Schwerin unterm Hakenkreuz
In diesen Tagen ist in Mecklenburg-Vorpommerns Hauptstadt Schwerin die neue Synagoge eingeweiht worden. Als Sohn einer "Halbjüdin" 1962 in Schwerin geboren, hat es mich schon immer interessiert, wieviele Juden eigentlich während der Zeit des Dritten Reiches in meiner Heimatstadt gelebt haben und was aus ihnen geworden ist. Da sich das SED-Regime, unter dem ich aufgewachsen bin, nahezu ausschließlich dem Gedenken der von den Nazis verfolgten Kommunisten verpflichtet fühlte, war hierüber jedoch kaum etwas in Erfahrung zu bringen. Mit Hilfe des Schweriner Stadtarchivars Dr. Bernd Kasten bin ich nun endlich in den Besitz der nötigen Informationen gekommen:
Nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 wurde Schwerin zur Hauptstadt des Gaus Mecklenburg. Zu dieser Zeit hatte die Stadt 53.621 Einwohner, darunter 162 Juden. Gauleiter der Stadt war SS-Obergruppen-führer Friedrich Hildebrandt.
Von den 162 jüdischen Bewohnern der Stadt Schwerin waren 63 erwerbstätig, darunter 3 Industrielle, 6 Ärzte, 1 Anwalt, 1 Gastwirt und 35 Kaufleute. Diejenigen, die nicht erwerbstätig waren, waren vornehmlich Rentner, Frauen und Kinder.
Die überwiegende Mehrheit der Schweriner Juden entstammte dem Bürgertum, empfand „deutschnational“ und gehörte teilweise sogar dem „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ an.
Auf Grund der fortschreitenden Säkularisierung waren nur 66 der 162 Juden Mitglied der jüdischen Gemeinde Schwerins.Viele mecklenburgische Juden nahmen die Machtergreifung Hitlers recht gelassen auf. So schrieb beispielsweise ein Vertreter des jüdischen Oberrates, der Rostocker Fabrikant Max Samuel, im März 1933: „Solange wir in einem Rechtsstaat wie Deutschland leben, der seit Jahrhunderten auf Korrektheit aufgebaut ist und Anspruch auf Kultur hat, kann uns kaum etwas passieren.“
Tatsächlich ging der sogenannte „Judenboykott“, also die vom NS-Regime angeordnete Boykottierung jüdischer Geschäfte, Banken, Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien, vom Frühjahr 1933 nahezu spurlos an den Schweriner Juden vorbei.
So erhielt beispielsweise der jüdische Arzt Dr. Otto Rosenbaum am Tag des Boykotts Besuch von vielen seiner alten Patienten, die ihm ihre Loyalität versicherten und ihre Sympathie bekundeten.
Weit größere Schwierigkeiten hatte dagegen der Schweriner Schneidermeister Hermann Rosenthal. Da sich Angehörige der SA monatelang vor seiner Werkstatt postierten, verlor er einen Großteil seiner Kundschaft und konnte seinen Lebensunterhalt fortan nur noch unter großen Mühen verdienen.
Bereits im Jahr 1933 ging die erste jüdische Familie Schwerins ins Exil. So emigrierte Martin Heymann mit seiner Frau Elisabeth und seinem Sohn Wolfgang nach Schweden.
Auch die Familie von Dr. Friedrich Tietz verließ bereits 1933 Schwerin. Mit seiner Frau Elsie zog er zunächst nach Hamburg. 1936 emigrierte das Paar dann von dort in die USA.
Während die Familien von Dr. Friedrich Tietz und Martin Heymann Schwerin noch mehr oder weniger freiwillig verlassen hatten, wurde der Kaufmann Leo Heidenstein, Inhaber eines Schuhgeschäfts, behördlicherseits aus der Stadt ausgewiesen. Ihm wurde vorgeworfen, Mitgliedern der Kommunistischen Partei Unterschlupf gewährt zu haben.
1934 verließen Heinrich Königsberg, Louis Behr und Walter Rosenthal Schwerin. Louis Behr, Leiter eines Schweriner Kaufhauses, ging zunächst nach Hamburg und emigrierte dann in die USA. Walter Rosenthal, Sohn des bereits erwähnten Schneidermeisters Hermann Rosenthal, übersiedelte dagegen direkt nach Palästina.
Im Jahr 1935 zogen Ellen Lippers, das Ehepaar Josef und Lotte Fließwasser sowie die Familie des verstorbenen Bankiers Luois Loeser nach Berlin. Der Kaufmann Julius Lilienthal und seine Frau Johanna gingen dagegen nach Hamburg, um von dort über England nach Palästina zu emigrieren.
Im selben Jahr sah sich auch der Nervenarzt Dr. Erich Rosenhain, der im Schlossgarten ein eigenes Sanatorium besaß, gezwungen, Schwerin zu verlassen. Nachdem ihm die die Konzession für seine Privatklinik entzogen wurde, beschloss er im Dezember 1935, in die USA zu gehen. Wenige Monate später holte er seine Frau Dr. Gertrud Rosenhain und die drei Kinder Gabriele, Beate und Helmut nach.
