Mission Impossible
von Edgar Dahl, 22. Februar 2010, 23:39
Diese gottverdammten Heiden aus dem Osten! Jetzt versuchen wir schon seit zwanzig Jahren, sie zum einzig wahren Glauben zu bekehren. Aber nichts da! Verstockt wie sie sind, wollen sie Gottes Liebe einfach nicht erkennen. Sind sie blind oder einfach nur ein undankbares Volk?
Gott weiß, wie sehr wir uns bemüht haben. Wieder und wieder haben wir die Renaissance der Religion beschworen. Doch diese Ossis wollen sich dieser längst überfälligen Wiedergeburt des Glaubens einfach nicht anschließen. Wie eh und je ziehen sie das Profane dem Sakralen vor. Nichts ist ihnen heilig!
Was können wir tun, o Herr, um ihnen die Augen zu öffnen? Um ihr Herz für Deine unendliche Liebe empfänglich zu machen? Und um sie des Heiligen Geistes teilhaftig werden zu lassen? Gott, erhöre uns, denn wir sind in tiefer Sorge um die Seelen unserer Brüder und Schwestern im Osten!
Um die Not, die wir leiden, auch nur zu erahnen, lass uns in aller Bescheidenheit von den geradezu unverfrorenen Antworten berichten, die Deine Kinder aus dem Osten unseres Vaterlandes auf die letzte Umfrage zur Religion gegeben haben.
Im so genannten ALLBUS aus dem Jahre 2008, einer soeben erschienenen Bevölkerungsumfrage, erdreisteten sich doch tatsächlich 65,3 Prozent der Ossis, aber nur 10,8 Prozent der Wessis, zu sagen: „Ich glaube nicht an Gott und habe nie an ihn geglaubt“.
Während es im Westen immerhin noch 23,2 Prozent sind, sind es im Osten sage und schreibe nur 7,2 Prozent, die „an ein Leben nach dem Tode“ glauben. Auch weigern sie sich, „an Wunder zu glauben“. Nur 8,6 Prozent der Ossis, aber 23.3 Prozent der Wessis vertrauen darauf, dass Du Wunder tust.
Ähnlich ist es mit ihrem Glauben an Deine persönliche Anteilnahme bestellt. 68,3 Prozent der Ossis und 26,0 Prozent der Wessis bezweifeln, dass Du Dich „persönlich mit jedem Menschen befasst“.
Mehr noch: 71,9 Prozent der Ossis und 31,4 Prozent der Wessis stellen es glatt in Abrede, dass ein Leben ohne Dich „keinen Sinn“ mache.
Und als wäre all dies noch nicht genug, meinen doch tatsächlich 60,0 Prozent der Ossis und 51,7 Prozent der Wessis, dass wir „Kirchenoberhäupter nicht die Entscheidungen der Regierung beeinflussen“ dürften.
Hätten wir nicht in der Folge der Ketzereien von Voltaire, Hume, Paine, Jefferson, Mill, und Schopenhauer unsere von Dir verliehene Macht eingebüßt, würden wir mit diesen Ossis gewiss in derselben Weise verfahren, wie Du einst mit den Ägyptern verfahren bist: Wir würden ihnen Hagelstürme, Heuschrecken und Seuchen schicken, ihnen Geschwüre wachsen lassen, das Wasser der Saale in Blut verwandeln und ihre Erstgeborenen töten. Alles „ad majorem Dei gloriam“ selbstverständlich!
Ähnliche Artikel:
- Der Gotteswahn
- Stirbt die Religion aus?
- Der Fall der Mauer
- Wir sind frei, denn alles ist vorherbestimmt
- Einstein'sche Religion




Ah, ich hab Dich da doch nicht etwa auf eine Idee gebracht bei diesem Artikel? Um die Diskussion mal fortzusetzen:
Die hier geschilderte Umfrage hat einen ganz anderen Stellenwert, als die, die ich bei mir beschrieben habe, da es hier um Glauben - oder anders gesagt: um das subjektive Empfinden des Einzelnen - geht, die Umfrage somit kein richtiges Faktenwissen vorraussetzt. Das führt auch dazu, das mir die Ergebnisse dieser Umfrage tatsächlich glaubhaft (welch Wortspiel) erscheinen. An dieser Umfrage kann also jeder problemlos teilnehmen.
Sehr schön, danke für die Lacher am Morgen!
Naja, wenn ich so jeden Monat auf meinen Soli schaue, muss ich davon ausgehen, dass die Ossis das Paradies auf Erden schon haben.
