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Einstein'sche Religion

von Edgar Dahl, 20. März 2008, 13:43

Gerade war ich dabei, einen kurzen Text zur vielbeschworenen „Menschenwürde“ auf den Blog zu stellen, als mir meine Tochter Gabrielle eine Zeichnung von Albert Einstein zeigte, die sie für ihr erstes Physik-Heft angefertigt hatte. Da meine Gedanken, wie die so vieler Männer, „immer nur um das Eine“ kreisen, kam mir sofort die Idee, doch schnell noch etwas zur vielzitierten Religiosität Einsteins zu schreiben.

Um zu demonstrieren, dass sich Religion und Wissenschaft sehr gut miteinander vertragen, verweisen viele Theologen gerne darauf, dass selbst der vielleicht größte Wissenschaftler aller Zeiten „religiös“ und damit „einer von ihnen“ war. Doch hatte Einstein, wenn er etwa sagte „Gott würfelt nicht!“, wirklich den „Gott“ der monotheistischen Weltreligionen vor Augen?

Nein (beinahe hätte ich gesagt „natürlich nicht“)! Einsteins „Gott“ war und ist lediglich eine Metapher, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Schöpfergott und Weltenlenker der Abrahamitischen Religionen zu tun hat.

So schrieb er etwa: „Ich glaube an den Gott Spinozas, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit den Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt.“

Um klarzustellen, dass mit der „Harmonie alles Seienden“ nicht der Gott gemeint ist, der zahllose Menschen Sonntag für Sonntag in die Kirchen lockt, fügte er unmissverständlich hinzu: „Der Glaube an einen persönlichen Gott ist mir völlig fremd und kommt mir sogar naiv vor.“ Soweit mein, oder besser: Einsteins „Wort zum Ostersonntag“.     



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Kommentare

  1. Michael Blume Sah Friedrich August von Hayek...
    20.03.2008 | 14:26

    ...übrigens ganz genau so. Und erkannte trotzdem, dass sich der theistische (nicht nur deistische oder pantheistische) Glaube über evolutionäre Vorteile entfaltet hat und entfaltet! (Den Beitrag dazu gibts aber wohl frühestens Ostermontag (-; ).

    Charles Darwin selbst war ebenfalls Agnostiker, betonte aber, dass er keinen Widerspruch zwischen Evolutionstheorie und Theismus sehe.

    Und Alfred Russel Wallace, der (leider zu Unrecht verkannte) Mitentdecker der Evolutionstheorie, starb 1913 als tief gläubiger Christ - noch verzweifelt gegen den bereits geschehenden sozialdarwinistischen und eugenischen Missbrauch der Evolutionstheorie ankämpfend. Eines seiner letzten Interviews hier:
    http://www.wku.edu/~smithch/wallace/S750.htm

    Tja, und unser Mit-Blogger, der Experimentalphysiker Anton Zeilinger ist im aktuellen SdW über Einstein nicht nur in diesem Punkt hinaus gegangen, siehe hier:
    http://www.spektrum.de/...kel/940409&_z=798888

    Ist es nicht schön, wichtig und richtig, dass auch Naturwissenschaftler sowohl empirisch-logisch wie auch biografisch-tatsächlich Glaubensfreiheit geniessen?

  2. Edgar Dahl @ - Michael: Einstein
    20.03.2008 | 15:44

    "Sah Friedrich August von Hayek übrigens ganz genau so. Und erkannte trotzdem, dass sich der theistische Glaube über evolutionäre Vorteile entfaltet hat und entfaltet!"

    Bevor ich Dir Frohe Osterfeiertage wünsche, lass mich in gewohnter Manier noch schnell etwas nörgeln. Was soll das "trotzdem" in Deinem Satz bedeuten? Wir sprechen doch von zwei ganz verschiedenen Dingen: Die Nützlichkeit und die Wahrheit der Religion sind doch nicht dasselbe!

