Gottes Wege sind unergründlich!
Richard Dawkins’ neues Buch ist erschienen. Keine Angst, es ist kein weiterer Angriff auf Religiöse. Lediglich ein einziges Kapitel von The Greatest Show on Earth: The Evidence for Evolution beschäftigt sich mit einem theologischen Thema. Und zwar der Theodizee. Wie weithin bekannt, geht es hierbei um die Vereinbarkeit der Allmacht, Allwissenheit und Allgüte Gottes mit dem Leid, Übel und Elend dieser Welt. Die nach wie vor beste Formulierung dieses Problems stammt aus der Feder Epikurs. Vor mehr als zweitausend Jahren stellte er die Frage: „Ist Gott willens, aber nicht fähig, die Übel zu verhindern? Dann ist er nicht allmächtig. Ist er fähig, aber nicht willens? Dann ist er nicht allgütig. Ist er sowohl fähig als auch willens? Woher kommen dann die Übel?“
Wie aus Epikurs Formulierung schon deutlich wird, ist das Theodizee-Problem ein logisches Problem. Es besteht in der logischen Unvereinbarkeit der Eigenschaften Gottes mit den Eigenschaften dieser Welt. Obgleich das Theodizee-Problem schon immer die Achillesverse des jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens war, ist es durch die Evolutionstheorie doch noch einmal drastisch verschärft worden. Denn mit Charles Darwins „Entstehung der Arten“ geriet das seit Millionen von Jahren anhaltende Leid der Tiere mehr und mehr in den Blick. Während wir das Leid, das Menschen einander zufügen, noch einigermaßen erklären können, stehen wir doch stumm und dumm vor der Frage: Wie kann ein gütiger Schöpfer nur das all das Leid vollkommen unschuldiger Tiere zulassen?
In meinen Augen kann man das Theodizee-Problem nicht lösen. Man kann es allenfalls umgehen. Und zwar, indem man Gott kurzerhand eine seiner drei vermeintlichen Eigenschaften abspricht. Wenn man Gott die Allwissenheit absprechen würde, könnte man behaupten, dass er das Leid dieser Welt zwar gerne verhindern würde, doch leider nicht über das hierfür nötige Wissen verfügt. Ähnlich: Wenn man Gott die Allmacht absprechen würde, könnte man behaupten, dass er die Übel zwar gerne abstellen würde, doch leider nicht über die hierfür erforderliche Macht verfügt. Und schließlich: Wenn man Gott die Allgüte absprechen würde, könnte man behaupten, dass er das Leid und Elend dieser Welt zwar sieht, es ihn aber einfach nicht berührt.
Schließen sich Religion und Evolution nun aus? Nein, keineswegs! Man kann sowohl Theist als auch Darwinist sein! Doch meiner Ansicht nach ist der Glaube an den „lieben Gott“ durch die Evolutionstheorie so unwiderruflich erschüttert, dass dem Gläubigen auf die Frage nach dem Leid nur die Antwort bleibt: „Gottes Wege sind unergründlich!“
Dies ist, wie gesagt, meine Ansicht. Mein Kollege und Freund Sebastian Muders ist jedoch ganz anderer Ansicht. Ich habe ihn daher auch dazu eingeladen, seine Ansicht auf diesem Blog vorzustellen. Sebastian ist Doktorand am Philosophischen Seminar der Universität Münster und arbeitet an einer Dissertation zum ethischen Relativismus. Sebastian, Du hast das Wort!
Gottes Wege sind unergründlich?
In seinem Eintrag weist Edgar Dahl ganz zu Recht auf eines der schwierigsten Probleme hin, dem sich ein Großteil der Vertreter des Theismus – und gerade solche der jüdisch-christlichen Tradition – ausgesetzt sehen: Der allmächtige, allgütige, allwissende Gott als Betreiber eines überdimensionalen Schlachthauses mit Namen Erde, deren Bewohner immer noch zu einem großen Anteil ein Leben führen, dass man mit Hobbes ebenso knapp wie treffend mit „nasty, brutish, and short“ beschreiben könnte?
