wissenslogs Libertarian

Die Religion fiel nicht vom Himmel

von Edgar Dahl, 16. Mai 2008, 22:19

Konrad Lorenz hat einmal gesagt, dass sein Frühsport darin bestehe, jeden Morgen eine seiner Lieblingshypothesen aus dem Fenster zu werfen. Wie schwer es ist, sich von einer liebgewonnenen Theorie zu verabschieden, habe ich spätestens bei dem gestrigen Workshop „Evolution der Religionen“ in Frankfurt am Main bemerken müssen.


Wie jeder, so habe natürlich auch ich meine Theorie darüber, wie die Religion in die Welt gekommen ist. Ähnlich wie Feuerbach, Marx und Freud ging ich stets davon aus, dass der Glaube nicht einfach vom Himmel gefallen ist. Doch im Unterschied zu Feuerbach, Marx und Freud trug meine Theorie schon immer evolutionäre Züge. Ich bin davon ausgegangen, dass die Religion ein Nebenprodukt der Evolution des menschlichen Gehirns sei.

Wie all unsere Organe, so ist selbstverständlich auch unser Gehirn ein Produkt der Evolution. So wie unser Körper, so hat sich auch unser Geist in Anpassung an unsere Umwelt herausgebildet. Unser Geist ist, wie es in der von Konrad Lorenz, Donald Campbell, Karl Popper und Gerhard Vollmer entwickelten „Evolutionären Erkenntnistheorie“ heißt, an einen eng begrenzten Ausschnitt dieser Welt, an den sogenannten „Mesokosmos“ angepasst. Im Unterschied zum Makrokosmos (der Welt der großen Dimensionen, für die wir ein Teleskop benötigen) und dem Mikrokosmos (der Welt der kleinen Dimensionen, für die wir ein Mikroskop benötigen), ist der Mesokosmos eine Welt der „mittleren Dimensionen“, die wir weitgehend mit unserem bloße Auge erfassen können.

Dass unser Erkenntnisapparat von der natürlichen Selektion geformt worden ist, um uns ein Überleben im Mesokosmos zu erlauben, hat zumindest drei weitreichende Konsequenzen. Erstens lässt uns unser Vorstellungsvermögen nur allzu häufig im Stich, sobald wir die Grenzen unserer kognitiven Nische überschreiten: Ereignisse im Mikrokosmos und Makrokosmos können wir uns, so sehr wir uns auch bemühen mögen, einfach nicht mehr anschaulich vorstellen.   

Zweitens ist die Anpassung unseres Erkenntnisapparates wie alle Anpassungen nur unvollkommen. Das heißt, dass unser Erkenntsnisapparat zwar zuverlässig genug sein mag, um unser Überleben zu gewährleisten, doch nicht zuverlässig genug, um sicheres Wissen zu garantieren. Die Welt da draußen ist sehr wahrscheinlich nicht so, wie wir sie sehen. Wir sehen sie nur so, wie sie uns unser Erkenntnisapparat sehen lässt.

Und drittens ist auch die Art und Weise, wie wir die Welt zu beschreiben und zu erklären versuchen, beschränkt, weil sie an unseren durchaus fehlbaren Erkenntnisapparat gebunden ist. Dieser Erkenntnisapparat lässt uns die Welt in drei Dimensionen sehen und alle darin vorkommenden Ereignisse kausal und teleologisch betrachten, unabhängig davon, ob diese Welt tatsächlich drei Dimensionen hat und alle Ereignisse in ihr wirklich ursächlicher und zielgerichteter Natur sind.

Insbesondere diese dritte Konsequenz bietet uns nun eine mögliche Hypothese zur Entstehung von Religionen. Da uns unser Gehirn kausal und teleologisch denken lässt, können wir gar nicht anders, als unaufhörlich „Warum?“ und „Wozu?“ zu fragen: „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ „Woher kommt diese Welt eigentlich her?“ „Wozu dient unser Leben?“ Und: „Wieso gibt es Alter, Krankheit und Tod?“

Meine Lieblingshypothese zur Evolution der Religion bestand denn auch immer darin zu sagen, dass die verschiedenen Religionen dieser Welt nur verschiedene Versuche einer Beantwortung dieser existenziellen Fragen sind. Irgendwann im Laufe unserer Urgeschichte müssen sich die Menschen diese Fragen erstmals vorgelegt und zu beantworten versucht haben. Und die Antworten, die nicht nur ihren intellektuellen Fähigkeiten, sondern auch ihren emotionalen Bedürfnissen am ehesten entsprachen, haben dann Eingang in die Religionen dieser Welt gefunden.

