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Das Opium des Volkes

von Edgar Dahl, 13. Mai 2008, 00:25

Voltaire soll einmal gesagt haben „Wenn es keinen Gott gäbe, müsste man ihn erfinden“. In der Tat, die Idee, dass es einen lieben Gott gibt, der diese Welt erschaffen hat, aufmerksam über unser aller Schicksal wacht und uns nach unserem Tode zu neuem Leben erweckt, ist ungemein reizvoll. Diese Idee scheint mit einem Schlag all unsere Fragen zu beantworten. Sie kann uns verraten, woher wir kommen und wohin wir gehen, was wir zu tun und was wir zu lassen haben, und an wen wir uns in Zeiten der Dankbarkeit wie in Zeiten der Verzweiflung wenden können. Vor allem aber kann sie uns Hoffnung, Geborgenheit und Trost spenden und unserem Leben jenen allumfassenden Sinn verleihen, nach dem sich viele von uns so verzweifelt sehnen.

Verfechter wie Verächter der Religion sind sich denn auch seit jeher darin einig, dass der Glaube an einen himmlischen Vater etwas tief Beruhigendes hat. Nicht umsonst scheinen Gläubige die Ungläubigen mitunter zu bedauern, und Ungläubige die Gläubigen gelegentlich zu beneiden. Der britische Satiriker Terry Pratchett drückte dies unlängst einmal so aus: „Ich bin ein Atheist, allerdings einer, der ziemlich sauer auf Gott ist, dass er nicht existiert.“

Inzwischen hat sich nun auch die sogenannte „Glücksforschung“ dieses Problems angenommen. Die Glücksforschung ist ein empirisch und interdisziplinär orientierter Wissenszweig, in dem Biologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Soziologen, Politologen und Ökonomen die Grundlagen des menschlichen Glücks – oder, wie man dort lieber sagt: des „subjektiven Wohlbefindens“ – untersuchen.

Sind religiöse Menschen also tatsächlich glücklicher als areligiöse? Im Großen und Ganzen: Ja! Allerdings ist der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen bei weitem nicht so groß, wie man zunächst meinen möchte. In einer kürzlich durchgeführten Untersuchung sind 163.000 Menschen in Amerika und Europa befragt worden, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Erstaunliche 85 Prozent der religiösen, aber immerhin auch 77 Prozent der areligiösen Menschen versicherten, sie seien „sehr zufrieden“.

Wenn wir, etwas wohlwollend, unterstellen, dass Gläubige rund 10 Prozent glücklicher sind als Ungläubige, stellt sich natürlich sogleich die Frage: Woran genau liegt dies eigentlich?  Liegt es an dem Trost, den ihnen ihr Glaube spendet, oder liegt es an der Geborgenheit, die ihnen die Kirche gibt?

Bedauerlicherweise lässt sich diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten. Die positiven Effekte des religiösen Glaubens lassen sich leider nur schwer von den positiven Effekten der kirchlichen Gemeinschaft isolieren.

Eine Untersuchung von 124 Frauen, die ein Kind verloren hatten, zeigte beispielsweise, dass sich die gläubigen Mütter von diesem Schicksalsschlag eher erholten als die ungläubigen Mütter. Wie die religiösen Frauen erklärten, habe ihnen sowohl der Trost und Zuspruch ihrer Kirchengemeinde als auch der Glaube und die Hoffnung auf ein künftiges Wiedersehen im Himmel geholfen.

Das Glück, das die Religion beschert, ist jedoch nicht gleichmäßig über alle Gläubigen verteilt. So hat man festgestellt, „dass Religiosität eher mit dem Glücksempfinden von Frauen als mit dem von Männern und eher mit dem von älteren als mit dem von jüngeren Menschen zu tun hat; und dass Menschen, die aktiv und öffentlich an religiösen Aktivitäten teilnehmen glücklicher sind als solche, die lediglich religiöse Überzeugungen hegen“ (S. Lyubomirsky Glücklich sein. Frankfurt 2008, S. 247).

Wie schon angedeutet, mag es auf den ersten Blick verwundern, dass Gläubige letztlich nur etwas glücklicher sind als Ungläubige. Man sollte meinen, dass sich Menschen, die sich von einem Gott geliebt und behütet wähnen, bedeutend glücklicher sein sollten als Menschen, die Gott lediglich als ein „Opium des Volkes“ betrachten.