  3. Michael Blume Och...
    20.03.2008 | 22:48

    ...das "trotzdem" ist nur so einer wiederkehrenden Erfahrung geschuldet: dass sich auch ganz rationale und naturwissenschaftlich argumentierende Menschen, die ganz feste von der Unwahrheit religiöser Lehren überzeugt sind, auch mit der Anerkennung biologischer Nutzenfunktionen oft gaaaanz schwer tun. Da nehmen viele lieber Zuflucht zu Zusatzentitäten wie Memen & Co., um den Befunden nicht ins Auge sehen zu müssen. Umso mehr gilt meine Bewunderung Hayek, E.O. und D.S. Wilson sowie auch einigen Mitdiskutanten hier, die die Größe hatten, über die je eigenen Vorannahmen hinaus zu gehen. (-:

    Auch Dir und den Deinen frohe und gesegnete Ostern!

  4. Edgar Dahl @ - Michael: Meme
    20.03.2008 | 23:09

    Wir sollten mal eine Diskussion zu den "Memen" anstoßen: Ist das Osterereignis ein Fakt oder ein Mem?

  5. Michael Blume Eine soziale Realität!
    20.03.2008 | 23:58

    Denn ein Mem ist ja so präzise definiert, dass es neben dem Kreuzestod Jesu auch das Osterei, die Farbe Gelb, den Hasen und den Stau bezeichnen könnte... (-;

    Aber tatsächlich: Wenn Du mal einen Beitrag zu "Was ist eigentlich ein Mem?" gestalten könntest, fände ich das gut!

  6. Michael Blume Übrigens...
    21.03.2008 | 00:00

    Gabrielle zeichnet großartig!!! Gratulation!

  7. Edgar Dahl @ - Michael: Meme
    21.03.2008 | 00:21

    Ich bin nie ein großer Bewunderer des "Mems" gewesen. Aber ich sehe auch nicht, was an dieser Idee so kritikwürdig sein soll. So wie ich es in Erinnerung habe, war Dawkins lediglich auf der Suche nach einem kurzen und handlichen Begriff für den Informationsfluss: Während in der biologischen Evolution Informationen in Form des Gens weitergegeben werden, werden in der kulturellen Evolution Informationen in Form des Mems weitergegeben. Und so wie sich das Gen als Einheit der biologischen Information nur schwer definieren lässt, so lässt sich auch das Mem als Einheit der kulturellen Information nur schwer definieren.

  8. Jochen Zarse Einsteinsche Religion
    21.03.2008 | 09:28

    hier völlig nachvollziehbar!
    "aber" wieso bleibt die "Wissenschaft" alzuoft am Nicht-Wissen kleben?

  9. Michael Blume @ Edgar: Meme
    21.03.2008 | 15:43

    Jaja, der alte Dawkins-Trick: erst mächtig dick auftragen und dann lächelnd verkünden, es sei doch alles nur eine originelle Metapher gewesen...

    Eigentlich hast Du Recht: der Begriff ist so unbestimmt, dass sich jede Definitionsdiskussion fast erübrigt, das Wieselwort Mem wird nie empirisch zu definieren sein, sonst wäre dies seit 1976 schon ernsthaft versucht worden.

    Dafür konnten Dawkins-Jünger inzwischen Zen-Kurse im "Mem-Jäten" buchen (kein Witz!) und der "memetic church of virus" beitreten, die eine Form der Unsterblichkeit auf memetischem Wege verspricht... (-;

    http://www.churchofvirus.org/

    @ Herr Zarse

    Eine gute Frage. Persönlich bin ich der Meinung, dass es ein echter Fortschritt ist, dass auch Naturwissenschaftler inzwischen die Vorläufigkeit aller menschlichen Erkenntnis zu verinnerlichen begonnen haben. Es ist dies eine Form der Demut, die erst Freiheit ermöglicht und damit immer neue Erkenntnisse und Erkenntniswege eröffnet.

  10. Edgar Dahl @ - Michael: Meme
    22.03.2008 | 13:39

    "Jaja, der alte Dawkins-Trick: erst mächtig dick auftragen und dann lächelnd verkünden, es sei doch alles nur eine originelle Metapher gewesen..."

    Du musst mich bei Gelegenheit mal über die wahren Gründe Deiner Abneigung gegen Richard Dawkins aufklären. Denn sie kann schwerlich in seiner Behauptung begründet sein, dass Religionen, evolutionsbiologisch betrachtet, nicht adaptiv sind.

