Donnerstags am Äquator
Wir setzen unsere Fahrt entlang des 23ten Längengrades in Richtung Süden fort und werden 20°S zum Ende dieser dritten Berichtswoche fast erreichen. Von dort wird Polarstern dann südwestlichen Kurs in Richtung Vema-Kanal nehmen. Zunächst passieren wir den thermischen Äquator mit der darüber gelegenen so genannten Innertropischen Konvergenzzone (ITCZ), die noch komplett nördlich des geografischen Äquators liegt. Der Höhepunkt dieser Woche ist das Treffen mit dem Forschungsschiff Meteor unmittelbar am Äquator.

Abb. 1 : Treffen sich
zwei Schlauchboote am
Äquator... (Foto:
Martin Hieronymi)
Die Meteor ist wie wir auf dem 23ten Längengrad unterwegs und setzt dort bis 4°S Verankerungen zur Vermessung der tropischen Strömungssysteme aus. Wissenschaftlicher Leiter der Meteor-Fahrt ist Professor Peter Brandt vom IFM-GEOMAR. Am Donnerstag, den 5. 11. um etwa 7:00 erscheint Meteor am Horizont. Um 9:00 beginnt unser Rendezvous! Beide Schiffe schicken gegenseitig Schlauchboote mit Besuchern (siehe Abb. 1).
Mit
Meteor und Polarstern treffen sich die beiden größten deutschen
Forschungsschiffe. Wir setzen über und werden von Peter Brandt und
seinen Kollegen herzlich in Empfang genommen. Eine Führung durchs
Schiff nehmen wir gerne mit und revanchieren uns mit einer
Polarstern-Führung im direkten Anschluss. Seit Tagen haben wir keine
Schiffe mehr gesehen und der Anblick beider Forschungsschiffe vom
Schlauchboot aus ist beeindruckend (Abb. 2). Leider reicht die Zeit
nicht für ein gemeinsames Mittagessen. Nach dem Treffen wird noch
schnell eine CTD zur Bestimmung der biologischen Aktivität im
äquatorialen Auftriebswasser durchgeführt und Polarstern dampft weiter
in Richtung Süden. Zwei Mittagsstationen zur Strahlungsmessung fallen
aufgrund starker Bewölkung aus. Ansonsten verlaufen alle Messungen
planmäßig.
Diese Woche berichten Frank Laturnus und Johannes Lampel über die Messungen der Luftchemie an Bord:
Während
der Fahrt der Polarstern von Bremerhaven nach Punta Arenas untersuchen
wir die Konzentrationen von flüchtigen halogenierten
Kohlenwasserstoffen in der marinen Umgebungsluft und im
Oberflächenwasser des Atlantiks. Leichtflüchtige
Halogenkohlenwasserstoffe sind an zahlreichen atmosphärischen
photochemischen Reaktionen beteiligt. Sie tragen zum Beispiel zum
Treibhauseffekt bei und führen zum Abbau des stratosphärischen Ozons.
Bis heute wurden zahlreiche industrielle und natürliche Quellen dieser
Verbindungen identifiziert, wobei eine Abschätzung des globalen
Eintrages ergab, dass die natürlichen Quellen eine den industriellen
Quellen ebenbürtige Stärke besitzen. Genauere Daten über natürliche
Quellen fehlen jedoch noch.

Abb. 3: Tanja Teschner
am Gaschromatographen
bei der chemischen Analyse
von Luftproben (Foto:
Frank Laturnus)
Unser
Projekt an Bord der Polarstern verfolgt zwei Zielsetzungen. Als Erstes
interessieren uns die Verteilung und die Konzentration von flüchtigen
halogenierten Kohlenwasserstoffen im Oberflächenwasser und in der
Umgebungsluft. Mit Hilfe der erhaltenen Daten sollen die Substanzflüsse
ermittelt werden, was zu einer Identifizierung möglicher Quellen oder
Senken führen kann. Die zweite Zielsetzung beinhaltet die Bestimmung
der Verhältnisse stabiler Kohlenstoffisotope in halogenierten
Kohlenwasserstoffen, wodurch sich Aussagen über deren Quellen, deren
Transportwege und deren Lebenszyklen machen lassen.
