Das Opium des Volkes
Voltaire soll einmal gesagt haben „Wenn es keinen Gott gäbe, müsste man ihn erfinden“. In der Tat, die Idee, dass es einen lieben Gott gibt, der diese Welt erschaffen hat, aufmerksam über unser aller Schicksal wacht und uns nach unserem Tode zu neuem Leben erweckt, ist ungemein reizvoll. Diese Idee scheint mit einem Schlag all unsere Fragen zu beantworten. Sie kann uns verraten, woher wir kommen und wohin wir gehen, was wir zu tun und was wir zu lassen haben, und an wen wir uns in Zeiten der Dankbarkeit wie in Zeiten der Verzweiflung wenden können. Vor allem aber kann sie uns Hoffnung, Geborgenheit und Trost spenden und unserem Leben jenen allumfassenden Sinn verleihen, nach dem sich viele von uns so verzweifelt sehnen.

Verfechter wie Verächter der Religion sind sich denn auch seit jeher darin einig, dass der Glaube an einen himmlischen Vater etwas tief Beruhigendes hat. Nicht umsonst scheinen Gläubige die Ungläubigen mitunter zu bedauern, und Ungläubige die Gläubigen gelegentlich zu beneiden. Der britische Satiriker Terry Pratchett drückte dies unlängst einmal so aus: „Ich bin ein Atheist, allerdings einer, der ziemlich sauer auf Gott ist, dass er nicht existiert.“
Inzwischen hat sich nun auch die sogenannte „Glücksforschung“ dieses Problems angenommen. Die Glücksforschung ist ein empirisch und interdisziplinär orientierter Wissenszweig, in dem Biologen, Anthropologen, Ethnologen, Psychologen, Soziologen, Politologen und Ökonomen die Grundlagen des menschlichen Glücks – oder, wie man dort lieber sagt: des „subjektiven Wohlbefindens“ – untersuchen.
Sind religiöse Menschen also tatsächlich glücklicher als areligiöse? Im Großen und Ganzen: Ja! Allerdings ist der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen bei weitem nicht so groß, wie man zunächst meinen möchte. In einer kürzlich durchgeführten Untersuchung sind 163.000 Menschen in Amerika und Europa befragt worden, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Erstaunliche 85 Prozent der religiösen, aber immerhin auch 77 Prozent der areligiösen Menschen versicherten, sie seien „sehr zufrieden“.
Wenn wir, etwas wohlwollend, unterstellen, dass Gläubige rund 10 Prozent glücklicher sind als Ungläubige, stellt sich natürlich sogleich die Frage: Woran genau liegt dies eigentlich? Liegt es an dem Trost, den ihnen ihr Glaube spendet, oder liegt es an der Geborgenheit, die ihnen die Kirche gibt?
Bedauerlicherweise lässt sich diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten. Die positiven Effekte des religiösen Glaubens lassen sich leider nur schwer von den positiven Effekten der kirchlichen Gemeinschaft isolieren.
Eine Untersuchung von 124 Frauen, die ein Kind verloren hatten, zeigte beispielsweise, dass sich die gläubigen Mütter von diesem Schicksalsschlag eher erholten als die ungläubigen Mütter. Wie die religiösen Frauen erklärten, habe ihnen sowohl der Trost und Zuspruch ihrer Kirchengemeinde als auch der Glaube und die Hoffnung auf ein künftiges Wiedersehen im Himmel geholfen.
Das Glück, das die Religion beschert, ist jedoch nicht gleichmäßig über alle Gläubigen verteilt. So hat man festgestellt, „dass Religiosität eher mit dem Glücksempfinden von Frauen als mit dem von Männern und eher mit dem von älteren als mit dem von jüngeren Menschen zu tun hat; und dass Menschen, die aktiv und öffentlich an religiösen Aktivitäten teilnehmen glücklicher sind als solche, die lediglich religiöse Überzeugungen hegen“ (S. Lyubomirsky Glücklich sein. Frankfurt 2008, S. 247).
Wie schon angedeutet, mag es auf den ersten Blick verwundern, dass Gläubige letztlich nur etwas glücklicher sind als Ungläubige. Man sollte meinen, dass sich Menschen, die sich von einem Gott geliebt und behütet wähnen, bedeutend glücklicher sein sollten als Menschen, die Gott lediglich als ein „Opium des Volkes“ betrachten.