  11. Edgar Dahl @ - Michael: Darwin
    22.03.2008 | 13:48

    "Charles Darwin selbst war ebenfalls Agnostiker, betonte aber, dass er keinen Widerspruch zwischen Evolutionstheorie und Theismus sehe."

    Das ist richtig! Wie sollte er auch? Was man mit einer Ursache erklären kann, kann man allemal auch mit zwei Ursachen erklären. Der weit wichtigere Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass Darwin zumindest einen Widerspruch zwischen Evolutionstheorie und Christentum gesehen hat, insbesondere weil die Evolutionstheorie das Theodizee-Problem verschärft hatte.

  12. Andreas Müller Einstein und Evolution
    23.03.2008 | 02:44

    @Edgar Dahl: Die Einladung zum Hier-öfter-vorbeischauen nehme ich gerne an, danke.

    Falls die Ausgangsthese noch jemand bezweifeln möchte, ich habe hier 11 Seiten mit Einstein-Zitaten zum Thema Religion vorliegen.

    @Michael Blume:
    "Ist es nicht schön, wichtig und richtig, dass auch Naturwissenschaftler sowohl empirisch-logisch wie auch biografisch-tatsächlich Glaubensfreiheit geniessen?"

    Es wäre einigermaßen katastrophal, wenn sie "empirisch-logisch" Glaubensfreiheit genießen würden, geht es doch in der Empirie keineswegs darum, einfach mal etwas zu glauben, was einem gefällt. Ich weiß nicht, was "biographisch-tatsächlich" heißen soll, aber da es keinen Atheisten in Deutschland gibt, der die Glaubensfreiheit abschaffen möchte (jedenfalls kenne ich keinen), erübrigt sich die Betonung, dass hier Glaubensfreiheit herrscht.

    "Und erkannte trotzdem, dass sich der theistische (nicht nur deistische oder pantheistische) Glaube über evolutionäre Vorteile entfaltet hat und entfaltet!"

    Das halte ich für eine einigermaßen bizarre Behauptung, vor allem das "erkannt" darin. In der Tat ist die Frage der evolutionären Entstehung der Religion noch offen, ich neige zur Nebenprodukt-Theorie.

    Was bringt es einem Gläubigen eigentlich, wenn seine Religion durch einen natürlichen Prozess enstanden ist?

    "feste von der Unwahrheit religiöser Lehren überzeugt sind, auch mit der Anerkennung biologischer Nutzenfunktionen oft gaaaanz schwer tun"

    Nicht wirklich. Das wäre zum Beispiel ein Punkt, wo Michael Schmidt-Salomon und ich unterschiedlicher Meinung sind. Trotzdem sind wir in etwa gleichermaßen von der Unwahrheit religiöser Lehren "überzeugt".

    Auch unsere Fähigkeit, Keulen zu bauen und unser Drang, gewissen Leuten damit die Köpfe einzuschlagen, haben einen evolutionären Vorteil. Wahrscheinlich haben sogar psychopathisches Verhalten und die Vergewaltigungsstrategie zur Fortpflanzung evolutionäre Vorteile. Besser werden sie dadurch offensichtlich nicht.

    "die Vorläufigkeit aller menschlichen Erkenntnis zu verinnerlichen begonnen haben. Es ist dies eine Form der Demut, die erst Freiheit ermöglicht"

    Aber nicht die Freiheit, jeden Unsinn zu zu vertreten. Ist schon interessant, wie Gläubige nach jedem Strohhalm greifen. Als würde die Welt untergehen, wenn sie einfach ihre Irrationalitäten abstellen würden.

    Schöne, liebe Grüße,
    Andreas

  13. Edgar Dahl @ - Andreas Müller
    23.03.2008 | 12:09

    Schön zu sehen, dass wir jetzt "zu zweit" sind, und sei es nur, um hier fortan nicht mehr der einzige Nörgler zu sein...

    "Was bringt es einem Gläubigen eigentlich, wenn seine Religion durch einen natürlichen Prozess enstanden ist?"

    Gute Frage! Dass Religiosiät ähnlich wie Infantizid "adapiv" sein mag, kann in der Tat schwerlich etwas bringen.