1936 sind mit den Familien des Frauenarztes Dr. Edmund Hadra, des Rechtsanwaltes John Bonheim, des Kaufmanns Wilhelm Levi, der Lehrerin Käthe Ladewig, des Kantors Martin Beutler, des Zigarrenhändlers Julius Lindenberg und des Altstoffhändlers Julius Stein so viele jüdische Einwohner nach Hamburg und Berlin übergesiedelt, dass gegen Ende des Jahres nur noch 71 der ursprünglich 162 Juden in Schwerin lebten.
Nachdem 1937 lediglich Frieda Dieber, Käthe Mann und der Schneidermeister Hermann Rosenthal Schwerin verließen, kam es in den Jahren 1938 und 1939 zu einer zweiten, großen Ausreisewelle. Allein 43 der noch verbliebenen 71 Schweriner Juden gingen ins Ausland.
Dieser Exodus hatte natürlich vor allem mit den Novemberpogromen, der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938, zu tun. Wie in vielen anderen deutschen Städten wurden auch in Schwerin von SA-Trupps die örtliche Synagoge zerstört, Geschäfte geplündert und Wohnungen verwüstet.
Die Reaktion der Schweriner Bevölkerung auf das Pogrom war unterschiedlich. Während der Sohn des Schneidermeisters Josef Zoltobrodsky den Ausruf „Hurra! Jetzt schlägt man dem Juden alles kurz und klein!“ gehört haben will, berichtete der Sohn des Kaufmanns Louis Kychenthal: „Die Passanten, die sich auf dem Markt und der Schusterstrasse versammelt hatten, weinten und standen verständnislos da. Mitleid allerseits.“
Am Morgen des 10. Novembers 1938 sind auf Befehl des Schweriner Gestapochefs Ludwig Oldach 16 männliche Juden verhaftet und in das Zuchthaus Neustrelitz überführt worden. Alle Häftlinge kamen schon nach kurzer Zeit wieder frei, doch nur unter der Bedingung, dass sie sich bereit erklärten, ihre Geschäfte zu verkaufen und Deutschland zu verlassen.
Auf diese Weise wanderten der Kaufmann Kalmann Nadel und seine Frau Ida nach Polen aus. Die vier Kinder der Lotterieinhaberin Ella Salomon gingen nach Palästina. Die Familie des Schneidermeisters Josef Zoltobrodsky übersiedelte nach England. Der Arzt Dr. Franz Meyersohn emigrierte gemeinsam mit seiner Frau Magda und seinen Kindern Rolf und Lotte in die USA. Der Juwelier Fritz Löwenthal und seine Frau Sophie wanderten nach Chile aus. Wieder andere gingen nach Mexiko, Montevideo oder Shanghai.
Die Lebensbedingungen der 28 in Schwerin verbliebenen Juden verschlechterten sich nach der Reichspogromnacht drastisch. So wurde ihnen ab Mai 1939 nicht nur die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und der Besuch von Kinos und Theatern untersagt, sondern sie mussten auch ihre Wohnungen räumen und in so genannte „Judenhäuser“ ziehen. Ab dem 1. September 1941 mussten sie zudem den Judenstern tragen.
Am 6. Juli 1942 befahl die Staatspolizeistelle Schwerin die Evakuierung der Juden „nach dem Osten“. Von der geplanten Deportation waren lediglich Rentner ausgenommen. Dennoch nahm sich die Rentnerin Olga Stern gemeinsam mit ihrer 40 Jahre alten Tochter Lotte am 8. Juli 1942 das Leben.
Am 10. Juli 1942 wurden 11 der 26 noch in Schwerin verbliebenen Juden mit dem Zug über Ludwigslust abtransportiert. Hierzu zählten Blanka und Ulla Hirsch, Rosalie und Erika Kohls, Hugo und Rosi Lippers, Leo und Frieda Mann sowie Max, Gitta und Siegmund Olivenstein. Mitnehmen durften sie lediglich einen Koffer mit Kleidung, Verpflegung für drei Tage und 50 Reichsmark. Das Ziel des Transports wurde nicht bekannt gegeben. Die meisten vermuteten, dass sie in das Ghetto von Warschau gebracht werden würden. Tatsächlich aber fuhr der Zug nach Auschwitz. Keiner der Deportierten wurde je wiedergesehen.
Den älteren Juden wurde nur eine kurze Schonfrist gewährt. Bereits am 28. Oktober 1942 ließ Walter Lange von der Gestapo Schwerin eine Deportationsliste für Rentner anfertigen. Am 11. November 1942 wurden denn auch 7 der noch verbliebenen 15 Juden – Ina, Ella und Pauline Salomon, Adolf und Ida Brandt sowie Anna Waldheim und Louis Kychenthal – in das KZ Theresienstadt abtransportiert. Auch von ihnen wurde niemand je wiedergesehen.
Am 20. Januar 1944 wurde schließlich noch Magdalena Franz, die Witwe eines im 1. Weltkrieg gefallenen Offiziers, die vom Tragen des Judensterns befreit war, nach Theresienstadt deportiert. Sie gehörte zu den wenigen, die die Haftbedingungen des dortigen Konzentrationslagers überlebten.
