro Tag. 7000 Eier wurde konsumiert und erstaunliche 90 Gläser Nutella. Wir haben einen Tag verloren (13.1.2010) und am 32.12.09 den Jahreswechsel gefeiert.
Gestützt auf die hervorragende und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Schiffsführung und Fahrtleitung, Besatzung und wissenschaftlichen Fahrtteilnehmern konnten trotz schwieriger Wetterbedingungen die wissenschaftlichen Ziele der Expedition ANT-XXVI/2 im bislang nur wenig erforschten polaren Südpazifik in großem Umfang erreicht werden. Dieser Erfolg wurde wesentlich dadurch möglich, dass sich Schiffsführung und Besatzung durch sehr hohe Kompetenz bei der Durchführung polarer Expeditionen auszeichnen und den Anforderungen der Wissenschaft stets hoch motiviert begegnet wurde.
Wir
haben auf unserem Zick-Zack-Kurs von Chile nach Neuseeland an 72
Stationen Arbeiten durchgeführt und dabei eine magische Zahl geknackt:
1030,31 m Sedimentkern, die wir mit Kolbenlot, Schwerelot und Kastenlot
vom Meeresgrund gezogen haben, liegen nun in unseren Kühlcontainern,
11,5 to bei 4°C. An 49 Positionen haben wir den Multicorer eingesetzt
und dabei 315 kleine Kerne aus der Sedimentoberfläche ausgestanzt, die
nun tiefgekühlt bei –20°C im Bauch des Schiffes lagern. Temperatur,
Salzgehalt und Chlorophyll in der Wassersäule wurde 28 Mal bei
CTD-Einsätzen gemessen und an 22 Stationen mit dem Multinetz das
Plankton in den oberen 1500 m der Wassersäule in 5 Tiefenintervallen
gefangen. Komplettiert wird dies durch Wasserproben aus der Rosette und
dem Schiffspumpensystem, an denen die Nährstoffkonzentrationen und die
Pigmente sowie Messungen stabiler Isotopenverhältnisse durchgeführt
werden sollen.
Nach unserem letzten „Schlechtwetter-Jojo“ sind
wir über 2,5 Tage Richtung Wellington gedampft und haben das über 5000
m tiefe Südwestpazifische Becken gequert. Hier zeigte Parasound
mächtige Sedimentpakete an, die am 20.1.2010 beprobt wurden, wobei ein
22,83 m langer Kolbenlotkern gewonnen werden konnte. Am 21.1. war der
Sockel von Neuseeland erreicht und die Wassertiefen verringerten sich
rasch auf 1200 m. Auch hier überall eine bemerkenswerte
Sedimentbedeckung. Nach einer Station im sogenannten Pukaki-Sattel,
einer Senke zwischen zwei untermeerischen Plateaus, sahen einige von
uns erstmals seit Verlassen der Magellan-Straße wieder Land.
Wir
fuhren ca. 15 Meilen östlich an den 60 km2 großen Antipoden-Inseln
vorbei, von denen man am Horizont ein steiles Kliff erkennen konnte.
Diese Inseln sind Teil des UNESCO-Weltnaturerbes. Sie dürfen nicht
betreten werden, da auf ihnen eine einzigartige Vogelwelt zu Hause ist.
Würde man von hier aus mit einer langen Nadel durch den Erdmittelpunkt
stechen, so würde sie in der Gegend von Cherbourg in der Normandie
herauskommen.
Am 22.1. hatten wir den Bounty-Trog erreicht und
setzten zum Endspurt an. Hier sollte zum Abschluss ein eng gestaffeltes
Sedimentkernprofil in Wassertiefen zwischen 2500 m und 500 m gewonnen
werden, um die Entwicklungsgeschichte von flachen Wassermassen
unmittelbar südlich der Subtropischen Front mit Hilfe von Messungen
stabiler Isotope an Foraminiferen rekonstruieren zu können. Zwei Tage
und Nächte wurden geeignete Positionen gesucht und fünf Sedimentkerne
gezogen. Je weiter wir in flacheres Wasser kamen, desto stärker stanken
die Sedimente nach faulen Eiern, Anzeichen für erhöhten Eintrag
organischen Materials.
In Wassertiefen ab ca. 800 m sahen wir in
den Parasound-Aufzeichnungen Spuren von Gasaustritten am Meeresboden.
Da wollten wir es noch einmal wissen und setzten ein 25 m langes
Kolbenlot ein. Wir wurden enttäuscht, denn das Rohr drang wie an den
anderen Stationen nicht mehr als 11-15 m ein und knickte um. So mussten
wir unser Sedimentkernprogramm mit einer „Banane“ beenden, aus der wir
allerdings noch einen sehr schönen 15 m langen Sedimentkern ziehen
konnten.
Wir waren nun nahe an der Subtropischen Front, wo die
Wassertemperatur sprunghaft auf über 15°C ansteigt, hatten also den
nördlichsten Punkt unseres 1700 Meilen langen Profils, das wir vor zwei
Wochen in der Eisberglandschaft des Rossmeeres begonnen hatten,
erreicht. Hier wurden abschließend noch eine CTD und das Multinetz
gefahren. Es folgte eine Abschlussparty, bei der für alle Teilnehmer
auch „Sternenstaub“, Fragmente des Eltanin-Meteoriten, verteilt wurden.
Eine kleine Erinnerung an eine lange, oft mühsame, sehr bewegte aber
doch erfolgreiche Reise, die nun zu Ende geht.
Es
summt und brummt an Bord, Labore werden geräumt, gereinigt, Berichte
geschrieben, Karten gedruckt, Daten gesichert, Container gestaut,
Frachtlisten aufgestellt, mit Excel und Word gekämpft, Pläne für einen
Kurzurlaub in Neuseeland gemacht, Mietwagen, Hotels, wer fährt mit
wem......
Ach ja, da findet ja auch noch ein Empfang mit dem
deutschen Botschafter am 27.1.10 statt. Über 100 Personen haben sich
angesagt. Ein Poster muss her, um unsere Reise zu dokumentieren. So
wird es kurz vor Einlaufen noch einmal eng mit der Zeit, aber die
neuseeländischen Berge sind schon in Reichweite. Morgen wird sich die
Gruppe, die 60 Tage eng zusammen gearbeitet hat, wieder trennen. Aber
eines schweißt uns zusammen: das umfangreiche Sedimentmaterial, dass
auf Polarstern nach Bremerhaven gebracht und im Mai dort eintreffen
wird. Für Juni haben wir uns dort verabredet. Wir wollen dann die
Sedimentkerne gemeinsam beproben, eine „sample party“ machen, um unsere
„Schätze“ wissenschaftlich auszuwerten.
Alle Mitreisenden sind, wenn auch etwas müde, wohlauf. Im Namen aller!
Rainer Gersonde
(Fahrtleiter ANT-XXVI/2)






