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Die Wahrheit liegt in der Mitte

von Edgar Dahl, 20. April 2009, 00:37

Nach dem Juristen Jochen Taupitz hat sich mit dem Mediziner Axel Bauer nun ein zweites Mitglied des Deutschen Ethikrates zum ärztlich-assistierten Suizid zu Wort gemeldet. Ihre Positionen könnten kaum unterschiedlicher sein. Taupitz will die hierzulande geltende Straflosigkeit der Beihilfe zur Selbsttötung auch auf Ärzte ausgedehnt sehen, Bauer will sie dagegen mit einer grundsätzlichen Strafbarkeit belegen. Während sich Taupitz an der liberalen Lösung der Schweiz orientiert, will Bauer dem konservativen Beispiel Österreichs folgen.

Warum treffen wir uns nicht einfach in der Mitte? Schließlich haben sowohl Taupitz als auch Bauer Recht, wenn sie sich über die deutsche Gesetzeslage beklagen. Die hiesige Regelung führt nämlich dazu, dass der Freund Ihres an Liebeskummer leidenden Sohnes straffrei bleibt, wenn er ihm einen Strick gibt und ihn zum Erhängen überredet, ein Arzt, der Ihrer an Krebs erkrankten Mutter eine Überdosis Schlaftabletten verschreibt, dagegen seine Zulassung verlieren kann. 

Wir sollten die Selbsttötung im Affekt handelnder Menschen nicht erleichtern und die Selbsttötung unheilbar erkrankter Patienten nicht erschweren. Führen wir doch den derzeit vakanten Paragraphen 214 ein und lassen ihn die Anstiftung und Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellen. Dieser Paragraph könnte in Absatz 1 etwa folgendermaßen lauten: Wer einen anderen zur Selbsttötung verleitet oder dabei hilft, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. In Absatz 2 müsste es dann jedoch heißen: Die Teilnahme eines Arztes bei der Selbsttötung ist nicht rechtswidrig, sofern der Betroffene an einer unheilbaren Erkrankung leidet, auf Grund freier und reiflicher Überlegung zu sterben wünscht und den Arzt zuvor in schriftlich dokumentierter Form aus dessen Garantenstellung entlässt.



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Kommentare

  1. Dietmar Hilsebein kein Betreff
    21.04.2009 | 23:18

    "Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt, u. s. w. so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen."

    Und weiter:

    "Daß der bei weitem größte Theil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften; so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemahl Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern, und schrekt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab." (Kant)

    Dies zeigt nur allzu deutlich, wie sehr Kant in Vergessenheit geraten ist! Patientenverfügung? Wohlan -der ist sicher unmündig! Ich, sein Arzt, weiß, was gut für ihn ist! Er will sein Leben und Sterben selbst in die Hand nehmen? Wohlan -der ist sicher unmüdig! Ich, sein Vertreter (Politiker), weiß, was gut für ihn ist! Er will selbst denken? Wohlan -der ist sicher unmüdig! Ich, der Wissenschaftler, weiß, was gut für ihn ist!

  2. Jürgen Bolt @Dietmar Hilsebein
    22.04.2009 | 07:58

    Sagt Kant nicht im selben Text, daß er sich nicht in einem aufgeklärten Zeitalter wohl aber in einem der Aufklärung befände? Und würde er das über unsere Zeit auch noch sagen?

  3. Dietmar Hilsebein @ Jürgen Bolt
    22.04.2009 | 09:12

    "Und würde er das über unsere Zeit auch noch sagen?"

    Davon bin ich fest überzeugt!

  4. Jürgen Bolt @Dietmar Hilsebein
    22.04.2009 | 11:31

    'Und würde er das über unsere Zeit auch noch sagen?'- 'Davon bin ich fest überzeugt!'

    Denke ich auch. Allerdings müßte die Kritik der reinen Vernunft vielleicht nach Darwin und Einstein mit ein paar updates versehen werden, wie sie z.B. Steven Pinker im Kapitel Cleaving the air in The stuff of thought vorgeschlagen hat. Unser Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit geht eben weiter, auch dank des meistens angenehmen und bereichernden Austauschs hier in den scilogs.

  5. Edgar Dahl @ - Dietmar Hilsebein
    22.04.2009 | 11:37

    Wunderschönes Zitat! Aus welcher Schrift von Kant stammt es?

