Wozu Philosophie?
Wenn von Philosophen die Rede ist, denkt man gern an kauzige Einzelgänger. Da ist beispielsweise Diogenes in der Tonne, der auf die Frage Alexander des Großen, ob er etwas für ihn tun könne, lakonisch antwortete: „Ja, du könntest mir ein Stück aus der Sonne gehen.“ Dann ist da natürlich der pedantische Immanuel Kant, der seinen Tagesablauf so strikt festlegte, dass selbst die kleinste Abweichung ihm existenzielle Ängste verursachte. Nachdem er einmal von einem Edelmann zu einer Spazierfahrt über Land eingeladen worden war und etwas später als gewohnt in seine Studierstube zurückkehrte, entwickelte er daraus sogleich den kategorischen Imperativ, „sich nie von jemanden zu einer Spazierfahrt mitnehmen zu lassen“. Und schließlich ist da noch der mürrische Arthur Schopenhauer, der so misstrauisch war, dass er sich nie von einem Barbier rasieren ließ, weil er fürchtete, er könne ihm mit dem Schermesser die Kehle durchschneiden. Nach Schopenhauer waren die Menschen ein solches Schlangen und Otterngezücht, dass sie ihren Nächsten umbringen würden, „nur um sich mit dessen Fette die Stiefel zu schmieren.“
Wenn die Philosophie aber aus uns nur schrullige Leute macht, warum sollte man sie dann betreiben? Bevor ich eine Antwort auf diese Frage zu geben suche, möchte ich meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, dass Philosophen in der Tat ein ganz eigener Menschenschlag sind. Von Sokrates über Descartes bis hin zu Robert Nozick sind Philosophen Menschen, die sich eine geradezu kindliche Neugierde bewahrt haben, die sie über alles staunen, sie alles ergründen und alles hinterfragen lässt. Wie ein Bildhauer Marmor bearbeitet, um eine Skulptur zu erschaffen, bearbeitet ein Philosoph Ideen, um ein Weltbild zu erschaffen. Da er seine eigenen Ideen vom skeptischen Hinterfragen nicht ausnimmt, gelangt er jedoch nie wirklich ans Ziel und ähnelt daher dem mythischen Helden Sisyphos, der bekanntlich dazu verdammt war, bis in alle Ewigkeit einen schweren Felsblock einen steilen Berg hinaufzurollen, nur um ihn kurz vor dem Gipfel wieder herabrollen zu sehen. Doch was Albert Camus über den griechischen Helden sagte, gilt glücklicherweise auch von dem Philosophen: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Mein philosophischer Ziehvater, Gerhard Vollmer, pflegt zu sagen: „Philosophie ist Denken auf Vorrat.“ Diese Definition der Philosophie gilt vielleicht für keinen anderen Bereich so sehr wie den, dem ich mich verschrieben habe – der Bioethik. Das rasante Tempo, mit dem sich die Humangenetik und die Reproduktionsmedizin entwickeln, stellt uns unaufhörlich vor neue moralische, rechtliche und soziale Probleme. Wie sollen wir mit einer Technologie umgehen, die es uns erlaubte, das Geschlecht unserer Kinder wählen zu können? Was, wenn wir die Intelligenz unserer Sprösslinge erhöhen konnten? Oder was, wenn wir das Lebensalter künftiger Generationen von 75 Jahren auf 150 oder gar 200 Jahre verlängern würden? Während weite Teile der Bevölkerung uns einfach an Goethes „Zauberlehrling“ gemahnen und uns davor warnen, „Gott zu spielen“ oder „der Natur ins Handwerk zu pfuschen“, müssen sich auf die Bioethik spezialisierte Philosophen mit den konkreten Implikationen dieser Technologien beschäftigen, die tatsächlichen sozialen Folgen abschätzen und praktische Vorschläge zu ihrer Regulierung ausarbeiten. Ob Präimplantationsdiagnostik, Xenotransplantation, Klonen oder Hybridisierung – all diese technischen Fortschritte erfordern Leute, die, wie Vollmer sagt, bereit sind, „auf Vorrat zu denken“.
