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Die Religion fiel nicht vom Himmel

von Edgar Dahl, 16. Mai 2008, 22:19

Konrad Lorenz hat einmal gesagt, dass sein Frühsport darin bestehe, jeden Morgen eine seiner Lieblingshypothesen aus dem Fenster zu werfen. Wie schwer es ist, sich von einer liebgewonnenen Theorie zu verabschieden, habe ich spätestens bei dem gestrigen Workshop „Evolution der Religionen“ in Frankfurt am Main bemerken müssen.


Wie jeder, so habe natürlich auch ich meine Theorie darüber, wie die Religion in die Welt gekommen ist. Ähnlich wie Feuerbach, Marx und Freud ging ich stets davon aus, dass der Glaube nicht einfach vom Himmel gefallen ist. Doch im Unterschied zu Feuerbach, Marx und Freud trug meine Theorie schon immer evolutionäre Züge. Ich bin davon ausgegangen, dass die Religion ein Nebenprodukt der Evolution des menschlichen Gehirns sei.

Wie all unsere Organe, so ist selbstverständlich auch unser Gehirn ein Produkt der Evolution. So wie unser Körper, so hat sich auch unser Geist in Anpassung an unsere Umwelt herausgebildet. Unser Geist ist, wie es in der von Konrad Lorenz, Donald Campbell, Karl Popper und Gerhard Vollmer entwickelten „Evolutionären Erkenntnistheorie“ heißt, an einen eng begrenzten Ausschnitt dieser Welt, an den sogenannten „Mesokosmos“ angepasst. Im Unterschied zum Makrokosmos (der Welt der großen Dimensionen, für die wir ein Teleskop benötigen) und dem Mikrokosmos (der Welt der kleinen Dimensionen, für die wir ein Mikroskop benötigen), ist der Mesokosmos eine Welt der „mittleren Dimensionen“, die wir weitgehend mit unserem bloße Auge erfassen können.

Dass unser Erkenntnisapparat von der natürlichen Selektion geformt worden ist, um uns ein Überleben im Mesokosmos zu erlauben, hat zumindest drei weitreichende Konsequenzen. Erstens lässt uns unser Vorstellungsvermögen nur allzu häufig im Stich, sobald wir die Grenzen unserer kognitiven Nische überschreiten: Ereignisse im Mikrokosmos und Makrokosmos können wir uns, so sehr wir uns auch bemühen mögen, einfach nicht mehr anschaulich vorstellen.   

Zweitens ist die Anpassung unseres Erkenntnisapparates wie alle Anpassungen nur unvollkommen. Das heißt, dass unser Erkenntsnisapparat zwar zuverlässig genug sein mag, um unser Überleben zu gewährleisten, doch nicht zuverlässig genug, um sicheres Wissen zu garantieren. Die Welt da draußen ist sehr wahrscheinlich nicht so, wie wir sie sehen. Wir sehen sie nur so, wie sie uns unser Erkenntnisapparat sehen lässt.

Und drittens ist auch die Art und Weise, wie wir die Welt zu beschreiben und zu erklären versuchen, beschränkt, weil sie an unseren durchaus fehlbaren Erkenntnisapparat gebunden ist. Dieser Erkenntnisapparat lässt uns die Welt in drei Dimensionen sehen und alle darin vorkommenden Ereignisse kausal und teleologisch betrachten, unabhängig davon, ob diese Welt tatsächlich drei Dimensionen hat und alle Ereignisse in ihr wirklich ursächlicher und zielgerichteter Natur sind.

Insbesondere diese dritte Konsequenz bietet uns nun eine mögliche Hypothese zur Entstehung von Religionen. Da uns unser Gehirn kausal und teleologisch denken lässt, können wir gar nicht anders, als unaufhörlich „Warum?“ und „Wozu?“ zu fragen: „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ „Woher kommt diese Welt eigentlich her?“ „Wozu dient unser Leben?“ Und: „Wieso gibt es Alter, Krankheit und Tod?“

Meine Lieblingshypothese zur Evolution der Religion bestand denn auch immer darin zu sagen, dass die verschiedenen Religionen dieser Welt nur verschiedene Versuche einer Beantwortung dieser existenziellen Fragen sind. Irgendwann im Laufe unserer Urgeschichte müssen sich die Menschen diese Fragen erstmals vorgelegt und zu beantworten versucht haben. Und die Antworten, die nicht nur ihren intellektuellen Fähigkeiten, sondern auch ihren emotionalen Bedürfnissen am ehesten entsprachen, haben dann Eingang in die Religionen dieser Welt gefunden.

Insofern die sogenannten Weltreligionen – also der Hinduismus, der Buddhismus, das Judentum, das Christentum und der Islam – allesamt Erlösungsreligionen sind, hatte ich angenommen, dass sich alle Religionen letztlich der Frage nach der Herkunft unseres Leids und Elends verdanken. Schließlich betrachten all diese Religionen diese Welt als ein Jammertal und zeigen uns einen Weg, wie wir von diesem Dasein erlöst werden können.


Auf dem gestrigen Workshop hat Pascal Boyer nun aber leider kurzen Prozess mit meiner Lieblingshypothese gemacht. Wie er versicherte, gebe es Völker und Religionen, in denen die Herkunft des Bösen und die Erlösung von diesem Dasein nicht die geringste Rolle spielen. Was nun? Nun bich ich offenbar „so klug als wie zuvor“. Das einzige, was ich dazu gelernt habe, ist: Ich hasse Frühsport!