Während
der gesamten Fahrt werden sechsmal am Tage jeweils eine Luft- und eine
Wasserprobe entnommen. Die Luftprobe wird 30 m über der
Wasseroberfläche auf dem Peildeck der Polarstern entgegen der
Windrichtung gesammelt. Die Probe wird dann auf einer Kühlfalle bei
-196oC aufkonzentriert und anschließend mittels hochauflösender
Gaschromatographie analysiert (siehe Abb. 3). Gleichzeitig mit der
Luftprobe wird auch eine Wasserprobe 10 m unterhalb der
Wasseroberfläche durch das Bordeigene Seewassersystem entnommen.
Anschließend werden die flüchtigen Halogenkohlenwasserstoffe mittels
hochreinem Helium aus dem Seewasser entfernt, bei -196 oC
aufkonzentriert und wiederum mit Hilfe der Gaschromatographie
untersucht. Neben der Luft- und der Wasserprobe wird auch Wasser zur
Ermittlung des Chlorophyllgehaltes filtriert. Chlorophyll ist ein
Hinweis für das Vorhandensein von Mikroalgen, welche eine bekannte
Quelle für flüchtige Halogenkohlenwasserstoffe sind. Zur Ermittlung der
stabilen Kohlenstoffisotopenverteilung werden jeweils 400 L Luft auf
speziellen Absorptionsröhrchen gesammelt und mittels
Isotopenmassenspektrometrie in unserem Heimatlabor in Hamburg
untersucht.
Halogenverbindungen
werden auch durch das auf dem Beobachtungsdeck befindliche MAXDOAS der
Uni Heidelberg (Abb. 4) gemessen, allerdings nicht die halogenierten
Kohlenwasserstoffe, sondern Halogenverbindungen die durch Photolyse
dieser entstanden oder direkt emittiert worden sind. Diese sind meist
so kurzlebig, dass sie direkt gemessen werden müssen und nicht in Form
von Proben gesammelt werden können.
Die MAXDOAS Messungen an
Bordwerden schon seit ungefähr 10 Jahren durchgeführt, mit wechselnden
Instrumenten, und dienen u.a. der Satellitendatenvalidierung. Das
aktuelle Spektrometer ermöglicht den kontinuierlichen Nachweis von
niedrigen IO und BrO Hintergrundkonzentrationen. Weiterhin wurde der
Spektralbereich erweitert, sodass Aerosolmessungen verlässlicher
möglich sind und Spurengas- und Aerosolprofile erstellt werden können.
Auf der Fahrt lagen bisher die beobachteten Konzentrationen für
Stickstoffdioxid, Formaldehyd, Glyoxal, Bromoxid, Iodoxid zeitweise
oberhalb der jeweiligen Nachweisgrenzen.
Nun
zum Wetter: Zu Beginn der Berichtswoche erreichen wir die südlichen
Randgebiete der ITCZ und verlassen das damit verbundene ausgedehnte
Gebiet hoch reichender Konvektion. Tatsächlich können wir während der
Mittags-Station am 4. 11. nördlich von uns noch die teilweise regnenden
hochreichenden Gewitterwolken und südlich von uns die flachen
Schönwetterwölkchen des südlichen Subtropenhochs erkennen.
Es
bleibt zumeist sonnig. Allerdings treten gelegentlich Quellwolkenbänder
und auch ausgedehnte flache marine Stratocumuluswolken auf, die
ungünstig für unsere Aerosol- und Unterwasserlichtfluktuationsmessungen
sind, aber umso interessanter für die Wolkenmessung und -modellierung.
Es ist für alle etwas dabei. Mit den Subtropen verbunden weht ein
kräftiger Südostpassat mit Windstärke 5. Windsee und Dünung addieren
sich zu etwa 3 m Wellenhöhen, gute Bedingungen für die
Schlauchbootmissionen.
Eine etwas verspätete Äquatortaufe fand statt (Abb. 5).
Herzliche Grüße von Bord im Namen Neptuns, der Besatzung und der Wissenschaft!
Andreas Macke
Ähnliche Artikel:
- Polarstern trifft Merian
- Die Biologie, das Klima und der Abschluss der Reise
- Vom Vema-Kanal zum Äquator
- Über den Äquator
- Atmosphärischer Staub – des einen Leid, des anderen Freud





