Nichts als Sex im Kopf
Britische Hirnphysiologen sind im Begriff, eine Therapie für die „Asexualität“ zu entwickeln. Diese früher oft als „impotentia concupiscentia“ bezeichnete Erkrankung meint das (nahezu) völlige Fehlen sexueller Begierde. Diese buchstäbliche „Lustlosigkeit“ tritt oft als Begleiterscheinung neurologischer Erkrankungen und insbesondere auch als Nebenwirkung mancher Psychopharmaka, wie zum Beispiel einiger Antidepressiva, auf.
Das britischer Forscherteam hat nun einen elektronischen Chip entwickelt, der, wenn man ihn in den orbifrontalen cortex einsetzt, die Wollust zu neuem Leben erweckt. Bislang hat sich erst eine einzige Patientin dieser Therapie unterzogen. Wie sie versicherte, wirkt sie aber tatsächlich Wunder. Allerdings war ihr dieses Wunder schlicht zu viel des Guten. Sie hat den Chip schon nach kurzer Zeit wieder entfernen lassen, weil sie sich an die plötzlich eingetretene Steigerung ihres sexuellen Appetits beim besten Willen nicht gewöhnen konnte.
Ich selbst war von dieser Art der neurobiologischen Forschung derart in den Bann gezogen, dass ich in vielen schlaflosen Nächten sogleich ein ausgesprochen subtiles diagnostisches Tool zur Früherkennung der Asexualität entwickelt habe. Hierzu ist nichts weiter nötig, als dass Sie einen Blick auf das folgende Bild werfen. Wenn sich nichts, aber auch wirklich gar nichts regt, sind Sie ein echter Kandidat für den Sex-Chip.
Nein, ganz im Ernst, die Therapie der Asexualität wirft ein interessantes philosophisches Problem auf. Ob wir nun Epikur, Seneca, Marc Aurel oder Arthur Schopenhauer lesen, alle versichern uns, dass wir, um glücklich zu werden, zunächst einmal unsere Leidenschaften zähmen müssen. All unser Unglück entspringt nach Ansicht dieser Weisen aus unseren Begierden. Wenn unsere Begierden befriedigt werden, fühlen wir uns glücklich; wenn unsere Begierden nicht befriedigt werden, fühlen wir uns unglücklich. Wie die Welt nun einmal ist, bleiben unsere Begierden weit öfter unerfüllt als erfüllt. Daher ist es das Beste, wir bekämpfen unsere Begierden und lassen sie uns nicht länger beherrschen. Erst wenn wir keinerlei Begierden mehr verspüren, ist der Weg zu einem glücklichen Leben geebnet.
In der Sprache der Stoiker ausgedrückt, sollen wir von der „Apathie“, der Begierdelosigkeit, über die „Autarkie“, der Selbstgenügsamkeit, zur „Ataraxie“, dem Seelenfrieden, finden.
Klingt logisch, nicht wahr? Doch wenn dies logisch ist, wie kann es dann sein, dass es Menschen gibt, die darunter leiden, keinerlei Begierde mehr zu verspüren? Nach den Stoikern sollte mit dem Verlust der Begierde schließlich eine große Last von ihren Schultern gefallen sein. Oder nicht?
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"Eine Wunschherstellungsmaschine hab' ich ja schon: eben mein Gehirn. Und wenn ich mir so einen Chip in den Kopf setzen lasse und ihn einschalte, dann ja wohl deshalb, weil ich es so wollte. Der Wille bleibt."
Stimmt! Der Wille bleibt. Und Du selbst hast die Entscheidung, Dir den Chip einbauen oder nicht einbauen zu lassen, getroffen.
Obgleich man das Gehirn durchaus als eine "Wunschherstellungsmaschine" bezeichnen kann, ist es doch keine Maschine, die man selbst bedienen kann.
Dein Gehirn bestimmt Deinen Willen. In Abhängigkeit genetischer, synaptischer und endokriner Faktoren, lässt es Dich etwas wollen oder nicht. Dein Gehirn veranlasst Dich beispielsweise dazu, Gedichte schreiben zu wollen. Ist das Schreiben von Gedichten "frei", ist es wirklich Deine "bewusste Entscheidung"? Sicher nicht! Denn Dein Gehirn lässt es Dich aufgrund der genannten Faktoren wollen.