Das Problem ist komplex, vielschichtig, und lässt sich verständlicherweise nicht auf wenige Zeilen verteilt lösen. Ziel meines Einwurfs kann daher nur sein, begrifflichen Raum für die Möglichkeit einer solchen Lösung bereitzustellen. Ich möchte voranstellen, dass Theologen auf die klassische Fassung der Theodizee selbstverständlich nicht festgelegt sind. Folgt man Pascals Diktum, demzufolge der Gott der Philosophen mehr oder weniger ein Denkkonstrukt zur Erstellung kniffliger Logikknobeleien darstellt, steht es Kirchendenkern offen, das klassische Bild des allmächtig-allgütig-allwissenden Gottes abzuschwächen. Das muss beileibe nicht mit der völligen Aufgabe eines der drei Attribute einhergehen. Nach Ansicht von Peter Rohs wird sich die Allmacht Gottes etwa erst mit dem Ende aller Zeiten einstellen. Allmacht ja – aber nicht sofort.
Was aber, wenn wir uns mit derlei Aufweichungen nicht zufrieden geben wollen? Wenn schon Gott, dann bitte richtig! Gewiss. Nehmen wir uns das von Edgar angesprochene „Leid, Übel und Elend dieser Welt“ einmal vor. Ist Leid, Übel und Elend an sich, d.h. immer und überall als etwas Schlechtes zu betrachten? Wahrscheinlich nicht: Seien es die Leiden und Anstrengungen des Marathonläufers oder das Übel einer langen, entbehrungsreichen Krankheit – in beiden Fällen scheint auf unterschiedliche Weise Leid und Schmerz auch etwas Positives anhaften zu können. Wäre sein Sport mit keiner körperlichen Schinderei verbunden – dem Marathonläufer würde ein wichtiger, womöglich gar der entscheidende Grund genommen, sich überhaupt die Sportschuhe überzustreifen. Und die drückende Sorge um das eigene Leben und den eigenen Körper kann zu einer neuen, positiven Einstellung gegenüber deren Wert führen. Ohne diese Erfahrung wäre sie zumindest nicht in dieser Deutlichkeit und Begründetheit nicht möglich.
Umgekehrt erscheinen uns Lust und andere angenehme Empfindungen nicht zwangsläufig als erstrebenswert, wie das gedankliche Konstrukt einer an Robert Nozick angelehnten Empfindungs-Maschine zeigen dürfte: Wir erhalten das Angebot, uns in eine Maschine zu begeben, die uns mit einem Übermaß angenehmer Empfindungen versorgt. Die Maschine ist dabei so eingestellt, dass sie unseren Glückspegel beständig misst und notfalls ein stetig steigendes Maß an Endorphinen bereithält – ohne jede körperlich nachteilige Nebenwirkung. Würden wir diese Maschine betreten wollen, um den Rest unseres Lebens selig vor uns hin grinsend in einem Zustand der Glücksstarre zu verbringen? Wohl eher nicht. Dann aber können berauschende Empfindungen an sich, gleich welcher Stärke, nicht als positiv gelten.
Alle drei Fälle einer möglichen Verletzung der Allgütigkeit Gottes scheinen unter den Begriff des Unwohlseins oder des Unangenehmen gebracht werden zu können. Ist dies aber das einzige, das höchste oder das wesentliche Gut, dass verletzt werden kann? Einer Dreiteilung des Psychologen E.P. Seligmann zufolge lässt sich das glückliche Leben in ein angenehmes, ein gutes und ein sinnvolles Leben untergliedern. Nur das Angenehme hat mit Freuden zu tun, die sich direkt in körperliches Wohlbefinden niederschlagen; das gute Leben hingegen bestimmt sich aus der Achtung und Wertschätzung anderer; das sinnvolle schließlich ergibt sich aus dem Sinn und der Nützlichkeit, die man seinem Leben verleiht. Nun stehen diese drei Möglichkeiten, ein glückliches Leben zu führen, nicht einfach nur nebeneinander. Sie lassen vielmehr eine Hierarchisierung zu: Das angenehme Leben wird dabei zuunterst, dass sinnvolle hingegen ganz oben platziert. Das erscheint auch plausibel: Wir können uns gut vorstellen, dass ein armer, im Elend lebender Mensch durchaus Sinn und Hoffnung hat; trotz aller Widrigkeiten macht er aus seinem Leben „das Beste“ und ist glücklich. Umgekehrt ist zweifelhaft, dass ein einzig den leichten Vergnügungen und Lüsten zugeneigter Dandy von sich auf dem Sterbebett behaupten wird, ein glückliches Leben geführt zu haben.