  6. Edgar Dahl @ - Jürgen Bolt: Steven Pinker
    22.04.2009 | 11:42

    Ich bin ein großer Fan von Steven Pinker. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich die von Ihnen erwähnten Arbeiten gelesen habe. Sind das Bücher oder Aufsätze?

  7. Dietmar Hilsebein @ Dahl
    22.04.2009 | 11:43

    Laut Wikisource:

    Berlinische Monatsschrift.
    1784.
    Zwölftes Stük. December.
    1.
    Beantwortung der Frage:
    Was ist Aufklärung?
    (S. Decemb. 1783. S. 516.)

  8. Erdlicht Arztteilnahme Selbsttötung
    22.04.2009 | 12:40

    Zu lebensverlängernden Maßnahmen bestehen Ablehnungsmöglichkeiten der Betroffenen, ggf. gesetzlicher Vertreter.
    (Der Begriff Vormund/Mündel existiert im deutschen Recht, für Erwachsene nicht mehr.)

    Man kann offiziell im Vorfeld eines
    entsprechenden Zustandes den Weg mit Verfügungen beeinflussen. Unterschriften sollten aber etwa im Zweijahresrythmus
    wiederholt werden.
    Verfahrensweisen hängen, ob mit oder ohne Fremdbetreuung, oft von Angehörigen, ab.
    Je nach Sachlage trifft ein Richter nach Arztbericht und Bericht des gesetzlichen Vertreters Entscheidungen. U. U.
    ist es bis dahin aber schon zu spät für eine OP. Und manche Beteiligte sind dann auch nicht unfroh dazu. Zuletzt überwiegt Erleichterung: "Gut, dass er es geschafft hat!"
    Die mögliche Lebensverkürzung ist je nach Zustand, Alter, ohne OP kaum als relevant zu betrachten. Und zur Lebensqualität existieren andere Vorstellungen.

    Für massive Schmerzzustände gibt es Behandlungsmöglichkeiten. (Med., Hospitz)Zu einem Hospitz, muss ein Arzt bescheinigen, dass die Lebenserwartungszeit nicht länger wie ein halbes Jahr ist. (Aktueller Stand, ohne Gewähr) Ich musste feststellen, dass Ärzte schon damit Probleme hatten, im Sinne: "Wie kann ich mir anmaßen, den Tod eines anderen zu bestimmen?"

    Wieviel Ärzte wären bereit, einen unheilbar Kranken bei der Selbsttötung zu unterstützen? Ich bin kein Arzt, weiß aber dass hier für mich immer noch ein Konflikt wäre. Anliegen von Betroffenen oder Umfeld verstehe ich aber gut.

    Genau genommen leidet das Umfeld meist mehr, wie die Betroffenen, weil die Wahrnehmung der letzteren oft sehr eingeschränkt ist.
    Angenommen, ich würde mir heute eine Kapsel Zyankalie, für den Fall des Falles besorgen, sie mir um den Hals hängen, hätte ich Befürchtung, dass ich sie in Kurzschlussreaktion schlucke. (Situation war mal, vor 35 Jahren)

    Real mit unheilbarer Krankheit, völliger Aussichtslosigkeit auf Besserung, wäre wahrscheinlich Wunsch nach Nachhilfe.
    Aber ob ich einem anderen quasi die Verantwortung oder Mitverantwortung dazu geben könnte?

    Momentan habe ich keine Antworten, weiß nur um Konfliktträchtigkeit.

    Shalom

  9. Jürgen Bolt @Edgar Dahl
    22.04.2009 | 16:42

    "The Stuff of Thought" ist Pinkers jüngstes Buch, wieder stärker linguistisch ausgerichtet als How the mind works und The blank slate. Im Kapitel Cleaving the air untersucht er, wie Sprache in Kantischen Kategorien von Raum, Zeit und Kausalität organisiert ist.

    Ich bin orthodoxer Pinkerianer, deshalb dürften Sie meine Empfehlung nicht allzu ernst nehmen, und ich schließe mich daher Dietmar Hilsebein an: Kants kleinen Aufsatz "Was ist Aufklärung" wird, glaube ich, jeder, dem das Projekt am Herzen liegt, mit Genuß und Gewinn lesen.