Vorschläge für den Umgang mit neuen biowissenschaftlichen Errungenschaften zu unterbreiten, ist dabei leichter gesagt als getan. Wie etwa das Beispiel der Geschlechtswahl zeigt, erfordert es nicht nur eine intime Kenntnis der Technologie, sondern vor allem auch eine Sichtung empirischer Daten: Gibt es in unserer Gesellschaft eigentlich Hinweise darauf, dass Paare ein Geschlecht gegenüber dem anderen bevorzugen? Wenn ja, für welches Geschlecht? Wären Sie bereit, die Kosten und Mühen einer reproduktionsmedizinischen Behandlung auf sich zu nehmen, um sich den Wunsch nach dem erhofften Sohn oder der ersehnten Tochter zu erfüllen? Falls ja, könnte die Zulassung einer solchen Technologie dazu führen, dass sich das natürliche Gleichgewicht der Geschlechter in unserer Gesellschaft verschieben würde? Was wäre, wenn es in den nächsten zwei oder drei Generationen weitaus mehr Männer als Frauen oder auch weitaus mehr Frauen als Männer gäbe? Was genau wären die sozialen, ökonomischen und politischen Konsequenzen, die sich daraus ergäben? Wie sind Länder wie Russland, Australien oder die Vereinigten Staaten, die tatsächlich mit solchen Problemen konfrontiert waren, mit diesen Herausforderungen umgegangen?
Selbst wenn wir diese Fragen empirisch untersucht haben, stellen sich sogleich methodologische Probleme: Wie zuverlässig sind unsere Voraussagen eigentlich? Lassen sich die Erfahrungen, die die Australier bei der Besiedlung ihres Kontinents gemacht haben, tatsächlich auf ein Land wie Deutschland übertragen? Können wir zwei so unterschiedliche Kulturen wirklich miteinander vergleichen? Welche Rolle spielen zum Beispiel die Bevölkerungsdichte, das Bevölkerungswachstum, die Einwanderungsrate, die Volkswirtschaft oder die religiöse und ethnische Zusammensetzung verschiedener Staaten?
Als wäre es nicht bereits kompliziert genug, beginnen die eigentlichen Probleme doch sogar erst jetzt. Denn nun stellen sich plötzlich die normativen Fragen: Was, wenn die Geschlechtswahl für ein Land wie Deutschland kein großes Problem darstellte, in einem Land wie Indien aber verheerende Konsequenzen hätte? Sollte Deutschland die Technologie dann gestatten und Indien sie verbieten? Oder sollte Deutschland – und sei es nur, „um ein Zeichen zu setzen“ – die Technologie besser auch hierzulande unter Strafe stellen? Wäre es aber gerecht, wenn man deutsche Paare, die sich eine Tochter wünschen, dafür büßen ließe, dass sich indische Paare, einen Jungen wünschen?
Was, wenn wir uns auf keine gemeinsame Antwort auf diese Fragen einigen können, wie das bei Problemen dieser Art erfahrungsgemäß der Fall ist? Wie sollen wir dann vorgehen? Wer soll entscheiden? Die Experten, die Politiker, die Bevölkerung? Insofern wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der die Menschen ganz unterschiedliche Weltanschauungen und Moralvorstellungen haben, werden sich jedoch auch die Experten, die Politiker und die Bevölkerung sehr wahrscheinlich uneins sein. Sollten wir also öffentlich abstimmen lassen und einfach tun, wofür sich die Mehrheit zufällig ausspricht? Doch was, wenn die Mehrheit ein Verbot beschließt, ohne seine Entscheidung durch vernünftige und nachvollziehbare Argumente rechtfertigen zu können? Einer Minderheit den Willen der Mehrheit aufzuzwingen, geht schließlich auch nicht. Immerhin haben die Bürger dieses Landes durch das Grundgesetz geschützte Rechte. Ihr Recht auf Leben, Eigentum oder Freiheit kann ihnen keine Mehrheit nehmen, wie groß auch immer sie sein mag. Welche Kriterien müssen also erfüllt sein, damit der Gesetzgeber die Freiheit seiner Bürger einschränken darf? Soll der Staat nur die Sicherheit seiner Bürger gewähren, soll er ihre Freiheit vermehren oder soll er ihnen die Tugend lehren?