Wenn aber das sinnvolle Leben für sich bereits hinreichend ist, ein glückliches Dasein sein Eigen nennen zu können, das angenehme hingegen wenigstens nicht notwendigerweise dazu führt; wenn weiterhin das (fehlende) Wohlbefinden im Zentrum dessen steht, was wir als Leid, Übel und Elend in der Welt sehen; wenn schließlich das Unangenehme nicht an sich schlecht und das Angenehme nicht an sich gut erscheint; steht uns dann nicht doch die Möglichkeit offen, eine in Gottes Allmacht liegende, allwissende Allgüte anzunehmen, trotz des breiten Spektrums an schmerzhaften Erlebnissen, welche die Welt für uns alle bereithält?
Bleiben die Tiere. Edgar schreibt, dass „die Evolution“ hier „unschuldige“ Wesen leiden lässt. Ruft man sich Darwins berühmte Stelle zum Leiden unserer Mitbewohner in Erinnerung, scheint zunächst tatsächlich eine Verschärfung gegenüber dem Leiden des Menschen anzustehen: Während hier noch in „Zuckerbrot & Peitsche“-Manier die sittliche Vervollkommnung des Einzelnen als Begründung herangezogen werden könnte, ist dieser Ausweg bei moralisch eigentlich nicht zu belangenden, nur ihrem natürlichen Verhalten folgenden Geschöpfen versperrt. Wird hier nicht ein milliardenfach ausgeübter Sadismus unseres angeblich wohltätigen Schöpfers offenbar?
Es drängt sich die Frage auf, ob sich der Begriff der Unschuld so einfach eins zu eins auf Tiere übertragen lässt: Da sich die Schuldfrage für nicht handelnde, sondern sich lediglich verhaltende Lebewesen so nicht stellt, kann man mit gutem Recht fragen, ob dies für sein Gegenteil nicht ebenso gilt. Betrachten wir dazu eine Analogie: Bei vielen chemischen Stoffen (nehmen wir: Wasser aka H2O) kann man verschiedene Aggregatszustände unterscheiden: Fest, flüssig, gasförmig. Nun macht es aber wenig Sinn, einem Musikstück (nehmen wir: „Auf der Straße nach Süden“ aka „Looking for Freedom“) einen solchen Zustand anzurechnen; es ist einfach die falsche Kategorie. Wenn sich zeigen lässt, dass die Dichotomie zwischen Schuld und Unschuld nur im Kontext von Handlungen Sinn ergibt, fällt die Argumentation bereits im Ansatz in sich zusammen. Wenigstens die Unanwendbarkeit des ersten Teils dieser Dichotomie leuchtet unmittelbar ein: Der Tiger, der im Zirkus seinem Dompteur anfällt, wird einzig deswegen getötet, um weitere Angriffe in der Zukunft zu unterbinden – nicht aber, weil wir ihm Schuld auch nur zurechnen könnten. Zwar kann ein Eisblock möglicherweise (gegeben den Gesetzen der Physik) flüssig werden, der Tiger aber (gegeben seinen biologischen Determinanten) nicht einmal möglicherweise schuldig.
Darüber hinaus gilt es, das Ausmaß dieses Leidens in die richtige Dimension zu setzen: So sind etwa Insekten (mit über 80 % immerhin die artenreichste Gruppe aller Tiere) biologisch betrachtet wahrscheinlich schlicht nicht fähig, so etwas wie Schmerzen oder auch nur unangenehme Gefühle zu empfinden. Das verhindert natürlich nicht, dass sie in bestimmten Situationen Vermeidungsverhalten zeigen; insofern „kennen“ sie wohl etwas analoges wie Leid. Und wenn man denn möchte, kann man natürlich sagen, dass beispielsweise die hausübliche Stubenfliege eine flach geöffnete, auf sie zufliegende Hand als Unwert ansieht. Allerdings sind die sich sofort anbietenden, anthromorphen Assoziationen mit höchster Vorsicht zu genießen. Tatsächlich betrachten wir ja auch den Tod einer Stubenfliege keineswegs als dramatische Angelegenheit: Bereits das Stören beim morgendlichen Zeitungslesen scheint den meisten Zeitgenossen einen validen Grund in die (buchstäbliche) Hand zu geben, ein solches Lebewesen umbringen zu dürfen. In jedem Fall dürfte ihr Leid, wenn man denn an diesem Begriff unbedingt festhalten möchte, im Vergleich zu empfindenden Lebewesen um ein Vielvielvielvielvielvielfaches geringer ausfallen. Demgegemäß dürften die Abermilliarden Insekten zur oben aufgestellten Anklageschrift wahrscheinlich nur sehr wenig beitragen können.