Scherz beiseite.
Mich würde interessieren, wie das mit Moralvorstellungen korreliert, speziell, was Sühne anbelangt. In den USA scheint es ja so zu sein: umso religiöser, desto toter die Gefängnisinsassen. Sühne scheint religiösen Menschen wichtiger zu sein, als Vergebung. Befürworten in D die Wessis auch eher die Todesstrafe als die Ossis?
Außerdem würde mich interessieren, ob es nicht auch dadurch einen Effekt gibt, dass der Osten in manchen Regionen entvölkert wird. Die jungen, gut ausgebildeten Frauen gehen in den Westen, die Männer bleiben als wütende Glatzen im Hotel Mama. Da Religion sowieso ein Frauenthema ist, könnte das ja zu dem Effekt beitragen. Ist das wild gesponnen oder könnte da was dran sein?
Ja, da ist durchaus etwas dran. Ossis haben zumindest eine andere Einstellung zu Homosexualität, Abtreibung und anderen von der Religion geprägte Themen.
Dummerweise bin ich für den Rest der Woche auf einer Tagung in Berlin. Ich werde die entsprechenden Daten aber nach meiner Rückkehr sogleich nachreichen.
Auch die Tschechen haben - im erstaunlichen Gegensatz zu den Polen - mit Religion nichts zu tun. Ich habe beruflich sowohl mit Tschechen als auch mit Polen zu tun. Mit Polen gibt es öfter mal Missverständnisse und daraus resultierend kleine Streitigkeiten. Mit Tschechen ist mir das bisher noch kein einziges Mal passiert. Vermutlich denke ich als Atheist eher wie ein Tscheche. Hat hier jemand ähnliche Erlebnisse gehabt, oder vielleicht als Gläubiger sogar das Gegenteil (was hier ausnahmsweise mal dasselbe wäre) erlebt?
mfg
Luchs
Na also, Edgar, nichts wie hin! Da wir ja beide unsere Wurzeln in Ostdeutschland haben, können wir ja bestätigen, wie viel glücklicher, aufgeklärter und bürgerschaftlich aktiver unsere dank einer Diktatur von Religion befreiten Mitbürger geworden sind! Das gesellschaftliche, tolerante und aufgeklärte Paradies auf Erden, Edgar hat es endlich gefunden! :-)
Nun aber mal ernsthaft - Du hast leider noch Arbeit vor Dir. Gerade in diesen Tagen haben die Leipziger Religionswissenschaftler über die religiöse Landschaft ihrer Stadt ein Buch heraus gebracht und inmitten des Atheismus 72 (!) subversive Religionsgemeinschaften ausgemacht, viele davon nach der Wende entstanden, und einige blühend.
http://www.interkulturelles-forum.de/...dbuch.html
Da war wohl der Staats-Humanismus der DDR nicht gründlich genug, vielleicht ist er auch einfach zu früh (nicht zuletzt aus den Kirchen heraus!) zusammengebrochen - Edgar, tu was! ;-)
Dies ist kein Hohelied auf das Land, in dem Milch und Honig fließen, sondern ein Abgesang auf die Kleriker!
Nun ja, Ostdeutschland wird wohl der erste Landstrich sein, den wir für Klimaflüchtlinge räumen, 1 Millionen Wohnungen stehen schon leer. Da wandern dann die Religiösen wieder ein und werden auch ihre Kleriker mitbringen. Langfristig werden die Atheisten nur als Randerscheinung einer religiösen Gesellschaft existieren, so wie die Homosexuellen nur Nebenerscheinung einer bisexuellen Gesellschaft sind.
@Adenosine: "Langfristig werden die Atheisten nur als Randerscheinung einer religiösen Gesellschaft existieren" Wow, woher der Mut zu so einer steilen These? Ist das Hoffnung oder kann man das belegen?
Man darf hier auch nicht wieder alles in einen Topf werfen und jetzt durch die Blume gegen die Ostdeutschen polemisieren. Da ist es nämlich wirklich schön, da kann man wirklich hingehen. Es ist eben regional unterschiedlich, wie im Westen auch.
Ich finde es schon gut, dass die Kirchen sich im Osten so schwer tun und die kuriose Vorstellung, nur ein Gottesglaube führe zu Sinn und Moral dort in der Bevölkerung auf wenig Resonanz stößt. Allerdings nicht in der Politik. In Thüringen haben wir die erste evangelikale Landesregierung Deutschlands!