Doch hierbei muss man bedenken, dass das menschliche Glück grundsätzlich nur wenig von äußeren Umständen wie Rasse, Geschlecht, Nation, Wohlstand oder Bildung abhängig ist. Es scheint vielmehr, dass uns das Maß an Glück und Zufriedenheit, das wir empfinden, nahezu unveränderbar in die Wiege gelegt worden ist. Selbst ein Sechser im Lotto hebt unseren Glückspegel nur unwesentlich an. So gesehen, ist der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen also keineswegs zu unterschätzen.
Der Psychologe Martin P. Seligman fasst den Zusammenhang zwischen Religion und Glück denn auch folgendermaßen zusammensammen: „Relgiöse Menschen sind etwas glücklicher und zufriedener als nichtreligiöse Menschen. Sie nehmen eindeutig weniger Drogen, verüben weniger Verbrechen, werden seltener geschieden und begehen seltener Selbstmord. Sie sind auch körperlich gesünder und leben länger. Und sie werden durch Scheidung, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Todesfälle weniger erschüttert“ (M. Seligman Der Glücks-Faktor. München 2005, 106).
Dies klingt nun alles so schön, fast möcht’ man beten gehn. Doch wie uns schon Woody Allen zeigte, ist dies freilich leichter gesagt, als getan:
„Wenn Gott mir doch nur ein Zeichen gäbe! Einen brennenden Dornbusch vielleicht. Oder wie das Meer sich vor mir teilte. Oder eine großzügige Überweisung auf ein Schweizer Bankkonto.“
Ähnliche Artikel:
- Gottes Rache an Darwin
- Der Fall der Mauer
- Die Religion fiel nicht vom Himmel
- Die Auschwitzlüge
- Mein Wille geschehe!



Ist die Beziehung zwischen Glück und Religion auch vom Wohlstand abhängig? Profitiert jemand, der am Existenzminimum vegetiert, stärker von der Religion als jemand der satt ist? Kann die Religion helfen, aussichtslose Situationen ohne Selbstaufgabe zu überstehen und ist deshalb ein evolutionärer Vorteil?
...finde ich nicht nur statistisch erstaunlich: 23 Prozent eher unglückliche Konfessionslose, nur 15 Prozent eher unglückliche Religiöse!
Dabei wissen wir, dass viele Menschen (erst) in Not und Krankheit nach Gott suchen und in guten, sicheren Zeiten die religiöse Bindung schleifen lassen. (Man denke dabei auch an Sprichworte wie "Not lehrt beten" etc.). Insofern ist das erstaunlich, so deutlich hätte ich den verbleibenden Unterschied nicht erwartet!
Zur Metapher "Opium des Volkes" ist anzumerken: erfreulich ist schon einmal, dass zunehmend anerkannt wird, dass Religionen sich auch aus der Basis heraus bilden können und z.B. auch in Wildbeuterkulturen bestehen, in denen es weder Einkommensunterschiede noch eine eigene Priesterklasse gibt. Wie ich mir generell weniger eurozentrisch-biografische Selbstbespiegelung und mehr Berücksichtigung auch von vorschriftlichen und naturreligiösen Systemen in den Religionsdiskussionen wünschen würde.
Allerdings schädigt, und hier endet die Überzeugungskraft der Metapher, regelmäßiger Opiumkonsum den biologischen Erfolg, Religiosität aber erhöht den Reproduktions- und Überlebenserfolg nachweislich.
Ein paar Daten dazu: http://www.kas.de/wf/doc/kas_13362-544-1-30.pdf
Auch macht sie, wie wir (und hier dankenswerterweise auch Edgar Dahl) zunehmend erkennen, häufiger glücklich.
Ebenfalls empirisch zeigt sich, dass religiöse Menschen auch (über kirchliche Abgaben hinaus!) häufiger spenden (was wiederum ein Glücksfaktor sein könnte), siehe z.B. hier:
http://skylla.wz-berlin.de/pdf/2005/i05-202.pdf
(S. 27 f.)