Schließlich kann uns die oben getroffene Unterscheidung zwischen verschiedenen Hinsichten guten Lebens auch hier helfen: Denn auch bei Tieren steht uns die Sinndimension wenigstens insoweit zur Verfügung, als wir zwischen artgerechtem und artfremdem Leben unterscheiden können. Im Unterschied zu uns Menschen lässt sich dieses auch viel einfacher bestimmen: So fehlt etwa einem Frosch – obgleich ein Tier wie wir auch – die Fähigkeit, sein eigenes Leben im vollen Sinne in die Hand zu nehmen und selbst zu entscheiden. Tatsächlich würden die meisten von uns ein Froschleben, dem ein flinker Storchenschnabel ein mehr oder weniger abruptes Ende setzt, keinesfalls als nicht-artgerecht bewerten. Umgekehrt würde dasselbe Quantum Leid, dass dem Frosch von einem kleinen Jungen im Angesicht der Boshaftigkeit seines Tuns beigebracht wird, für Empörung und Unmut sorgen: Es entspricht nicht einer (theologisch gestützten) Vorstellung vom Lauf der Natur (und unserer Stellung darin), Mitgeschöpfe mutwillig umzubringen (man beachte den Unterschied in der Bewertung, wenn der Junge den Frosch aus Versehen getötet hätte). Demgegenüber wird sich wohl niemand ernsthaft über das Verhalten des Storches aufregen oder es gar als ungerecht brandmarken. Kurz: Auch ein Frosch kann ein für ihn lebenswertes Leben gemäß seiner Art führen, was wir, analog zum sinnvollen Leben des Menschen, als das Wesentliche zu dessen Bewertung betrachten können.
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Ein sehr, sehr spannend zu lesender Beitrag! So anregend kann gute Philosophie sein! Und das komprimiert auf die Möglichkeiten eines Blogposts! *Applaudiert*
Sollte Sebastian Muders jemals ein Buch zum Thema Gottesglauben, Evolution und Theodizee verfassen - bestelle ich es hiermit vor! :-)
"Gott" existiert ohne jeden Zweifel - und zwar als Wort, als Vorstellung, als Idee, also in genau demselben Sinn, in dem z. B. auch "Rumpelstilzchen" existiert. Empirisch existieren weder "Rumpelstilzchen" noch "Gott"; jedenfalls bis zum Beweis des Gegenteils. Deswegen sind die vermeintlichen Eigenschaften oder Merkmale eines vermeintlich existierenden Gottes lediglich ideelle Erfindungen, und das Theodizee-Problem existiert nicht.
Die Welt ist genau so, wie sie auch durch uns geworden ist, und sie ist heute durch uns wie sie ist, und sie wird sein, wie wir zulassen, dass sie zukünftig werden wird.
"Gott" ist eine fixe Idee, die von uns von unserer Verantwortung für Gegenwart und Zukunft ablenkt.
Was Sebastian Muders da verfasst hat, ist weder neu noch originell. Es ist lediglich eine Variation der immer gleichen Ausrede für den gemeinen Gotteswahn:
"Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie."
Aus Muders theistischer Perspektive ist diese Lösung nur konsequent. So konsequent, wie jedes andere Argument. Wir können uns nämlich eines aussuchen. - das bequemste wird es sein. Denn da es keine Götter gibt, ist jede erdenkliche Spekulation hier willkommen.
Und somit gehört dieser Beitrag - wie so viele andere zum Thema - in die Wettbewerbskategorie: Blumigste Umschreibung des Kaisers neuer Kleider.
Denn eines ist doch klar, der Theodizee geht immer zuerst die eigentlich entscheidende Frage voraus, ob überhaupt ein oder mehrere "Götter" existieren (können).
Die Beantwortung des Theodizee-Problems löst diese Frage nämlich (leider) nicht. Wenn es einen "Gott" geben würde, würde er sich wohl einen Teufel um unsere (fehlende) Lösung seines Problems scheren.
Da wir aber getrost davon ausgehen können, dass es keine Götter (im Sinne der großen monotheistischen Traditionen) geben KANN, ist auch die Beantwortung der Theodizee-Frage überflüssig. Fällt sie nun atheistisch oder mit viel Lärm um nichts aus.