    Theoretisch könnte es aber sein, dass sich der Glaube an Gott "in Anpassung an" unsere Umwelt herausgebildet hat und demnach - wie etwa die Kausalität - tatsächlich real, objektiv und unabhängig von uns existiert. Doch dies ist freilich ein ziemlich dünnes Eis, auf das man sich da wagen würde.

    Haben Sie die Einstein-Zitate in elektronischer Form? Wenn ja, würden sie mich interessieren. Ich gebe nämlich gerade eine Sammlung religionskritischer
    Zitate von Anaximander bis Zappa heraus.

  14. ake @Andreas: Religiöse Strohhälme
    23.03.2008 | 15:56

    "Aber nicht die Freiheit, jeden Unsinn zu zu vertreten. Ist schon interessant, wie Gläubige nach jedem Strohhalm greifen. Als würde die Welt untergehen, wenn sie einfach ihre Irrationalitäten abstellen würden."

    Nichts für ungut, aber diese Glaubensfreiheitseinschränkung irritiert mich. Nachdem Glauben nunmal nicht rational fassbar ist, muss eine Glaubenswelt natürlicherweise untergehen, wenn man ihre Irrationalitäten abstellt, und Weltuntergang ist nun mal nicht angenehm, auch wenn es "nur" ein subjektiver ist.

    Mal abgesehen davon, dass auch manche wissenschaftliche Theorie auf den ersten Blick als leidlich irrational verworfen wird und auf den zweiten, dritten und vierten Blick dann doch noch ehrenwert diskutiert wird (vgl. den Artikel über Hugh Everett im aktuellen Spektrum-Heft,
    http://www.spektrum.de/artikel/943416):

    Was ist denn eigentlich für Nicht-Gläubige auf Kreuzzug gegen Religion so schlimm daran, wenn Gläubige Dinge vertreten, die für Nicht-Gläubige sinnlos zu sein scheinen?

    Mal banal gesprochen: Dass ein Kleinkind sich sicherer fühlt, wenn es einen Teddybären im Arm hat, mag aus der Perspektive eines Panzerfahrers, der gerade im Begriff ist, darüber hinweg zu fahren, oder eines Außenstehenden, der das Szenario beobachtet, reichlich sinnlos sein - ist es darum auch schlecht zu werten?
    Warum sollte man dem Kind diesen subjektiv sinnvollen "objektiven" "Unsinn" ausreden? (der darüber hinaus aus einer noch anderen Perspektive als Nebeneffekt vielleicht gar nicht so sinnlos ist, weil er die Verletzlichkeit des Kindes sichtbar und es damit ganz evtl. dem Panzerfahrer ein wenig schwerer macht, über das Kind hinwegzubügeln, wenn er dadurch in die Lage versetzt wird, sich in das Kind hineinzuversetzen).

    Angesichts der - unterstellten - Realität, dass am Ende jeden Lebens der Tod steht, und der Tatsache, dass Leben in seiner Unsicherheit und Unplanbarkeit mit guten Gründen ziemlich angsteinflößend wahrgenommen werden kann, finde ich es nicht sinnloser, an irrational sinnvolle Dinge zu glauben als (sich) ausschließlich an wissenschaftlich-rational sinnvollen Dingen festzuhalten.

    Von daher halte ich gerade die Freiheit (vielleicht auch Unfreiheit), sich für das eine oder das andere zu entscheiden zu dürfen, für wertvoll, und die Wahl (wenn es eine solche gibt) für oder gegen das eine völlig für eine rein persönliche und völlig wertfreie Angelegenheit, so lange sie nur als subjektiver und nicht als objektiv durchzusetzender Lebensentwurf betrachtet wird.

    In der Regel finden religiöse und nicht-religiöse Lebenshaltungen ja ohnehin ausreichend viele gemeinsame Nenner, um völlig konfliktfrei nebeneinander her existieren zu können.

    In diesem konfliktfreien Rahmen halte ich die "Freiheit, jeden Unsinn zu vertreten", so lange sie nicht missionarisch und mit Gewalt durchgesetzt wird (und sich damit selbst ad absurdum führt), für ziemlich sinnvoll.