Um zu sehen, dass wir - mit Schopenhauer gesprochen - zwar "tun und lassen können, was wir wollen, aber nicht wollen können, was wir wollen", stell' Dir nur 'mal vor, Du würdest es eigentlich vorziehen, Sonaten zu komponieren als Gedichte zu verfassen. Könntest Du dieser Neigung nachkommen? Nein! Weil Dein Wille nicht von Dir, sondern von Deinem Gehirn bestimmt wird.
Anderes Beispiel: Könntest Du statt Frauen zu begehren, morgen schon Männer lieben? Natürlich nicht!
Ich denke, solange es um Beispiele wie diese geht, sind wir uns alle einig, dass unser Wille nicht frei ist - und wir nun einmal nicht wollen können, was wollen.
Doch wie Schopenhauer gezeigt hat, gilt dies auch für ganz alltägliche Entscheidungen. So schreibt er sinngemäß: "Ich kann, WENN ICH WOLLTE, alles, was ich habe, den Armen geben und dadurch selbst einer werden. Aber ich VERMAG ES EINFACH NICHT ZU WOLLEN."
Vielleicht muß das aber noch einmal von einer ganz anderen Seite beleuchtet werden. Ich weiß es ja nicht und tappe auch in der Beziehung der Geschlechter zueinander im Dunkeln. Mir kommt ein Vergleich aus der Rundfunktechnik, keine Ahnung, warum. Nehmen wir die Eigenschaften eines Kondensators und einer Spule. Während der Kondensator den Gleichstrom sperrt ist es bei der Spule umgekehrt. Während der Kondensator tiefe Frequenzen sperrt ist es bei der Spule umgekehrt. Und doch ergeben beide einen Schwingkreis, wenn sie zueinander finden, die, wenn sie aufeinander abgestimmt sind, Signale empfangen, die so manchen jenseitig vorkommen mögen.
Gleichheit wäre demzufolge eine Form der Abstimmung.
uhm! "Hand abhackt". Ja, es ist schon verrückt, was Männer alles schon in der Weltgeschichte angestellt haben wegen einer (oder vieler) Frauen. WIRKLICH verrückt.
Auch das ein Beweis, wie ich finde, daß - hm! - VIEL dahinterstecken muß. Daß uns die Welt (oder die Biologie) damit etwas sagen will. ;-)
Deshalb finde ich die "Meta-physischen" Albernheiten von Helmut Wild eher langweilig. Über das Metaphysische zu spotten, finde ich, ist "out". Macht nicht wirklich mehr Spaß. Wir haben da doch wirklich schon alles "durch". (Selbst de Sade lockt doch heute nicht wirklich noch irgend jemanden hinter dem Ofen hervor.)
Übrigens könnte man auch sagen: Wenn Männer "wegen einer Frau" für viele Jahre in den Krieg ziehen (wie in der "Ilias"), ist das irgendwie ehrlicher und fast möchte man sagen: "schöner", als wegen all der Blödheiten, Ekelhaftigkeiten, Doofheiten, "Ernsthaftigkeiten" wegen derer heute, nun, Männer IMMER noch in Kriege ziehen.
Ich halte es sehr mit der Max Weber'schen "innerweltlichen Askese". Ich glaube, sie läßt uns unseren Geist (und alles Geistige) erst wirklich genießen, wenn wir es geschafft haben, daß körperliche Anreize nicht mehr "alles" sind. Vergeistigung unnnn so. Sublimierung. Is aber 'n langer Prozeß unnnn so ... Und Helmut Wicht müssen wir am Wegrand links liegen lassen unnnnn so. Leider ...
Die Alltagsweisheit "gleich und gleich gesellt sich gern" ist ja auch empirisch gut belegt. Ich denke, das beste Buch zur Partnerwahl ist "Die Evolution des Begehrens: Geheimnisse der Partnerwahl" von David M. Buss, das im Jahr 2000 bei Goldmann in zweiter Auflage als günstiges Taschenbuch erschien.
Schopenhauer war in seiner immer noch sehr lesenswerten "Metaphysik der Geschlechtsliebe" ja der Ansicht, dass bei der Partnerwahl das Motto "Gegensätze ziehen sich an!" gilt.
Also ich empfinde Stozismus wohl insgesamt als eine zu "steife" Haltung.