Insofern die sogenannten Weltreligionen – also der Hinduismus, der Buddhismus, das Judentum, das Christentum und der Islam – allesamt Erlösungsreligionen sind, hatte ich angenommen, dass sich alle Religionen letztlich der Frage nach der Herkunft unseres Leids und Elends verdanken. Schließlich betrachten all diese Religionen diese Welt als ein Jammertal und zeigen uns einen Weg, wie wir von diesem Dasein erlöst werden können.


Auf dem gestrigen Workshop hat Pascal Boyer nun aber leider kurzen Prozess mit meiner Lieblingshypothese gemacht. Wie er versicherte, gebe es Völker und Religionen, in denen die Herkunft des Bösen und die Erlösung von diesem Dasein nicht die geringste Rolle spielen. Was nun? Nun bich ich offenbar „so klug als wie zuvor“. Das einzige, was ich dazu gelernt habe, ist: Ich hasse Frühsport!

 



Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Dietmar Hilsebein Evolution, Höherentwicklung, Anpassung
    16.05.2008 | 22:58

    Meine geliebte Exfreundin, ihres Zeichens Biologin, ließ sich einmal zu dem Satze hinreißen: Höherentwicklung sei die Anpassung in der Zukunft! Als Philosoph, der ich sein will, kann ich Wirklichkeit immer nur als Wirken des Willens sehen, der den Rahmen seiner Möglichkeiten erweitern will. Was wir also Realität nennen, ist nur der Kot, den der Wille durch die Zeit hinter sich gelassen hat. Das heißt: alles ist möglich -unabhängig von dem, was wir meinen in der "Natur" zu erkennen. Denn wir selbst sind Natur, die Natur verändern. Wie sonst wäre Kernspaltung möglich gewesen? Selbst der Begriff Atom war ja falsch. Es gab irgendwann einen Zweifel und erst dieser Zweifel führte zur Kernspaltung! Sehen Sie es? Es ist unser Hirn selbst, welches die Realität zur Wirklichkeit werden läßt!

  2. Richard Böses/Erlösung
    17.05.2008 | 05:24

    Religionen sollen die sozialen Gesetze einer Gemeinschaft moralisch bekräftigen. Bei kleineren Stammesverbänden ist dazu die Erklärung des Bösen und die Idee einer Erlösung völlig unwichtig.
    Es sind andere Faktoren, welche hier wesentlich bedeutender sind. Z.B. das persönliche Totemtier: In Stammesverbänden, bei welchen das persönliche Totemtier weder gejagt, noch gegessen werden durfte - sorgte dies für größere Überlebenschancen dieser Tiere, und damit auch für die Bestandserhaltung einer jagdbaren Tierpopulation. => d.h. die Überlebenschancen des Stammesverbandes wurden erhöht.

  3. adenosine kein Betreff
    17.05.2008 | 07:12

    Ist Ihre Beurteilung unseres Erkenntnisapparates nicht zu pessimistisch? Der Apparat funktioniert doch umso besser, je vollkommener sein Modell von der Wirklichkeit ist. Gerade das Evolutionsprinzip lässt mich hoffen, dass wir da doch gute Karten haben. Ich glaube auch nicht, dass kausales Denken oder die Beschränkung auf 4 Dimensionen eine Einschränkung bedeuten, sondern eher die Ichbezogenheit in einer komplexen Welt. Es ist möglicherweise evolutionär vorteilhaft, weil defensiv, jedes äußere Ereignis als Folge des eigenen Handelns zu beurteilen. Unglücke werden, wenn es keine einfache kausale Erklärung gibt, als Strafe für Verstöße gegen höhere Gebote akzeptiert. Aus dieser Ichbezogenheit heraus fällt es so schwer den enormen Einfluss der Zufälle in einer komplexen Welt zu akzeptieren.

  4. Richard genug Jagdwild reicht
    17.05.2008 | 10:12

    Wenn man sich die Frage nach einem Ursprung von Religionen/Kulten stellt, dann sollte man nicht zu kompliziert denken.
    Bei vielen Völkern/Stammesgruppen stellte sich die Frage über ein attraktives mögliches Jenseits etwas anders (als heute): Gibt es dort genug Jagdwild, hat man dort auch Hunger und Krankheiten?