Die Bioethik ist also keine leichte Aufgabe. Sie wirft nicht nur moralphilosophische, sondern auch sozialphilosophische, rechtsphilosophische und staatsphilosophische Fragen auf. Da wir Menschen benötigen, die sich dieser Aufgabe stellen, haben wir zumindest schon eine gute Antwort auf die Frage „Wozu Philosophie?“
Dass es der Bioethik bedarf, steht, denke ich, außer Frage. Sie ist schließlich ein Teil der Praktischen Philosophie und ein Teilgebiet der Angewandten Ethik, zu der etwa auch die ebenso brisanten wie aktuellen Disziplinen der Wirtschaftsethik, Medienethik, Medizinethik oder Ökologischen Ethik gehören. Doch was ist mit den anderen Bereichen der Philosophie? Haben die auch irgendeinen greifbaren Nutzen?
Der Begriff „Philosophie“ wird bekanntlich häufig mit „Liebe zur Weisheit“ übersetzt. Obgleich ich mich nicht dafür verbürgen möchte, glaube ich doch, dass die Philosophie neben dem oben beschriebenen sozialen Nutzen durchaus auch einen persönlichen Nutzen haben kann. Ganz ohne Frage kann man von Sokrates, Epikur, Cicero, Voltaire, Hume, Mill, Russell oder Popper auch vieles für sein eigenes Leben lernen. Nachdem, was ich eingangs über ihn berichtet habe, wird man es nur schwer glauben wollen, doch Schopenhauer hatte meiner Meinung nach sicher nicht ganz unrecht, als er gegen Ende seines Lebens schrieb: „Meine Philosophie hat mir zwar nie etwas eingebracht, aber sie hat mir sehr viel erspart.“ Dass einem die Philosophie dabei behilflich sein kann, sein eigenes Leben besser zu meistern, erscheint mir daher auch als eine zweite gute Antwort auf die Frage „Wozu Philosophie?“
Die große Mehrheit der Philosophen beschäftigt sich jedoch nicht mit rein praktischen Fragen wie der Lebensweisheit oder der Bioethik. Sie ringt vielmehr mit den höchst komplizierten theoretischen Problemen, die häufig auch als „die großen Fragen der Menschheit“ bezeichnet werden: Warum gibt es eigentlich etwas und nicht vielmehr nichts? Gibt es einen Gott? Verfügen wir über eine unsterbliche Seele? Haben wir einen freien Willen? Welchen Sinn hat das Leben? Oder: Was können wir eigentlich wissen? Obwohl dies Fragen sind, die wir uns alle schon einmal gestellt haben dürften, sind doch für gewöhnlich nur die Philosophen derart „von des Gedankens Blässe angekränkelt“, dass sie bereit sind, ihr gesamtes Leben der Beantwortung solcher Fragen zu widmen. Angesichts der Unsicherheit und Vorläufigkeit unseres Wissens, hat eigentlich auch kaum ein Philosoph die verwegene Hoffnung, all diese Probleme ein für allemal lösen zu können. Doch wie so oft, so ist auch hier der Weg das Ziel. Sie verschreiben sich diesen Fragen, weil die Bemühung, sie zu beantworten, ihrem Leben einen Sinn verleiht. Wer diese Leidenschaft teilt, sollte jetzt eine dritte gute Antwort auf die Frage „Wozu Philosophie?“ haben.
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Lieber Edgar,
eigentlich war unsere Diskussion unter meinem Klonfleisch-Artikel schon sehr aufschlussreich für mich, was die philosphische Denkweise angeht. Und irgendwie erscheint sie mir gerade in "Deinem" Bereich - der Bioethik - immer wichtiger und interessanter. Wenn es zum Beispiel mal wieder darum geht, ab wann der Mensch in die Natur eingreift und ob er das darf und vor allem: wo das hinführen könnte - dann ist es durchaus wichtig, dass sich jemand damit auseinandersetzt.
Edgar -
habe ich Dich jetzt recht verstanden, wenn ich zwischen den Zeilen Deines letzten Absatzes lese, dass die Philosophie SINN stiften könne, ja, Sinn SEI?
Viele Dinge können Sinn stiften. Warum nicht auch die Philosophie? Was Sinn stiftet ist die individuelle Entscheidung des Einzelnen.
Vielen Dank für den schönen Beitrag.
