Pro Reli oder: Die Kirche ein Hort der Moral?
von Edgar Dahl, 03. Mai 2009, 19:17
Am 26. April 2009 wurde in Berlin über das Volksbegehren „Pro Reli“ entschieden. Mein heutiger Gastautor, Prof. Dr. Uwe Lehnert, dessen Buch „Warum ich kein Christ sein will“ dieser Tage erschienen ist, berichtet über die Hintergründe des Volksentscheids:
Berlin hat am 26. April in einem Volksentscheid den Weg für die Vernunft wieder freigemacht. Ein weiterer trauriger Versuch, eine Gesellschaft parallel existierender, sich gegenseitig ablehnender weltanschaulicher Gruppierungen zu errichten, konnte vorerst abgewehrt werden. Es ging bei der Abstimmung um die Frage, ob ein gemeinsamer Ethikunterricht für alle Schüler verplichtend sein sollte – so wie bisher – oder jede Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft ihre Anhänger getrennt in ihrem Werte- und Glaubenssystem unterrichten soll. Angesichts teilweise sich gegenseitig verachtender religiöser Gemeinschaften, mittelalterlicher Vorstellungen von der Rolle der Frau oder z.B. ethnisch motivierter sog. Ehrenmorde hielt der Berliner Schulsenator einen gemeinsamen Werteunterricht als unabdingbar für den gesellschaftlichen Frieden in dieser multikulturellen und multireligiösen Stadt. Allerdings war es nicht unbedingt die Überzeugung der Mehrheit der Bevölkerung, die in dem Abstimmungsergebnis zum Ausdruck kam. Aufgrund der Nichtteilnahme der überwältigenden Mehrheit der Berliner an der Abstimmung bleibt offen, ob es Gleichgültigkeit in dieser Angelegenheit war oder eine bewusste Entscheidung, das erforderliche Quorum zu unterlaufen, um damit indirekt für den bestehenden Zustand zu votieren. Es bleibt jedenfalls dabei, dass am gemeinsamen und verpflichtenden Ethikunterricht in einer Stadt verschiedenster Weltanschauungen und Kulturen festgehalten wird. Und das ist auch gut so, um es mit einem bekannten Ausspruch des Berliner Regierenden Bürgermeisters zu kommentieren. Darüber hinaus kann jeder Schüler, der es wünscht, an dem von ihm gewählten Religions- oder Weltanschauungsunterricht teilnehmen. (Der von den Glaubensgemeinschaften in eigener Verantwortung durchgeführt, wiewohl vom Staat finanziert wird!) Über Wochen wurden Argumente und solche, die nur vorgaben, welche zu sein, zwischen den beiden Lagern ausgetauscht. Ein viel genannter Grund, die jeweilige Religion statt des gemeinsamen Ethikunterricht zu bevorzugen, war die mehr oder weniger offen ausgesprochene Behauptung, dass nur die (natürlich christliche!) Religion der wahre Hort der Moral sei und dass erst „aus der Position eines gefestigten Glaubens heraus Verständnis und Toleranz für andere Weltanschauungen möglich“ sei. (Man beachte: Toleranz!) Eine bestimmte Argumentationsschiene wurde von seiten der Befürworter des Ethikunterrichts dabei vermieden und hatte auch keine Chance in Form von Leserbriefen öffentlich diskutiert zu werden. Wenn man nachfragte, hieß es dann, dass man keinen Kulturkampf wolle. Diese unterdrückte Diskussion soll deshalb hier nachgeholt werden: Es geht um die Rolle der Religion in der Geschichte und um ihren Platz in einer sich aufklärenden Gesellschaft.