Überall, wo man zu "steif" bestimmte Prinzipien im Leben durchsetzen will, geht's früher oder später unweigerlich schief. Ich halte es da lieber mit "Standbein" und "Spielbein", mit "sowohl als auch". Niemals aufgeben aber auch nicht von vornherein sagen, es ginge doch nicht. (Oddder so ..., mit der "Askese" mein ich halt - und mit dem Gegenteil, aus dem man sich, wenn falsch gelebt, dann auch wieder schnell flüchtet - oder aus dem man schnell flüchten kann, weil's einem ja auch abstoßend vorkommen kann, nicht wahr? KANN, sage ich.)
Es wird wohl auch so sein, daß Frauen insgesamt geistreichere Männer lieber haben als stoische. (Das mal nur so als Nebengedanke. LETZTLICH, ich meine LETZTLICH sind wir doch alle nur Spielball in der Hand der Frauen. Und es ist gut, wenn man es in der Hand der richtigen ist. Darauf kommt wohl alles an, mehr oder weniger.)
Und es wird wohl so sein, daß Stoiker nicht unbedingt immer die ALLER geistreichsten Männer in der Geschichte gewesen sind. Hm, mir fällt zumindest keiner ein. Marc Aurel liest sich doch sehr trocken nach meiner Erinnerung.
Platon und Sokrates waren wohl weder Stoiker noch Epikureer, sondern am ehesten beides. Und vielleicht waren und blieben sie darum auch bedeutender als alle Denker der beiden späteren philosophischen Richtungen.
(Ich glaube auch, puh, jetzt wird's lang: Wenn wir die klassische griechische Antike verstanden haben, haben wir vieles, wenn nicht alles verstanden. Die Stoiker - und später Augustinus - lehnten sich schlicht gegen all das auf, was man noch heute in Pompeji und Herculaneum ausgräbt, all das "Ausschweifende". Aber das WAR Antike.)
Ich glaube, Du missverstehst Helmut. Er kritisiert die Metaphysik in keinster Weise. Ganz im Gegenteil! Ihm greift die Empirie immer zu kurz - er will buchstäblich wissen, was "nach der Physik", eben die Metaphysik, kommt.
Antike war einfach unendlich emphatische Begeisterung für das Schöne, auch das geschlechtlich Schöne. (Auch für all die hingestreckten Schönen, die man HEUTE fotografieren kann, HEUTE.)
Und der Monotheismus hat uns da in einen unendlich tiefen Zwiespalt gestürzt. Um es platt zu sagen, er hat uns vor die Alternative gestellt: "Sex ohne Seele" oder "Seele ohne Sex". Und man kann es als empörend empfinden, daß es nur diese beiden Alternativen geben soll.
In der klassischen Antike jedenfalls war's, so denke ich, total anders.
Naja, hab mich wohl mit Helmut Wicht noch nicht genügend beschäftigt. Kam mir halt so'n bischen zu flappsig rüber. Aber ok.
(Und man braucht ja was zum Polemisieren ;-) )
Das Buch von David M. Buss kenne ich nicht, habe aber den Verdacht, daß alles wieder auf Geruchssignale und Symmetrie der Pobacken hinausläuft. Und auch Schopenhauer, der „Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe.“ -dazu verleiten ließ, nun ganz diesem "Willen" zu entsagen, läßt mich, mit Verlaub, fröstelnd zurück! Da finde ich Nietzsches "Von Kind und Ehe" aus dem Zarathustra geistreicher.
David M. Buss zeigt in seinem Buch, dass die Kriterien, die wir bei der Wahl eines Partners anlegen, evolviert, adaptiv und daher durchaus plausibel sind. Zudem zeigt er interessante Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Obgleich Männer und Frauen grundsätzlich die gleichen Kriterien bei der Partnerwahl anlegen, verleihen Männer und Frauen bestimmten Kriterien doch ein anderes Gewicht. Mir ist bislang jedenfalls noch kein besseres Buch zum Thema untergekommen.
Ich denke, dass wir uns wohl alle darüber einig sind, dass wir unseren Willen nicht nach Belieben beeinflussen können. Ich liebe zufällig die Musik von Van Morrison und Tom Waits. Selbst, wenn ich mich noch so sehr anstrenge, werde ich mich wohl nie für Britney Spears und Christina Aguilera erwärmen können - jedenfalls nicht ohne eine vorherige Lobotomie.
Dass wir unseren Geschmack (wie etwa in der Musik oder der Malerei), unsere Interessen (wie etwa die an der Physik oder an der Sinologie) und natürlich auch unsere Leidenschaften (wie etwa unsere sexuelle Zuneigung zu Frauen und unsere sexuelle Abneigung gegen Männer) nicht willkürlich ändern können, ist, denke ich, unumstritten.