    Damit die Frage an alle aktiven Religionskritiker: Auch wenn von Religionskritikern die außerevolutionäre Sinnhaftigkeit von "Glauben" subjektiv nicht erschlossen werden kann: Wo liegt denn eigentlich das Problem am Glauben, wenn er keine Probleme macht?

    Beste Grüße zum religiös wie unreligiös sehr angenehmen Ostersonntag,
    ake

  15. ake Nachsatz
    23.03.2008 | 16:12

    P.S.: Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit dem Teddybeispiel wollte ich keineswegs auf Infantilität oder Naivität von Glaubensvorstellungen abzielen, sondern nur auf den massiven Grabenbruch (welch Paradoxon) zwischen "subjektiver" und "objektiver" Sinnhaftigkeiten hinweisen.

  16. Andreas Müller Nachteile irrationaler Vorstellungen
    23.03.2008 | 16:53

    @Edgar Dahl:

    "Haben Sie die Einstein-Zitate in elektronischer Form? Wenn ja, würden sie mich interessieren."

    Leider nein. Die sind in "The Portable Atheist" versammelt. Gegebenenfalls schicken Sie mir ruhig eine Mail, Adresse ist auf meiner Website.

    @ake:

    Sie sprechen recht komplizierte Themen an. Darunter ist leider eine zweifelhafte Darstellung meiner Stellungnahme zur Religionsfreiheit, die ich nicht einschränken möchte. Ich habe vielmehr die Empirire, überhaupt die wissenschaftliche Methode, angesprochen, laut der man natürlich nicht einfach behaupten kann, was man will – Im innerwissenschaftlichen Diskurs! Wissenschaft ist undemokratisch. Ansonsten wäre sie nutzlos, schließlich geht es um die Wahrheit, nicht um persönliche Meinungen.

    Zu Ihrer Frage, was an irrationalen Vorstellungen so schlecht ist:

    Es ist immer schädlich, etwas zu glauben, das im Widerspruch steht zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, oder für das es keine Belege gibt. So etwas wie "privater Glaube" existiert nicht.

    Oder wählen viele Christen, die nur "privat" glauben, etwa nicht aufgrund ihres Glaubens die CSU? Dieser Glaube hat also politische Konsequenzen. Wer an die Seele glaubt, ist gegen Abtreibung oder, wie die Jainisten, gegen das Platttreten von Grashalmen. Gläubige erziehen ihre Kinder religiös, anstatt neutral. Niemand glaubt einfach nur in seinem Kopf, dass Homosexualität eine Sünde ist, ohne politisch für eine Diskriminierung von Homosexuellen einzutreten.

    Was "Glaube" neuropsychologisch bedeutet, erklären Daniel Dennett in "Breaking the Spell" und Sam Harris in "The End of Faith". Im Prinzip heißt es, dass man etwas mit Sicherheit zu wissen meint und auch auf Grundlage dieses vermeintlichen Wissens handelt.

    Glaube ist kein Privathobby wie Schach spielen oder Rad fahren, das keine sonderlichen Konsequenzen hat.

    Beispiel: Jemand verliert unvorbereitet einen Menschen, mit dem er eine sehr enge Verbindung hatte. Hier könnte durchaus die Neigung aufkommen, aus der Wunschvorstellung eines Jenseits ein "reales" Jenseits zu konstruieren und es zumindest für möglich zu halten. Irgendwann werden diese Menschen hoffentlich ihre Neigung wieder verlieren. Dieses Vorgehen hat aber durchaus einen Sinn und Nutzen, wenn es zur Überstehung einer Krise beiträgt.

    Aber: Die Verbindung einer vagen Jenseitsvorstellung mit den anderen Dogmen der Religion der jeweiligen Kultur, in der diese Person lebt, ist nicht zu rechtfertigen. Die braucht sie nicht, die sind unnötiger Ballast. Soll man in Extremsituationen also ruhig an den Himmel glauben, aber man braucht nicht zu erwarten, dort auf Jesus zu treffen und bis dahin Schwule hassen zu müssen.

    Alleine schon die Idee, dass es sinnvoll sei, als falsche Dinge zu glauben, halte ich für reichlich bizarr und ihre weite Verbreitung sagt viel aus über unsere Kultur. Das kann ja nur in Extremfällen zutreffen.