Zu den erbittertsten Auseinandersetzungen zählen weltweit noch immer die religiösen Feindschaften und Kriege. Man denke beispielsweise an den von christlichen Religionsführern jahrzehntelang geschürten Konflikt in Nordirland, an den unlösbar scheinenden Kampf zwischen den Juden und den muslimischen Palästinensern, an die anhaltenden mörderischen Auseinandersetzungen im Irak zwischen den muslimischen Schiiten und den muslimischen Sunniten, an den weltweiten Machtanspruch der Islamisten, beispielsweise der Taliban in Afghanistan und Pakistan, an die gnadenlose Verfolgung des jeweils Andersgläubigen in vielen Ländern dieser Welt noch heute: Muslime gegen Christen, Buddhisten gegen Hindus, Hindus gegen Christen, Muslime gegen Bahais, ... Vor nicht allzu langer Zeit war es die systematische Ermordung tausender Muslime in Srebrenica/Jugoslawien durch orthodox-christliche bosnisch-serbische Soldaten. Und wo blieb der Aufschrei und der Protest der christlichen Kirchen – von einzelnen mutigen Pfarrern abgesehen – als 1938 in Deutschland die Synagogen brannten? Am 17.12.1941 stellten sich sieben evangelische Bischöfe und Kirchenpräsidenten in einer detailliert ausgeführten öffentlichen Erklärung ganz ausdrücklich hinter das nationalsozialistische Verfolgungsprogramm gegen die „Juden als den geborenen Welt- und Reichsfeinden“. Die Kirche und die christliche Religion als Hort der Moral? Ich plädiere für ein nicht nachlassendes Nachdenken über eine Religion, die aus einer Zeit stammt, als man die Welt noch von Dämonen beherrscht sah und der Gottheit noch Tier- und Menschenopfer brachte. Es geht um eine Religion, die mit Kreuzzügen, Inquisition, Hexenverbrennungen, Glaubenskriegen, Judenverfolgung und gewaltsamen Missionierungen eine blutige Spur durch die Geschichte zog.
Man entgegnet mir, dass die Argumente nicht neu seien und daher nicht mehr beeindrucken würden. Für mich verlieren solche Argumente deshalb aber keinesfalls an Bedeutung. Ein Argument büßt ja nicht dadurch an Überzeugungskraft ein, dass es – wie in Diskussionen oft üblich – mit einer abwertenden Handbewegung als »altbekannt« abqualifiziert wird. Entscheidend bleibt sein argumentativer Gehalt, seine logische, empirische oder historische Substanz.
Ist es angesichts des offenkundigen Versagens der Religionen nicht ein Gebot der Vernunft, auf eine Verständigung hinzuwirken über ein wenigstens minimales, aber gemeinsames Ethik- und Wertesystem? Ein solches System ist geradezu zwingend erforderlich, wenn unterschiedlich religiös bzw. weltanschaulich sozialisierte Menschen aufgrund von Globalisierung und Migration immer enger in Kontakt kommen und in vielen Fällen inzwischen Tür an Tür einvernehmlich miteinander leben sollen. Es geht um den Kern einer gemeinsamen Moral, um ein »Weltethos«, um die Grundlagen friedlichen Zusammenlebens, wie sie z.B. in der amerikanischen »Unabhängigkeitserklärung« schon 1776 oder in der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte« von den Vereinten Nationen 1948 verkündet wurden. Die Konkretisierung, also die praktische Umsetzung eines solchen Ethiksystems in respektierendes Miteinanderumgehen mit dem Andersgläubigen und Andersdenkenden, soll der für alle verpflichtende Ethikunterricht wenigstens in den Grundzügen leisten. Die Religionen haben sich fast immer als unfähig und unwillig erwiesen, den Andersgläubigen und Andersdenkenden als gleichwertiges Mitglied innerhalb der eigenen Gruppe zu akzeptieren. Wer nach seiner Religion leben möchte, soll dies weiterhin ungehindert in Lehre und Praxis tun dürfen, er muss aber endlich lernen, den weltanschaulich anders orientierten Menschen als gleichwertig und gleichberechtigt anzuerkennen. Denn keine der weltweit vorhandenen Religionen kann offensichtlich für sich in Anspruch nehmen, die allein gültige und selig machende Lebenslehre zu besitzen.
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mit der Zurückweisung des kirchlichen Anspruchs auf ein Monopol für Moral und Werte. Aber fairerweise sollte man auch zugeben, daß Religionsgemeinschaften auch auf Gewalt kein Monopol haben und auch nicht auf Verleihung eines Lebenssinns und nicht einmal auf eine allgemeine Form des Glaubens und seine Verteidigung durch Beleidigtsein, Ignoranz oder Leugnung von widersprechender Evidenz. Und die Atheisten haben umgekehrt auch kein Monopol auf die Vernunft. Das ist doch alles einfach menschlich.