Also, wenn Woody Allen da tatsächlich noch mehr Zeichen braucht... Ich kann nicht verstehen, warum immer noch Leute behaupten, religiöse Menschen müssten Angst vor wissenschaftlichen Erkenntnissen haben. Im Gegenteil! ;-)
*Allerdings schädigt, und hier endet die Überzeugungskraft der Metapher, regelmäßiger Opiumkonsum den biologischen Erfolg*
Konsum von Rauschmitteln ist mindestens genausosehr kulturelle Konstante wie Religion (und in vielen Religionen auch mit ihr verknüpft).
Zitat "Konsum von Rauschmitteln ist mindestens genausosehr kulturelle Konstante wie Religion (und in vielen Religionen auch mit ihr verknüpft)."
Selbstverständlich! Denken wir nur an Peyote-Trance oder LSD-Trips, Brot und Wein beim Abendmahl etc. Nur: gewachsene Religionsgemeinschaften reglementieren den Drogenkonsum meist sehr stark.
Und vor allem: ein z.B. täglicher Opium- und Alkoholkonsum wirkt sich zweifelsfrei biologisch und sozial schädlich aus, das tägliche Gebet korreliert dagegen mit durchschnittlich mehr Vergemeinschaftung, Familienorientierung und Reproduktionserfolg.
Nichts gegen polemische Metaphern: Aber gerade aus naturalistisch-biologischer Perspektive sind m.E. die Auswirkungen unterschiedlicher Verhaltensmerkmale doch auch zu unterscheiden...
Aber vorsicht: Religion ist auch nicht zwangsläufig synonym mit täglichem Gebet.
Lieber Michael,
ich bin, ehrlich gesagt, etwas enttäuscht. Ich hatte gehofft, dass Du diesen Beitrag interessant oder zumindest amüsant finden würdest. Doch statt dessen stößt Du Dich sogleich an der vermeintlich polemischen Metapher vom "Opium des Volkes". Wenn wir uns entgegenkommen wollen, müssen wir beide einen Schritt tun!
Ich verstehe nicht, wie Du so empfindlich sein kannst. Marx hin, Marx her - viele betrachten die Religion nun einmal als ein "Opium des Volkes", mit dem sich die Menschen über die Not und Pein ihres irdischen Daseins hinwegtrösten. Und haben sie nicht auch guten Grund dazu? Geben nicht selbst Theologen zu, dass sich Gott durch die Vernunft nicht fassen lässt und der "Glaube letztlich ein Wagnis" ist?
Hier ein neuer Vorschlag für einen Kompromiss: Sagen wir doch, dass die Religiosität wie die Musikalität angeboren ist und die Menschen, je nachdem, ob sie nun religiös oder areligiös sind, die Welt unterschiedlich interpretieren. Die einen nehmen den Zyklon in Birma oder das Erdbeben in China als ein "Zeichen" für die Gegenwart Gottes, die anderen als ein "Zeichen" für die Abwesenheit Gottes.
Ja, es gibt tatsächlich einen solchen Zusammenhang: "There is more religious activity among the poor, old, ill, unmarried, uneducated and those afflicted by famine and oppression" (M. Argyle: The Psychology of Happiness, Routledge, London 2004, S. 176). Feuerbach, Marx und Freud lassen offenbar grüßen.
Zitat: "Relgiöse Menschen sind etwas glücklicher und zufriedener als nichtreligiöse Menschen. Sie nehmen eindeutig weniger Drogen, verüben weniger Verbrechen,..."
Sie verüben weniger Verbrechen?! Das stimmt aber zumindest für Deutschland nicht. In den deutschen Gefägnissen sind die besonders gläubigen Menschen deutlich überrepräsentiert (nicht unbedingt Christen ;-) und Atheisten deutlich unterrepräsentiert. Genaue Statistiken sind in Deutschland zwar verboten zu veröffentlichen, man kommt mit etwas Mühe aber trotzdem an die Zahlen (z.B. bei der Bezirksregierung anfragen, wie ihre Gefängnisse besetzt sind).
mfg
Lutz
Moin, moin!
Man sollte aber auch bedenken, dass sich sicherlich viele Gläubige gegenüber ihrem Glauben verpflichtet fühlen, glücklich zu sein. Dies ist vermutlich auch die Ursache, warum Beten manchmal „nach hinten losgehen kann.“
http://www.spiegel.de/...sch/0,1518,409005,00.html
Zitat: „Wirken Gebete positiv auf die Genesung Kranker? Nein, haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden. Die Anrufung Gottes kann sogar schädlich sein: Weiß der Kranke von den Fürbitten, kann sich dadurch sein Komplikationsrisiko erhöhen.“
Die Kranken fühlten sich zum Wohlfühlen verpflichtet, um nicht die für sie Betenden oder gar ihren Gott zu betrüben. In Wahrheit ging es den Kranken schlechter als sie vorgaben.