Dass sich Michael Blume an diesem theologischen Gewäsch berauscht, in dem milliardenfaches menschliches Leid, durch Hunger, Krieg, Naturkatastrophen u.a. mit dem Überstreifen von Sportschuhen verglichen wird und mit dem Tod einer Stubenfliege relativiert, ist nicht verwunderlich:
Mit dem Glauben an Götter hat man ja einen Selektionsvorteil. Wenn dann also die ganzen Atheisten - quasi gottgewollt wie Stubenfliegen - draufgehen, ist das ja dann nicht so schlimm, die auserwählten Theisten bleiben übrig.
Tolle liberale Idee, Andersdenkenden hier Gelegenheit zu geben, ihre Position darzustellen.
Allerdings fand ich Dostojewskis Frage in 'Die Brüder Karamasow' doch bedenkenswerter als die nach den Insekten: Was ist mit den unschuldigen Kindern, die grausam zu Tode gequält werden? Dostojewskis antwortete darauf mit der berühmten Fabel vom Großinqisitor. Wie wäre Ihre Entgegnung, Herr Mulder, auf die Frage z.B. nach den Kindern in Bosnien oder Dafur? Welchen Sinn hat deren Leid?
Es stimmt mich traurig, dass ein junger intelligenter Mensch so viele Buchstaben verschwendet, um über ein so irrelevantes Problem zu philosophieren (es gibt keinen Gott => es gibt kein(e) Problem(e)). Sie sind noch jung Herr Muders, machen Sie was Vernünftiges, werden Sie Ingenieur oder Arzt.
ist ein - im Wortsinne - zutiefst menschenverachtendes Geschreibsel. Da stellt sich jemand hin und erklärt "sinnvoll" zum höchsten Gut. Das ist der Mensch in dieser Weltsicht: Ein bloßes Mittel zur Erlangung eines offenbar nach Belieben definierbaren Sinnes.
OK, ich sage: derjenige hat sinnvoll gelebt, aus dem am Ende eine gute Seife gekocht wird. Einverstanden?
Und davon mal abgesehen ist es ein verdammt zynischer Standpunkt, dass das Leid anderer Leute schon irgendwie gut und richtig ist.
Da Sebastian es gewohnt ist, dass wir mit harten Bandagen kämpfen, möchte ich mich hier Lars anschließen und sagen, dass diese Antwort auf die Frage nach dem Leiden der reinste Zynismus ist.
Sicher, ein Zebra, ein Gnu oder eine Gazelle haben ein "artgerechtes" Leben geführt, wenn sie von einer Herde Hyänen bei lebendigem Leibe zerrissen worden sind. Doch dies ist doch genau der Punkt: Wer, der auch nur ein Fünkchen Mitleid hat, würde Tieren ein solches Dasein als einem seiner Art gemäßen Leben zumuten?
Hätte ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott statt des Fressens und Gefressenwerdens nich einfach alle Tiere als Vegetarier erschaffen können?
Wie üblich fällt mir dazu der passende Spruch von Woody Allen ein: "Das Lamm und der Löwe werden nebeneinander liegen - doch das Lamm wird nicht viel Schlaf bekommen."
Liebe Diskutanden,
zunächst einmal vielen Dank an alle Beitragenden für ihre Kommentare! Nur drei kurze Bemerkungen meinerseits:
- Einige Kommentare (Günter Buchholz, sapere aude, Stefan) heben hervor, dass das Theodizeeproblem schlicht nicht besteht, wenn man annimmt, es gäbe keinen Gott. Das stimmt natürlich. Das Problem ist nur für diejenigen interessant, die in ihm einen wichtigen Grund sehen, an der Existenz Gottes zu zweifeln - oder eben gerne knobeln.
- Aus anderen Beiträgen (Jürgen Bolt, Lars Fischer) meine ich herauszulesen, dass sie der Auffassung sind, mein Standpunkt würde implizieren, dass sich menschliches Leiden einem höheren, von diesem Leben unabhängigen Sinn unterzuordnen habe. Das scheint mir falsch. In meinen Überlegungen weise ich lediglich darauf hin, dass es anscheinend MÖGLICH ist, ein unangenehmes und dennoch FÜR SICH sinnvolles Leben zu führen. Die Frage ist, inwiefern sich dieser Befund für die Theodizeeproblematik systematisieren lässt. Anders gefragt: Wie unabhängig kann das (nochmals: für einen selbst) sinnvolle vom angenehmen Leben sein?