Daher frage ich mich doch, bei aller Zustimmung im konkreten Fall, ob es nicht sinnvoller wäre, eine Koalition der Anständigen zu befördern, die versucht, unsere rechhaberischen und ignoranten Tendenzen durch Einladung zur Kritik zu zügeln, als die einigermaßen oberflächliche Dichotomie zwischen Religion und Atheismus weiter voranzutreiben.
Im ersten Lebensjahrzehnt, davon wieder in der ersten Lebenshälte, sind die günstigsten Bedingungen für Gewohnheitsausbildung, mit langfristiger Wirkung. Das gilt grundsätzlich auch für religiöse Erziehung, unabhängig Partei. Vorurteile sind gut, wenn man sie prüft.
Ethik ist grundsätzlich nicht Moral bzw. irrtumslose Glaubens- und Sittenlehre. Der Gang ist der Weg, nicht "der" Weg der Gang. Einheit in der Vielfalt, reale und sinnbildliche Klimahygiene,Schwingung, Gestaltung, Darreichung, mit aktuellem Wissen ist Sinn. Absolute und exklusive Religions/Weltanschauungsüberzeugung, die bspw. von der Führung ausgehend in Gewohnheit und Desensibilisierung ein Geschlecht bevorzugt oder benachteiligt, missachtet Menschenrechte. Respektforderung, kommt hier meist der Aufforderung gleich, sich der Überzeugung des anderen zu unterwerfen. Das geht dann u. U. auch mit Zensur, Meinungsunterdrückung etc., einher, obwohl rechtlich keinerlei Verleumdung, Beleidigung, Schmähung, war. Schutz gilt aber dem Individium, nicht der Glaubensüberzeugung. Respekt bedeutet für mich, dass ich auch dem Menschen, der scheinbar unsinnig redet und handelt, in einer Notsituation in der er nicht selbst entscheiden kann, helfe. Bei anderen die sich artikulieren können, offensichtlich Willensbildungsfähig sind, achte ich soweit irgend möglich deren Entscheidung. Denn meine Kenntnisse, praktischen Fähigkeiten und Mittel müssen nicht zum Bedürfnis des anderen passen.
Shalom
Mit der Kritik von Jürgen Bolt bin ich ebenfalls »bedingt einverstanden«. Natürlich soll man aufeinander zugehen, und auch der Glaubenskritiker hat nicht allein die Vernunft gepachtet. Das noch ziemlich harsche Urteil über ProReli ist noch eine Reaktion auf die unlauteren Argumente und Halbwahrheiten, die im Rahmen des Wahlkampfes zu verdauen waren. Aber die Idee eines verpflichtenden Ethikunterrichts ist es ja gerade, das Gemeinsame zu betonen und auf dessen Grundlage das Miteinander zu gestalten. Die amerikanische »Unabhängigkeitserklärung« oder die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« war ja ebenfalls das Ergebnis eines Aufeinanderzugehens unter Betonung des Gemeinsamen. Shalom ist unbedingt zuzustimmen, dass der Schutz dem Individuum gilt und nicht der Glaubensüberzeugung.
"Eine bestimmte Argumentationsschiene wurde von seiten der Befürworter des Ethikunterrichts dabei vermieden"
Stimmt, da wurde traute Eintracht demonstriert zwischen liberalen Religiösen und säkularen Humanisten. Einerseits schön, andererseits ist liberale Religiösität ebenso wie Kuschelatheismus eine kulturelle Ausnahmeerscheinung und ein Auslaufmodell.
Was haben eigentlich alle gegen einen Kulturkampf?
@ Jürgen Bolt:
"Und die Atheisten haben umgekehrt auch kein Monopol auf die Vernunft."
Was heißt das? Dass Religiöse auch vernünftig sein können? Na, offensichtlich nicht in Glaubensdingen.
@ Uwe Lehnert:
"der Glaubenskritiker hat nicht allein die Vernunft gepachtet"
Was zu beweisen wäre.
"Die amerikanische »Unabhängigkeitserklärung« oder die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« war ja ebenfalls das Ergebnis eines Aufeinanderzugehens unter Betonung des Gemeinsamen"
Im Gegenteil. Die dort formulierte Ethik ist ein Produkt der aufgeklärten Moralphilosophie und um sie durchzusetzen, waren mehrere Revolutionen und Kriege gegen die die klerikalen und monarchistischen Mächte der Gegenaufklärung notwendig, darunter am bekanntesten der Amerikanische Unabhhängigkeitskrieg und die französische Revolution. Die Vertreter des Christentums haben sich mit Händen und Füßen gegen die Menschenrechte zur Wehr gesetzt.