So darf man wohl auch davon ausgehen, dass bei obiger Befragung viele Gläubige dem Fragesteller gegenüber etwas „geflunkert“ haben, oder sich zumindest selbst belogen haben, und sie objektiv weit weniger glücklich waren.
Mit freundlichen Grüßen
Lutz
Ein Mindesmaß an Glücksempfinden ist sicherlich zumindest für alles höhere intelligente Leben auf der Erde notwendig. Sonst wären nicht behütete längere Kindheitsphasen so sehr mit Intelligenz korreliert über den Artenstaummbaum hinweg. Und "Urvertrauen", erworben in der Kindheit, läßt einen sicherlich später im Leben auch leichter Unglücks-Erfahrungen aushalten und läßt einen leichter später sagen: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.
Denn wir wissen ja, daß es eben Streßzeiten gibt in der Evolution, daß es oft "gnadenlos" zugeht in der Evolution, daß Individuen und ganze Populationen durch den evolutiven Verlaug umgebracht werden können können. Und wir wissen, daß in Streßzeiten mit besonderer Wahrscheinlichkeit Neues entstehen kann in der Evolution, unter anderem, weil in diesen stärker Selektionsfaktoren am Wirken sind.
So sollten wir z.B. nicht davon ausgehen, daß die ersten Vertreter der neuen Säugetierarten nach dem Aussterben der Dinosaurier individuell besonders *glücklich* waren.
Aller Anfang ist schwer, wie wir wissen. Neuanpassungen sind schwer in der Evolution. Die Untergruppe unter Gläubigen und Ungläubigen, die es sich mit einem Neuanfang in religiösen Dingen schwer macht, und nicht einfach auf alten Bahnen weitertrottet, wird in solchen hier ausgewerteten Statistiken sicherlich nicht besonders genau erfaßt.
Aber gerade auf diese Untergruppe wird es wohl heute und künftig besonders ankommen. Und gerade dieser möchte man dann besonders viel in der Kindheit erworbenes Urvertrauen wünschen, das sie die heutigen, harten Zeiten der gesellschaftlichen Religionslosigkeit überstehen läßt.
Jedenfalls sich mit "symbolischen" Wahrheiten zufrieden zu geben, bevor man nicht das letzte aus der wirklichen Wahrheit herausgeholt hat, würde ich in heutiger Zeit als intellektuell allzu bequem, ja unredlich erachten.
Und das kann nicht immer nur - individuell oder auf Gruppenebene - in trivialerer Weise glücklich machen. Oder in den Worten von Peter Sloterdijk: Wir brauchen eine Ethik für Kämpfer, nicht für Patienten (denen Glück und Wohlbefinden das einzig Wichtige ist im Leben).
Ob jemand an ein oder mehrere höhere Wesen, oder was auch immer in dieser Richtung im Angebot ist, glaubt und ob ihn das glücklich macht, hängt sicherlich mit der Gesellschaft in der er lebt und mit Erfahrungen, die er mit Religion/Glauben/Kirche gemacht hat, eng zusammen.
In westlichen säkulären Gesellschaften hat man sicherlich, jedenfalls grundsätzlich, die freie Wahl. Ob man diese Freiheit zu wählen dann auch nutzt, ist die nächste Frage.
Ich möchte behaupten, dass sich viele Menschen gar nicht bewusst für einen Glauben entschieden haben, sondern einfach in der Gesellschaft, in der sie leben, nicht aus dem Rahmen fallen wollen und es ist ja auch bequem, einfach ein derartiges System zu übernehmen. Ich schätze, dass ein nicht ganz unerheblicher Anteil an Kirchenmitgliedern eher zu diesen passiven Gläubigen zählt. Sie haben sich eigentlich nicht direkt jemals Gedanken über Glauben, Lebens-Sinn oder dergleichen gemacht, wollen das auch gar nicht und da ist es einfach unaufwändig das herrschende Glaubenssystem mit seinen "Antworten" zu übernehmen.