Ein spirituelles Bedürfnis gibt es natürlich trotzdem und so ist es auch nicht schwer 72 "Religionsgemeinschaften" zu finden. Man muss den Religionsbegriff nur weit genug dehnen. Mir geht es aber vor allem um die christlichen Großkirchen und den Würgegriff, mit dem sie unsere Gesellschaft gefangen halten. Da verkündet der Libertarian doch eine frohe Botschaft.
zur Freunde über 72 subversive Religionsgemeinschaften:
http://blog.esowatch.com/?p=828
Aargh - wir werden doch hier wohl am Ende nicht einer Meinung werden!?
Das wahrscheinlichste Szenario scheint mir auch zu sein, dass es statt weniger dominanter Kirchen ein großes, konfessionslos-kinderarmes Feld und daneben einen bunten, religiösen Markt (inkl. christlicher Rest- und Freikirchen) geben dürfte.
Im Berliner Tagesspiegel habe ich mir am Valentinstag den heiligen Zorn manch "aufgeklärter" Berliner zumindest schon mal zugezogen. ;-)
http://www.tagesspiegel.de/...erung;art141,3029894
Grüße an alle, see ya at Deidesheim! :-)
"Aargh - wir werden doch hier wohl am Ende nicht einer Meinung werden!?"
Keine Angst, wir sind nicht einer Meinung! Im Gegensatz zu Dir bezweifele ich die vielbeschworene "Wiederkehr der Religionen" und begrüße es, dass sich die Ossis von Pfaffen nicht einlullen lassen.
Wunderbar! Gut recherchiert und mir aus dem Herzen gesprochen.
Meine Frage: Wozu brauchen wir denn überhaupt Religionen? Die schlimmsten Verbrechen wurden immer im Namen der Religion und eines „liebenden, gütigen“ Gottes getätigt. In seinem Namen wurden Millionen Frauen als Hexen qualvoll auf dem Scheiterhaufen verbrannt, Millionen Männer als Ketzer bestialisch hingemordet… Schon vergessen?
Oder gerade jetzt: Die Missbrauchsfälle an Kindern in katholischen Schulen durch katholische Priester – alles nicht so schlimm?
Aber der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, findet, das ist noch lange kein Grund, die katholische Kirche zu kritisieren.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wurde sehr von ihm angegriffen. Ich zitiere die Thüringer Allgemeine vom 24. 2. 2010:
„“Zollitsch sprach von der „seit Jahren schwerwiegendsten Attacke“ einer Bundesregierung gegen die katholische Kirche. Die Ministerin habe in Interview „maßlos gegen die Kirche polemisiert“. Seine Irritation habe er ihr schriftlich mitgeteilt.““…..
Nun, er scheint im Fall von S. Leutheussser-Schnarrenberger eher zur Übertreibung zu neigen, denn, obwohl Ministerin, ist sie doch wohl nicht „die Regierung“ – die hält sich nämlich der Kirche gegenüber vornehm zurück. Bei den Missbrauchsopfern und deren Leid und Entwürdigung durch katholische Priester fühlt sich Herr Zollitsch meines Empfindens nach wohl mehr zur Untertreibung geneigt – wenn man es denn schon nicht ganz unter den Teppich zu kehren vermag. Von der vielzitierten „Demut gegenüber dem Herrn“ kann ich nichts erkennen.
Oder sollte ich das als Atheist falsch sehen?
Vielleicht sollte die katholische Kirche den Zölibat, dieses Dogma der Pervertierung der Sexualität, doch noch mal überprüfen? Vielleicht gäbe es dann sehr viel weniger missbrauchte Kinder? (Wer’s glaubt, wird selig!)
Jedenfalls bin ich stocksauer, dass sich der Papst in das private Leben auch der nichtkonfessionellen Bürger eines säkularen Staates einmischt, als wäre er ihr oberster Dienstherr. Wieso das? Höre ich fragen.
Nur ein kleines Beispiel: Ich setze mich seit Jahrzehnten aus guten Gründen für die Legalisierung der Sterbehilfe ein. Wenn ich genug habe und es nicht mehr auszuhalten ist, möchte ich gehen können, und zwar ganz legal und ohne bei meinen Kindern ein schlechtes Gewissen zu hinterlassen. Wenn sich ein Bürger eines säkularen Staates freiwillig unter die Hand der Kirche begibt, ist das seine Sache und soll ihm auch nicht verwehrt werden. Schließlich: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich … (oder seine Hölle). Aber mir will man – auch gegen das Grundgesetz – diese Hölle aufzwingen. Dagegen wehre ich mich bis zum letzten Atemzug! Selbstbestimmtes Sterben ist kein fremdbestimmter Mord.