Doch hierbei muss man bedenken, dass das menschliche Glück grundsätzlich nur wenig von äußeren Umständen wie Rasse, Geschlecht, Nation, Wohlstand oder Bildung abhängig ist. Es scheint vielmehr, dass uns das Maß an Glück und Zufriedenheit, das wir empfinden, nahezu unveränderbar in die Wiege gelegt worden ist. Selbst ein Sechser im Lotto hebt unseren Glückspegel nur unwesentlich an. So gesehen, ist der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen also keineswegs zu unterschätzen.

Der Psychologe Martin P. Seligman fasst den Zusammenhang zwischen Religion und Glück denn auch folgendermaßen zusammensammen: „Relgiöse Menschen sind etwas glücklicher und zufriedener als nichtreligiöse Menschen. Sie nehmen eindeutig weniger Drogen, verüben weniger Verbrechen, werden seltener geschieden und begehen seltener Selbstmord. Sie sind auch körperlich gesünder und leben länger. Und sie werden durch Scheidung, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Todesfälle weniger erschüttert“ (M. Seligman Der Glücks-Faktor. München 2005, 106).

Dies klingt nun alles so schön, fast möcht’ man beten gehn. Doch wie uns schon Woody Allen zeigte, ist dies freilich leichter gesagt, als getan:

„Wenn Gott mir doch nur ein Zeichen gäbe! Einen brennenden Dornbusch vielleicht. Oder wie das Meer sich vor mir teilte. Oder eine großzügige Überweisung auf ein Schweizer Bankkonto.“



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Kommentare

  1. nihil jie ungemein reizvoll
    16.05.2008 | 10:07

    aus dem artikel:
    "In der Tat, die Idee, dass es einen lieben Gott gibt, der diese Welt erschaffen hat, aufmerksam über unser aller Schicksal wacht und uns nach unserem Tode zu neuem Leben erweckt, ist ungemein reizvoll"

    also ich finde da dran absolut nichts reizvolles. ich weiss nicht, ob ich das so gut finde, dass ich für irgend so ein übergeordnetes wesen hier die laborratte spielen darf. wenn jemand oder etwas eine so komplexe simulation (die welt, das universum) von irgend etwas herstellt... dann nur aus einem grund. es will etwas erfahren was es ohne diese simulation wahrscheinlich unmöglich wäre. aus welchem grund sonnst macht man denn so etwas ??? vor allem mit so einem aufwand ??? wo zu braucht ein "gott" die welt mit der vielen materie, energie, komplexen und weniger komplexen systemen drin ? wo zu etwas was sich entwickelt ? scheinbar will der "gute" etwas herausbekommen und ich habe herzlich wenig lust da mit zu machen... wenn ich die wahl hätte natürlich :) und wenn ich mich gut benehme werde ich dann auf eine diskette gespeichert wenn die simulation beendet ist, anstatt mich komplett zu terminieren ? na... das sind ja tolle aussichten *lach*

    dennoch ein hochgradig interessantes thema... !!!

  2. Edgar Dahl @ - nihil jie: Stimme vollkommen zu!
    16.05.2008 | 14:14

    Stimme vollkommen zu. Beate, Michael und ich hatten unlängst über den "Sinn des Lebens" gesprochen. Zumindest Beate und ich waren uns darin einig, dass der christliche Sinn des Lebens, ein gottgefälliges Leben zu führen, ein Sinn ist, mit dem wir uns schlecherdings nicht anfreunden können und froh darüber sind, unserem Leben einen eigenen Sinn geben zu können. Denn aus welchem Grunde sollten wir Gottes Absichten gutheißen? Selbst der christliche Apologet C. S. Lewis hat diese Welt einmal als ein "Experiment Gottes" bezeichnet, in dem wir nicht mehr als seine "Laborratten" sind.

  3. Sandra H. Sinn @Nihil und Dahl
    16.05.2008 | 14:38

    Habt Ihr über Pfingsten den Film "I, Robot" bei RTL gesehen (mit Will Smith)? Für jeden Freund der Frage, was Bewusstsein ist etc. ein "Muss"! Der zu Bewusstsein kommende (gewissermaßen erwachende) Robotor sagt irgendwann: "Ich glaube, dass mein Vater mich nicht einfach so gebaut hat, sondern dass er damit einen Zweck verfolgt hat. Ich weiss nicht welcher Zweck das ist, aber ich will es herausfinden.".