Natürlich muss ich dir, als der Skeptiker, der ich bin, in ein paar Punkten widersprechen:
1) Unter dem Gesichtspunkt, auf Vorrat zu denken, wäre es aber gerade unerheblich, etwas über die tatsächliche Verbreitung des Wunschs zur Geschlechtsbestimmung zu wissen; denn selbst wenn dieser Wunsch in der Gesellschaft nicht vorhanden wäre, würde das Denken auf Vorrat doch darin bestehen, ihn trotzdem philosophisch zu analysieren.
2) Du weißt, ich bin ein Laie auf dem Gebiet der Rechtsphilosophie. Dennoch (oder deshalb?) scheint es mir komisch, das Recht auf Leben zusammen mit denjenigen auf Eigentum und Freiheit zu nennen und zu behaupten, diese könne einem keine Mehrheit nehmen. a) Beim Recht auf Leben stimme ich dir zu (das gilt aber nur für geborene Menschen; das Leben eines Embryos oder Fötus, zum Beispiel, ist nicht derart geschützt, siehe Abtreibung und sogar Abtreibung behinderter Feten bis zum Einsetzen der Wehen). Wird das nicht gerade mit dem Recht auf Selbstbestimmung der werdenden Mutter begründet? b) Art. 14 GG beschreibt doch Enteignungen zum Wohle der Allgemeinheit. c) Schließlich kann die Freiheit massiv einschränkt werden, beispielsweise zum Katastrophenschutz, im Militärdienst, im Kriegsfall, bei Verbrechen usw. usf.
Die Bilder gefallen mir übrigens sehr gut. Ich hätte mich auch über die Quellenangaben gefreut.
Ich habe dies genauso gemeint, wie es Lars auch verstande hat. Es gibt keinen objektiven, uns allen vorgegebenen Sinn des Lebens. Doch jeder kann seinem persönlichem Leben einen individuellen Sinn geben.
Verlangst Du als "Metaphysiker" nach mehr?
Dein Kommentar verlangt nach mehreren Bemerkungen. Bevor ich mich daran mache, erst einmal kurz das "Geständnis", dass ich meine Position zu den "Smart Pills" aufgrund Deiner Einwände geändert habe. Ich gebe Dir darin recht, dass das kognitive Enhancement einen Wettbewerb in Gang setzen würde, bei dem letztlich jeder nur verlieren kann.
Was das emotionale Enhancement, also die "Happy Pills" anbelangt, so bleibe ich aber vorerst noch bei meiner liberalen Position - jedenfall solange, bis ich Deinen Artikel "Dragee zum Glück?" gelesen habe, auf den ich gestern erst gestoßen bin.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Deinen ersten Einwand richtig verstanden habe:
"Unter dem Gesichtspunkt, auf Vorrat zu denken, wäre es aber gerade unerheblich, etwas über die tatsächliche Verbreitung des Wunschs zur Geschlechtsbestimmung zu wissen; denn selbst wenn dieser Wunsch in der Gesellschaft nicht vorhanden wäre, würde das Denken auf Vorrat doch darin bestehen, ihn trotzdem philosophisch zu analysieren."
Sicher, selbst wenn es in unserer gegenwärtigen Gesellschaft keine ausgeprägten Präferenzen zugunsten von Kindern eines bestimmten Geschlechts geben sollte, lässt sich doch nicht ausschließen, dass sich solche Präferenzen später einmal entwickeln werden. Dennoch scheint es mir alles andere als müßig, die jetzigen Präferenzen zu untersuchen. Das Denken auf Vorrat schließt ja die Empirie nicht aus. Ganz im Gegenteil! Wer erfolgreich auf Vorrat denken will, ist gut beraten, sich nicht bloßen Spekulationen hinzugeben, sondern immer auch relevante Fakten zur Kenntnis zu nehmen.
Streng genommen, gilt keines unserer Rechte absolut. Nach dem Grundgesetz ist lediglich die "Würde" des Menschen "unantastbar". Das Recht auf Freiheit, das Recht auf Eigentum und selbst unser Recht auf Leben können nach der Verfassung durchaus beschnitten werden. Doch worauf ich hinauswollte ist, dass sie nicht willkürlich, durch einen bloßen Mehrheitsbeschluss beschnitten werden dürfen. Selbst wenn 85 Prozent unserer Gesellschaft für eine Enteignung, Vertreibung oder gar Tötung von Immigranten wäre, können sie doch nicht so einfach ihrer Rechte beraubt werden.