 



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Kommentare

  1. Basty Gott - Personifikation von Erfahrungen
    09.06.2008 | 21:03

    Das „gasförmige Wirbeltier“ Häckels gefällt mir natürlich nicht so, zeigt aber eine Sackgasse, in die man mit der ständigen Vergeistigung Gottes kommen konnte.
    Bultmann hat sich zwar auf Heidegger berufen, aber zum Gottesbegriff sich deutlich zurückgehalten. Das trägt hier wohl wenig aus. Tillich steht in einer Tradition, deren Linien man bis zumindest Thomas von Aquin zurückverfolgen kann: Gott ist nicht Teil des Seins, nicht das Ganze des Seins, sondern der Grund des Seins, die Wirklichkeit der Wirklichkeit.
    Ich zitiere gelegentlich aus dieser Form ontologischen Denkens zum Thema Gott, aber fange letzten Endes damit ähnlich wenig an, wie Du, Edgar. Mag sein, vielleicht habe ich sie nicht verstanden. Deshalb kann ich sie auch nicht so einfach wegkippen.
    Ich versuche einen anderen Weg, auf die Entfernung ähnlich zu dem, was Dietmar Hilsebein poetisch formulierte. Ich möchte es auf den Begriff bringen; und jetzt etwas brutal verkürzt:

    Nehme ich die Rede davon, dass Gott das Volk Israel aus der Knechtschaft befreite. Ganz klar: Die Vorstellung von einem Gott, wie man sie sich innerhalb des vorderorientalischen Weltbildes und in seiner Fortschreibung in der antiken und neuzeitlichen Form macht(e) – mit allen Attributen wie Allmacht, Allwissenheit... – , die halte ich innerhalb unseres neuzeitlichen Weltbildes nicht für tragfähig (bzw. höchstens mit einer auch mir kaum verständlichen Ontologie).
    Also gibt es ihn nicht? Wenn ich jetzt alle alten Vorstellungen wegkippe, dann muss ich aufpassen, dass ich die Geschichten von ihm nicht auch einfach wegkippe.
    Deshalb sage ich etwa so:
    Man erzählte in dem Stämmeverband, der zu Israel wurde, von Vorfahren, die Sklaven in Ägypten waren, aber in einer verwegenen Aktion freikamen. Man feierte diesen Weg in die Freiheit. Dabei erzählte man von einem ägyptischen Prinzen, der es sich hätte bequem machen können, aber unter Berufung auf einen Gott der Wüste die Sklaven an den ägyptischen Wachen vorbei hinausführte in die Wüste und ihnen etwas vermittelte, was man heutzutage Corporate Identity nennen kann und ihnen ein Ziel vor Augen stellte..
    Bis dato sagte man den Sklaven nur von den Göttern Ägyptens, die (sehr verkürzt!) so etwas wie Verkörperung pharaonischer Macht waren und den status quo als unveränderbar darstellten. Hier aber spürten die Sklaven eine Macht, die ihnen selber die nötige Kraft gab, den Weg in die Freiheit unter die Füße zu nehmen.
    Die Vorstellung von Gott, würde Boyer wohl sagen, gewann durch solche Erfahrungen Plausibilität. Genauer, weil wir zumindest an dieser Stelle gar nicht auf den Anfang der Gottesvorstellung zurückkommen: Nicht die allgemeine Vorstellung, dass es (einen) Gott gebe, sondern die Vorstellung von *diesem* Befreiergott aus der Wüste gewann Plausibilität. Und diese Vorstellung, immer wieder genährt durch bestimmte positive Erfahrungen, aber auch immer wieder bedroht, gewann eine Eigendynamik – bündelte und deutete Erfahrungen der Geschichte (des Einzelnen und des ganzen Volkes) so, dass daraus Lebenseinsichten und Lebenskraft werden konnten – Lebensbewältigungsstrategie (das nenne ich ja „Religion“).
    Gott ist für mich also keine eigene Entität, aber – bitte in beiden Wortteilen ganz wörtlich zu verstehen: Personi-FIKATION der Kräfte des Lebens. Ihnen verdanke ich mich („Schöpfer des Lebens“); und sie verbünden mich mit anderen – Gott als Omegapunkt der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit. Und noch einiges dazwischen :-).
    Und insofern halte ich es für sinnvoll, dass Frühere von Gott redeten, auch wenn ihre Vorstellungsweise von mir nicht mehr einfach mitgetragen werden kann. Meine Vorstellungsweise würden die auch nicht mittragen. Ich versuche aber damit, die in den alten Geschichten von Gott verpackten Werte und Einsichten (um deren moralische Ambivalenz man natürlich wissen muss, weiß nicht nur Deschner) sinnvoll weiter zu geben, sie in gegenwärtige Vorstellungen zu über-setzen. Und damit Leuten, die bisher nur mit den alten Vorstellungen zu hantieren lernten, beim Über-Setzen zu helfen - damit die uralten Menschheitseinsichten, auch Träume, Wünsche, Hoffnungen... nicht einfach bloß verschütt gehen.