  5. Basty Erlösungsreligionen?
    17.05.2008 | 18:17

    Ja und nein.
    Ich möchte nur schnell daran erinnern, dass eine der genannten großen Weltreligionen an ihrer Basis, im Urgestein, überhaupt nichts mit Erlösung oder Jenseits zu tun hat: Das vor-exilische Judentum. Also zumindest die ersten 1000 Jahre bis 600 vor Chr.
    Man lese dazu die ganzen Geschichten um Abraham und Mose, David und Salomo... Am Ende wird man eben "versammelt zu den Vätern". Tod: Kein extra erkenntnis-theoretisches Problem.
    Ähnlich übrigens die zeitgenössische griechische Religion. Die Welt der Toten ist ein irgendwie unscharf definiertes Schattenreich, das wohl der Vollständigkeit halber auf die Welt der Lebenden folgt, aber kein eigenes Gewicht hat.
    Merkwürdig anders: Ägypten. Ich habe immer noch den Verdacht, aber ich fragte noch nicht genügend Ägyptologen, dass die Jenseits-Hoffnungen dort zunächst nur dem Adel vorbehalten waren und erst später ins Volk runter-sickerten.
    Jenseits-Hoffnungen seien aber, lernte ich mal, eher über Babylonien von Persien (Zarathustra) ins Judentum gekommen; und zunächst nur den Kämpfern in den Befreiungs-Kriegen (!!!) zuerkannt worden. Erst später dann allgemein ausgebreitet, aber bis zur Zeit Jesu nicht durchweg akzeptiert.

    Das Christentum ist eindeutig an der Wurzel eine Erlösungs-Religion; und das hat sich im Judentum der nach-exilischen Zeit vorbereitet. Das wurde hauptsächlich aber dadurch forciert, dass viele Religionen der "Zeitenwende" auf Erlösung ausgerichtet waren. Ich habe einen sozialgeschichtlichen Verdacht: Je fester das römische Reich wurde und eine entsprechende soziale Schichtung, um so dringender die Jenseits-Sehnsucht.
    Aber auch Erlösungs-Religionen müssen nicht weltflüchtig bleiben, sie können sich sehr lebenspraktisch auswirken. Das wurde ja in der jüdischen Geschichte längst schon bewiesen, dessen Jenseitshoffnung "nur" nachträglich gewachsener Überbau ist über lebenspraktisches Urgestein.
    Und auch in der christlichen und islamischen Geschichte wurde es zur Genüge, und öfters mal auch positiv, bewiesen.

    Ich vermute, dass man zu oft Religionen nach dem gegenwärtigen Erscheinungsbild beurteilt und dann womöglich aus dem Blickwinkel eines christlich sozialisierten Europas. (Da wäre wohl noch ein Beitrag zu dem sehr aus dem 19. Jahrhundert eingefärbten Opium-Zitat von Karl Marx fällig). Aber das geht für andere Religionen schon gar nicht. Und auch beim Christentum, das eben unsere europäische Geschichte geprägt hat, muss man, wie bei geologischen Schichten, die verschiedenen Abstufungen wahrnehmen - hinter die Kulisse des gegenwärtigen Erscheinungsbildes sehen.

    Religionen - Antworten auf existenzielle Fragen? Ich halte das auch für zu modern gedacht. Und Religion ist nicht von Philosophen und Dichtern erfunden worden, sondern von Jägern, Sammlern..., die mit ganz banalen Lebensfragen zurechtkommen mussten: Wo und wie essen? Sex haben, Krankheiten heilen , Diebstähle ahnden... Wem über den Weg trauen...? Natürlich auch: Wie mit Krankheit, Alter und Tod zurechtkomemn?

    Meine These geht in der Richtung: Bei Tieren ist das noch instinktmäßig festgelegt. Jedenfalls noch nicht so ins Bewusstsein erhoben. Menschen können und müssen sich bewusst entscheiden; und merken deshalb, dass es auch Fehlentscheidungen und Entgleisungen gibt. Menschen können mehr als Tiere, ihre Leistungen sind u.U. nicht so vollkommen, aber vielfältiger. Menschen sind zu vielem fähig, manchal auch "zu allem fähig". Damit zurechtzukommen - Lebensbewältigungs-Strategie - das nenne ich Religion.
    Ich denke, dass das in etwa kompatibel sein könnte mit dem, was wir(auch) bei Pascal Boyer gehört haben.

    Na, jetzt ist's genug für heute.
    Basty

  6. Monika Georges @ Edgar: ... Frühsport
    17.05.2008 | 21:44

    Ich denke wir können ruhig beim Frühsport bleiben, denn seine Lieblingshypothese zum Fenster rauszuwerfen kann ja auch so aussehen, dass man sie draußen etwas überarbeitet, verbessert und dann wieder zur Tür hereinholt.

