Atheismus als Religion?
von Edgar Dahl, 04. April 2009, 16:06
Manchmal bedarf es wirklich keines großen Aufwandes, ein geeignetes Thema für seinen Blog zu finden. Für diesen Beitrag genügte beispielsweise eine bloße Zwischenüberschrift aus dem aktuellen Heft von „Spektrum der Wissenschaft“. Unter dem Titel von Pascal Boyers ausgezeichnetem Essay „Müssen wir glauben?“ findet sich nämlich die redaktionelle Bemerkung: „Atheismus wird immer einen schweren Stand als Religion haben, denn eine Vielzahl kognitiver Besonderheiten prädisponiert uns Menschen dazu, an etwas zu glauben.“
Atheismus als Religion? Bei dieser Bemerkung stellen sich einem Philosophen selbstverständlich sogleich die Nackenhaare auf! Denn dies ist ein beliebter Trick der Theologen. So heißt es beispielsweise oft: „Ich glaube an Gott. Sie glauben nicht an Gott. Also glauben wir doch beide. Sie haben Ihren Glauben und ich habe meinen Glauben.“
Mit diesem Kunstgriff theologischer Dialektik soll suggeriert werden, dass zwischen dem Gläubigen und dem Ungläubigen eine Art von „Patt-Situation“ bestehe: „Letztlich glauben wir doch beide.“ Doch dies ist falsch. Zwischen dem Theisten und dem Atheisten gibt es keineswegs ein argumentatives Patt!
Um zu erkennen, wie billig dieser theologische Kunstgriff ist, muss man das Wort „Gott“ nur für einen Moment durch das Wort „Osterhase“ ersetzen. Dann lautete das vermeintliche „Argument“ nämlich einfach: „Ich glaube an den Osterhasen. Sie glauben nicht an den Osterhasen. Also glauben wir doch beide!“ In dieser Form wird sofort deutlich, dass zwischen den beiden alles andere als ein argumentatives Patt besteht. Denn diejenigen, die Zweifel an der Existenz des Osterhasen hegen, haben fraglos die weitaus besseren Argumente auf ihrer Seite.
Dasselbe gilt nun aber auch für die Existenz des christlichen Gottes. Die Argumente für seine Existenz sind weit schwächer als die Argumente gegen seine Existenz. Alle sogenannten „Gottesbeweise“ sind bekanntlich gescheitert. Und das „Theodizee“-Problem, also die Frage, wie das Leid in dieser Welt mit der Existenz eines allmächtigen, allwissenden und allgütigen Schöpfers in Einklang zu bringen sei, ist logisch unlösbar.
Angesichts dieser Tatsachen gibt die überwiegende Mehrheit der Christen denn auch bereitwillig zu, dass Vieles gegen ihre religiösen Überzeugungen spricht, sie aber dennoch an ihnen festhalten, weil es für sie eben keine Frage der Argumente, sondern einfach eine Frage des Glaubens ist. Und das ist auch nur fair. Unfair dagegen ist, zu unterstellen, dass zwischen Theisten und Atheisten ein argumentatives Patt bestehe. Denn davon kann erwiesenermaßen keine Rede sein.
Bevor ich auf die Frage zu sprechen komme, ob man den Atheismus als Religion bezeichnen solle, möchte ich noch kurz etwas zu den geläufigen Definitionen sagen. Für gewöhnlich spricht man von „Theisten“, von „Atheisten“ und von „Agnostikern“. Theisten glauben an die Existenz Gottes. Atheisten glauben nicht an die Existenz Gottes. Und Agnostiker enthalten sich einfach der Stimme, weil sie die Frage nach der Existenz Gottes für unentscheidbar halten.
Viele werden die Position des Agnostikers für die „sympathischste“ halten. Schließlich scheint er sich in Bescheidenheit zu üben und nicht den Anspruch zu erheben, von Dingen zu „wissen“, über die wir einfach nichts wissen können. Und damit hat er auch vollkommen recht.