    Basty

  2. Beate T. Lebensbewältigungsstrategie = Religion??
    09.06.2008 | 23:23

    Hallo Basty,

    natürlich habe auch ich Lebensbewäligungsstrategien. Eine sehr wichtige heißt: "Ich will!" Eine weitere: "Ich kann!"

    Ist das Religion?

    Wenn man mich in die Wüste hinaus geschickt hätte, hätte ich mir natürlich gesagt: "Ich will da durchkommen, irgendwo ankommen, wo ich gut leben kann. Und ich kann das auch schaffen, wenn ich mich anstrenge." Stehe ich damit schlechter da, als der Gottgläubige, der sich sagt: "Gott wird mir helfen, da durchzukommen." ???

  3. Edgar Dahl @ - Basty:
    10.06.2008 | 02:36

    Herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort (Du hast dadurch aber sicher einen großen Teil des ausgezeichneten Spiels zwischen Italien und Holland verpasst).

    Noch zwei Fragen: Könntest Du - außer vielleicht der ersten Zeile - überhaupt noch das Apostolische Glaubensbekenntnis unterzeichnen?

    Und:

    Ließen sich die "Werte und Einsichten", die Du gerne bewahrt sehen möchtest, aber nicht auch in säkularer Weise tradieren?

  4. Basty Nicht-religiöse Interpretation...
    10.06.2008 | 14:50

    der religiösen Tradition.

    Also, @Edgar,
    das christliche Glaubensbekenntnis spreche ich öfters mal mit oder voraus. Ich erkläre auch immer wieder mal (aber nicht immer), dass das in der Bilder- und Vorstellungswelt der Antike formuliert wurde – mit Überlegungen, denen wir zwar verstehend nachdenken können und Verständnis dafür aufbringen, die aber nicht unbedingt unsere sind. Wir müssen dieses geschichtliche Monument wohl so stehen lassen, wie es seit über eineinhalb Jahrtausenden steht. Wir können aber drum herum andere Akzente setzen. Wäre schon mein Namens-Vorbild Sebastian Castellio dafür gewesen.
    Das sind nicht nur meine Überlegungen – so ähnlich würden wohl viele Theologen sagen. Manche rieben sich daran auf, ich nicht. Ich halte es aber für (m)eine verdammte Pflicht und Schuldigkeit für Theologen, das nicht für sich zu behalten, sondern aufklärend zu reden. Da kamst du, Edgar, schon mal drauf, und ich bin darauf noch nicht eingegangen. Bei der Aufklärung ist natürlich die Schwierigkeit, dass viele Leute nicht zu viel auf einmal ertragen. Unter anderem deshalb ist es natürlich bequem, sich da nicht zu weit vorzuwagen. Aber christliche Moral sagt ja, man solle es sich nicht zu bequem machen...
    @Beate und @Edgar:
    Natürlich könnte man alles Mögliche an Gruppenzusammenhalt, an Werten ff auch säkular / unreligiös gestalten/tradieren. Aber in der Menschheitsgeschichte lief es eben zumeist über die Schiene der Religion – da sind Wege gebahnt. Ich erwähne dabei die von Ingo Bading (im Blog von Michael Blume) immer wieder angemahnte Erinnerung an Jürgen Habermas, den ich selber kaum kenne. Und natürlich an einiges von Michael Blume. Jedenfalls sehe ich noch nicht, wo so viel an gruppen-übergreifender Menschheits-Solidarität praktiziert wurde wie eben in religiös motivierten, gegründeten, organisierten Institutionen. Und selbst wenn Sozialstaatliches heute allgemein akzeptiert ist und nur noch säkular gesehen wird – wo hat es denn angefangen?
    Über die Negativseiten muss man da zwar auch reden, und auch darüber, wo es – gerade religiös motiviert – nicht klappt bzw. schrecklich kracht. Aber dann kommt man in das gegenseitige Aufrechnen. Da betone ich immer: Das Beste aus allen menschheitlichen Traditionen aufnehmen, manches aussortieren, aber ja nichts unbesehen wegwerfen.
    Und ich will wirklich nicht behaupten, da würde man noch zusätzlich einen Gott *brauchen*. Sondern: Auf den bisher zumeist begangenen Wegen redeten Menschen über ihre Erfahrungen oder wurden ihnen ihre Erfahrungen gedeutet. Und als Personi-Fizierung (schreibe ich in diesem Zusammenhang gerne so getrennt...) dieser Erfahrungen sagten sie – wie sollten sie es auch anders ausdrücken ?! – „Gott“, und benannten ihre Erfahrungen mit einem ansprechbaren Namen. So erst konnten sie ihren Klagen, Ängste, Hoffnungen... Ausdruck verleihen. Bzw. Boyer würde sagen: Nicht zuerst die Definition göttlicher Akteure, sondern durch solche Erfahrungen gewinnen göttliche Akteure Plausibilität.
    Wir *müssen* es heute nicht mehr so machen; aber ich bitte, dass man die Entwicklung, die ins Heute führte, nicht einfach abbricht, sondern aufmerksam wahrnimmt, bewusst Gutes übernimmt und daran klug weiterbaut. Ich denke immer noch, viele der menschheitlichen Erfahrungen und Einsichten könne man jenseits des Streites um Theismus oder Atheismus verständlich aussagen. Dabei wird man auch die, die den Übergang ins Heute noch gar nicht richtig begreifen, nicht links liegen lassen sondern aufklärend wirken. Siehe oben. Und denen, die meinen, sie könnten den Stein der Weisen im Labor herstellen, zeigen, dass die Wurzeln der Aufklärung tiefer reichen.
    Noch @Beate:
    Lebensbewältigungsstrategie – damit meine ich natürlich nicht nur persönliche Impulse; die selbstverständlich immer möglich sind, sondern das Gesamtpaket, das in Gruppen und in Gesellschaften sich herausbildet, gemeinsam tradiert und gefeiert wird. Wie wird es tradiert...? Durch gemeinsame Gründungsmythen, Geschichten, Gedichte, Lieder, Riten und Gebete... Und erst damit, nicht schon bei individuiellen Tipps, bin ich dann bei „Religion“, zunächst auch mal unabhängig davon, wie es sich theistisch oder atheistisch definiert.