    Also könnte die Überarbeitung so aussehen:
    Wenn die Religionen aus einem Bedürfnis von Menschen oder Gruppen entstanden sind (Erklärung, Sinn, Erlösung, Trost u. dgl.) dann ist es ja auch durchaus nachvollziehbar, wenn man annimmt, dass die jeweiligen Menschen oder Gruppen je nach "Bedarf" das Gedankengebäude konstruiert und ausgestaltet haben. Eine Gesellschaft, die in materiell außerst dürftigen und klimatisch grenzwertigen Verhältnissen existiert, hat sicherlich andere Ansatzpunkte als eine Gesellschaft, die materiell gut versorg ist und diesbezüglich keine Not kennt (s.a. Kommentar von Beate T. zu Michael Blume - Charles Boyer).
    Auch Gesellschaften, in denen sich Menschen "frei" entfalten können im Gegensatz zu Gruppen, die durch eine "weiterentwickelte" Kultur versklavt werden, haben sicherlich andere Schwerpunkte.
    Die Religionen werden völlig unterschiedlich aussehen, weil ganz unterschiedliche Ansprüche an sie gestellt werden. Falls die materiellen Ansprüche problemlos erfüllt werden können (alle sind satt, es gibt praktisch keine Krankheiten, frieren muss auch niemand) dann ist der Wunsch nach Erlösung irgendwie ziemlich fern, denn wovon wollte man denn erlöst werden ?

    Wie ebenfalls schon festgestellt wurde, ist es natürlich von heute aus schwierig zu beurteilen, wie eine Religion mal tatsächlich war und wie die Kultur aussah, die diese Religion geschaffen hat (außer man ist Religionswissenschaftler, dann hat man vielleicht diesbezüglich einen gewissen Vorteil ;-)). Deshalb ist es auch problematisch, nachweisen zu wollen, aufgrund welcher ursprünglichen Intention und welcher Gegebenheiten die Religion entwickelt worden sein könnte.
    Am lebenden Objekt, also einer Religion, die sich sozusagen in Gründung befindet, kann man die These ja leider meines Wissens nicht testen, aber:
    Die Personen, die zur Interpretation des jeweiligen Glaubens "berechtigt" sind, verändern in jeder Generation die Religion bzw. deren Interpretation und legen vorhandene Überlieferungen, sogar in ganz fundamentalen Fragen(auch bei den Buchreligionen, wo man doch annehmen sollte, dass alles sonnenklar ist) neu nach den gerade aktuellen Fragestellungen aus.
    Wer wollte bestreiten, dass Hexenverbrennungen oder der Ablasshandel von der heutigen katholischen Kirche sicherlich nicht mehr als der Weisheit letzter Schluss bezeichnet werden würden, auch wenn sie ein unfehlbarer Papst angeordnet hat (OK, ich glaube, zu dieser Zeit galt das Unfehlbarkeitsdogma noch nicht - gilt es eigentlich ex nunc oder ex tunc? auch egal).
    Jedenfalls beweist das doch bis zu einem gewissen Grad die These mit der Entwicklung von Religionen "je nach Bedarf".

    Also können wir doch unsere hinausgeworfene These in etwas abgewandelter Form durchaus aufrecht erhalten und zur Tür wieder hereinholen:
    Religionen entstehen und entwickeln sich abhängig von der jeweiligen Geselschaft und der Umgebung, in der diese existieren, mit entsprechenden "Zielsetzungen", die sich für die Weiterentwicklung oder den Zusammenhalt der Gesellschaft als positiv erwiesen haben (manchmal auch für den Machterhalt Einzelner oder einer Gesellschaftsschicht - soll jedenfalls schon vorgekommen sein). Dazu zählen auch durchaus die Lebensanweisungen und Heilsversprechen (die in verschiedneen Religionen ganz unterschiedlich ausfallen können) für das Wohl der Menschen, denn die Gesellschaft besteht nun mal aus Individuen.

  7. Edgar Dahl @ - Richard: Böses / Erlösung
    18.05.2008 | 01:27

    "Religionen sollen die sozialen Gesetze einer Gemeinschaft moralisch bekräftigen. Bei kleineren Stammesverbänden ist dazu die Erklärung des Bösen und die Idee einer Erlösung völlig unwichtig."

    Nach Pascal Boyer begehen wir beide denselben Fehler: Wir meinen, dass es EINE Ursache für die Entstehung der Religion gibt. Für mich ist es die Erklärung des Bösen, für Sie ist es die Stärkung der Moral. Laut Pascal Boyer gibt es aber kein solches Hauptmotiv, das all die verschiedenen Religionen erklären könnte.

    Was beispielsweise gegen die Stärkung der Moral spricht, ist, dass es offenbar Religionen gibt, die ohne jede Moral oder Gebote auskommen.

  8. Edgar Dahl @ - Richard: "Intellektualismus"
    18.05.2008 | 01:39

    "Wenn man sich die Frage nach einem Ursprung von Religionen stellt, dann sollte man nicht zu kompliziert denken."

    Genau das meint auch Boyer. Er wirft daher Leuten, die meinen, dass die Religion eine ganz bestimmte Funktion erfülle - wie etwa die Erklärung des Leids, die Entstehung der Welt oder die Stärkung der Moral -, "Intellektualismus" vor: Wir unterstellen unseren Vorfahren geistige Motive, die sie noch nicht kannten.