Außerdem ist es ja auch ganz nett, wenn man glauben kann, dass man nicht nur einen Versuch hat und dann Schluss ist und dass das Leben einen Sinn hat und dass etwas/jemand Höheres sich für einen interessiert.
Jemand der an nichts -außer vielleicht an sich selbst- glaubt und sich seine Leitplanken über philosophische Überlegungen selber gebaut hat, hat es wesentlich schwerer. Abgesehen davon, dass man, auch in den säkulären westlichen Gesellschaften immer noch ein Ausnahmefall ist, jedenfalls, wenn man seinen Atheismus offen ausspricht, so lebt man auch damit, dass man allein ist, sozusagen die zweite galileiische Kränkung...
Man muss ein System und eine Ethik selbst konstruieren. Man arbeitet praktisch ständig daran, hinterfragt sicherlich seinen Lebensentwurf öfter und wohl auch radikaler, als es ein gläubiger Mensch tut. Das Gefühl des Aufgehobenseins fehlt (im Sinn von abwesend sein) einem Atheisten sicherlich eher, als einem gläubigen Menschen. Einen Anker hat man dann nur in sich selbst. Man kann sich nur auf sich selbst (soweit man davon ausgeht, dass man einen freien Willen hat) oder vielleicht auf einen anderen Menschen verlassen (nun ja, jedenfalls bis zum Beweis des Gegenteils).
Glück ist natürlich recht relativ und wie schon diskutiert, könnte natürlich der eine oder andere Gläubige versucht gewesen sein, seine Angaben etwas zu schönen - der Gruppendruck in Gemeinschaften ist nicht zu unterschätzen (auch wenn keiner, außer Gott, weiß, was derjenige auf die Fragen geantwortet hat).
Es kann auch damit zusammenhängen, dass man als Atheist die Dinge öfter in Frage stellt, überdenkt. Je mehr man sich mit Dingen befasst, desto eher fällt einem dann vielleicht auch ein Haar in der Suppe auf...
Ich will gar nicht bewerten, wer Recht hat, die Atheisten, oder diejenigen, die sich bewusst für einen Glauben entschieden haben. Das ist in diesem Zusammenhang irgendwie abwegig. Jeder soll sich doch seine Art, mit dem Leben klarzukommen, selbst aussuchen dürfen(suum cuique). So wie ich es mir verbitten würde ständig mit Bekehrungsversuchen belästigt zu werden, so halte ich mich auch heraus, wenn jemand seine Leitlinie in einem Glauben gefunden hat, solange er anderen ihre Freiheit lässt, soviel Zugeständnis muss sein !
Terry Pratchett mal wieder. :)
Ich bin allerdings nicht sauer auf Gott weil er nicht existiert.
Ich bin sauer auf meine Umwelt (Gesellschaft) die mich ueber Jahre mit wahnwitzigen Weltbildern verwirrt hatten die ohne drastische Anpassungen nicht mit gesundem Verstand zu vereinbaren sind. Weltbilder die derart abstrus sind das sich ein Vierjaehriger dafuer schaemen muesste.
Zum Glueck haben sich meine Eltern nie die Muehe gemacht die Mythen vom Osterhasen, Weihnachtsmann und Gott zu verteidigen.
Wenn ich erkannt hatte das was nicht stimmen konnte wurde ich ermutigt mein Weltbild anzupassen anstatt es gegen die Wahrheit zu verteidigen.
(Und dennoch musste ich erst Volljaehrig werden bis ich Gott endgueltig ins Reich der Mythen verstossen habe)
Ich habe grossen Mitleid mit meinen Mitmenschen die dieser Indoktrination in groesserem Mass ausgesetzt. Und deren Umwelt sich gegen einen Realitaetsabgleich ihrer Mitmenschen wehrt.
Sollen wir alle eine Luege glauben nur weil sie uns Gluecklich macht?
Duerfen wir den Kindern dieser Welt im Wege stehen die Warheit zu finden nur weil manche mit einer Luege besser leben koennen?
Ich finde den Gedanken abstossend und unmoralisch!
PS: Wer fuer sich entscheidet die Augen vor der Wahrheit zu verschliessen hat meinen Segen. Aber so wie Glaube strukturiert ist manifestiert er sich in Gesellschaften und raubt den Individuen die Freiheit.