Umstritten ist lediglich, ob wir die alltäglichen Entscheidungen beeinflussen können, wie etwa die von Bernhard Hassenstein aufgeworfene Frage des "Herrn von Korf":
Von Korf ist grad in schwerer Not,
"Ess' Wurst ich oder Käsebrot?"
Scheiße, jetzt bekomm' ich doch tatsächlich Hunger. Ich ess' 'n Käsebrot und melde mich dann wieder.
Wieder da. War keine schlechte Idee, eine kleine Pause zu machen und schnell ein Käsebrot zu essen, denn ich war offenbar im Begriff, vom Thema abzukommen.
Ich wollte nämlich auf die gute Britin zurückkommen, die sich den Sex-Chip einsetzen lassen hat. Sie hat, aus welchen Gründen auch immer, keine sexuelle Lust verspürt. Man darf annehmen, dass sie unter ihrer sexuellen Lustlosigkeit nicht gelitten hat. Wie sollte sie auch? Wenn sie sich nicht nach Sex verzehrt, kann sie schließlich auch nicht darunter leiden, keinen Sex zu haben. Wenn dem aber so ist - und darauf hattest Du, denke ich, aufmerksam gemacht -, kann sie auch keinen Sex-Chip wollen. Ohne Lust auf Sex, keine Lust auf einen Sex-Chip. Sex konnte also unmöglich ihr Motiv gewesen sein, sich den Chip einsetzen zu lassen. Was war aber dann das Motiv? Ich denke, wie schon erwähnt, Altruismus. Vermutlich hat sie einen Mann, der sich wünscht, dass sie etwas dabei empfindet, wenn er mit ihr schläft. Es ist in meinen Augen daher wohl SEIN Wunsch gewesen, der SIE dazu veranlasst hat, sich den Chip einsetzen zu lassen. Ohne das Motiv, den Wunsch ihres Mannes zu erfüllen, hätte sie weder den Chip wollen noch sich den Chip einsetzen lassen können.
Ich weiß, für Deinen Geschmack kratze ich wieder nur auf der profanen Oberfläche herum statt in die Tiefen der Metaphysik vorzustoßen. Mein Punkt jedoch ist: Man kann nicht wollen, was man will; um etwas zu wollen, benötigt man zuallererst ein Motiv dafür; aber seine Motive kann man sich nun einmal nicht aussuchen.
@ "Ingo"
Lieber Herr "Ingo",
ja, flappsig bin ich auch. Aber glauben Sie mir: ich liebe die Metaphysik ebensosehr wie Metas Physik, wenn nicht sogar mehr. Jedenfalls wird mir das - neben einem ungebührlichen Interesse an mythologischen Themen des klassischen Altertums - von meinen naturwissenschaftlichen Kollegen immer wieder vorgehalten. Also - eigentlich müssten wir uns vetragen. Aber für eine Polemik, für ein fetziges "flame", ein krachendes ad hominem bin ich auch gerne zu haben...suaviter in ratione, fortiter in verbo, höhö.
Edgar,
sorry, ich komme mit dem Lesen, vor allem aber mit dem Denken nicht nach.
Meinen Schopenhauer kenn' ich so halbwegs -- von daher kann ich, wenn ich mir Deinen letzten Beitrag ansehe und in seine (Arthurs) Schuhe mich zu stellen versuche (Mann, sind die GROSS!), nicht so ganz zustimmen. Du schreibst da von Motiv und Willen und setzt das Motiv dem Willen voran: bei Schopenhauer ist's, glaub' ich, umgekehrt. Also ist, im Sinne von Schopenhauer, Dein letzter Satz grad' falschrum: die Motive kann man sich (in Grenzen) aussuchen, den Willen aber nicht!
Aber das ist eigentlich Wortgeklaube um "Motiv" und Wille. Im Kern, so habe ich den Eindruck, sind wir drei (Du, der tote Frankfurter Griesgram und ich) uns darüber einig, dass wir im Wollen nicht frei sind.
Jetzt versuch' ICH mal, von meiner üblichen metaphysischen Schiene 'runterzukommen, und das "reale" Problem von einer anderen Seite aus zu betrachten und es mal von der Sex-Schiene (die es freilich reizvoll macht) herunterzubekommen.