  9. Edgar Dahl @ - adenosine
    18.05.2008 | 01:57

    "Ist Ihre Beurteilung unseres Erkenntnisapparates nicht zu pessimistisch?"

    Möglicherweise! Schließlich könnte man auch sagen: Dafür, dass unser Verstand nur dafür geschaffen wurde, um in der afrikanischen Savanne zu überleben, vollbringt er geradezu Wunder - wer hätte von einem solchen Verstand erwartet, dass er mit Hilfe der Logik, der Mathematik und der Technik sowohl in den Mikrokosmos als auch in den Makrokosmos vorstoßen könnte?

    Dennoch: Es bleibt dabei, dass unser Verstand die Wirklichkeit sozusagen nur "überlebensrelevant" abbildet. Es gibt Dinge um uns herum - Farben, Düfte, Töne -, von denen wir keine Vorstellung haben.

    In Richtung von Theologen wie Küng, Lütz und Pannenberg möchte ich in diesem Zusammenhang jedoch hervorheben: Dass der kritische Rationalismus, der sich der Evolutionären Erkenntnistheorie verdankt, zugesteht, dass es kein sicheres Wissen gibt, kann selbstverständlich kein Freibrief dafür sein, nun Geister, Götter und Dämonen durch die Hintertür zu schmuggeln. Auch wenn wir NICHTS mit Sicherheit wissen, nicht einmal, ob morgen die Sonne aufgehen wird, gibt es doch immer noch gut begründete und schlecht begründete Annahmen.

  10. Edgar Dahl @ - Basty: "Erlösungsreligionen"
    18.05.2008 | 02:15

    "Ich möchte nur schnell daran erinnern, dass eine der genannten großen Weltreligionen an ihrer Basis überhaupt nichts mit Erlösung oder Jenseits zu tun hat: Das vor-exilische Judentum. Also zumindest die ersten 1000 Jahre bis 600 vor Chr. Man lese dazu die ganzen Geschichten um Abraham und Mose, David und Salomo... Am Ende wird man eben 'versammelt zu den Vätern'.

    Tausend Dank für diesen Hinweis! Was genau war aber damit gemeint, sich "zu den Vätern zu versammeln"?

  11. Edgar Dahl @ - Basty: Eurozentrismus
    18.05.2008 | 02:33

    "Ich vermute, dass man zu oft Religionen nach dem gegenwärtigen Erscheinungsbild beurteilt und dann womöglich aus dem Blickwinkel eines christlich sozialisierten Europas."

    Ja, das ist ja auch die Lektion, die Boyer seinen Lesern in "Religion Explained" beizubringen versucht. Ich bin daher sowohl ihm als auch Dir dankbar dafür, mich an meinen "Eurozentrismus" und "Intellektualismus" zu erinnern.

  12. Edgar Dahl @ - Basty: "Sündenfall"
    18.05.2008 | 02:41

    Wann in etwa ist eigentlich die in Genesis erzählte Geschichte vom Sündenfall entstanden?

    Ich frage deshalb, weil die Geschichte von Adams Fall natürlich schon ein Versuch ist, die Herkunft all des Leids und Elends dieser Welt zu erklären - sie sind "der Sünde Sold".

    Wenn es also auch nicht immer um Erlösung gehen mag, scheint doch zumindest eine Erklärung des Bösen zu (allen? oder nahezu allen) Religionen zu gehören.

    Aber womöglich täusche ich mich da auch.

  13. Richard Moral/Böses
    18.05.2008 | 06:12

    ´Religionen sollen die sozialen Gesetze einer Gemeinschaft moralisch bekräftigen.´
    => dieser Satz bedeutet: Es gibt gemeinsame Verhaltensregeln, welche nicht personengebunden sind.

    Begriffe wie Moral/Böses sind schon stark abstrahiert.
    Vermutlich standen am Anfang allgemeine Erfahrungen, die in Verhaltensregeln (=Moral)umgeformt wurden.
    Z.B. Totemtiere: Wenn jeder Jäger jedes Tier tötet, welches er sieht, dann gibt es um das Dorf bald keine Tiere mehr => man hat kein Fleisch. Wenn aber ein Jäger sein Totemtier nicht töten darf, dann ist das eine Überlebenschance für diese Tierart. Denn z.B. jedes 5.Tier einer Art wird nicht getötet und kann sich fortpflanzen. => d.h. langfristig ist auch die Versorgung des Dorfes mit Fleisch gesichert.