    Sein "Vater" existiert allerdings wirklich im Film: Ein Computer-/Robotor-Experte des marktbeherrschenden Robotor-Herstellers, der offenbar den Dreh gefunden hat, wie man beim Robotor-Bau von simuliertem Bewusstsein zu echtem Bewusstein kommt.

  4. Monika Georges @ Edgar & nihil jie & Sandra
    16.05.2008 | 16:54

    Jetzt ist aber Vorsicht geboten: Die Diskussion wird unscharf.
    Ein Atheist ist jemand, der nicht glaubt, dass es einen Gott überhaupt gibt. Mit der Motivation eines Gottes zur Erschaffung der Welt etc. muss ich mich deshalb schon gar nicht auseinandersetzen, weil ein Gott nicht existiert. Ich muss einen Gott auch nicht dadurch "wegbegründen", dass es irgendwo ein blödes Spiel wäre, ein derartiges Experiment zu erschaffen.

    "Denn aus welchem Grunde sollten wir Gottes Absichten gutheißen?"
    Auch hier komme ich m.E. argumentativ von der falschen Seite. Die Frage, ob ich eine derartige Fremdbestimmung, sozusagen als mein eigenes In-vivo- Experiment dann lustig finden würde, stellt sich für mich gar nicht, weil ich ja der Auffassung bin, dass es keinen Gott gibt.

    Vielleicht bin ich hier zu haarspalterisch, aber mit diesen Argumenten setze ich fast schon voraus, was im im gleichen Atemzug als nicht existent bezeichnet hatte.

    Menschen, oder vielleicht allgemeiner gesprochen, Lebensformen, die ein Bewusstsein ihrer selbst haben, fangen irgendwann zwangsläufig an, nach einem Sinn ihres Daseins zu suchen und wenn sie dann feststellen, dass da keine übergeordnete Sinnebene ist, dann ist das nicht unbedingt angenehm. U.a. aus dieser Überlegerung heraus entstanden wahrscheinlich die verschiedenen Glaubensformen - ist jedenfalls meine Theorie.

    Die WARUM-Frage beantworten wir Atheisten ganz lapidar mit "So ist das eben, fertig." Aber damit kommt nicht jeder klar und wird dann vielleicht in den Religionen irgendwie sinn-fündig.

  5. Edgar Dahl @ - Monika
    16.05.2008 | 17:16

    Ja, Du hast vollkommen recht! Meine Bemerkung war auch nur hypothetisch gemeint: Angenommen, es gäbe einen Gott und er verlangte von uns, dass wir seinen Geboten gehorchten - könnte ich dies als "Sinn des Lebens" akzeptieren? Nein! Selbst wenn es Gott gäbe, wäre ich mit seiner Schöpfung nicht einverstanden. Mag dieses "göttliche Experiment" letztlich auch in einer "ewigen Harmonie" enden, scheint mir diese Harmonie doch den Preis nicht wert. Doch hier zitiere ich nahezu wortwörtlich Iwan Karamasow aus Dostojewskijs Roman "Die Brüder Karamasow". Um mich nicht der Gefahr des Plagiarimus auszusetzen, noch schnell ein Zitat von Woody Allen, der denselben folgendermaßen ausdrückte: "Wenn dieses Leben eine Prüfung ist, könnten wir sie dann nicht einfach schriftlich machen?"

  6. Michael Blume Kleines Lob nachträglich :-)
    27.07.2008 | 21:33

    Lieber Edgar,

    ich habe mich erlaubt, Dich bzw. Deine Glücksforschung im Rahmen eines Braincast-Interviews mit Arvid Leyh zu rühmen und auch diesen Artikel hier von meinem Weblog aus verlinkt.

    Siehe hier:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...086476/

    Und Du weißt ja - wenn ein Schwabe mal lobt, dann muss er wirklich begeistert sein! ;-)

    Herzliche Grüße, freue mich, auch in Zukunft viel von Dir zu lesen!

    Michael

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