Ach, "Dragee zum Glück", das habe ich 2005 geschrieben und wird deinen philosophischen Ansprüchen nicht gerecht. Darf ich dir ein anderes Papier von mir schicken? Das wird dich aber wahrscheinlich... provozieren. :-)
Du hast schon Recht, was die Rolle der Empirie angeht. Ich sehe das ja auch genauso, wenn ich von Neuroethik spreche und der Wichtigkeit, von den technischen Möglichkeiten in Kenntnis zu sein.
Unter der Überschrift "Wozu Philosophie" möchte ich dennoch deutlicher auf die Berechtigung zweckfreier Analysen hinweisen; also zweckfrei in dem Sinne, dass die Analyse nicht schon selbstzweck genug wäre. Ich denke dabei z.B. an Gedankenexperimente zur personalen Identität, die man damit anstellt, dass man sich durch einen Unfall 1:1-kopierte Menschen vorstellt, Gehirntransplantationen usw. und dann fragt, welche Konsequenzen -- wenn überhaupt -- diese Beispiele für unsere Konzepte haben. Hierfür halte ich es für irrelevant, ob sich diese Trends bereits ankündigen; tatsächlich werden die Beispiele weniger von angewandten Ethikern als von Philosophen des Geistes diskutiert. Andererseits sollte man die Intuitionen, welche diese Gedankenexperimente auslösen, auch nicht so ernst nehmen, dass man seine ganze Philosophie darum strickt.
Ebenso fände ich es interessant, über die Auswirkungen der Geschlechterwahl für eine Gesellschaft zu diskutieren, auch wenn es schon allein technisch unmöglich wäre (über den Umweg der Kindstötung ist es -- leider -- ja immer möglich, wie man manchmal aus China hört). Nur dürfte man für diese "zweckfreien" Fragen geringere Chancen haben, eine Projektförderung zu erhalten; aber was braucht schon ein Philosoph an teuren Forschungsmitteln?
Ja, schick' mir Deinen neueren Artikel doch bitte! Meine Email-Adresse lautet edgardahl@yahoo.com.
Was die Gedankenexperimente angeht, gebe ich Dir vollkommen recht. Mir ist jedes Gedankenexperiment lieb, sofern es nur dazu beiträgt, ein Problem besser zu verstehen.
Stellt sich gerade philosophisch nicht zunächst die Frage, ob vor "Liebe zur Weisheit" nicht das Bemühen um "Wissen" steht, das Mühen um möglichst genaues Wissen sogar? (Ich komme nicht nur deswegen darauf, weil im Griechischen sophós geschickt, kundig, gewandt und kunstfertig bedeutet - mit Anklängen an "klug und weise", aber auch an schlau und listig bis hin zu hinterlistig und täuschend, und dieses Wort wiederum sprachverwandt ist mit griech. saphés für hell, klar, deutlich, offenbar, genau und 'ganz genau', verständlich und gewiss, sicher und zuverlässig.)
Was halten Sie von dem Vorschlag, unter Philosophie zunächst und eher bescheiden das Bemühen zu verstehen, Art und Grundlage unseres "Wissens" zu klären?
Ihre Frage, "Wozu Philosophie", hätte dann eine leicht "einleuchtende" Antwort: um zu erkennen und zu verstehen, worin Wissen besteht - und darauf beruhende Weisheit...
Philosophie könnte dann beispielsweise auch besser von empirischen Wissenschaften wie der Psychologie und Sinnesphysiologie abgegrenzt werden, die zur Aufgabe haben, durch adäquate Untersuchungen zu klären, wie wir wahrnehmen und mit Wahrnehmungen umgehen, etwa beim Anschauen von Gegenständen und Beobachten von Vorgängen aller Art bis hin zu solchen, die wir selbst herstellen, etwa "auf den Brettern, die die Welt bedeuten" im Theater, dem schon von den Griechen geliebten Spielhaus mit shows zum Schauen...
"Anschauung" oder griech. theoría würde dann vielleicht weniger leicht mit – insb. (empirisch) gesichertem – Wissen verwechselt und die Aufgabe von Philosophie nicht länger darin "gesehen" werden, sich mehr oder weniger "visionär" Weltanschauungen auszudenken.