    Nicht personengebundene Regeln:
    Sind Regeln nicht personengebunden, so sind sie wesentlich effektiver - da sie unangreifbar sind.
    (Z.B. Radio Eriwan, Robin Hood, Willhelm Tell sind erfundene Sender/Personen. Ihnen schrieb man Witze bzw. Handlungen gegen die Obrigkeit zu und erzählte sie überall weiter. Diese Geschichten waren deshalb so effektiv, weil die Herrscher deutlich an den Pranger gestellt wurden, aber nichts dagegen tun konnten, denn Sender/Personen waren nicht greifbar.)

    Böses:
    Die Abneigung gegen das Böse dürfte allen Kulturen eigen sein.
    Wenn sich jemand nicht an getroffene Vereinbarungen oder lebensnotwendige Regeln hält, dann ist dies ein Vertrauensbruch. Passiert das öfter, dann will man mit dieser Person nichts mehr zu tun haben => diese Person ist böse, eine bestimmte Handlung ist böse.

    Weil böse Personen/Taten das Überleben der ganzen Gemeinschaft gefährden können, ist es besser, zu Verhindern dass böse Taten begangen werden. Im Extremfall muss eine böse Person verstoßen oder getötet werden.
    (z.B. Wer dauernd die Vorräte aufisst, riskiert, dass alle Mitglieder der Sippe verhungern. Wer dauernd Streit sucht, verhindert, dass man sich um die notwendige Nahrungssuche kümmern kann oder zieht Feinde aus der Nachbarschaft au die eigene Gemeinschaft.)

  14. Michael Blume @ Edgar, @ Richard: Ganz großes Lob! :-)
    18.05.2008 | 08:39

    Lieber Edgar,

    wenn Du erlaubst - diesen Beitrag finde ich sehr, sehr gelungen! Denn er zeigt m.E. an, worauf es auch in der Evolutionsforschung zur Religiosität ankommt: Thesen an Fakten zu überprüfen und ggf. zu verwerfen.

    Hochachtung auch an @Richard - hier werden sehr häufige Funktionen von Religion(en) m.E. auch sprachlich präzise erfasst. Aber: es werden sich auch immer Gegenbeispiele finden lassen, für jede "Funktion", die Religion(en) zugeschrieben werden. Auch bei meinem Thema Religion - Reproduktion gibt es z.B. die Shaker, die völlig auf Fortpflanzung verzichteten!

    Edgar schrieb: "Nach Pascal Boyer begehen wir beide denselben Fehler: Wir meinen, dass es EINE Ursache für die Entstehung der Religion gibt. Für mich ist es die Erklärung des Bösen, für Sie ist es die Stärkung der Moral."

    Gut erkannt. Und der Punkt ist: Hier liegt noch teleologisches (d.h. auf Ziele gerichtetes) Denken vor - das Merkmal X ist "für" Y. Aber so funktioniert Evolution nicht! Sie produziert (auf Ebene der Biologie wie der Kultur) stets Vielfalt - und dann setzen sich erfolgreiche Modelle durch bzw. pflanzen sich fort.

    Biologisch gesehen ist Religiosität aus einem Bündel von natürlichen Gehirnfunktionen exaptiert. Und kulturell gesehen findet ein ständiger Wettbewerb zwischen verschiedenen Religionen (bzw. Strömungen innerhalb der Religionen) statt, in dem tendenziell jene erfolgreich sind, die verschiedenste Funktionen (Reproduktionserfolg, Glück, ästhetische Bedürfnisse, Antworten auf Sinn- und Todesfrage etc.) erfüllen. Erkenntnistheoretisch bleibt es aber sinnlos zu sagen, sie wären "für" eine dieser Funktionen evolviert. Einige Funktionen (z.B. wissenschaftliche Welterklärung) haben sie ggf. auch wieder verloren, neue (z.B. Bereitstellung von Kinderkrippen) kommen hinzu. Wir beobachten einen nicht abgeschlossenen Prozess - Evolution, eben! :-)

  15. Dietmar Hilsebein @ Dahl des oder das Böse
    18.05.2008 | 14:01

    "Wenn es also auch nicht immer um Erlösung gehen mag, scheint doch zumindest eine Erklärung des Bösen zu (allen? oder nahezu allen) Religionen zu gehören."

    Bitte nicht "das Böse", denn dieser Begriff ist eine unnötige Grenze, die über dem Abgrund eingezogen wird. Adam vernahm die Stimme der Natur wie ein Tier. Er vernahm sie, aber er hinterfragte sie nicht! Er hätte fragen müssen: Warum werde ich sterben, wenn ich vom Baum der Erkenntnis esse? So tat er sich durch das Gesetz "du sollst nicht...!" zunächst selbst Gewalt an, die dann zur Gewalt gegenüber der Natur führte! Das "Böse" ist die Gewalt -und nichts außerdem! Die Gewalt aber gehört zur Natur des Willens, der einst vor Äonen aus jener Höhe fiel, zu der er zurück will! Hier wird der Philosoph zum Dichter -Entschuldigung!