Also (rein hypothetisch): meine Frau will in den Urlaub -- sagen wir mal: nach Rom. Ich find' Rom aber blöd, Antike, Vatikan und Renaissance öden mich an. Aber ich liebe meine Frau und lass' mir von einem befreundeten Neurochirurgen einen Chip in die Birne setzen, der schlagartig mein kulturelles Interesse bis zur Unerträglichkeit steigert.
GEILER Urlaub in Rom.
Nur: hat meine Frau mit mir oder dem Chip Urlaub gemacht?
Irgendwie kommt mir Dein "Altriusmus"-Argument - um wieder in den Bereich des sexuellen zurückzukehren - ein wenig schräg und schlüpfrig vor. Als ob man sich, vor lauter gutem Willen, zur Beate Uhse-Puppe machte...
Aber egal. Ganz egal. Ist alles eh' nur Wasser aud Schopenhauers und auf meine metaphysischen Mühlen: das "Ich" ist nichts Substantielles, sondern nur ein wandelbares Konglomerat von Wünschen und Vorstellungen, eine blosse Form, ein "substanzloses Gespenst"...
Figaro, meine Katze, die ich unter großen Mühen und riesigem finanziellen Aufwand von Australien nach Amerika und von Amerika nach Deutschland mitgenommen habe, hat mich mitten in der Nacht geweckt, weil ihm zufällig zum Fressen zumute war - undankbarer felis silvestris.
Wie auch immer, nachdem ich nun schon einmal wach bin, kann ich genausogut bloggen.
Du schriebst:
"Also (rein hypothetisch): meine Frau will in den Urlaub -- sagen wir mal: nach Rom. Ich find' Rom aber blöd, Antike, Vatikan und Renaissance öden mich an. Aber ich liebe meine Frau und lass' mir von einem befreundeten Neurochirurgen einen Chip in die Birne setzen, der schlagartig mein kulturelles Interesse bis zur Unerträglichkeit steigert.
GEILER Urlaub in Rom.
Nur: hat meine Frau mit mir oder dem Chip Urlaub gemacht?"
Ich glaube, diese Frage kannst Du spätestens dann getrost verneinen, wenn Du in das Alter kommst, auf Viagra angewiesen zu sein. Glaub' mir, Du wirst ihr - und vielleicht mehr noch Dir selbst - versichern, dass sie mit Dir und nicht mit einem Medikament geschlafen hat.
Ich fürchte, es ist an der Zeit, dass Du mal wieder einen Blick in die Gesammelten Werke des Frankfurter Griesgrams wirfst, denn in seiner "Preisschrift über die Freiheit des Willens" heißt es in unübertroffener Klarheit:
"Denken wir uns einen Menschen, der, etwan auf der Gasse stehend, zu sich sagte: 'Es ist 6 Uhr Abends, die Tagesarbeit ist beendigt. Ich kann jetzt einen Spatziergang machen; oder ich kann in den Klub gehn; ich kann auch auf den Thurm steigen, die Sonne untergehen zu sehn; ich kann auch ins Theater gehn; ich kann auch diesen oder, aber jenen Freund besuchen; ja, ich kann auch zum Thor hinaislaufen, in die weite Welt, und nie wiederkommen. Das Alles steht allein bei mir, ich habe völlige Freiheit dazu; thue jedoch davon jetzt nichts, sondern gehe ebenso freiwillig nach Hause, zu meiner Frau.' Das ist geradeso, als wenn das Wasser spräche: 'Ich kann hohe Wellen schlagen (ja! nämlich im Meer und Sturm), ich kann reißend hinabeilen (ja! nämlich im Bette des Strohms), ich kann schäumend und sprudelnd hinunterstürzen (ja! nämlich im Wasserfall), ich kann frei als Strahl in die Luft steigen (ja! nämlich im Springbrunnen), ich kann endlich gar verkochen und verschwinden (ja! bei 80 Grad Wärme); thue jedoch von dem Allen jetzt nichts, sondern bleibe freiwillig, ruhig und klar im spiegelnden Theiche.' Wie das Wasser jenes alles nur dann kann, wann die bestimmenden Ursachen zum Einen oder zum Andern eintreten; eben so kann jener Mensch was er zu können wähnt, nicht anders, als unter der selben Bedingung."