Vernunft ist nicht Festsetzung sondern Bewegung, im Übrigen Wissen, das es kein endgültiges Wissen gibt.
Shalom
Tote waren immer die Besten? Wenn ein Mensch sein Schamgefühl verletzt sieht, weil er im Glaubensclub Personen oder bspw. gar Grabtücher idialisiert, die es fakitsch nicht verdient haben, ist mit Sicherheit nicht derjenige unanständig, der erwähnt, was mit seinen Helden (ggf. Mohamed, Luther, usw.) tatsächlich war. Je nach dem, wie Menschen erzogen werden, kann Religion (ein Begriff, der sowenig wie Glaube, eindeutig definiert ist) nicht rechtlich, aber dank Glaube, nahezu zum Unverantwortlichen machen. Menschenrechte gehen durchaus auf historische Christen, wie William Penn, in weiterer Umsetzung bspw. Bonhoeffer, zurück. Aber das war immer eine Minderheit Menschen, die sich kritisch mit Überlieferungen und dem Alltag auseinandersetzten, nicht alles Servierte glaubten.
Wenn auch nie in Gesamtheit jeweils kanonisierter sogenannter hl. Schriften, Lehren, taugen einzeln ausgesuchte Sprüche durchaus zur Lebensgrundlage.
Spr 14,15 Ein Unverständiger (Einfältiger) glaubt noch alles; aber ein Kluger gibt Acht auf seinen Gang (Schritt).
Hi 34,4 Lasst uns nun prüfen, was recht ist, lasst uns untereinander erkennen, was gut ist!
Weis 7,24 Denn die Weisheit ist beweglicher als alle Bewegung; in ihrer Reinheit durchdringt und erfüllt sie alles.
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Amos 5, 24
Hier denke ich u. a. an den Weltwassertag.
Jährlich Zuwachszahl der Menschen beträgt ca. 100 Millionen. Täglich sterben ca. 25.000 Menschen an Wassermangel, bzw. dessen Verseuchung. 1970 hatten ca. 3 Milliarden Menschen, je 05 Hektar, heute bei 6,7 Milliarden Menschen, pro Person 0,05 Hektar Land. Landwirtschaftlicher Monokultur, Kunstdünger, falsche Bewässerung, bewirken Wüstenbildung. Düngung spielt auch eine Rolle bei der Ozonschicht. Ca. 60 % der vorhanden Ackerfläsche dient dem Viehfutter. Überzüchtung mit Antibiotika, Hormone, Tierisches Fett und Eiweiß, zeigen gesundheitliche Auswirkung beim Menschen. Vom Treibhausgas, sind 20 % Methan, welches überwiegend auf Wiederkäuer zurückzuführen ist. Treibhausgas bewirkt Gletcherschmelze, usw.
Wachset und mehret euch, macht euch die Erde "untertan"?
Shalom
Ich bin ja, was ProReli betrifft, völlig mit Ihnen einverstanden, auch selbst seit Jahren bei den Brights Mitglied und kaum ein Kuschelatheist. Ich unterstütze durchaus einen offensiven Umgang mit Zumutungen von Religionsgemenschaften, die z.B. einen Alleinvertretungsanspruch auf Ethik erheben.
Was ich anregen wollte und anscheinend unklar formuliert habe, ist, daß wir uns hier, auf etwas gehobenerem Niveau, nicht nur billige Gegner wie ProReli, Herrn Ratzinger oder Herrn Bush wählen könnten, sondern vielleicht auch einmal etwas anspruchsvollere Kontrahenten, nämlich unsere eigenen atheistischen Eseleien. Um die zu entdecken, braucht man bekanntlich die Hilfe intelligenter und gebildeter Mitmenschen, weil man sie selbst am wenigsten bemerkt. Und vielleicht hat man ja hier diese kritische Unterstützung.
Und die Grenzziehung ist doch zwischen denen, die Werte wie individuelle Freiheit, Toleranz, Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau usw. teilen und denen, die diese Werte anlehnen.
Max Planck hat einmal gesagt: "Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut geworden ist." Wenn wir das als etwas zu pessimistisch widerlegen möchten, müssen wir auch einmal ein bißchen Selbstkritik kultivieren.