Lieber Edgar,
Du schriebst: "ich bin, ehrlich gesagt, etwas enttäuscht."
Oh, entschuldige! Das lag gar nicht in meiner Absicht!
Zitat "Ich hatte gehofft, dass Du diesen Beitrag interessant oder zumindest amüsant finden würdest."
Ich finde ihn sogar SEHR interessant! Und sehr gut!
Zitat "Doch statt dessen stößt Du Dich sogleich an der vermeintlich polemischen Metapher vom "Opium des Volkes"."
Das war das einzige, was ich nicht verstanden habe. Aber schlimm fand ich das gar nicht, bin so etwas längst gewöhnt. Aber Du hast völlig Recht: ich hätte erst einmal anerkennend schreiben sollen, wie gelungen ich den Beitrag finde! Denn das ist er in der Tat!
Wiedergutmachungs-Vorschlag: Ich empfehle ihn von meinem privaten Religionswissenschaftler-Blog ausdrücklich und hoffe, dass noch ein paar Leute auf das Thema aufmerksam werden!
Zitat "Wenn wir uns entgegenkommen wollen, müssen wir beide einen Schritt tun!"
Selbstverständlich! Solange von mir niemand verlangt, dass ich harte, empirische Daten ignoriere, lasse ich über Begriffe gerne mit mir streiten! :-)Wobei ich finde, dass wir beide uns schon mit Hochdruck bewegen! :-)
Zitat "Ich verstehe nicht, wie Du so empfindlich sein kannst."
Bin ich gar nicht. Ich habe nur die Metapher ernst genommen und überlegt, inwiefern die "Glücksfunktion" von Opium und Religion vergleichbar sei. Ehrlich!
Zitat "Marx hin, Marx her - viele betrachten die Religion nun einmal als ein "Opium des Volkes", mit dem sich die Menschen über die Not und Pein ihres irdischen Daseins hinwegtrösten."
Naja, aber wissenschaftliche Haltbarkeit entscheidet sich doch nicht an Abstimmungen. Biologisch gesehen, betäubt und schadet Opium, Religiosität befähigt. Das ist empirisches Fakt.
Zitat "Und haben sie nicht auch guten Grund dazu? Geben nicht selbst Theologen zu, dass sich Gott durch die Vernunft nicht fassen lässt und der "Glaube letztlich ein Wagnis" ist?"
Ach so, im Sinne eines Ertragens bzw. Betäubens mutmaßlicher Sinnlosigkeit meinst Du das. Naja, biologisch gesehen ist es doch eher eine Bewältigung und ob ein letzter Sinn dahinter steht, können wir erkenntnistheoretisch nicht wissen...
Zitat "Hier ein neuer Vorschlag für einen Kompromiss: Sagen wir doch, dass die Religiosität wie die Musikalität angeboren ist und die Menschen, je nachdem, ob sie nun religiös oder areligiös sind, die Welt unterschiedlich interpretieren. Die einen nehmen den Zyklon in Birma oder das Erdbeben in China als ein "Zeichen" für die Gegenwart Gottes, die anderen als ein "Zeichen" für die Abwesenheit Gottes."
Jawohl! Perfekt! Diese Formulierung unterzeichne ich gerne!!!
Mit Dank für Deine Arbeit und Freude auf unser Wiedersehen morgen!
Dein
Michael
Sehr schöner Beitrag!
Zitat "Ich möchte behaupten, dass sich viele Menschen gar nicht bewusst für einen Glauben entschieden haben, sondern einfach in der Gesellschaft, in der sie leben, nicht aus dem Rahmen fallen wollen und es ist ja auch bequem, einfach ein derartiges System zu übernehmen."
Ja, das sehe ich auch so. Nicht weniger träge und intolerant verhalten sich aber auch konfessionslose Menschen - anstatt zu verstehen versuchen, was ihre glaubenden Zeitgenossen bewegt, wird allzu schnell Häme und Verachtung ausgeschüttet.
Zitat "Ich schätze, dass ein nicht ganz unerheblicher Anteil an Kirchenmitgliedern eher zu diesen passiven Gläubigen zählt."
...und ein nicht minder großer Teil der Konfessionslosen auch!