Diese herkömmliche Definition übersieht jedoch einen wichtigen Punkt. Auch Atheisten maßen sich nicht, zu wissen, worüber wir nichts wissen können. Wissenschaftstheoretisch geschult, sind sie sich bewusst, dass man Existenzaussagen nicht widerlegen und Nicht-Existenzaussagen nicht beweisen kann. Sie behaupten daher auch keineswegs, dass es Gott nicht gebe. Sie behaupten lediglich, dass sie die bisher vorgebrachten Argumente für die Existenz Gottes nicht überzeugen.
Wenn es in der Gottesfrage aber gar nicht um „Beweis“ und „Gegenbeweis“ geht, sondern nur um eine Abwägung der Argumente, dann macht die Position des Agnostizismus eigentlich kaum mehr Sinn. Denn entweder hält man die Argumente für die Existenz Gottes für überzeugend oder man hält sie nicht für überzeugend. Hält man sie für überzeugend, ist man Theist, hält man sie nicht für überzeugend, ist man Atheist.
So gesehen, müsste man den Agnostiker also als jemanden definieren, der die Argumente für die Existenz Gottes für genauso stark hält wie die Argumente gegen die Existenz Gottes. Doch gibt es solche Leute überhaupt? Schwer vorstellbar!
Zur Veranschaulichung müssen wir den Kriegsschauplatz der Theologie nur kurz verlassen und den der Astrologie betreten. Wer davon überzeugt ist, dass die Gestirne die Geschicke der Menschheit leiten, glaubt an die Astrologie. Wer daran zweifelt, glaubt nicht an die Astrologie. Kann es hier eine „agnostische“ Position geben? Ich kenne niemanden, der behaupten würde, dass die Argumente der Verfechter der Astrologie genauso gut seien wie die ihrer Verächter.
Was für die Astrologie gilt, gilt nun aber auch für die Theologie. Man hält ihre Argumente für überzeugend oder man hält sie nicht für überzeugend. Wer intellektuell redlich ist, wird daher auch zugeben, dass der sogenannte „Agnostizismus“ in aller Regel nur ein höflicherer Ausdruck für „Atheismus“ ist.
Nach meiner Definition bin ich also ein „Atheist“, weil ich die Argumente für die Existenz Gottes nicht für überzeugend halte. Als Verehrer von David Hume hätte ich aber auch kein Problem damit, mich als bloßen „Skeptiker“ zu bezeichnen. Doch auch hier habe ich das Gefühl des Etikettenschwindels. Mir scheint, dass der Ausdruck „Skeptizismus“ wieder nur einen nobleren Terminus für „Atheismus“ darstellt. Denn letztlich verbirgt sich hinter dem Skeptizismus – genau wie beim Atheismus – ja nur der Zweifel an der Existenz Gottes.
Ist der Atheismus nun eine „Religion“? Nun, dies ist offensichtlich eine Frage der Definition. Und über Definitionen kann man bekanntlich trefflich streiten. Doch auch wenn Definitionen nicht „wahr“ oder „falsch“ sein können, können sie doch „sinnvoll“ oder „sinnlos“ sein. Und mir erscheint es einfach sinnlos, den Atheismus als eine Religion bezeichnen zu wollen. Insofern der Atheismus nur den Zweifel an einer bestimmten Überzeugung beschreibt, wäre es mehr als ungeschickt, ihm das Etikett „Religion“ anzuheften. Denn dann müsste man konsequenterweise auch all die skeptischen Positionen zur Phrenologie, zur Telepathie, zum Mesmerismus und anderen Formen des Spiritismus als Religionen bezeichnen. Und dies ist doch wohl offenkundig unsinnig, oder nicht?