In einem philosophisch-theologischen Colloquium wäre das eine ausgezeichnete Idee, und in der Tat sollte diese Diskussion bei nächster Gelegenheit – vielleicht hier – geführt werden. Da aber die gesellschaftlich bedeutsamen Auseinandersetzungen eben doch zwischen uns und den „Ratzingers“ und „Bushs“ stattfinden, darf man eben nicht müde werden, an dieser Stelle den Dialog zu suchen. Meine jahrelangen Diskussionen mit Gläubigen haben mir allerdings gezeigt, dass bei ganz vielen Menschen die rationalen Argumente wenig ausrichten. Max Planck, den ich in meinem Buch ebenfalls zitiere, bringt diese Lebenserfahrung und Erkenntnis sehr schön zum Ausdruck. Hinter der Ablehnung einer atheistischen bzw. rational-logischen Argumentation steht eine nur noch psycho-logisch zu charakterisierende Einstellung. „Du hast ja Recht mit Deiner Kritik an der Kirche und ihrer Geschichte und an so vielem, was in der Bibel steht – aber ich möchte einfach glauben“, so oder ähnlich höre ich es immer wieder. Andere werden noch deutlicher und gestehen ihre Angst vor der „Stunde der Not“. Unsere Antwort darauf, dass sie wohl ziemlich sicher einer Einbildung erliegen, überzeugt und – noch viel weniger – tröstet sie nicht. Was können wir denen eigentlich sagen?
"Was können wir denen eigentlich sagen?"
...wir wissen es auch nicht besser!
Die Herangehensweise mancher Atheisten an die Bibel scheint mir doch sehr naiv zu sein. Wer z.B. eine Fabel erzählt, mokiert sich schließlich auch nicht darüber, daß Fuchs und Elster doch nicht sprechen können und die Fabel daher Unsinn ist. Ich verstehe gar nicht so recht, wie man mit der Bibel überhaupt ein Problem haben kann. Ein Buch, das derart nahezu zeitlos ist, muß ein wahres Kunstwerk sein.
@ Dietmar Hilsebein
Das Argument höre ich oft, dass man die Bibel nicht so buchstabenfixiert lesen dürfe, vielmehr sei zu berücksichtigen, dass in ihr vielfach in Bildern und Allegorien im Verständnis der damaligen Zeit gesprochen werde und dass manches einfach als interpretationsbedürftige Dichtung zu verstehen sei. Diese Sicht – so würde ich darauf antworten – mag moderner Bibelwissenschaft entsprechen, über fast zwei Jahrtausende jedoch haben die Menschen das so geglaubt, wie es geschrieben steht (beziehungsweise ihnen vorgelesen wurde) und auch wörtlich gemeint war. Und die meisten Menschen verstehen die Bibel – wenn sie denn in ihr lesen – auch heute noch so. Die Auferstehung, die Himmelfahrt und die Anwesenheit von Jesus beim Abendmahl z.B., die individuelle Wiederauferstehung nach dem Tod usw. werden von einem gläubigen Christen nicht als fabelmäßiges Gleichnis verstanden. Deswegen ist meines Erachtens nicht maßgebend, was moderne Textdeutung heute hineininterpretiert, sondern allein das, was Menschen ohne diese Interpretationsmuster diesem Text unmittelbar entnehmen. Denn Lehre, Praxis und Macht des Christentums wurden und werden durch den Originaltext der Bibel bestimmt und geformt und nicht durch das, was Religionswissenschaftler an möglicherweise zutreffender Interpretation herausgefunden haben oder moderne Theologen in zeitgeistiger Anpassung herauslesen wollen.
"Was können wir denen eigentlich sagen?"
...wir wissen es auch nicht besser!
Das denke ich auch. Wir müssen denen solange gar nichts sagen, wie wir uns über Poppers Forderung einig sind, Ideen statt Menschen sterben zu lassen.
Mir scheint Sloterdijks (und in Ansätzen auch Pinkers) These interessant, daß wir irgendwo alle gläubig sind und empfindlich reagieren, wenn unser Glaube bezweifelt wird. Wer woran glaubt sei eine Frage das individuellen Immunsystems, aber glauben tun alle Menschen.