Und vielleicht könnten Sprachkundler dann sogar klären, woher die verblüffende sprachliche Ähnlichkeit oder Verwandtschaft der griechischen Worte theîos für Oheim, Mutterbruder, Onkel – neben thethé für Großmutter – einerseits und andererseits theîos für "von Göttern abstammend" kommt. (Damit stehen ja viele weitere griechischen Worte in Zusammenhang wie theîon für Gottheit, theós und theá für Gott und Göttin, theáomai für die Aktivität des Schauens, Staunens und Bestaunens bis hin zum Bewunderns und Verwunderns - ein Verb, das schon im Griechischen auch bedeuten konnte, "im Geist betrachten und erkennen" - bis hin zu natürlich theoría für "Anschauung" sowie dann "Theater" in dann sogar jeden Sinn dieses Begriffes... )
Vielleicht sollte man dazu wissen, dass auch unser Verb wissen real von "sehen" stammt – wie engl. wisdom sowie witch, lat. videin (Video) und griech. eîdos, von dem unser Fremdwort Idee abgeleitet ist, Wörter, die wie die Bezeichnung für die "Veden" der Hindus auf das indogerm. Wurzelwort *wid- für sehen zurückgeführt wird.
Wissen bedeutet deswegen eigentlich "gesehen haben", was aus psychologischer Perspektive besagt, dass man sich an Wahrgenommenes oder "Erlebtes" erinnern und sich damit (ehemalige...) Wahrnehmungen auch allein von sich aus und "im Innern" vorstellen kann.
Die Frage "Wozu Philosophie?" ist nur scheinbar weniger relevant und interessant als die vorangegangene Thematik "Gottes Wege sind unergründlich", also die berühmte Theodizee, die es auf phantastische 257 Einträge brachte. Sie griff ja eine die Menschen seit jeher bedrückende Frage auf, logisch strukturiert und doch nicht beantwortbar, weil … ja, weil schon die Formulierung der Problemstellung einem Denkfehler erliegt. Wir übertragen Fragestellungen des mesokosmischen Alltags, formuliert mit den in dieser Welt entwickelten Begriffen, auf Problemstellungen, die die Grenzen des Definitionsbereichs unserer Begriffe und der logischen Schlussfolgerungsmuster überschreiten. Sollte z.B. Gott jenseits von Raum und Zeit existieren, dann gälte dort Kausalität nicht, weil Kausalität ein Nacheinander von Ursache und Wirkung, also Zeit, voraussetzt. Und Logik und Kausalität hängen nun einmal eng miteinander zusammen. Aber auch hier verfangen wir uns schon wieder in unserer diesseitigen Logik, wenn wir diese Logik auf eine vermutete jenseitige Existenz Gottes anwenden und gleichzeitig annehmen müssen, dass diese dort nicht gültig sein könne. Wie wir es auch drehen und wenden, was bei dieser begrifflichen und logischen Grenzüberschreitung herauskommt, bleibt unbestimmt und damit aussagelos. Philosophie wirft also Fragen auf, um anschließend gleich festzustellen, dass sie mit unseren Mitteln nicht beantwortbar sind.
Der Beitrag von Edgar Dahl zeigt wieder sehr schön, dass Philosophie andererseits ganz dicht an existenziellen Fragen sein kann und dabei absolut verständlich bleibt. Im Gegensatz zu einem Herrn Habermas oder Sloterdijk, deren Texte in einer abgehobenen philosophischen Sprache abgefasst sind, die nicht die Absicht erkennen lässt, von einem breiteren Publikum verstanden werden zu wollen. Im Unterschied wiederum zu einem Karl R. Popper, der höchst bedeutsame wissenschaftstheoretische Abhandlungen so verfasst hat, dass sie bei Interesse und gutem Willen auch von einer Hausfrau/ einem Hausmann ohne einschlägige Vorbildung verstanden werden könnten.
