Nichts als Sex im Kopf
Britische Hirnphysiologen sind im Begriff, eine Therapie für die „Asexualität“ zu entwickeln. Diese früher oft als „impotentia concupiscentia“ bezeichnete Erkrankung meint das (nahezu) völlige Fehlen sexueller Begierde. Diese buchstäbliche „Lustlosigkeit“ tritt oft als Begleiterscheinung neurologischer Erkrankungen und insbesondere auch als Nebenwirkung mancher Psychopharmaka, wie zum Beispiel einiger Antidepressiva, auf.
Das britischer Forscherteam hat nun einen elektronischen Chip entwickelt, der, wenn man ihn in den orbifrontalen cortex einsetzt, die Wollust zu neuem Leben erweckt. Bislang hat sich erst eine einzige Patientin dieser Therapie unterzogen. Wie sie versicherte, wirkt sie aber tatsächlich Wunder. Allerdings war ihr dieses Wunder schlicht zu viel des Guten. Sie hat den Chip schon nach kurzer Zeit wieder entfernen lassen, weil sie sich an die plötzlich eingetretene Steigerung ihres sexuellen Appetits beim besten Willen nicht gewöhnen konnte.
Ich selbst war von dieser Art der neurobiologischen Forschung derart in den Bann gezogen, dass ich in vielen schlaflosen Nächten sogleich ein ausgesprochen subtiles diagnostisches Tool zur Früherkennung der Asexualität entwickelt habe. Hierzu ist nichts weiter nötig, als dass Sie einen Blick auf das folgende Bild werfen. Wenn sich nichts, aber auch wirklich gar nichts regt, sind Sie ein echter Kandidat für den Sex-Chip.
Nein, ganz im Ernst, die Therapie der Asexualität wirft ein interessantes philosophisches Problem auf. Ob wir nun Epikur, Seneca, Marc Aurel oder Arthur Schopenhauer lesen, alle versichern uns, dass wir, um glücklich zu werden, zunächst einmal unsere Leidenschaften zähmen müssen. All unser Unglück entspringt nach Ansicht dieser Weisen aus unseren Begierden. Wenn unsere Begierden befriedigt werden, fühlen wir uns glücklich; wenn unsere Begierden nicht befriedigt werden, fühlen wir uns unglücklich. Wie die Welt nun einmal ist, bleiben unsere Begierden weit öfter unerfüllt als erfüllt. Daher ist es das Beste, wir bekämpfen unsere Begierden und lassen sie uns nicht länger beherrschen. Erst wenn wir keinerlei Begierden mehr verspüren, ist der Weg zu einem glücklichen Leben geebnet.
In der Sprache der Stoiker ausgedrückt, sollen wir von der „Apathie“, der Begierdelosigkeit, über die „Autarkie“, der Selbstgenügsamkeit, zur „Ataraxie“, dem Seelenfrieden, finden.
Klingt logisch, nicht wahr? Doch wenn dies logisch ist, wie kann es dann sein, dass es Menschen gibt, die darunter leiden, keinerlei Begierde mehr zu verspüren? Nach den Stoikern sollte mit dem Verlust der Begierde schließlich eine große Last von ihren Schultern gefallen sein. Oder nicht?
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Find' ich klasse, in letzter Zeit mal wieder öfter 'was von Dir zu lesen!
Das ist kein Witz, das mit dem Chip? Wirklich nicht? Lauter Bekloppte...
Was ich beim Schopenhauer auch nie so recht verstanden habe - und in meinem EIGENEN Erleben übrigens auch nicht - ist die Frage ob nun die Wunschlosigkeit mit Langenweile oder Erlösung einhergeht. Langenweile, würde der olle Schopenhauer wohl sagen (ich hab' das "n" in der Langenweile von ihm übernommen, ich find's hübsch, es macht das "Lange" noch länger..), Langenweile, würde der Olle wohl sagen, ist "der Wunsch zu wünschen", mithin also KEIN wunschloser Zustand. Ich selber kenn' aber an MIR (minutenweise) Formen der Langenweile und Weltfadheit, in denen selbst dieser Wunsch schwindet. Wirklich "entlastend" sind diese Momente aber nicht - nur leer.
Und im übrigen frag' ich mich, warum die den Chip nicht gleich in's hypothalamische Lustzentrum gesetzt haben.
Ich kann mir ein Paradies ohne Sex auch nicht wirklich vorstellen. Auch ein Leben ohne Begehren wäre ja ein Leben ohne Antrieb. Die Frage ist doch nur: Wer sitzt auf dem Pferd und noch wichtiger: Wohin soll die Reise gehen? Wir Menschen besitzen die Fähigkeit, vorausschauend zu reiten/fahren. Das heißt: Die schöne Frau auf Ihrem Bild wird alt, vielleicht ist in ihr gar eine Xanthippe versteckt -wer weiß es zu sagen? Und gesetzt, ein Mann kann dies erspüren, wer weiß, ob er dann nicht asexuell wird.