Ich persönlich glaube z.B., daß ein für alle verbindlicher Ethikunterricht für das friedliche Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft förderlich ist. Ich glaube auch an die Bedeutung von Evidenz. Mir ist aber keine Evidenz bekannt, die meine erste These stützen würde, und wenn mir das jemand entgegenhält und womöglich mit Hinweisen auf staatlichen Ethikunterricht in totalitären Systemen kommt, reagiere ich beleidigt und handele mir Vorwürde ein, fundamentalistisch zu sein. Hier, im Internet, wo wir unter uns sind, kann ich das ja ruhig mal zugeben. Sonst weise ich das natürlich empört zurück.
Mir schiene es interessant, einmal unsere eigenen Glaubenssätze und Empfindsamkeiten aufzuspüren. Und wer weiß: vielleicht stellt sich dabei sogar heraus, daß es gar keine ganz schlechte Idee ist, wenn man seinen Glauben durch ein traditionelles Glaubenssystem fest verorten kann, vielleicht das Resourcen für Kritikfähigkeit und Toleranz freigeben, die bei uns Freidenkern durch mangelnde Transparenz unserer Gläubigkeit gebunden sind. Ist nur so eine Idee, die ich als Atheist ganz gerne sterben lassen würde.
Und noch einmal: wenn jemand die Idee über den Menschen stellt, z.B. die Idee des Gebrauchs von Kondomen oder des unehrenhaftes Verhalten von Frauen oder des todwürdigen Vergehens von Abtreibungsärzten, kurz was Sie "gesellschaftlich bedeutsame Auseinandersetzungen" nennen, bin ich selbstverständlich ganz auf Ihrer Seite.
Ich neige in letzter Zeit immer mehr zu der Einstellung, vor allem das Gemeinsame, das ich mit dem Anderen habe, zu sehen und zu betonen. Der jeweilige „Glauben“ wurzelt offenbar so tief in der Persönlichkeit und im Emotionalen, dass man mit Logik und noch so mich selbst überzeugenden Argumenten kaum oder gar nicht an dessen Grund herankommt. So lange die andere Seite keine strukturelle oder physische Gewalt anwendet, um meine persönliche Integrität zu gefährden, lasse ich ihm seinen wie auch immer gearteten „Glauben“. Für mich gilt: Die andere Person ist zu respektieren und zu tolerieren, auch wenn sie eine andere Auffassungen vertritt, ich muss aber nicht auch ihre Glaubens- bzw. Nichtglaubensüberzeugung akzeptieren und muss nicht gegenüber mich bedrohenden Glaubens„überzeugungen“ stillhalten. D.h. ich darf mich mit anderen Überzeugungen intellektuell – auch in aller Klarheit und notfalls Schärfe – auseinandersetzen. Der Respekt der Person gegenüber zeigt sich letztlich in der Form, wie man sich menschlich begegnet und sich für die jeweilige Glaubensfreiheit auch des anderen einsetzt.
Was die „Evidenz“ eines verpflichtenden Ethikunterrichts angeht, so kann man sich an dem fast allen Kulturen und Religionen offenbar gemeinsamen Werten und Auffassungen orientieren, wie sie z.B. in den Texten der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, in den Forderungen der Französischen Revolution oder der UNO-Menschenrechtserklärung zum Ausdruck kommen. Hier ist ganz offenbar mehr oder weniger intuitiv etwas Grundlegendes als „wahr“, weil vernünftig erscheinend, erkannt und festgeschrieben worden. Eine solche gesetzte bzw. geforderte Ethik kann zwar nicht begründet oder gar bewiesen werden wie ein logischer Satz, sie kann aber durch ihre positiven Konsequenzen für die gesamte Menschheit nachträglich gerechtfertigt werden. Letzteres ist offenbar geschehen, was man u.a. daran erkennen kann, dass sich viele später geschriebene staatliche Verfassungen wörtlich oder sinngemäß auf sie beziehen.
Eine sympathische Äußerung: „Hier, im Internet, wo wir unter uns sind, kann ich das ja ruhig mal zugeben. Sonst weise ich das natürlich empört zurück.“
"...über fast zwei Jahrtausende jedoch haben die Menschen das so geglaubt, wie es geschrieben steht...Und die meisten Menschen verstehen die Bibel – wenn sie denn in ihr lesen – auch heute noch so."
Weiß ich nicht, ich kenne solche Menschen nicht. Möglich aber ist, daß Kant richtig beobachtet hatte und es eben Menschen gibt, die das Denken anderen überlassen.