Und was gibt es Humaneres, als die so verpönte „Tötung auf Verlangen“, wenn sie im Sinne des Betroffenen erfolgt?
Ich weiß, das ist jetzt nicht das Thema, aber der Grund, weshalb ich so sauer auf die Kirchen bin. Bis vor Jahren stand ich dem Thema „Kirche“ ziemlich indifferent gegenüber. Aber diese Bigotterie der Kirchen hat mich aufgemischt. Und deshalb auch mein Beitrag.
ABER: Ich glaube durchaus an Wunder!
An die Wunder der menschlichen Liebe und Freundschaft, auch unter und von Menschen aller Couleur und Gesellschaftsschichten und unterschiedlichster Weltanschauungen, die mich ein Leben lang begleitet und getragen haben!!!
Mit anderen Worten: Ich glaube an die Souveränität des menschlichen Geistes.
Kürzlich las ich, dass man in Ostdeutschland vielerorts gar nicht weiß was Religion ist. Wie kann man sie da gutheißen oder ablehnen?
http://www.focus.de/...sfinsternis_aid_184626.html
Da man die armen Ossis ja nicht unwissend sterben lassen kann, hier ein Schnellkurs in Sachen Religion und Weltanschauung (Herr Blume schaun’s bitte weg):
http://www.zitate-welt.de/witze/shit_happens.html
Vielen Dank für den Link. Wirklich köstlich! Vor allem die Rasta-, Kommunismus - und Sozialismus-Versionen haben mir gefallen.
Was den FOCUS-Artikel anbelangt, so zeigt sich einmal mehr, dass die Kleriker ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht haben.
Du schriebst: Keine Angst, wir sind nicht einer Meinung! Im Gegensatz zu Dir bezweifele ich die vielbeschworene "Wiederkehr der Religionen" und begrüße es, dass sich die Ossis von Pfaffen nicht einlullen lassen.
Na, was kann ich angesichts solch rationaler und wissenschaftlich objektiver Meinungsbildung noch sagen? Vielleicht, dass sehr viele der 72 Leipziger Religionsgemeinschaften gar nicht von Pastoren (nach Deinem Duktus: Pfaffen) geleitet werden? Naja, es scheint, als beziehe sich Deine... Abneigung ohnehin auf alle Menschen, die es wagen zu glauben, zu beten etc. Bei soviel schräg verdauter "Aufklärung, Wissenschaft & Toleranz" kann ich dann natürlich auch nicht mehr helfen... Am Besten, wir warten es einfach ab! ;-)
Lieber Michael, wie Du weisst, geht es mir in keiner Weise um eine "Abneigung gegen Menschen, die zu glauben wagen". Ich denke, dass der Gedankenaustausch zwischen Martin, Dir und mir beispielsweise von gegenseitigem Respekt und mit intellektuellem Gewinn verbunden ist. Ich habe es noch nie jemanden zum Vorwurf gemacht, dass er glaubt.
Solange sich jemand auf seinen persönlichen Glauben beschränkt und seine Religion nicht dazu missbraucht, anderen Menschen Vorwürfe oder gar dem Gesetzgeber Vorschriften zu machen, habe ich überhaupt kein Problem mit ihm.
Da genau dies aber das Ziel der Kleriker ist, darf es nicht verwundern, wenn ich mich über die ideologische Niederlage, die sie im Osten erlitten haben, freue.
Mir ist beim nochmaligen Durchlesen meines Textes eine Ungenauigkeit aufgefallen.
Ich habe an einer Stelle geschrieben:
Wer’s glaubt, wird selig!
Damit habe ich nicht die Minimierung des Kindsmissbrauchs
Durch eine Änderung oder Lockerung der Sexualdogmen
gemeint, sondern, dass ich nicht daran „glaube“, (d. h., dass ich nicht der Meinung bin) dass die katholische Kirche auch nur den mindesten Abstrich an der Gültigkeit ihrer Dogmen machen wird.
Was genau meinst Du eigentlich mit den 72 Leipziger Religionsgemeinschaften? Dass es durchaus eine Rückkehr zur Religion in der ehemaligen DDR gibt, nur dass sie sich außerhalb der Kirche vollzieht?
@Edgar
Ich hab mal einige Jahre in Leipzig gewohnt. Vielleicht bin ich in dieser Statistik enthalten. So pi mal Daumen sind schon allein in meiner Person mindestens 3 Religionen ansäßig ;-)
mfg
Luchs