- Noch ein Wort schließlich zum Vowurf des Leid-Relativierens. Man sollte sich die erwähnten Beispiele genau anschauen. Das Bild des Marathon-Läufers diente einzig zur Illustration der These, dass ein unangenehmes Gefühl an sich (also: immer und überall, d.h.: unter allen Umständen) nichts Schlechtes ist. Daraus ist offenkundig NICHT ableitbar, dass dann unter allen Umständen etwas Unangenehmes etwas Gutes darstellt. Und zum Beispiel des Leidens einer Stubenfliege: Hier war der Zweck gerade der Aufweis, dass man es NICHT mit dem Leiden von Menschen vergleichen kann.
VG,
Sebastian
Lieber Herr Muders, wenn man mich um eine möglichst kurze Zusammenfassung Ihres umfangreichen Beitrags bäte, würde ich folgendes sagen:
1. Das Theodizee-Problem ist komplex, aber im Prinzip lösbar.
2. Menschliches Leid ist relativ.
3. Tierisches Leid ist meist fraglich.
4. Punkte 2 und 3 umreißen den begrifflichen Raum für die Möglichkeit einer Lösung.
---
Am Sonntag vor acht Tagen habe ich den Theologen und Biologen Ulrich Lüke gehört. Nach dem, was er sagte, ist das Theodizee-Problem längst geklärt. Wenn ich ihn denn richtig verstanden habe, dann hat Gott den Urknall gezündet und die Naturkonstanten genau so justiert, dass Evolution stattfinden konnte. Unsere Existenz und Erkenntnisfähigkeit beweist gewissermaßen, dass es mit der Feinjustierung prima geklappt hat. Für die sonstigen Einzelheiten des Evolutionsgeschehens ist Gott nicht zuständig. Das ist der Erkenntnisstand der modernen Theologie (so zumindest sind Lückes Ausführungen bei mir angekommen).
Lieber Edgar,
also für Dich lege ich doch noch mal eine Nachtschicht ein :-)
Dein Einwand bzgl. des Tierleidens scheint mir im Kern hervorzuheben, das artgerechtes und angenehmes Leben bei Tieren doch durchaus weit auseinanderfallen kann. Das stimmt. Wenn aber beim Menschen ein sinnvolles Leben auch innerhalb eines unangenehmen Lebens möglich und hinreichend dafür sein kann, ein gutes Leben zu führen; und wenn weiterhin beim Tier das Gegenstück zum sinnvollen Leben das artgerechte Leben bildet; dann eröffnet sich doch die Möglichkeit zu fragen, ob vielleicht das artgerechte Leben für ein Tier nicht bereits hinreichend sein könnte, ein in seinem Sinne gutes Leben zu führen.
Wiederum gilt natürlich: Es bleibt zu prüfen, inwieweit sich dieses "können" als systematisch auf alle relevanten Fälle anwendbar erweist. Jedenfalls scheint mir das für den Theisten eine mögliche Verteidigungsstrategie darzustellen, wenn er die klassischen Attribute Gottes nicht beschränken will.
VG,
Sebastian
Sie schrieben:
"1. Das Theodizee-Problem ist komplex, aber im Prinzip lösbar.
2. Menschliches Leid ist relativ.
3. Tierisches Leid ist meist fraglich.
4. Punkte 2 und 3 umreißen den begrifflichen Raum für die Möglichkeit einer Lösung."
Ich muss leider jedem Ihrer Punkte widersprechen.
1. Das Theodizee-Problem ist NICHT lösbar, und zwar aus rein logischen Gründen.
2. Menschliches Leid ist nicht relativ. Was soll an dem Leid eines an Krebs sterbenden Kindes und seiner Eltern "relativ" sein?
3. Tierisches Leid mag fraglich sein, solange wir uns lediglich mit Insekten beschäftigen. Doch sobald wir uns auf Säugetiere konzentrieren, kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie leiden.
Welcher Gedanke genau findet Deinen Beifall?
Herr Lüke ist mir schon seit längerem suspekt. Wie kann man sagen, dass Gott für den von ihm Gang gesetzten Evolutionsprozess nicht verantwortlich ist? Schließlich hat Gott danach den Schmerz und den Tod von Milliarden fühlender Wesen einfach billigend in Kauf genommen.