Was war Ihrer Ansicht nach eigentlich das stärkste Argument, auf das sich die Vertreter von Pro Reli berufen konnten?
"Was war Ihrer Ansicht nach eigentlich das stärkste Argument, auf das sich die Vertreter von Pro Reli berufen konnten?"
Sehr interessante Frage! Um einen Satz Goscinnys zu variieren (Obelix et Compagnie): Deux Pinkerians sont faits pour s'entendre.
Wer ist naiv? Welche Bibel = Papyrus meinst du? In der Realität handelt es sich um viele Bücher die von den verschiedenen Glaubensorganisationen nicht jeweils alle anerkannt sind. Samaritaner, Juden, Syrisch orthodoxe Christen, Katholiken, Protestanten,... haben je unterschiedlich anerkannten Kanon. Von Übersetzungen des in sich kommentierten Orinals ganz zu schweigen. Wahres Kunstwerk?Ja, ob mit Holzdeckel oder Goldschnitt, etc., verstaubt es bei den meisten Menschen nach dem traditionellem Ritual zum Museumstück. Speziell bei Christen haben sich ca. 900 christliche Gruppierungen unterschiedlicher Benennung gebildet. Nicht die Hälfe ist im ÖRK Mitglied, bzw. Gastmitglied. Ein gemeinsamer Feind kann helfen, dass man zusammenwächst? Vielleicht kommt am Ende sogar dabei Gutes heraus. Genau kann man es nicht wissen. Zu den Christen kommen dann wohl auch noch Muslime und Bahahi, die wenigstens teilweise die christlichen Grundlagentexte anerkennen.
Konservative Gläubige stört u. a. das Ethikunterricht vor Firmung, Konfirmation, etc. ist. Bekanntlich wird man damit Vollmitglied. Der Austritt ist für einen Jugendlichen nicht billig. Das müsste eigentlich zu Lasten der Kirche gehen. Mein getaufter, aber ungefirmter Neffe, war aber bspw. trotz Uninteressiertheit dumm genug, eine Konfession für Steuerkarte anzugeben, weil er Gesetze nicht kannte. Meine Schwester meldete seinerzeit Taufe an, weil sie glaubte, dass das Kind sonst keinen Namen bekommt. Sie trat aus der Kirche aus, wie mein Neffe etwas 10 Jahre alt war, hat auch bis dahin nur gezahlt, nichts von Kirche genommen. Karteileichen sind Geldes Wert. Das ausgerechnet Konservative, Traditionalisten, vernünftig zu Rechten, wie u. a. auch zu Hass- und Hetzschriften der Religionsführer aufklären, ist eher nicht zu erwarten.
Oft wissen sie selbst nicht
Shalom
"Welche Bibel = Papyrus meinst du?"
Ich weiß nicht so recht, ob die Beantwortung der Frage zu weit von Herrn Dahls Thema wegführt. Nur so viel: Für mich ist es gar nicht so entscheidend, welche Bibel es ist. Mich bedrängt zunächst eine Frage, dann finde ich für mich eine Antwort, der ich erst einmal skeptisch gegenüberstehe. Meist handelt es sich bei der Antwort um eine Erinnerung, die irgendwo schon geschrieben steht. So suche ich in vielen Büchern -auch in der Bibel. Was ich dort dann vorfinde, führt zu weiteren Fragen. Aber, und das war ja mein Punkt: für mich ist naiv, dort zu glauben, wo gefragt werden muß.
"Wahres Kunstwerk?Ja, ob mit Holzdeckel oder Goldschnitt..."
Nein, diese Vorstellung eines Kunstwerkes war nicht die meine. Wie versteht man eine Sinfonie? Wie konnte Beethoven über seine Missa Solemnis schreiben: "Von Herzen - möge es wieder zu Herzen gehen!" Natürlich ist das beim geschrieben Wort nicht eins zu eins übertragbar. Und doch bedarf es auch einem Text gegenüber einer Sensibilität, die den Lesenden in bezug zum Text setzt. Anders kämen ja keine Fragen auf. Der schärfste Kritiker, der einem dabei begegnet, möge der Lesende selbst sein.
"Was war Ihrer Ansicht nach eigentlich das stärkste Argument, auf das sich die Vertreter von Pro Reli berufen konnten?"