Ähnliche Artikel:
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Ich weiß ja nicht, welche Argumente für oder gegen Gott Ihnen zu Ohren gekommen sind. Nietzsche hat Gott für tot erklärt. Komisch, wie es scheint, lebt er immer noch, sonst würden Sie sich nicht daran abarbeiten. Oder? Arbeiten Sie sich an einem Osterhasen ab? Ich mag die Physiker am Cern immer mehr. Sie haben es nämlich gründlich satt, ewig von Muliversen und anderen Theorien zu träumen, wohl wissend, daß sie einer Anschauung bedürfen. Mit dem Higgs-Boson verhält es sich ähnlich wie mit Gott. Beides sind Begriffshülsen, so lange sie nicht in Erscheinung treten. Es gibt Theorien, Hypothesen -aber sie hinterlassen einen faden Geschmack auf der Zunge. Ich würde mich auch als Agnostiker bezeichnen und zwar als gläubiger Agnostiker. Dies hindert mich aber nicht daran, weiter nach Gott zu suchen -was immer dieser Begriff auch bedeuten mag. Ich muß sagen, daß Gott für mich insofern Bedeutung hat, als ich dadurch mich gleichsam von außen betrachten kann. Außerdem kann ich nur dadurch wachsen, weil Gott für mich fern und nah zugleich ist. Aber dies ist eben MEIN Glaube und nicht mein Wissen!
Der transzendentalen Elementarlehre
Zweiter Teil
Die transzendentale Logik
Einleitung
Idee einer transzendentalen Logik
I.
Von der Logik überhaupt
Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren die
erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der
Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen
Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere
wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im
Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts)
gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer
Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf einige Art
korrespondierende Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe, ein
Erkenntnis abgeben können. Beide sind entweder rein, oder empirisch.
Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes
voraussetzt) darin enthalten ist: rein aber, wenn der Vorstellung keine
Empfindung beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der
sinnlichen Erkenntnis nennen. Daher enthält reine Anschauung lediglich
die Form, unter welcher etwas angeschaut wird, und reiner Begriff allein
die Form des Denkens eines Gegenstandes überhaupt. Nur allein reine
Anschauungen oder Begriffe sind a priori möglich, empirische nur a
posteriori.
Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu empfangen,
sofern es auf irgendeine Weise affiziert wird, Sinnlichkeit nennen, so
ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die
Spontaneität des Erkenntnisses, der Verstand. Unsere Natur bringt es so
mit sich, daß die Anschauung niemals anders als sinnlich sein kann, d.
i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen affiziert werden.
Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu
denken, der Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der anderen
vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und
ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer,
Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es ebenso notwendig,
seine Begriffe sinnlich zu machen, (d. i. ihnen den Gegenstand in der
Anschauung beizufügen,) als seine Anschauungen sich verständlich zu
machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen, oder
Fähigkeiten, können auch ihre Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand
vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus,
daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen. Deswegen darf man
aber doch nicht ihren Anteil vermischen, sondern man hat große Ursache,
jedes von dem andern sorgfältig abzusondern, und zu unterscheiden. Daher
unterscheiden wir die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit
überhaupt, d. i. Ästhetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln
überhaupt, d. i. der Logik.
Könnte der Satz
Atheismus wird immer einen schweren Stand als Religion haben"
nicht ein Tipfehler sein und müßte eigentlich
"Atheismus wird immer einen schwereren Stand als Religion haben"
Und zu dem Osterhasen Gott Vergleich. Gott und der Osterhase ist nicht austauschbar. Wenn ich sage, ich glaube an Gott, dann finden einige das vielleicht toll, andere interessant und wieder andere vielleicht bescheuert. Wenn ich als erwachsener Mensch sage, ich glaube an den Osterhasen, dann wird es vielleicht als Scherz aufgefaßt oder ich werde eingeliefert.
Atheist zu sein scheint plausibel zu sein, weil man dann die "Hypothese Gott" nicht annehmen muß. Aber für mich ist das nicht konsequent bis zu Ende gedacht. Ohne Gott sind wir Menschen alle ein Produkt des Zufalls, das Ich bringt uns in Erklärungsnöte, weshalb dann einige Schlauberger auf die Idee kommen, es gibt kein Ich. Wieso können wir uns Gedanken über den Sinn des Lebens machen und einige verzweifeln sogar darüber, weil sie keinen finden? Nur um mal ein paar wenige Beispiele zu nennen.