    Schon wieder viel. Mal sehen.
    Basty

  5. Richard GEOkompakt RELIGION
    16.06.2008 | 10:08

    Am 16.Sept.08 erscheint das neu GEOkompakt Nr 16: Warum glaubt der Mensch?

    Mit einem Beitrag zum Bereich Evolution: Welche Überlebensvorteile das religiöse Denken verschafft.

    (Vielleicht interessiert sich jemand dafür)

  6. Edgar Dahl Sendepause
    17.06.2008 | 10:01

    Entschuldigung für die vorübergehende Sendepause. Doch die Telekom hat mich bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr fälschlicherweise abgeschaltet. Wahrscheinlich ist es an der Zeit, endlich den Anbieter zu wechseln.

  7. Edgar Dahl @ - Richard: GEOkompakt
    17.06.2008 | 10:05

    Lieber Richard,

    herzlichen Dank für den Hinweis auf das kommende Heft von GEOkompakt! Enthalten die GEOkompakt-Hefte eigentlich neue Artikel oder nur eine Zusammenstellung älterer Texte?

  8. Edgar Dahl @ - Basty, Ingo & Michael: Habermas
    17.06.2008 | 10:11

    Wo findet man Habermas' Plädoyer für eine religiös fundierte Ethik - gibt es da einen Link?

  9. Edgar Dahl @ - Basty: Religiöse Moral
    17.06.2008 | 10:25

    "Wir 'müssen' es heute nicht mehr so machen; aber ich bitte, dass man die Entwicklung, die ins Heute führte, nicht einfach abbricht, sondern aufmerksam wahrnimmt, bewusst Gutes übernimmt und daran klug weiterbaut."

    Ich bin gerade am Überlegen, doch ich denke, dass die christliche Moral nichts enthält, was sich nicht auch in der säkularen Moral findet. Was lassen die kantische, die utilitaristische oder die kontraktualistische Ethik unberücksichtigt, das in der christlichen Ethik enthalten ist?

  10. Basty Pausenzeichen
    17.06.2008 | 10:27

    ... ach so, Edgar. Ein bisschen wunderte ich mich. Aber andererseits ist das Thema ja auch relativ ausgelutscht. Und, was gut daran war: wir mussten nicht Sieg und Niederlage feststellen; oder wer in die Endrunde kommt... Einander nicht klein machen, sondern einander erklären, was wir denn mit unseren Begriffen meinen. Da kannst Du in gutem Sinn provozieren. Danke, und ich mach gern wieder mit - auch wenn ich jetzt froh war, mich ein paar Tage davon erholen zu können...

    Basty

  11. Edgar Dahl @ - Basty: Pluralistische Ethik
    17.06.2008 | 10:45

    Auch scheint es mir leichter gesagt als getan, einfach die Rosinen aus den jeweiligen Religionen herauszupicken. Schließlich benötigen wir hiefür immer noch ein allgemeingültiges Kriterium, nach dem wir unsere Auswahl treffen.

    Eine Rosine der jainistischen Ethik lautet beispielsweise: "Du sollst kein lebendes Geschöpf verletzen, missbrauchen, unterdrücken, versklaven, kränken, quälen, foltern oder töten."

    Klingt nett, nicht wahr? Doch insofern es die Notwehr, die Todesstrafe, den Verteidigungskrieg und die Tötung von Tieren verbietet, ist es nur schwer mit der christlichen Ethik vereinbar. Wie entscheiden wir, ob wir die jainistische oder die christliche Variante des Tötungsverbots wählen sollten?

  12. Edgar Dahl @ - Basty: Theismus vs. Deismus
    17.06.2008 | 11:06

    Ich würde nicht sagen, dass das Thema "ausgelutscht" ist, sondern dass wir vom Thema abgekommen sind. Wir sprechen nicht mehr über die Entstehung der Religion, sondern über die Inhalte der Religion - und die Frage, ob und wenn ja, wie wir sie in die Gegenwart retten können.

    Ich finde diese Frage aber so interessant, dass ich sie nur ungern fallen lassen möchte. Abgesehen von praktischen Fragen, wie der nach der Ethik, interessieren mich nämlich auch theoretische Fragen, wie etwa: Worin unterscheidet sich Dein "Theismus" eigentlich noch vom "Deismus"? Wenn Du Gott längst nicht mehr als den lieben Vater im Himmel, sondern nur noch als den Urgrund allen Seins betrachtest, was unterscheidet Dich dann noch von Voltaire, Hume oder Jefferson?