Lediglich 6 Schweriner Juden blieben von dem fanatischen Antisemitismus des Dritten Reiches verschont: Gustav Perl, der 1946 in Schwerin verstarb, Anni Brockmann, die 1948 in Schwerin gestorben ist, Luzie Lorenz, die 1951 starb, Ella Basedow, die 1956 verschied, Hugo Mehler, der 1967 verstorben ist, und Friederike Glüsing, die noch bis 1988 in Schwerin lebte.
Wenn man zu den 18 Juden, die direkt aus ihrer Heimatstadt verschleppt worden sind, noch die 11 Juden hinzuzählt, die umgezogen sind und aus Städten wie Hamburg, Lübeck oder Berlin deportiert wurden, muss man davon ausgehen, dass letztlich mindestens 29 der 162 Schweriner Juden im Holocaust umgekommen sind.
Bemerkenswerterweise kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg kein einziger der vielen emigrierten Juden nach Schwerin zurück. Dies hatte zweifellos eine Vielzahl von Gründen. Ein oft übersehener Grund dürfte aber zweifellos der gewesen sein, dass der antifaschistische SED-Staat die Juden wohl auch kaum willkommen geheißen hätte. Für die DDR waren die Juden schließlich Repräsentanten der Bourgeoisie und des Kapitalismus, also des "Klassenfeindes".
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Ein sehr interessanter Beitrag Edgar. Weißt Du zufällig, ob heute wieder Juden in Schwerin leben?
Hallo Herr Dahl,
in Schwerin - so lese ich im Netz, nachdem ich Ihren sehr interessanten Beitrag gelesen habe - gibt es ja auch die "Stolpersteine", die im Boden vor entsprechenden Häusern oder Plätzen die Schicksale einzelner NS-Verfolgter lebendig werden lässt. Ich war selbst seit Ewigkeiten nicht mehr in der Stadt. Was mich interessieren würde: Fallen die im Stadtbild auf? Und arbeitet Herr Kasten mit den "Stolpersteinen" zusammen?
Lieber Martin, vielen Dank! Ja, inzwischen ist die Jüdische Gemeinde Schwerins nach Leipzig die zweitgrößte in Ostdeutschland. Seit Mitte der 90er Jahre sind mehr als 1.000 russische Juden nach Schwerin gekommen, so dass es wieder ein munteres Gemeindeleben gibt.
Lieber Herr Emke, mit den "Stolpersteinen" bringen Sie mich selbst ein wenig ins Stolpern. Ich muss mich bei Herrn Kasten mal erkundigen. Sobald ich Nachricht habe, lasse ich es Sie wissen. Herzlichst, E.D.
Ein sehr interessanter und trauriger Einblick ins Schweriner Leben des zweiten Weltkrieges. Dass du dir die Mühe gemacht hast, dies alles herauszufinden, ist bewundernswert!
Ein wichtiger Beitrag! Und schön, dass Du wieder mit-bloggst!
Erfreute Grüße
Michael
Lieber Herr Dahl,
bitte bitte machen Sie sich keine Mühen. Ich schätze Ihren Beitrag sehr und kann nicht verlangen, dass Sie nur für mich noch einmal "ins Archiv steigen".
Ich danke Ihnen sehr - schon für Ihren guten Willen. Es ist heutzutage nicht selbverständlich, daß jemand dies für einen anderen tut. Einen guten Rutsch und das Beste für 2009 wünsche ich Ihnen und allen in diesem Forum.
Vielen Dank für Deinen Gruß. Ich bin auch froh, "wieder auf dem Dampfer zu sein", wie wir "Fischköppe" sagen. Auch Dir einen guten Rutsch ins Neue Jahr!
Offen gestanden, war die Mühe, die ich mir gemacht habe, Teil einer eigenen "Trauerarbeit", wie Freud sagen würde.
Keine Sorge, ich will ohnehin noch einmal "ins Archiv steigen". Um aus "Schwerin unterm Hakenkreuz" einen runden Artikel zu machen, möchte ich ihn unbedingt durch die anderen Opfer des Nationalsozialismus ergänzen - also der politisch Verfolgten und den geistig Behinderten.
Es ist möglich, Mittel zur Veröffentlichung der Recherche, etwa als eine kleine Touristenbroschüre, zu beantragen. Ich glaube, eine Möglichkeit hierzu wäre die öffentlich-rechtliche Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".
Lieber Yoav, herzlichen Dank für den Hinweis. Ich gehe gleich einmal auf die Homepage der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".
Lieber Edgar,
dazu fällt mir gleich dieses Dokument ein, dessen Inhalt du auch hier finden kannst: http://freigeisterhaus.de/...hp?t=1077&start=0
Nr. 17
Kirchliches Amtsblatt
fuer Mecklenburg
Jahrgang 1938
Ausgegeben S c h w e r i n, Donnerstag, den 24. November 1938 [!]
I n h a l t:
B e k a n n t m a c h u n g e n :
249) Ein Mahnwort zur Judenfrage.