Zitat "Ich will gar nicht bewerten, wer Recht hat, die Atheisten, oder diejenigen, die sich bewusst für einen Glauben entschieden haben. Das ist in diesem Zusammenhang irgendwie abwegig. Jeder soll sich doch seine Art, mit dem Leben klarzukommen, selbst aussuchen dürfen(suum cuique). So wie ich es mir verbitten würde ständig mit Bekehrungsversuchen belästigt zu werden, so halte ich mich auch heraus, wenn jemand seine Leitlinie in einem Glauben gefunden hat, solange er anderen ihre Freiheit lässt, soviel Zugeständnis muss sein !"
Gerne würde ich diese Sätze fett unterstreichen! Mich wundert immer wieder, wie aggressiv gerade auch im Web sowohl religiöse wie atheistische Fundamentalisten diskutieren. Dabei ist der ernsthafte und auch wissenschaftliche Dialog doch viel interessanter! Er setzt aber voraus, die je andere Sicht auch erst einmal verstehen zu wollen - und nicht zu verurteilen, was man nicht versteht!
Stimme Dir zu, was die oft aggressiven Reaktionen gegen den und das jeweils andere betrifft. Möchte aber behaupten, dass jemand, der sich wirklich ernsthaft mit diesen Fragestellungen befasst hat, sich dann auch entsprechend zurücknehmen kann und seine Überzeugungen anderen nicht ungefragt aufnötigt.
Bei dem Punkt mit den unreflektierten Konfessionslosen möchte ich allerdings meinen, dass zumindest der Anteil geringer ist als bei den "Gläubigen". Zumindest in unserem Kulturkreis wird man ja sozusagen erst mal für den Glauben entschieden (Taufe, Kommunion/Konfirmation), bevor man in dem Alter ist, sich bewußt und überlegt dafür oder dagegen entscheiden zu können. Und konfessionslos heißt ja noch nicht atheistisch, denn ersteres setzt nur einen Antrag beim Standesamt voraus (und es gibt ja auch Konfessionslose, die durchaus an ein höheres Wesen oder ähnliches glauben), letzteres einen Überlegungsvorgang, der dann zu einer bewussten Entscheidung führt, nicht an ein höheres Wesen zu glauben und sich dann auch von seiner Kirche zu lösen.
Beim letzten Punkt gebe ich Dir wieder uneingeschränkt Recht ! Es ist wirklich schade, wenn man sich nur noch aggressiv Dinge an den Kopf wirft. Das ist dann auch kein Dialog, sondern dann führt jeder nur noch einen Monolog, weil er eigentlich gar nicht an der Meinung/Überzeugung des anderen interessiert ist, den anderen nicht akzeptieren und oftmals nicht mal überzeugen, sondern einfach nur Recht haben will. Und das ist dann wirklich traurig, denn das ist es doch, was den Umgang mit Menschen interessant macht: Dass sie verschieden von einem selbst sind, einen anderen Background haben, andere Dinge erlebt haben, andere Überzeugungen haben. Sonst kann ich mich ja gleich mit mir selbst unterhalten... Wenn wir alle gleich wären, alle das gleiche glauben und das gleiche tun, dann wird es unglaublich öde !
Die Aggression stammt vielleicht auch daher, dass man sich seiner Sache nicht sicher ist, denn andernfalls kann man doch entspannt mit anderen Meinungen umgehen und seine Überzeugungen darlegen, wenn das gewünscht wird(andernfalls behalte ich's für mich).
An einem bestimmten Punkt muss man vielleicht auch einfach sagen: OK, das ist jetzt unbeweisbar - das ist einfach die Überzeugung, die ich mir als die für mich wahrscheinlichste und nachvollziehbarste gebildet habe und dabei bleibe ich bis zum Beweis des Gegenteils. Das muss ich dann aber auch ehrlich zugeben und nicht die Aggressionskarte spielen.
Grüße
Monika
...hat Michael Blume absolut Recht wenn er schreibt: "Nicht weniger träge und intolerant verhalten sich aber auch konfessionslose Menschen - anstatt zu verstehen versuchen, was ihre glaubenden Zeitgenossen bewegt, wird allzu schnell Häme und Verachtung ausgeschüttet."
Diesen Satz möchte ich nun wieder am liebsten fett unterstreichen, denn er trifft das Problem genau im Kern.