Es ist mir nicht gelungen, ein halbwegs überzeugendes Argument zu entdecken, dass in dieser Diskussion für die Position von ProReli sprach. Da Religion in keinem Fall abgeschafft, sondern weiterhin als Fach wählbar bleiben sollte, liefen praktisch alle Argumente der ProReli-Befürworter bzw. ProEthik-Gegner ins Leere.
Eine gewisse Berechtigung hatte die Einlassung von ProReli, dass das Erlernen des friedlichen Miteinanderlebens in allen Unterrichtsfächern stattzufinden hätte, vor allem in den Fächern Deutsch, Sozialkunde und Sport. Es wurde argumentiert, dass die wenigen Stunden Ethikunterrichts einfach nicht ausreichen würden, die Integration unterschiedlicher religiöser und ethnischer Gruppen in die Kultur des aufnehmenden Landes und das gegenseitige Tolerieren und Akzeptieren zu leisten. Diesem Argument ist insofern zuzustimmen, als Erlernen und Praktizieren friedlicher "Koexistenz" überall und jederzeit, gewissermaßen "flächendeckend" stattfinden müssen. Aber tägliches friedliches Miteinanderumgehen unterschiedlichster Sozialisationen bedarf eines mühsamen Lernprozesses, an dessen Anfang ein formuliertes Programm stehen muss mit einer klaren und allen bewusst gemachten Zielsetzung. Dieses leistet m.E. nur der verpflichtende Ethikunterricht, wie er in Berlin bereits erteilt und nun weiterentwickelt und verstärkt fortgeführt wird.
Ein mehr oder weniger offen genanntes Argument, für das ich zwar Verständnis habe, von meiner weltanschaulichen Position her aber nicht unterstützen konnte, war die Sorge der Kirchen, dass mit dem freiwilligen Religionsunterricht in den Randstunden – wie bisher – der kontinuierliche Mitgliederschwund, zumal in einer Stadt wie Berlin mit nur noch gut 30%(!) eingeschriebener Kirchenmitglieder, nicht aufzuhalten sei. Verständnis für eine solche Sorge bzw. Position ja, Unterstützung jedoch nicht – in einer Demokratie gibt die Auffassung der Mehrheit den Ausschlag, wobei in diesem Fall die Interessen der Minderheit durch die nach wie vor freie Wahl des – staatlich finanzierten! – Religionsunterrichts voll gewahrt blieben.
Ganz ehrlich: Überzeugt hat mich kein Argument von ProReli, nicht einmal vorübergehend unsicher gemacht. Verwundert hat mich, wieviele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens den Gedanken einer integrativen Wertebasis zugunsten der eigenen Religion geopfert haben.
Hallo Dietmar,
meine heutige Herangehensweise an Texte ist vergleichbar mit der deinigen. Mit falschen, vermeintlich poetischen Zuordnungen wird aber keine Mehrwert.Da der allwissende, allmächtige Gott die Anatomomie des Menschen nicht kannte, ist in der Gottesoffenbarung das Gehirn, welches tatsächlich für Fühlen und Denken zuständig ist, kein einziges Mal erwähnt. Das Herz ist ein transplantierbares Hohlorgan, ohne Auge, Fühlen, Denken, Sehen. Herzen hat man in der Vorzeit, bei Lebenden, herausgeschnitten, Göttern geopfert, so wie man auch Kinder opferte. Teilweise hat man Herzen auch von verehrten Personen gegessen, um zu werden wie diese. Auf gleichem Aberglaube beruht die Eucharistie, wobei dann manche eine Art emotionalem Orgasmus bekommen, sich gestört sehen, wenn man auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Es sind aber nicht nur Höhenflüge so möglich.
Manch ein Poet, offizielle Mystiker, Heilige, weisen die gleichen Kennzeichen auf, die heute Borderliner, bzw. Psychotikern zugeschrieben werden. Die Wundergläubigkeit der anderen brachte und bringt es letztlich.
Shalom
"Das Herz ist ein transplantierbares Hohlorgan"
Jo...Mit Herz ist natürlich die Sensibilität gemeint -nicht die Pumpe. Ich denke, daß man Beethoven dies durchaus auch zusprechen kann, daß er nicht die Pumpe meinte. Er mag ja mit der Arithmetik auf Kriegsfuß gestanden haben -aber daß er die Pumpe mit der Sensibilität verwechselte -glaub' ich nicht.