Was soll das alles, wieso können wir das alles? Alles Zufall? Das ist für mich unlogisch und erklärt auch überhaupt nichts. Wenn ich über so etwas nachdenke finde ich jede Menge Gründe für Gott und ich frage mich, wie man überhaupt Atheist sein kann. Da müßte ich ja nur noch blind und taub durch die Gegend laufen.
Und der Osterhase, der wird mir dabei auch nicht helfen. ;-)
Edgar, ich habe jetzt mal online und print nachgeschaut. Du hast nur gelesen, was Du lesen willst. ;-) In der Tat steht da "Atheismus wird immer einen schwereren Stand als Religion haben".
Sehr witzig. :-D
"Um zu erkennen, wie billig dieser theologische Kunstgriff ist, muss man das Wort „Gott“ nur für einen Moment durch das Wort „Osterhase“ ersetzen."
Und ich nehme jetzt den Satz "Die Menschenwürde ist unantastbar" und ersetze das Wort "Menschenwürde" durch das Wort "Micky Maus". Und siehe da: Wenn ich einen beliebigen Satz nehme und ein Wort durch ein anderes ersetze, gelingt es mir den ursprünglichen Satz ins Lächerliche zu ziehen. Mehr beweist Ihr "Argument" nicht.
Dies ist ein wohltuender Beitrag, denn der kuriose Kunstgriff, die Atheisten einfach als gläubige Ungläubige ins Glaubensboot zu ziehen begegnet einem immer wieder in der Diskussion. Ein Atheist ist vor allem kritisch, ein Gläubiger ist vor allem folgsam. Das ist der wesentliche charakterliche Unterschied. Die Gläubigen die ich in meinem persönlichen Umfeld ertragen muss, sind alle versessen auf Hierarchien, Gehorsam, Pflichterfüllung, Werte und Regeln, die sie über die Liebe zum Nächsten stellen. Sie sind es, die immer den ersten Stein werfen würden, hätten sie Gelegenheit ("Gott will es!"), da sie zur Kritik nicht fähig sind. Als wirklich christlich erlebe ich nur die Atheisten.
@Martin: Es gibt keinen einzigen logischen Grund an Gott zu glauben. Wenn man es trotzdem tut, so mag die Ursache dafür vielleicht in einem evolutionären Vorteil des Glaubens stehen, vielleicht auch nur in einem Dachschaden, der nicht selektionsrelevant genug ist. Das kann wohl bisher nicht abschließend beurteilt werden. Aber man sollte nicht meinen, aus logischen Gründen glauben zu müssen. Das Wort "Gott" erklärt gar nichts, wirklich überhaupt nichts.
Für viele Menschen ist es egal, ob es einen Gott gibt oder nicht.
Denn das Thema ´Atheismus Ja/Nein´ geht völlig an den Bedürfnissen der Menschen vorbei, deswegen ist Atheismus kein Thema für sie.
Atheismus steht für nichts und ist daher für die meisten Menschen nur eine leere, langweilige Hülle.
Die Religion dagegen steht für ein bestimmtes gesellschaftliches Regel- und Wertesystem. Sie erleichtert den Menschen das Leben, regelt ihren Tages-/Jahresablauf und steht für ein bestimmtes moralisches Verhalten - und man kann sich auch darüber ärgern, wenn man will.
Beispiel: Man kann Geschäftsleuten unterstellen, dass für sie die Feiertage des Jahres vor allem ein wichtiger wirtschaftlicher Gesichtspunkt sind (unabhängig von einer individuellen Gäubigkeit).
Wenn der Atheismus es nicht schafft, ein anderes System von Feiertagen zu entwickeln, hat er keine Chance gegen Religionen. Ein Jahr, welches nicht durch Feiertage gegliedert ist - ist nur langweilig. Die Menschen freuen sich auf Feiertage, bereiten sich darauf vor, treffen dabei mit anderen Menschen zusammen und haben eine schöne Zeit.