  16. Edgar Dahl @ - Hilsebein: Der Ursprung des Bösen
    18.05.2008 | 16:43

    Ich denke, ich sollte noch einmal etwas konkretisieren, was ich mit dem "Bösen" überhaupt meine.

    Statt vom Bösen sollte ich eigentlich besser von Übeln sprechen. In der Philosophie und Theologie unterscheidet man für gewöhnich zwischen zwei Formen von Übeln: "natürliche Übel" und "moralische Übel".

    Mit den natürlichen Übeln sind Hunger, Durst, Krankheit, Tod, Flutwellen, Wirbelstürme, Erdbeben und Vulkanausbrüche gemeint, kurz Übel, die nicht vom Menschen, sondern von der Natur hervorgebracht werden.

    Mit den moralischen Übeln sind Lug, Trug, Diebstahl, Vergewaltigung, Mord und Krieg gemeint, kurz Übel, die ausschließlich vom Menschen hervorgebracht werden.

    Was ich mit dem Bösen meine, sind die natürlichen Übel!

    Von den moralischen Übeln, wie etwa einem Mord, kennt man die Urheber; einen bestimmten Menschen, der den Mord verübt hat. Doch von den natürlichen Übeln, wie etwa einer Dürre, scheint es keinen solchen Urheber zu geben. Wer, so mussten sich unsere Vorfahren fragen, ist für die Dürre verantwortlich, die uns und unser Vieh verdursten und sterben lässt? Ist das Erdbeben, das unser Dorf zerstört und uns unserer Angehörigen beraubt hat, möglicherweise die Strafe für etwas, was wir getan haben? Und wenn ja, wer genau bestraft uns da?

  17. Dietmar Hilsebein @ Dahl
    18.05.2008 | 17:53

    "Wer, so mussten sich unsere Vorfahren fragen, ist für die Dürre verantwortlich, die uns und unser Vieh verdursten und sterben lässt? Ist das Erdbeben, das unser Dorf zerstört und uns unserer Angehörigen beraubt hat, möglicherweise die Strafe für etwas, was wir getan haben? Und wenn ja, wer genau bestraft uns da?"

    Und genau aus diesen Fragen heraus, entwickelte sich der Gedanke der Eschatologie. Alles Leben schreit nach Erlösung. Der Blick in die Augen eines Hundes reicht da schon...
    Der Hund aber ist nicht in der Lage, den eigenen Willen zu hinterfragen -er bleibt ein getriebenes Wesen. Der Mensch aber kann seinen Willen hinterfragen und damit sein Handeln bestimmen. Wenn also von Schuld überhaupt gesprochen werden kann, so ist es diese, daß der Mensch seine Vernunft nicht gebraucht (vernehmen/hinterfragen) und damit in der Unmündigkeit verbleibt.

  18. Basty Sündenfallgeschichte, die sogenannte...
    18.05.2008 | 20:37

    Weiß ich nicht, wie alt die ist - würde schätzen, dass sie in ihren Wurzeln schon außerjüdisch ist, also wenigstens 4000 Jahre alt, dann schon bei den israelischen Stämmen erzählt wurde und etwa vor 3000 Jahren von einem Hofschreiber Davids aufgenommen wurde in eine zunächst kleine Sammlung von Geschichten, die später dann zur Bibel wurde. Jedenfalls dürfte sie zu den ältesten Bestandteilen der biblischen Überlieferung gehören.
    "Der Sünde Sold" ist erst paulinisch; aber natürlich mit Rückgriff auf diese Geschichte. In der originalen Geschichte steht nichts von Sünde. Das kann man nie genug betonen. Schrieb ich schon mal hier irgendwo; und schrieb dazu: sie sei vergleichbar mit Odysseus Sehnsucht, den Sirenengesang zu hören. Vielleicht noch besserer Vergleich: Parallele zur Prometheus-Geschichte: Nach dem göttlichen Wissen - ALLES Erkennen - greifen.
    Und darauf zielt die Geschichte: Wissen ist mit Schmerzen verbunden. Und belegt das mit Beobachtungen, die der Mensch an sich macht: Arbeit im Schweiß des Angesichts, unter Schmerzen gebären, auch Männerherrschaft, sich Genieren für Nackheit und eben auch: Bewusstsein der Sterblichkeit ... All das wurde in die Geschichte hinein verarbeitet. Also erzählte (Aspekte zur) Anthropologie.