  13. Basty Habermas
    18.06.2008 | 00:14

    Direkt kenne ich ihn kaum. Aus Äußerungen über ihn habe ich nur ein ungefähres Bild. Ich dachte eben, Ingo Bading hat da etwas verhältnismäßig Bedenkenswertes zitiert. Und das, wie wir ihn kennen, korrekt.
    Heute morgen schaute ich mal in einer Suchmaschine - muss man immer nur eine bestimmte mit dem großen G nennen ?! - anhand der Stichworte "Religion" und "Gesellschaft". Da findet man wohl etwas an Vorträgen von ihm Interviews mit ihm - aber nicht direkt, sondern Zeitungs- Zeitschriftenartikel dazu. Auf diesem Weg könnte man wohl weiter kommen, wenn Ingo B. nicht noch selber (internetfähige) Quellen nennt und wenn man die Zeit dafür aufbringen kann. Ich will's jetzt nicht weiter verfolgen.

    Zur Ethik und zum Deismus ein anderes Mal. Ich will übrigens eben gerade nicht den philosophischen Weg des Deismus, sondern einen genau anderen. Nenne ich ihn mal kurz so, den psychologischen Weg: Gott als Widerspiegelung, Personi-Fizierung von Erfahrungen... Sagte ich wohl auch schon mal: Feuerbach lässt grüßen. Aber ich sage jetzt Gute Nacht.

    Basty

  14. Edgar Dahl @ - Basty: Theismus vs. Deismus
    18.06.2008 | 11:12

    "Zur Ethik und zum Deismus ein anderes Mal. Ich will übrigens eben gerade nicht den philosophischen Weg des Deismus, sondern einen genau anderen. Nenne ich ihn mal kurz so, den psychologischen Weg: Gott als Widerspiegelung, Personi-Fizierung von Erfahrungen..."

    Bin gespannt! So wie ich ich Dich bislang verstehe, gibt es keinen persönlichen Gott im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern die Menschen personifizieren ihre Erfahrungen lediglich zu einem Wesen, das sie als Gott bezeichnen.

  15. Basty Ethik zuerst ...
    18.06.2008 | 23:37

    ... denn das ist für mich leichter. Edgar, Du schreibst:
    "Ich ... denke, dass die christliche Moral nichts enthält, was sich nicht auch in der säkularen Moral findet. Was lassen die kantische, die utilitaristische oder die kontraktualistische Ethik unberücksichtigt, das in der christlichen Ethik enthalten ist?"
    Gut, ich habe keinen flächendeckenden Überblick über die verschiedenen Ethik-Systeme. Doch, auch ich denke, da lässt sich nichts dagegen sagen. Muss auch nicht. Ich könnte mir wohl auch vorstellen, dass die genannten Ethik-Systeme eben systematischer, in sich stimmiger, abgerundeter sind. Die Quelle der christlichen Ethik ist ja ein sehr unsystematisches Buch, entstanden in über 1000-jähriger Diskussion. Wie schon mal gesagt, mit Spruch und Widerspruch. Es ist wohl auch so, wenn sich theologische Systematiker dran machen, dass es dann auch in sich stimmiger ist als die Quelle, und umfassender die gesamte Breite des Lebens abdeckend. Christliche Ethiker halten sich - hoffentlich - an das Pauluswort: Prüfet alles und das Gute behaltet.
    Hast ja auch einmal eingeworfen, was denn um Himmels willen biblische Ethik zur Stammzellenforschung zu sagen hat. Dasselbe müsste man gegenüber Kant fragen. Will sagen: man muss eben - sapere aude - die angelegten Linien eigenverantwortlich weiter denken. Manchmal auch zurechtbiegen. Dabei wird man die Geschichte ethischer Traditionen bedenken und zB die Wurzeln von Kants Ethik auch im biblischen Bereich finden (natürlich auch in römischem Rechtsdenken...)
    Absolute Maßstäbe, die gibt es dabei allerdings dann nicht - siehe Dein Beispiel mit den "Rosinen" zwischen Jainismus und christlicher Relativierung der Tötungserlaubnis. In unterschiedlichen Zeiten und Situationen ist da mancherlei gewachsen (und wieder vergangen).
    Und damit bin ich bei der Religion: Religion ist (jetzt etwas unter Absehen vom Islam) kein am Reißbrett bzw. am Schreibtisch entstandenes ethisches System, sondern gewachsenes Leben. Das aber, und das ist entscheidend, größere Wirkkraft hat als die möglicherweise viel schlüssigeren Systeme (Kants ff): In Religionen beruft man sich nicht auf Systeme sondern auf Lebensgeschichten, man feiert Feste, beklagt und betrauert gewisse Zusammenhänge, begleitet die verschiedenen Stufen des Lebens (siehe rites des passages). Und letzten Endes wird es zumeist (aber das ist das andere Thema) mit überweltlichen Akteuren in Verbindung gebracht. Die sind nicht einfach "big brother is watching you". Das sicher auch. Aber es wird so erzählt, dass man zwischen dem transzendenten Einfluss und der inneren Stimme des Gewissens nicht mehr recht unterscheiden kann. Ein schönes Beispiel dafür ist der(zugegeben etwas holprig erzählte ) Dialog zwischen Gott und dem Mörder Kain. Die Frage "Wo ist dein Bruder Abel?" wurde für viele Menschen prägend, zur unausweichlichen Frage: Als Stimme des Gewissens.
    Nun, ich könnte weltliche Ethik vergleichen mit einem Botaniklehrbuch; und Religion wäre dann das Gartenfest. Also: Ethische Systeme sind das eine, und wir brauchen sie. Konkrete Einübung, Verinnerlichung durch Riten und Feste und Gebete und Lieder... ist das andere. Denkerisch notwendig ist es nicht; aber gut (hoffentlich immer wieder, immer öfters) im Lebensvollzug.
    Nachklapp: im Bereich der Schrift-Religionen gibt es natürlich durch Theologen verfasste Zusammenfassungen der Ethik. Luther schrieb seinen kleinen und großen Katechismus. Aber das ist wirklich nur eine Zusammenfassung, die auch einen gewissen prägenden Einfluss haben kann, aber nicht ohne das ganze Umfeld von Festen und Riten...