Ja, Iwans Fragen in Dostojewskijs "Die Brüder Karamasow" sind wohl die stärkste Anklage Gottes, die sich in der Weltliteratur findet. Dennoch ziehe ich das Problem der Leiden der Tiere dem Problem der Leiden der Kinder vor, da sich Theologen im Zusammenhang mit den Leiden der Kinder gern auf die "Freiheit" der Menschen berufen, die ihnen das Leid zufügen. Anders ausgedrückt: Während das Leid der Kinder als "moralisches Übel" betrachtet wird, für das allein der Mensch verantwortlich sei, ist das Leid der Tiere eindeutig ein "natürliches Übel", das sich beim besten Willen nicht auf die Schlechtigkeit der Menschen abwälzen lässt.
"Denn eines ist doch klar, der Theodizee geht immer zuerst die eigentlich entscheidende Frage voraus, ob überhaupt ein oder mehrere "Götter" existieren (können). Die Beantwortung des Theodizee-Problems löst diese Frage nicht."
Wer das Theodizee-Problem aufwirft, macht einfach nur ein Zugeständnis. Er sagt: "Nehmen wir der Argumentation halber mal an, dass es tatsächlich einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott gibt. Wieso gibt es dann so viel Leid und Elend in dieser Welt?" Da sich das Leid und Elend dieser Welt logisch einfach nicht mit der Existenz eines allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gottes vereinbaren lassen, schließt er dann, dass es keinen solchen Gott geben kann. Und dieser Schluss ist berechtigt! Das Leid und Elend dieser Welt ist mit jeder Form von Gott vereinbar, aber nicht mit einem Gott, der allmächtig, allwissend und allgütig sein soll. Konsequenterweise haben sich denn auch Hans Jonas, Ute Ranke-Heinemann und Hans Küng dazu durchgerungen, Gott die Allmacht abzusprechen - Gott kann das Leid nicht verhindern!
Eugen Drewermann hat sich kürzlich einen neuen theologischen Kunstgriff ausgedacht, doch davon beim nächsten Mal mehr.
Lieber Sebastian, ich betrachte ein "artgerechtes" Leben keineswegs als ein "sinnvolles" Leben. Außer in einem metaphorischen Sinne können Tiere überhaupt kein sinnvolles Leben führen. Schließlich setzt ein sinnvolles Leben voraus, dass man sein Leben einer größeren Sache, wie etwa der Kunst, der Wissenschaft oder der Politik, widmen kann.
Theodizee ist also eine Art von Rechtfertigungslehre. Ein allmächtiger Gott soll sich also vor einem Menschen, z.B. Epikur, rechtfertigen für das, was er getan/nicht getan hat.
Dies wiederspricht sowohl dem Allmächtigkeitsgedanken, wie auch den Lehren von Religionen - wonach der Mensch, frei von göttlichem Zwang, sein Leben führen soll.
Vielleicht gilt ja auch für den Lauf der Welt die Vermutung, dass der Zweck die Mittel heiligt. Ohne den Zweck zu kennen kann man aber über die Mittel nicht urteilen. Angesichts der fast unzähligen unbelebten toten Welten glaube ich nicht, dass eine Welt mit Leben und Evolution in Summe ein Highlight des Übels darstellt.
Ich gebe zu, dass es "anmaßend" erscheinen mag, wenn sich die Geschöpfe gegen ihren Schöpfer wenden und eine Rechtfertigng dafür verlangen, warum er diese Welt geschaffen hat. Doch wenn dieser Schöpfer von seinen Geschöpfen geliebt und angebetet werden will, dann muss er sich diese Frage wohl oder übel gefallen lassen. Den Menschen kruzerhand den Mund zu verbieten, wie Gott es mit Hiob getan hat ("Wer bist du, dass du es wagst..."), ist jedenfalls keine Antwort.
Wenn wir uns keiner Doppelmoral schuldig machen wollen, müssen wir Gott an denselben moralischen Kriterien messen wie Menschen auch. Nach allgemein geteilter Auffassung kann der Zweck niemals die Mittel heiligen. So wie wir es nicht billigen können, wenn ein Mensch ein Kind tötet, damit seine Eltern lernen, was Verlust bedeutet, so können wir es auch nicht billigen, wenn Gott dies tut. Zudem ist das hier in Rede stehende Leid der Tiere schlichtweg sinnlos!