Mit der "bestimmenden Ursache" meint Schopenhauer das "Motiv", wie spätestens eine Seite weiter klar wird, als er schreibt:
"Eben so irrig meint Mancher, indem er ein geladenes Pistol in der Hand hält, er könne sich damit erschießen. Dazu ist das Wenigste jenes mechanische Ausführungsmittel, die Hauptsache aber ein überaus starkes und daher seltenes Motiv, welches die ungeheure Kraft hat, die nöthig ist, um die Lust zum Leben, oder richtiger die Furcht vor dem Tode, zu überwiegen; erst nachdem ein solches eingetreten, kann er sich wirklich erschießen."
"Irgendwie kommt mir Dein "Altriusmus"-Argument - um wieder in den Bereich des sexuellen zurückzukehren - ein wenig schräg und schlüpfrig vor. Als ob man sich, vor lauter gutem Willen, zur Beate Uhse-Puppe machte..."
Viele von uns tun es durchaus. Erinnere Dich nur einmal an John Cleese in "A Fish Called Wanda", was er für die von ihm angebetete Jamie Lee Curtis alles tut. Da blutet einem ja geradezu das Herz.
Mit Altruismus meine ich hier lediglich die Liebe, die die Frau, die sich den Sex-Chip einsetzen lassen hat, offenbar für ihren Mann empfindet. Die in diesem Falle durchaus selbstlose Liebe dürfte wohl das Motiv sein, das sie dazu veranlasst hat, sich einer Operation zu unterziehen und sich den Chip einsetzen zu lassen.
Ich glaube aber, dass es durchaus noch andere Motive als den Altruismus gibt, die jemanden dazu veranlassen können, an Begierden festzuhalten, an die man bei nüchterner Betrachtung besser nicht festhalten sollte, weil sie einem viel zu teuer zu stehen kommen. Doch dazu morgen oder übermorgen mehr.
"Das 'Ich' ist nichts Substantielles, sondern nur ein wandelbares Konglomerat von Wünschen und Vorstellungen, eine blosse Form, ein 'substanzloses Gespenst'..."
Meinst Du das ernst? Bist Du tatsächlich ein Dualist? Glaubst Du wirklich, dass das Ich der Kadaver, mit denen Du täglich rummachst, über dem Sektionstisch schweben?
Man kann das Thema ja auch anhand des Themas "Eunuchen" diskutieren. Anhand von Abelard und Heloise z.B. (Abelard wurde ja freventlich entmannt von seinen Verwandten).
Und darüber gäbe es dann wohl ebenfalls noch manches zu fragen und zu forschen (- sind und bleiben Eunuchen GERN Eunuchen?).
Aber insbesondere würde ich DA dann sagen (vom heutigen wissenschaftlichen Standpunkt aus), daß ich doch lieber MIT Hoden als ohne Hoden lebe, weil mich die Gen-Ablesezustände im Hoden MEHR vom Schimpansen unterscheiden als die Gen-Ablesezustände in meinem Gehirn.
Dieses Forschungsergebnis veröffentlichte ja vor einigen Jahren Svaante Pääbo (1) und scheint mir sehr nachdenkenswert zu sein, falls es sich wirklich weiter in der Forschung bestätigen sollte.
Dann hätten der Hoden (bzw. die Eierstöcke) viel mehr mit unserem Humanum zu tun, als wir uns das bislang vielleicht gedacht haben.
Es wäre dann vielleicht die ART unserer Sexualität (um das ein bischen weiterzuspinnen), die uns INSBESONDERE vom Schimpansen unterscheidet, also unsere hormonellen Zustände dabei, und WENIGER das, was "sonst" so in unserem Gehirn vor sich geht.
1. Literatur unter anderem hier:
http://email.eva.mpg.de/...rences_Current_2004.pdf
"...das Ich der Kadaver..."
Wie? Ist das "Ich" der Kadaver oder ist das "Ich" dasjenige, was den Kadaver beobachtet? Was das "Ich" ist, können wir gewiß nicht wissen. Aber, was es nicht ist. Der Kadaver, den ich mit mir rumschleppe oder der da vor mir liegt, ist es nicht! Bin ich Dietmar Hilsebein oder ist dies nur ein Name? Bin ich der Sohn meiner Mutter oder muß ich nicht vielmehr diese Bande lösen? Bin ich ein Klavierlehrer oder dient dieser Beruf nur zum Broterwerb? Bin ich ein Hirn oder dient mir dieses Hirn nur als Werkzeug? Ich fürchte, mit einer naturalistischen Weltanschauung kommen wir nicht weiter!