    Jetzt hoffentlich zum andern. Ist ja noch nicht Mitternacht.

    Basty

  16. Basty O Gott...
    19.06.2008 | 01:09

    Deinen Satz, Edgar,
    "So wie ich ich Dich bislang verstehe, gibt es keinen persönlichen Gott im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern die Menschen personifizieren ihre Erfahrungen lediglich zu einem Wesen, das sie als Gott bezeichnen."
    diesen Satz würde ich fast unterschreiben. Lediglich das "lediglich" müsste ich ausnehmen. Und am "im *eigentlichen* Sinn des Wortes" frage ich natürlich rum.
    Zu Letzterem zuerst: So wie man *üblicherweise* sagt, dass es einen persönlichen Gott gebe, so will ich es natürlich nicht verstehen.
    Kleiner (?) Vorbehalt dabei: Ich möchte eigentlich die ganze religionsphilosophische ontologische Frage ausklammern. Will sagen: Mögen die Religionsphilosophen von einem göttlichen Sein, vom Sein des Seienden, vom Grund des Seins... reden; und mögen meinetwegen manche auch im Prinzip des Urknalls und seiner Folgen, also der Evolution des Kosmos und des Lebens Gottes Wirken erkennen bzw. präziser dies als Gottes Wirken bezeichnen - mir wird das zu abstrakt, lässt zu wenig vom wirklichen Leben spüren. Da mögen viele Sätze, etwa deistische, goldrichtig sein, können nie widerlegt werden. Aber was sagen sie zum wirklichen Leben, was tragen sie dazu bei? Es gibt einen schönen Satz, den ich mal von einem Theologen hörte: Was überall gleich gültig ist, wird schließlich gleichgültig. Ich denke, Boyer würde den auch unterschreiben. Und er entspricht auch in etwa der Falsifizierbarkeitsregel: was grundsätzlich nicht widerlegt werden kann, sagt letzten Endes nichts Entscheidendes. Vgl. das Gärtnergleichnis von Anthony Flew. Das also zu meiner Kritik am Gottesbegriff einer ziemlich breiten religionsphilosophischen Tradition, die ich aber eben nicht widerlegen kann (vielleicht aus genannten Gründen), sondern lieber mal außer Acht lasse.
    Also, ich will nicht im üblichen Sinn sagen, dass es "im eigentlichen Sinn des Wortes" einen persönlichen Gott gebe. Sondern ich frage (und deshalb landete ich in der Nähe der Religionswissenschaft): Was hat Menschen bewegt - Sammler und Jäger wohlgemerkt, Bauern und Handwerker dann auch - wenn sie das Wort "Gott" in den Mund nahmen? Und das längst bevor Theologen einer Schriftreligion da was systematisierten. Was bewegt auch Leute, die keine Philosophie und keine Theologie studierten, wenn sie etwa sagen: Not lehrt beten? Bzw. wenn sie in Entscheidungssituationen nach hilfreichen Winken schauen.
    Da hat der Dawkins wohl nicht so unrecht, wenn er an den eingebildeten Partner der kleinen Jungs denkt (ich habe das Buch gerade nicht bei mir, weiß nicht wie der bei Dawkins heißt. Wir kennen dazu ja auch das Beispiel des Karlsson vom Dach.) Beim erwachsenen Sokrates gibt es eine ähnliche Figur. Doch Sokrates hätte es nicht wie Dawkins gemacht, der zur Illustration seiner Gedanken gerne nur ein einziges Beispiel auswählt und dann das, mit dem er seine Gegner am besten verächtlich machen kann. Also, das Prinzip hinter dem von Dawkins genannten Gedanken ist natürlich breiter und lässt sich nicht so leicht ablegen und dann wegschließen wie Kinderkram. Es ist doch das, dass der Mensch seine gesamte Umwelt so ausmalt, dass menschliche Augen auf ihn schauen. Hängt wohl auch damit zusammen, dass der Mensche ein extremer Nesthocker ist. Und dass er Raubtiere oder Jagdtiere beobachten muss(te), um sich einerseits vor ihnen in Acht zu nehmen oder sie andererseits zu fangen. Er unterstellt sich bewegenden Gegenständen (wenn das Kind am Tischtuch zieht und alles runterfällt) menschliche Absichten. Und er sucht zB in Wolkengebilden menschliche Bilder (blödes Beispiel: die Teufelsfratze am 11.09.01). Was will er damit? Winke bekommen , wie er sich verhalten soll und will. Und noch etwas (jetzt etwas freudianisch argumentiert): Das, was zuerst elterliches Vorbild ist, wird internalisiert, kann aber nicht einfach vereinnahmt werden, sondern äußert sich u.U. manchmal recht heftig als widerständige Stimme des Gewissens. Es ist also der Bruder des Karlsson vom Dach, aber eben *nicht nur*.
    Aus den Gesamterfahrungen wird ein Gesamtbild (bzw. um nicht zu monotheistisch zu argumentieren: ein Gesamtsystem von Bildern). Und das ist eine durchaus ernst zu nehmende Sache. Sie ist mindestens so ernst zu nehmen wie das Raubtier oder der Vogel oder... , was mir sonst im Traum begegnen kann. Man kann sagen, das gebe es ja gar nicht. Aber damit hat man den Traum noch nicht verstanden. Es gibt hinter den Bildern eine menschliche, eine auszudeutende Wirklichkeit.
    Was da, jetzt doch einfachheitshalber monotheistisch formuliert, als Gott zum Gesamtbild mit menschlichem Antlitz wird, wird dadurch auch in den verschiedenen Lebenssituationen, in Freude und in Trauer und in Wut... ansprechbar. Es ist kein namenloses Schicksal, muss einen nicht stumm machen. Menschen können ihre Erfahrungen zum Ausdruck bringen, sie kommunizieren. Und sie so auch (gemeinsam) zu bewältigen versuchen.
    Gott als persönliches Wesen mit persönlichen Emotionen - denkerisch eigentlich unmöglich; aber der Gedanke hilft, mit eigenen Emotionen, Widerfahrnissen... umzugehen. (Da habe ich persönlich durchaus das Problem: Wer denkt, so diese Wirkweise "Gottes" zu durchschauen, kann anderen diese Lebensbewältigungsstrategie durchaus ehrlich anempfehlen; aber für ihn selbst wird die Art, wie er da noch sich im Spielfeld bewegen kann, zumindest etwas kompliziert.)
    Ja, ich muss noch zum "lediglich" kommen: Für mich soll es jedenfalls nicht heißen, Gott "ist ja doch nur" eine Erfindung. Menschen haben schon vieles erfunden, dessen sie sich nicht schämen müssen. Sie haben auch schon Gefährliches erfunden: Den Gebrauch des Feuers und die Vermenschlichung ihrer Erfahrungen als Gott/Götter.
    (Für die Erkenntnistheoretiker: Die Menschen haben nicht das Feuer erfunden und so vielleicht (s.o.) auch nicht Gott, aber den Gebrauch des Feuers bzw. die Anrufung Gottes.)
    Mit beidem wurden schon manche Verbrechen verübt. Doch beide Entwicklungen kann man und soll man nicht zurückschrauben. Die Anrufung menschlicher Erfahrungen und Widerfahrnisse als "Gott" in dem bezeichneten Sinn ist eine der urmenschlichsten "Erfindungen". Und das passt zwar nicht in die menschheitsgeschichtlich sehr spät erst entwickelte Dogmatik, dass Gott die erste Ursache von allem sei, aber es passt zu dem, wie im wirklichen Leben Menschen ihre Erfahrungen und Widerfahrnisse auf den Begriff bringen bzw. um die Leute nicht zu akademisch vereinnahmen: wie Menschen ihre Erfahrungen anrufen, sie menschlich ausmalen; und dann damit weiter Erfahrung gestalten.