    Die Geschichte muss man nicht unbedingt als ERKLÄRUNG allen Leids sehen; aber als erzählten BEITRAG zu den Schmerzen des Lebens.
    Und das beobachte ich schon, dass es gewissermaßen weltweit Parallelen gibt (obwohl Boyer sicher auch genügend Beispiele nennen könnte, in denen das nicht der Fall ist). So erzählten zB Delawaren in ihrer Schöpfungsgeschichte: Am Anfang war alles gut, aber dann kam ein böser Zauberer und schickte die Mücken; und es kamen Schmerzen und Krankheit, Streit usw. Die Geschichte könnte ich wohl finden.
    Ich suche sie aber jetzt nicht; und suche nicht (weitere) Beispiele, die es garantiert gibt, zusammen.
    Sage ich freihändig jetzt so: Die Schmerzen des Lebens werden wohl in vielerlei Religionen bedacht, erzählt; und auf ein Ereignis am angeblichen Anmfang der Menschheitsgeschichte rückprojiziert. Daran dachten die Menschen sicher schon oft herum. Und versuchten in ihren Religionen damit zurechtzukommen.

    Ich sehe gerade, Du betonst präzis:
    "Wenn es also auch nicht immer um Erlösung gehen mag, scheint doch zumindest eine Erklärung des Bösen zu (allen? oder nahezu allen) Religionen zu gehören".
    Ich würde ein bisschen vorsichtiger formulieren: In allen Religionen wird wohl Böses (und wie Du an anderer Stelle auch unterschieden hast: Moralisch Böses UND die menschenwidrige Natur mit ihren Katastrophen) thematisiert. Und Erklärungen lugen an vielerlei Ecken hervor. Aber bitte nicht verlangen, dass das sofort im Sinne einer Gesamt-Aussage/Analyse/Erklärung = Erläuterung zu verstehen ist; sondern eben in vielfältiger Weise erzählte Aspekte zu dem, was Menschen bewegt und schmerzt.
    Über diese schmerzhaften Seiten des Lebens zu reden, das heißt (um mit dem Ausgangspunkt "Erlösungsreligion" zu verknüpfen) noch nicht, es insgesamt abzulehnen oder als "Jammertal" zu denunzieren, aus dem man möglichst schnell erlöst werden müsste. Das kommt für die jüdisch/christliche Tradition erst in der Spätzeit des Alten Testaments und im Christentum erst richtig; doch dazu muss man auch die Parallelen mit den andern im Römischen Reich aufgekommenen Religionen sehen. Es lag da etwas in der Luft, das viele (in den unterdrückten Völkern) ansteckte.
    Man sollte dann nicht nur die Tatsache betonen, DASS es um Erlösung geht, sondern, WIE, und WO ENTLANG es um Erlösung geht. Da gibt's dann sicher Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede mit den zeitgenössischen anderen Erlösungs-Religionen.
    Ja, jetzt erlöse ich mich mal selber vom Computer - hoffe , dass das nicht wieder im Spam-Filter hängen bleibt - und komme auf die Todesvorstellungen im Alten Testament ein anderes Mal. Sie sind tatsächlich etwas vielfältiger, differenzierter... als ich mit meinem kurzen Einwurf behaupten wollte.

    Basty

  19. Edgar Dahl @ - Dietmar Hilsebein: Eschatologie
    19.05.2008 | 00:30

    "Und genau aus diesen Fragen heraus, entwickelte sich der Gedanke der Eschatologie. Alles Leben schreit nach Erlösung. Der Blick in die Augen eines Hundes reicht da schon..."

    Genau dies war ja auch meine Hypothese für den Ursprung der Religionen. Doch wie Boyer mir versicherte, sei sie falsch, weil es angeblich Völker gebe, in deren Religionen die Erlösung überhaupt keine Rolle spiele.

    Nahezu alles, was Sie schreiben, erinnert mich an die Willensmetaphysik Arthur Schopenhauers. Möglicherweise meinen Sie mit Erlösung daher auch gar nicht, was religiöse Menschen meinen, sondern das, was Schopenhauer mit der Verneinung des Willens zum Leben meint.

  20. Edgar Dahl @ - Basty: Sünde und Erlösung
    19.05.2008 | 00:44

    "'Der Sünde Sold' ist erst paulinisch; aber natürlich mit Rückgriff auf diese Geschichte. In der originalen Geschichte steht nichts von Sünde. Das kann man nie genug betonen."

    Herzlichen Dank für Deinen Kommentar! Wenn auch nicht buchstäblich von "Sünde" die Rede ist, ist die "Vertreibung aus dem Garten Eden" doch eine göttliche Bestrafung für ein menschliches Vergehen, oder nicht?

    Für mich war der "Sündenfall" in der Vergangenheit daher auch einfach eine Antwort auf die Frage, warum wir unser Brot "im Schweiße unseres Angesichts" essen müssen und wir wieder zu jener "Erde werden, wovon wir genommen" wurden.

Artikel kommentieren
szmtag