Deshalb ist ´Atheismus´ auch keine Religion. Außerdem ist ´Atheismus´ unglaubwürdig - ich kenne keinen einzigen Atheisten, der darauf besteht, an einem kirchlichen Feiertag nicht(!) frei zu haben. Und solche Leute, und ihre Anschauung kann man nicht achten. Gegen die Religionen polemisieren - aber die Vorteile (Feiertage) nutzen.
Na ja, ich sehe die Position des Agnostizismus oder des Theismus nicht ganz so schwach. Klar ist, dass das echte Wissen um den Ursprung, potenzielle Ziele und Hintergründe des Universums eine echte Null ist und man deshalb den Standpunkt vertreten könnte, das alle Spekulation müßig ist und man eher gar nichts glauben sollte, als etwas falsches. Aber andererseits ist es auch nicht unredlich über Ursprung und potenzielle Ziele zu spekulieren und und sich ein Weltbild auch im noch nicht beweisbaren Raum zu bilden. Die Stringtheoretiker oder prae-Urknallleute machen doch auch nicht anderes.
Mit der Aussage "Ohne Gott sind wir Menschen alle ein Produkt des Zufalls[...]" spielen Sie wahrscheinlich auf die Evolutiontheorie an. Diese beruht allerdings nicht auf puren Zufall, denn Selektion nach dem überlebensfähigeren Individuum (oder Gruppe) ist kein Zufall sondern hängt wie oben schon gesagt von der Überlebensfähigkeit des Individuums (oder der Gruppe) ab. Das einzige was an der Evolution Zufall ist, sind die Spontanmutationen die zu einer Weiterentwicklung führen können die aber nicht zwingend die Überlebensfähigkeit oder die Fortpflanzungsfähigkeit verbessern. Außerdem ist noch zu sagen dass die meisten Mutationen bei Individuen wie dem Menschen keine Veränderung des Phänotyps hervorrufen. Wichtig ist auch dass die Entwicklung von Lebewesen in der Evolutionstheorie über sehr lange Zeiträume verläuft. Auch die Tatsache das die Mutationen immer nur recht klein sind macht die Evolutionstheorie als ein Modell dass nicht vom Zufall abhängt glaubwürdiger.
Ihr Feiertagsargument kann man übrigens auch umdrehen: ich kenne - nach 23 Jahren im katholischen Rheinland - keinen Gläubigen, der an kirchlichen aber nicht gesetzlichen Feiertagen wie Maria Himmelfahrt Urlaub nimmt. Vergleichen Sie das einmal z.B. mit dem Verhalten orthodoxer Juden am Sabbath.
Lieber Herr Dahl,
Ihren Artikel über die Ausschwitzlüge fand ich hervorragend. Darüber wollte ich auch etwas schreiben, bin aber nie dazu gekommen.
Leider gibt es schon Agnostiker laut Ihrer Definition. Ich nenne sie 50/50-Agnostiker. Das sind meiner Erfahrung nach sehr unglückliche und zynische Kreaturen. Philosophisch vertreten sie einen radikalen Skeptizismus, laut dem man gar nichts wissen kann, was sie dann auch gebetsmühlenartig wiederholen und woraus ihr gesamtes Programm besteht. Von der Warte aus nörgeln sie an Atheisten herum und werfen Ihnen vor, zu viel zu glauben und zu arrogant zu sein.
Ansonsten habe ich erneut keine Einwände. Nun zu den Kommentaren:
Dietmar Hilsebein:
"Außerdem kann ich nur dadurch wachsen, weil Gott für mich fern und nah zugleich ist."
Daniel Dennett nennt Vertreter solcher Haltungen "Murkies", weil sie nebulös daherreden und die Wahrheit eigentlich gar nicht wissen wollen, denn sie würde nur das "Mysterium" gefährden.
Martin Huhn:
"Was soll das alles, wieso können wir das alles? Alles Zufall?"
Niemand behauptet, dass es Zufall ist. Im Gegenteil sind die Naturgesetze deterministisch.