Lieber Helmut, wie schön von Dir zu hören! Nein, der "Sex-Chip" ist kein Witz. Und für die Betroffenen ist er offenbar sogar toternst.
So wie ich Schopenhauer in Erinnerung habe, meint er, dass unser Leben stets zwischen Sorge und Langeweile pendelt. Haben wir Sorgen, leiden wir unter Not, haben wir keine Sorgen, leiden wir unter Langeweile. Der einzige Zustand, in dem wir laut Schopenhauer frei von Sorge und Langeweile sind, ist der, in dem wir uns in der Welt verlieren, wie etwa beim Hören einer Symphonie - man will nichts, man genießt nur und hat jeden Sinn für die Zeit verloren.
"Ein Leben ohne Begehren wäre ja ein Leben ohne Antrieb."
Biologisch lässt es sich gut verstehen, weshalb wir von Begierden getrieben werden. Ohne Hunger, Durst, Wollust, Eifersucht, Ehrgeiz und Neid würden wir weit weniger "Gene" hinterlassen als ohne diese Begierden.
Psychologisch ist es dagegen rätselhaft, warum wir uns über den Verlust bestimmter Begierden beklagen. Wären wir nicht alle glücklicher, wenn wir uns weniger von Begierden wie Ehrgeiz, Neid und Eifersucht treiben ließen. Ist die sprichwörtliche "stoische Gelassenheit" nicht wirklich eine Eigenschaft, um die man Menschen wie "Diogenes in der Tonne" beneiden darf?
"Ist die sprichwörtliche "stoische Gelassenheit" nicht wirklich eine Eigenschaft, um die man Menschen wie "Diogenes in der Tonne" beneiden darf?"
Wie gesagt: Wohin soll die Reise gehen? Masturbierend in der Ecke zu sitzen scheint es wohl nicht zu sein. Warum also ist die Geschichte über Platon weitergegangen? Ich erinnere an "Erec" von Hartmann von Aue: Es genügt nicht, sich selbst zu befriedigen oder mit einer Frau den lieben langen Tag im Bett zu verbringen und die uns umgebende Welt den Affen zu überlassen!
"Chillen", so lehrt mich das "Wörterbuch der Jugendsprache" (bei Pons erschienen). meint soviel wie "relaxen" (womit im übrigen der denglische Teufel mit dem anglizismischen Beelzebub ausgetrieben wird).
Also: "Chips'n'Chills"
Sagt Dir der Name Antonio Egas Moniz was? Nobelpreis 1949? Lobotomie? Im Kontext mit dem orbitofrontalen Cortex eine lohnende Recherche...
DAS Experiment würd' ich gerne machen, gerne als Proband: was passiert, wenn man den orbitofrontalen Cortex (-> Intentionalität, Wünsche, Begehren) reversibel (bei Moniz: irreversibel) STILLLEGT? So, dass man sich hinterher daran erinnern kann, wie es war ... wie fühlt sich eine Lobotomie an? Es könnte ja sein, dass es sich GUT anfühlt, relaxed, gechilled oder sonstwie cool! Wunschlos wie im Tiefschlaf, aber wachen Bewusstseins...
"..genügt nicht.."
Äh - warum nicht?
"Äh - warum nicht?"
Wie die Dinge liegen, läßt sich eine Lebensweise nach Diogenes nicht für alle Menschen erzwingen. So kommt es also, daß Menschen die Geschichte fortsetzen, die möglicherweise dazu nicht befähigt sind. Das heißt: Es ist unredlich, sich über die Welt zu beklagen, die durch Mitgestaltung einen anderen Verlauf hätte nehmen können.
..hm.
Gutes Argument, vor allem "ad hominem", in diesem Falle also "ad me" - denn wenn es eines gibt, auf das ich NICHT verzichten möchte, dann ist es das Klagen.
Auch ein interessantes politisches/soziales Projekt: nur DENEN das Jammern erlauben, die die bejammernswerten Zustände auch aktiv zu ändern streben. Der Rest wird zum "Hurra"-Rufen verdonnert.
Edgar,
kannst Du bitte ein Link auf die Originalpublikation legen oder ein klassisches Zitat einfügen? Ich würd' mir das gerne ansehen.
Danke!
Die Lust bringt ja auch eine gewisse Last mit sich. Jeder, der sexuell schon einmal so frustriert war, dass er mit lüsternem Blick und heraushängender Zunge durch die Fußgängerzone gezogen ist, weiß wahrscheinlich ein Lied davon zu singen. Wäre es also für die Quasimodos dieser Welt nicht besser, sie würden sich zu den Esmeraldas dieser Welt gar nicht erst hingezogen fühlen?