    Ich müsste wohl noch etwas dazu anfügen: dass auch das, was so aus Menschen heraus entstanden ist, nicht einfach in der Verfügbarkeit des Einzelnen ist und nicht einfach der Beliebigkeit unterworfen. Sondern eben in der kulturellen Evolution bzw. geschichtlich gewachsen ist - mit Aufbrüchen und Umbrüchen. Der so beschriebene Gott hat ja auch durchaus etwas zu tun mit den Spielregeln des Lebens, mit den Regelkreisen des Lebens, und die haben wir nicht erfunden, sondern vorgefunden. Und können sie nicht nach Belieben verändern, können und sollen allerdings klug daran weiter bauen. Übrigens nicht, um die Religion zu retten , hoffentlich nicht, sondern um alle wichtigen Menschheitstraditionen sinnvoll zusammen zu halten - damit der Mensch nicht die Welt durch eine Brille mit zu kleinen Karos sieht.

    Also klug daran weiter bauen, aber nicht zu weit nach Mitternacht. Deshalb jetzt mal wieder Schluss.

    Basty

  17. Basty kein Betreff
    29.06.2008 | 21:06

    "Das einzige, was ich dazu gelernt habe, ist: Ich hasse Frühsport!" schrieb vor urvordenklichen Zeiten Edgar Dahl. Was ich "hasse", ist allmählich die Zahl 136: Bei dieser Zahl der Kommentare bleibt dieser Diskussionsstrang stehen. Vermutlich hat ja die Telekom Schuld; und Edgar Dahl "hasst" es ebenso. War wohl nur ein kleiner Lichtblick, dass da vor einer Woche was freizuschalten war...
    Dass ich jetzt hier schreibe, dient auch Testzwecken, ob der Blog von Edgar Dahl als solcher "funktioniert".