Fritz Maier:
"Und ich nehme jetzt den Satz "Die Menschenwürde ist unantastbar" und ersetze das Wort "Menschenwürde" durch das Wort "Micky Maus"."
Man kann "Gott" deshalb durch den "Osterhasen" ersetzen, weil es keine Belege für ihre jeweilige Existenz gibt. Das Beispiel veranschaulicht die Tatsache, dass man in der Wissenschaft grundsätzlich von der Nichtexistenz von Wesenheiten ausgeht, solange es keine Gründe gibt, von ihrer Existenz auszugehen. Andernfalls müsste man davon ausgehen, dass vom Osterhasen über Dämonen bis zum Weihnachtsmann alles existiert und Atheisten müssten dann beweisen, dass dem nicht so ist.
KRichard:
"Gegen die Religionen polemisieren - aber die Vorteile (Feiertage) nutzen."
Die Religion hat also recht, weil sie aufgrund eines historischen Zufalls die Feiertage in Deutschland bestimmen konnte. Aber ich möchte ja gar nicht die Vorteile der Religion genießen. Wenn es nach mir ginge, würde man alle christlichen Feiertage durch säkulare ersetzen. Dann dürften Sie sich die Frage stellen, warum Sie den Atheismus ablehnen, aber seine Feiertage nutzen.
"Daniel Dennett nennt Vertreter solcher Haltungen "Murkies"..."
Aha.
"...weil sie nebulös daherreden und die Wahrheit eigentlich gar nicht wissen wollen, denn sie würde nur das "Mysterium" gefährden."
So "mystisch" finde ich das alles gar nicht. Und Wahrheit? Was ist Wahrheit? Manche sagen, Pilatus hätte hier eine agnostische Sichtweise vertreten. Andere sagen, Pilatus war ein alter Zyniker, der als wahr nur das nahm, was seine Macht nicht infrage stellte. Vielleicht war er auch einfach zu faul, selbst zu denken. Oder, das wäre auch noch eine mögliche Interpretation: Er war viel zu unsensibel, um überhaupt erahnen zu können, wovon Jesus sprach. Wäre einmal interessant zu erfahren, was ein Affe macht, wenn man ihm die Missa Solemnis Beethovens vorspielte.
Die Argumentation von Edgar Dahl ist schlüssig - aber die Praxis? Habe vor einiger Zeit eine Freidenker-Veranstaltung besucht zum Thema Moral ohne Gott. Der Referent wurde nicht zu seinem Buch/Referat befragt, sondern musste als erstes begründen, warum er seinen Doktor Theol aus Jugendzeiten nicht zurückgegeben hat. Das erinnerte schon sehr an religiöses Eifern. Der Agnostiker ist dagegen nicht nur unentschieden, sondern er weist die Fragestellung nach Gott als unerheblich zurück. Eifern sollte dann erledigt sein.
"Der Agnostiker ist dagegen nicht nur unentschieden, sondern er weist die Fragestellung nach Gott als unerheblich zurück."
Diese Richtung würde eher als Positivismus bezeichnet werden. So ist der Positivismus zwar agnostisch, aber nicht jeder Agnostiker ist ein Positivist.
Lieber Edgar, vielleicht erscheint der Agnostizismus in einem anderen, selbstverständlicheren Licht, wenn man dessen Grundhaltung (verkürzt) beschreibt mit: Es ist gleichgültig, ob es einen Gott gibt oder nicht. Die Welt liefe keinen Deut anders.
Solange ein eventueller Gott sich nicht uns allen zu erkennen gibt, ist es ohne Bedeutung, ob er existiert oder nicht. Wer diesen Gedanken einmal ernsthaft durchspielt, kann vielleicht nachempfinden, wie befreiend es ist, Agnostiker zu sein. Aus dieser Position kann man dann trefflich mit denen streiten, die vorgeben, in Gottes Namen zu handeln. So kann man ihren privaten Gottesglauben respektieren und vermeidet, einen eigenen „Glauben“ dagegensetzen zu müssen. Aber man kann ihnen absprechen, unser aller Leben nach ihrem Glauben gestalten zu dürfen unter dem besonderen Schutz, den religiöse Organisationen zu allen Zeiten und in allen Kulturen auch weltlich beansprucht haben. Ich denke, dass man dann mit Hume, Kant und Nachfolgern eine Ethik zimmern kann, die zumindest weniger widersprüchlich ist und dem Erkenntnisstand des heutigen Menschen mehr entspricht als die Gebote der alten Bücher.