Die zitierte Formulierung von Gerhard Vollmer, dass Philosophieren "Denken auf Vorrat sei" gefällt mir sehr gut. Wenn Philosophieren neben dem "Vor-Denken" auch "Nach-Denken" ist, dann verstehe ich unter Philosophieren das Reflektieren über mich und die Welt, über alles Erfahrbare und Denkbare. Ein solches Verständnis von Philosophie führt dann schnell zu Fragen wie "Woher kommt das alles?", "Was könnte wohl dahinter stecken?", "Warum bin ich hier?", "Was soll ich hier?". Und das führt mich dann schließlich zu der für mich entscheidenden Frage, wie sie oben Edgar Dahl auch schon erwähnte, nach dem Sinn des und meines Lebens. Sie gehört für mich zu den drei wichtigsten philosophischen Gegenständen. Logischerweise sollte sie am Anfang des Lebens gestellt werden, tatsächlich stellt sie sich als Frage erst im Laufe des Lebens ein, wenn überhaupt. Der Grund für diese "Verspätung" liegt in unserer christlichen Kultur, die diese Frage von vornherein im Sinne dieser Religion beantwortete.
Aber was ist der Sinn des Lebens und wie kann ich meinem Leben Sinn geben, wenn ich dem christlichen Verständnis von Welt und Gott nicht mehr folgen mag? Hinter dem Begriff des Sinns verbirgt sich unser Denken in den Kategorien von Anfang und Ende, Zielsetzung und Erfolg, und unsere Sehnsucht nach Bedeutung und Erfüllung, vielleicht auch nach Anerkennung und Würdigung. Das sind allesamt Kategorien, die der Natur, dem Kosmos, dem Sein fremd sind. Die Welt ist einfach da, frei von jedem Sinn, sie ist in diesem Verständnis in der Tat »Sinn-los«. Der Mensch ist folglich aufgerufen, den Sinn seines Lebens aus sich selbst zu schöpfen. Wenn ich weiß, dass mein Leben begrenzt ist und ein ewiges Leben im Jenseits nicht zu erwarten ist, dann werde ich versuchen, dieses Leben hier wesentlich bewusster als bisher üblich zu gestalten, um das zu erreichen, was ich als ein mich erfüllendes und vielleicht glücklich machendes Leben ansehen würde. Der menschliche Geist wird – befreit von religiöser Bevormundung – seine schöpferische Phantasie entfalten und viele Möglichkeiten der Sinngebung und Daseinsgestaltung entwickeln. Er muss es auch selbst tun, denn wenn wir in die Tiefen des Kosmos schauen, werden wir keinen Sinn erkennen, und auch das Innere eines Atoms offenbart nichts, was wir als Sinn allen Seins deuten könnten.
Am ehesten mag hier wohl die Philosophie in Verbindung mit der Soziobiologie einen Beitrag zu der Frage leisten, was "eigentlich" den Menschen ausmacht, was er über seine biologische Existenz hinaus darstellen könnte. Das läuft für mich auf die schon in der Antike entwickelte Einsicht hinaus, dass nur jeder Mensch für sich selbst in seiner sozialen Eingebundenheit den Sinn seines Daseins definieren kann. Diese Thematik stellt für mich eine, wenn nicht die entscheidende der Grundfragen, zumindest der praktischen Philosophie dar. Alles andere ergibt sich für mich aus der Klärung dieser grundlegenden Frage.
"Das sind allesamt Kategorien, die der Natur, dem Kosmos, dem Sein fremd sind. Die Welt ist einfach da, frei von jedem Sinn, sie ist in diesem Verständnis in der Tat 'Sinn-los'."
Völlig da cor! Kennen Sie eigentlich schon Bernulf Kanitscheiders letztes Buch "Entzauberte Welt"? Ganz ausgezeichnet!
"Von Sokrates über Descartes bis hin zu Robert Nozick sind Philosophen Menschen, die sich eine geradezu kindliche Neugierde bewahrt haben, die sie über alles staunen, sie alles ergründen und alles hinterfragen lässt. Wie ein Bildhauer Marmor bearbeitet, um eine Skulptur zu erschaffen, bearbeitet ein Philosoph Ideen, um ein Weltbild zu erschaffen. Da er seine eigenen Ideen vom skeptischen Hinterfragen nicht ausnimmt, gelangt er jedoch nie wirklich ans Ziel"
Diese Position könnte man mittels der Vokabel "Suche nach Letztbegründung" charakterisieren. Doch viele zeitgenössische Philosophen halten diesen Anspruch für übertrieben und irreführend. Was ist mit solchen Leute wie Rorty, Davidson, Sellars etc., die eher das Lösen begrifflicher Rätsel im Auge haben?