  10. Erdlicht @Jürgen, bitte um Aufklärung!
    22.04.2009 | 18:06

    Is(s)t ein orthodoxer Pinkerianer
    Shoyu Ramen, Miso Ramen, Curry Ramen oder Tonkotsu Ramen?

    Shalom

  11. Jürgen Bolt @Erdlicht
    23.04.2009 | 06:47

    Aufklärung: über andere orthodoxe Pinkerianer kann ich nichts sagen. Ich aß, bevor ich meine Kant-Eloge schrieb, tatsächlich Miso Ramen. Übrigens mit Vollkorn-Soba!

  12. Edgar Dahl @ - Jürgen Bolt
    23.04.2009 | 11:15

    "Orthodoxer Pinkerianer" gefällt mir. Ich denke, ich bin in Gefahr, auch einer zu werden. Als "The Blank Slate" als Paperback herauskam, habe ich es mir in Melbourne am Flughafen gekauft und auf der Reise nach Frankfurt in einem Ritt durchgelesen, so begeistert war ich. Seither habe ich aber allerdings nur noch Aufsätze und Vorträge gelesen, die er auf seine Website gestellt hat. Und ALLES war fabelhaft!

  13. Jürgen Bolt @Edgar Dahl - Pinker
    24.04.2009 | 11:26

    Waoh, da haben wir etwas gemeinsam. Ich fand The blank slate in deutscher Übersetzung in einer Kölner Buchhandlung, hatte den Namen nie gehört, fand die Klappentexte aber interessant, kaufte und las es und stellte vollständige Übereinstimmung fest, was ich nur bei pubertärer Schwärmerei für möglich gehalten hatte. Dazu seine außerordentliche Brillianz und Luzidität und nicht zuletzt sein großartiger Humor.

    Ich wage es jetzt doch, How the mind works zu empfehlen, das viele Überschneidungen mit The blank slate hat, aber einige neue Themen und Einiges ausführlicher behandelt. Ein Beispiel unter vielen: Sein Hinweis, daß wir alle gläubig sind, wenn es z.B. darum geht, ein Flugzeug zu besteigen, ohne die Kompetenz des Piloten kritisch zu hinterfragen (oder die Befunde eines Wissenschaftlers akzeptieren, ohne ihm Fälschung zu unterstellen), könnte vielleicht auch eine Religionsdiskussion ein wenig entspannen.

    Und selbsverständlich leiten wir aus der gegenwärtigen Übereinstimmung keine Generalzustimmung ab, weder zu Pinkers noch zu unseren eigenen Überzeugungen, aus dem Alter sind wir raus oder noch nicht wieder drin.

  14. Erdlicht @ Jürgen , alles Andersgläubig.
    25.04.2009 | 13:39

    Im Zusammeenhang mit deinem Beispiel(Piloten) gibt es für mich weder Gott = Regenlos, noch ungläubig. Es gibt nur Andersgläubig. In Bezug auf Zukunft vertraue ich Meterologen mehr, wie Bibellehrern. Beim Esel und Donner, die wörtlich gesprochen haben sollen, Jungfrau Maria, leibhaftigen Himmelfahrten, ohne Ufo, vielem mehr, passe ich.

    Gut =Wirkung. ist realtiv, weil etwas nur dann gut empfunden wird, wenn Person, Sache, Hilfsmittel, Dosis, in Übereinstimmung sind.

    Zum Thema
    Da nicht zu allem weltweite Konsensbildung möglich ist, ist es angemessen, wenn Beihilfe zur Selbsttötung, in Übereinstimmung mit Patient und Zeugen unter entsprechenden Voraussetzungen, straffrei ist.Richten, im Sinne strafen, ist ohnehin immer fragwürdig. Das hielten Christen eigentlich für Gottes Sache. Aber Wasser/Windbewegung für sich genommen, kann ich weder einen Willen, noch irgendwelche Gefühle (Liebe, Eifersucht,..) unterstellen. Deutung hat nichts mit Wissen/Erkenntnis/Bewusstsein gemeinsam.
    Wasser/Windbewegung richtet sich nicht nach Einzelbedürfnissen aus, kann als Spiegel ein Zerrbild oder Fatamorgana sein.
    Das Ausgleichen muss der Mensch, in seiner Fehlbarkeit, selbst übernehmen.

    Shalom

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