    Aber zur Sache noch etwas - obwohl ich eigentlich denke, viel weiter kommt man an dem Thema nicht. Ich müsste wohl alles mal in einen Gesamt-Essay zusammenfassen; aber da bin ich - wie wohl hier auch mal angedeutet - daran, meine Religions-Theorie begrifflich umzudenken: dass man wirklich nur dann im eigentlichen davon reden kann, wenn überweltliche Akteure (ÜA)ins Spiel kommen. Mein Problem dabei: Religion hat, einen so gewaltigen Unterbau, eben unterhalb der ÜA, den ich fürs eigentliche Fleisch an der Sache halte und die ÜA für relativ leicht austauschbare Spieler, die (wie im Buddhismus) auch mal vom Spielfeld verwiesen werden können.

    Was ist dieser Unterbau? Alles, was an (gemeinsamer) Gestaltung von Lebens-Strategie, von (gemeinsamer) Lebensmelodie zu benennen wäre, am leichtesten zu nennen: Ethik, aber dann auch Umgang mit den Lebensstadien bis hin zum Tod, Umgang mit Verletzungen des Lebens, etwa bei Krankheit - was teils therapeutisch praktiziert wird; aber auch da geht's um mehr: um die Formen, wie Kranke begleitet, verachtet oder gar aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, also um positive oder negative Wertschätzung. Es geht auch um sonstige Kontingenzbewältigung und überhaupt um die Kunst, mit den Wechselfällen des Lebens zurechtzukommen. Und auch drum, wie man mit den sich bei Menschen herausbildenden Unterschieden (an Bildung, an Reichtum, an reproduktiven und anderen Erfolgen... zurechtkommt.
    Also, dieses Gesamtkonglomerat der Lebensbewältigungs-Strategie würde ich gerne "Religion" nennen; bzw. eigentlich erst dann, wenn es in einem Stamm, einer Gruppe, einer Gesellschaft... sich in einer gemeinsam erkennbaren Form darstellt.
    Und andere nennen, weil praktisch alle gemeinsam erkennbare Formen eben ÜA haben, es erst wenn diese ÜA festgestellt werden, Religion. Die haben die religionswissenschaftliche Mehrheitsmeinung, der ich mich wohl anpassen sollte.
    Vielleicht kann ich mir so helfen, dass ich die Lebensbewältigungsstrategie methodisch an die Stelle setze, an der Dawkins als adaptive Basis der Religion die Leichtgläubigkeit der Kinder setzt. Das mit dieser Leichtgläubigkeit ist ja auch nicht nur falsch; aber einfach als Basis zu dünn. Aber ich will jetzt nicht gegen Dawkins streiten; nur analog zu ihm (alles sehr viel breiter anlegen und) formulieren: adaptive Basis der Religion wäre die gesellschaftlich vermittelte und kulturell tradierte Gesamt-Lebens-Strategie, deren Byprodukt dann die Vorstellungen von ÜA wären. An ein paar Stellen klingt das bei Boyer ähnlich.
    Aber das kann ich jetzt nicht verfolgen; denn jetzt hat das Fußballspiel doch schon ohne mich angefangen.

    Was ich aber eben als neuen Hinweis noch bringen möchte: Wie das ein sicher versierter Theologe mit der "Existenz Gottes" darstellen kann, finde ich bei Hoppe in dem BRAINLOG: http://www.brainlogs.de/...-06-26/fu-ball-und-gott
    . Manches, was Hoppe da schreibt - na ja, ganz pfiffig. Aber dann denke ich auch, das führt in philosophische Eiseskälte. Wie man mit einer solchen Gottesvorstellung im realen Leben umgehen kann? Ist also nicht meine Meinung. Nur als Erinnerung nach dem, was wir schon begrifflich diskutierten.

    Aber genug für heute. The game must go on.

    Basty

  18. Heinz Franke Religion explained (von Pascal Boyer)
    02.03.2009 | 16:10

    Ich bin der Meinung, dass nicht Gott den Menschen erschaffen hat, sondern umgekehrt!
    Unsere Ur-ur-Ahnen haben irgendwann mal erkannt (den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen), dass der Mensch beschränkt ist. Daher schufen Abraham, Christus, Budda, Mohamed usw. ein Wesen (Jahwe, Gott, Allah, usw.), das allmächtig, allwissend, usw. ist. Im Laufe der Menschheitsgeschichte wuchs aber die Kenntnis über sich und die Umwelt dermaßen an, dass sich "Gott" (zumindest in der abendländischen Kutur) immer mehr verflüchtigte.
    Ich selbst habe das (in einem sehr kleinen Maßstab erlebt: Als Diplomand habe ich mich mit der Ligninbildung bei Pflanzen beschäftigt. 20 Jahre später besuchte ich aus Interesse mein altes Institut. Dort berichtete mir der Insti-tutsleiter (vormals Assistent), dass es nun bei der Ligninbildung keinerlei Fragen mehr gäbe. Damit ist die Menschheit, wenn auch auf einem winzigen Gebiet, allwissend geworden. Dass wir von der Allmacht noch sehr weit entfernt sind, beweisen die täglichen Nachrichten über Mord und Totschlag (z.B. Kriege).

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