    Etwas völlig anderes ist die Fantasiewelt von Kindern (die der Fantasiewelt der deutschen Romantik entspricht). Hier geht es überhaupt nicht um empirisch überprüfbare Aussagen, sondern um Metaphorik, Parabeln, um Denken in Bildern und Symbolen. Kinder wissen sehr wohl, dass Puppen nicht lebendig sind und nur aus Plastik bestehen. Sie üben jedoch anhand der Puppe soziale Verhaltensmuster ein, indem sie sich bewusst vorstellen, sie wäre lebendig. Sie sind traurig, wenn der böse Bruder die Puppe zerstört, weil das einer Zerstörung der Illusion gleichkommt. Als würde jemand im Kino sein Handy nicht ausstellen.

  17. Michael Blume @ Edgar
    23.03.2008 | 20:34

    "Es wäre einigermaßen katastrophal, wenn sie "empirisch-logisch" Glaubensfreiheit genießen würden, geht es doch in der Empirie keineswegs darum, einfach mal etwas zu glauben, was einem gefällt."

    Und noch schlimmer wäre es, etwas einfach deswegen auszuschließen, weil es einem "nicht" gefällt! Wie arm wäre eine Welt, in der die rationalistische Inquisition jedes Überschreiten der logischen Erkenntnisgrenzen unterbinden könnte. Dort aber, wo Atheisten die Religionsfreiheit eine Zeit lang zu unterdrücken vermochten (z.B. in allen sozialistischen Staaten) haben sie ihre Gesellschaften auch stets gegen die Wand gefahren - und aus den Trümmern wuchs und wächst, langsam und schmerzvoll, neue, auch religiöse Vielfalt.

  18. Michael Blume Uups...
    23.03.2008 | 20:36

    Der letzte Beitrag galt natürlich Andreas Müller, nicht Edgar Dahl. (-:

  19. 23.03.2008 | 20:47

    Einen herzlichen Dank für die hervorragenden Beiträge! Kann ich nur unterschreiben!

    @ Andreas Müller

    "Es ist immer schädlich, etwas zu glauben, das im Widerspruch steht zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, oder für das es keine Belege gibt. So etwas wie "privater Glaube" existiert nicht."

    Soviel zum Thema Religionsfreiheit!

    Schauderhaft ist das schon, weil sich wissenschaftliche Erkenntnisse natürlich schnell ändern - direkt aus der Evolutionsbiologie hat man beispielsweise eugenische und rassistische Schlüsse gezogen und durchgezogen - "im Namen der Wissenschaft".

    Und auch heute glauben Leute z.B. an Meme und leiten daraus Weltanschauungen ab. Andere verfolgen im Namen des Marxismus-Leninismus, vermeintlichen Fortschritts und des Atheismus gerade in diesen Tagen buddhistische Tibeter.

    Nein, Herr Müller - aufgrund notwendig beschränkter, empirischer Erkenntnisse die Glaubens- und Wertvorstellungen anderer anzugreifen, macht keinen Sinn. Selbst wenn es keinen Gott geben sollte, so gibt es doch Leben, das den Glauben an Gott hervorgebracht hat. Diesen Teil unserer Natur abschneiden zu wollen ist ähnlich verwegen wie dem Menschen die Schönheit der Musik (ein Nebenprodukt? Eine Adaption?) verbieten zu wollen.

    Für Sie gilt nur die Wissenschaft? Nun, dann lassen Sie doch die Evolution entscheiden! Wie alle vorliegenden empirischen Daten belegen, sind es nicht die Glaubenden, die aussterben...
    Siehe hier:
    http://www.wissenslogs.de/...der-verhaltensgenetik

    Ach so, ich vergaß: "diese" wissenschaftlichen Erkenntnisse "dürfen" ja einfach nicht wahr sein... (-;

  20. Edgar Dahl @ - Andreas Müller
    23.03.2008 | 20:51

    Ah, danke für den Hinweis. Ich habe den "Portable Atheist" vor einigen Wochen bekommen, aber noch gar keine Gelegenheit gehabt, ihn mir genauer anzusehen. Werde nachher gleich einmal in das Einstein-Kapitel hineinschauen.

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