Stimme inhaltlich voll zu !
Selbst diskutiere ich nicht mit Theisten, weil es ihnen eben um Glauben geht und ich glaube nun mal nicht, könnte allenfalls sagen, ich weiß es nicht. Sehe auch für mich persönlich keine Notwendigkeit/Möglichkeit Theisten von meiner Auffassung zu überzeugen. Solange alle das Grundgesetz und die allgemeinen Menschenrechte achten, ist es mir irgendwie egal.
Grundsätzlich bin ich der Meinung suum cuique und keiner soll versuchen dem anderen seinen Glauben oder seine Einstellung aufzudrängen. Aber genau das ist das Problem mit einigen Theisten. Die gerade laufende Kampagne mit entsprechenden Slogans auf Bussen (in London ?) zur immerhin noch offen formulierten Frage, ob ein Gott existiert, hat mich etwas überrascht, denn bisher blieb man als Atheist doch eher für sich und unter seinesgleichen und war ohne Missionierungsambitionen. Ein solches Thema so verkürzt in die Öffentlichkeit zu pressen, erscheint doch etwas daneben.
"Ein Atheist ist vor allem kritisch, ein Gläubiger ist vor allem folgsam."
Wie man in Deutschland von 1933 bis 45 sehr gut beobachten konnte. Das waren alles gläubige Christen, nicht wahr. Von der Führung bis hin zum kleinsten Gefolgsmann.
"Es gibt keinen einzigen logischen Grund an Gott zu glauben."
Ja, und weiter? Wo bleibt die Begründung, wo die Argumentation, Stefan? Das ist nur eine Behauptung und mehr nicht.
Die Selektion ist mir bekannt. Dennoch muß erstmal was da sein, was selektiert werden kann und dafür hat der Zufall gesorgt, so nimmt man an. Es soll ja alles zufällig entstanden sein, nicht nur die neuen Arten (was immer das sein soll), nein auch die erste lebendene Zelle. Da spielt die Mutation keine Rolle.
Was mich dabei wundert ist, daß das alles als wissenschaftlich seriös angesehen wird. Aber wie kann das sein? Wie will man das beispielsweise widerlegen? Oder drehen wir mal den Spieß um und fragen uns, wie man es beweisen kann. Man könnte eine künstliche lebende Zelle im Labor erzeugen. Aber was beweist das? Daß der Mensch in der Lage ist willentlich Leben zu schaffen. Ist das der Beweis, daß Leben zufällig entstand? Nein. Wir werden niemals einen Beweis dafür haben, daß das Leben zufällig entstand. Es sei denn, wir bauen eine Zeitmaschine und schauen es uns an, was wie passierte.
"Niemand behauptet, dass es Zufall ist. Im Gegenteil sind die Naturgesetze deterministisch."
Sie haben sich wohl im Thema verirrt. :-)
Ich habe geschrieben, Atheismus ist für viele nur eine langweilige Hülle.
Ich würde neben den religiösen, dem 1. Mai und dem 3. Oktober gerne auch noch ein paar säkulare Feiertage haben. Aber:
Z.B. gibt es gar keine geistreichen Ideen für säkulare Feiertage, welche die religiösen Feiertage ersetzen könnten - oder bin ich nur falsch informiert?
Die bisherigen Feiertage sind im Kirchenjahr eingebunden und bilden so eine wiederkehrende geistige Anregung, um sich mit dem Jahresablauf, dem Werden und Vergehen bzw. der Position des Menschen in der Welt zu beschäftigen. Und das unabhängig davon, ob man gläubig ist, oder nicht.