Wäre es für diejenigen
Helmut, hier der Link:
http://www.telegraph.co.uk/...d-by-scientists.html
Lieber Martin, mir will es einfach nicht gelingen, das abgebildete Foto der italienischen Schauspielerin Maria Grazia Cucinotta zu verkleinern. So schade es auch darum ist, würdest Du es mal versuchen? Tausend Dank!
Wenn das Moniz-Experiment wiederholt werden sollte, jedenfalls in seiner reversiblen Variante, kannst Du mich gern auch als Probanden anmelden. Wäre interessant zu wissen, wie es sich anfühlt, buchstäblich wunschlos glücklich zu sein.
Und da sind wir bei Adam und Eva. Im Gegensatz zu manch christlichem Interpretationsversuch, sehe ich darin eine versteckte Sexualsymbolik. Wie soll Adam seine Schlange ruhig halten, wenn die schöne Eva mit den Äpfeln wackelt? Es ist weder etwas gegen die Schlange noch gegen die Äpfel einzuwenden. Vielmehr stellt sich mir folgende Frage: Begehren einander ungleiche Paare, während gleiche Paare lieben? Kann es sein, daß das Philippusevangelium hier klar sieht?
"Jeder Beischlaf aber, der zustande gekommen ist zwischen solchen, die einander nicht gleichen, ist Ehebruch." (§42)
Ich habe zwar Urlaub, aber so ein abgeschnittenes Bild sieht gar nicht gut aus und ich habe es fix geändert.
Du mußt das Bild einfach nur als medium-Thumbnail einfügen. Dann hat es die optimale Größe und wenn man draufklickt hat man das Leckerchen in ganz groß.
Tausend Dank für Deine Hilfe, Martin!
Die beste Bildunterschrift für das obige Photo findet sich, wie ich gerade bemerken musste, in Goethes "Faust", in dem es heißt:
"FAUST:
Das schönste Bild von einem Weibe!
Ists möglich, ist das Weib so schön?
Muss ich an diesem hingestreckten Leibe
Den Inbegriff von allen Himmeln sehen?
MEPHISTOPHELES:
Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt
Und am Ende selber Bravo sagt,
Da muss es was Gescheites werden.
Für diesmal sieh dicj immer satt!
Ich weiß dir so ein Schätzchen auszuspüren,
Und selig, wer das gute Schicksal hat,
Als Bräutigam sie heimzuführen."
Und natürlich wusste auch Goethe von der Last der Lust ein Lied zu singen, wenn er Faust sich verzweifelt an Mephisto wenden lässt:
Schaff mir etwas vom Engelsschatz!
Führ mich an ihren Ruheplatz!
Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust,
Ein Strumpfband meiner Liebeslust.
Warum tun wir uns diese Qual also an? Und sollten wir nicht eigentlich froh sein, wenn wir mit der Lust auch die Last abgeworfen haben?
Edgar,
ernsthaft jetzt.
Ich bin dem Link nachgegangen. Der Prof. Tipu Aziz, der da als Quelle genannt wird, ist vermutlich zuverlässig (PubMed kennt ihn als eifrigen Forscher und Operateur, Spezialist für tiefe Hinstimulation). Andererseits kennt er (Aziz) die Geschichte wohl auch nur als Anekdote, die ihm ein Kollege zutrug. Ein wenig wacklig ist's also schon, das tut aber nichts zur Sache.
Halbheiter weiter:
Imponiert mir übrigen nicht sehr, dieser Chip, dieser Apparat. Eine Wunschherstellungsmaschine hab' ich ja schon: eben mein Gehirn. Und wenn ich mir so einen Chip in den Kopf setzen lasse und ihn einschalte, dann ja wohl deshalb, weil ich es so wollte. Der Wille bleibt. Und selbst wenn ich so ein Ding unbemerkt mit mir herumtrüge, wenn's an- oder ausginge, ohne dass ich darum wüsste, so wüsste ich wohl doch, ob ich gerade will oder nicht. Um "hinter den Willen" zu kommen, taugt so ein Apparat sicher ebensowenig wie das Hirn selbst.
Viel wünschenwerter erschiene mir hingegen eine Maschine, die die Gegenstände meines Wollens, meines Begehrens auf Knopfdruck erzeugt. Etwa so wie der Knopfdruck auf die Maus neuerdings - seit Martin Huhns segensreichem Eingreifen (oder ist's mehr ein Fluch?) - das Objekt der Begierde in Deinem obigen Text in begehrliche, fast körperlich spürbare Nähe rückt.
ich brauch so kein' Chip nich...