In der Tat fällt mir gerade in der wissenschaftlichen Blogszene immer wieder auf, wie hart teilweise mit religiösen Menschen umgegangen wird. Als Wissenschaftler und gläubiger Christ bin ich die Diskussionen mit einigen meiner Kollegen ja gewohnt - die bewegen sich allerdings stets auf einem angenehmen Niveau und bereiten mir viel Freude. Im Netz sieht es dagegen ganz anders aus, denn hier wird von einigen atheistischen Kollegen regelmäßig auch in verbal unschöner Art und Weise über religiöses Gedankengut hergezogen.
Dass es auch religöse Fundamentalisten gibt, die (online wie offline) anderen Menschen ihre Vorstellungen am liebsten mit Gewalt aufzwingen wollen, ist für mich da kein Rechtfertigungsgrund. Immerhin argumentieren diese Leute aus einer ganz anderen Position heraus, denn nicht selten fühlen sie sich im Besitz der alleinigen Wahrheit. Von einem Wissenschaftler erwarte ich da eine andere Herangehensweise - und vor allem eine andere Ausdrucksweise. Wenn ich da an einige Blogposts denke.....
Schön zu sehen, dass zumindest in diesem Blog eine Diskussion auf anderem Niveau stattfindet!
Gab es bisher eigentlich nur diese eine Studie zum Thema Glück und Religiosität? Könnte es sein, dass die nicht umfassend genug war und vielleicht auch von der Lobbyseite, die ein Interesse daran hat, Religiosität mit Glück in Verbindung zu betrachten? Wurde die Befragung unter Bedingungen durchgeführt, die für eine wissenschaftliche Studie Voraussetzung sind? Warum wurden dabei nicht solche Fragen gestellt, die z.B. die Angst vor Bestrafungen als negatives Glück beinhalten?
Lieber Michael, ich mag ja eitel sein, doch so eitel nun auch wieder nicht, dass ich auf so grobschlächtige Art um Komplimente betteln würde. Ich war wirklich nur enttäuscht, dass Du Dich gegenüber der Metapher vom "Opium des Volkes" so empfindlich gezeigt hast. Ich bin der letzte, der sich etwas aus Marx macht, doch seine Metapher finde ich wirklich gelungen. Es geht ja nur darum, dass die Religionen etwas Beruhigendes haben und den Mensch helfen, sich über ihre Alltagsnöte hinwegzutrösten. Und dies ist gewiss ein nicht zu leugnender Aspekt der Religionen. Wie auch immer, das "Opium des Volkes" ist eine bloße Metapher, und es gibt nicht den geringsten Grund, sie wortwörtlich zu nehmen und auf die langfristigen Nachteile des Opiumkonsums hinzuweisen.
> ...hat Michael Blume absolut Recht wenn er
> schreibt: "Nicht weniger träge und intolerant
> verhalten sich aber auch konfessionslose
> Menschen - anstatt zu verstehen versuchen, was
> ihre glaubenden Zeitgenossen bewegt, wird allzu
> schnell Häme und Verachtung ausgeschüttet."
Aehm, entschuldigung. Ich kann das einfach nicht.
Sicherlich hat ein Glaeubiger es nicht verdient verachtet und verspottet zu werden.
Aber du musst schon mit Toleranz (im sinne von Tolerieren koennen) auskommen.
Verstaendnis ist zu viel verlangt. Ebenfalls Respekt.
Zumindest nicht Respekt im Speziellen. Respekt allgemein steht natuerlich jedem Menschen zu.
Aber du wirst schon damit klarkommen muessen das ich deiner religioesen Meinung den selben Respekt entgegen bringe wie einer politischen Meinung mit der ich nicht uebereinstimme.
Und das ich deinen Argumentation etwa die selbe Haeme entgeben bringe wie beispielsweise Astrologie.
Ich moechte jetzt nicht zu anklagend klingen. Aber kommt doch bitte damit klar das ihr in den Augen anderer etwa so aberwitzig dasteht wie Verehrer des fliegenden Spaghettimonsters.
Warum sollt Ihr in unseren Augen anders bewertet werden wie andere Leute die an etwas voellig verreucktes glauben?
Gott, fliegendes Spaghettigmonster, fliegende Teekannen, Mondstrahlung, heilende Tachyonen, lebensbeeinflussende nicht realvorhandene Planetenkonstellationen...
Das ist doch alles das selbe. Zumindestens wenn man ausserhalb des Weltbildes eines Glaeubigen steht.