Neuroethik: Moral zwischen Philosophie und Physiologie
Während Sie Ihren Hund am Güterbahnhof spazieren führen, bemerken Sie, wie ein leerer Waggon auf eine Gruppe von fünf Gleisarbeitern zusteuert und sie zu überfahren droht. Mit einem Presslufthammer beschäftigt, können die Arbeiter die Gefahr weder sehen noch hören. Auch Ihr lautes Rufen und wildes Gestikulieren nützen nichts. Glücklicherweise entdecken Sie ganz in Ihrer Nähe eine Weiche, mit der Sie den Waggon noch rasch auf ein anderes Gleis umleiten können. Auf diesem anderen Gleis ist ebenfalls ein Arbeiter beschäftigt, allerdings nur ein einziger. Was tun? Fünf Leben oder eines? Sie allein haben es in der Hand!

Stellen
Sie sich nun dieselbe Situation vor, nur dass Sie sie dieses Mal nicht
von einem Gleis, sondern von einer Brücke aus beobachten.
Bedauerlicherweise gibt es jetzt keine Weiche, die Sie umlegen können,
um das Leben der fünf Gleisarbeiter zu retten. Doch es gibt einen Mann,
der gerade die Brücke überquert. Da der gute Mann recht beleibt ist,
könnten Sie ihn auf das Gleis hinunter stoßen. Dank seines
beträchtlichen Körpergewichts wird er den Waggon zum Stoppen bringen,
bevor er die fünf Gleisarbeiter erreicht. Wieder die Frage: Was tun?
Fünf Leben oder eines?

Wenn
Sie wie die überwiegende Mehrzahl der Menschen reagieren, werden Sie
sagen: „Ich würde den Waggon auf ein anderes Gleis umleiten, aber ich
würde nicht den Mann von der Brücke stoßen, um das Leben der fünf
Gleisarbeiter zu retten.“
Seit Judith Jarvis Thomson dieses
Gedankenexperiment im Jahr 1976 entwickelt hat, beißen sich die
Moralphilosophen die Zähne an ihm aus. Warum betrachtet die Mehrheit
der Menschen diese beiden Fälle so unterschiedlich? Wenn sie sich im
ersten Fall dafür entscheiden, lieber einen als fünf Menschen sterben
zu lassen, müssten sie es dann im zweiten Fall nicht auch tun?
Philosophen,
die einer teleologischen Ethik, wie etwa dem Utilitarismus, anhängen,
sind denn auch tatsächlich der Meinung, dass wir schlichtweg
inkonsistent sind, wenn wir zwar im ersten, nicht aber im zweiten Fall
bereit sind, einen Menschen zu opfern, um das Leben von fünf zu retten.
Da für sie die Entscheidung, ob eine Handlung moralisch richtig oder
falsch ist, einzig und allein von den Folgen der Handlung abhängt,
beurteilen sie beide Handlungen gleich. Ob wir die Weiche umlegen oder
den Mann von der Brücke stoßen, macht letztlich keinen Unterschied.
Beide Handlungen sind gleichermaßen gut, weil sie beide gleichermaßen
gute Folgen haben: Statt fünf Menschen muss nur ein einziger sterben.
Philosophen,
die einer deontologischen Ethik, wie etwa dem Kantianismus, anhängen,
sehen dies dagegen anders. Sie betrachten es keineswegs als
inkonsistent, wenn wir zwar im ersten, nicht aber im zweiten Fall
bereit sind, einen Menschen zu opfern, um fünf zu retten. Da für sie
die Entscheidung, ob eine Handlung moralisch richtig oder falsch ist,
nicht von den Folgen, sondern ausschließlich von der Natur der Handlung
abhängt, beurteilen sie beide Handlungen unterschiedlich. Ob wir die
Weiche umlegen oder den Mann von der Brücke stoßen, macht einen großen
Unterschied, weil wir im zweiten Fall einen Menschen töten müssen. Und
einen Menschen zu töten, ist nun einmal falsch, selbst wenn es
bisweilen gute Folgen haben mag.
Wer hat recht? Die Vertreter
der teleologischen Ethik oder die Vertreter der deontologischen Ethik?
Da sich beide Lager offenbar nicht einigen können, versucht nun die
sogenannte Neuroethik das Problem zu lösen. Um Licht in das Dunkel der
menschlichen Entscheidungsfindung zu bringen, bedienen sich einige
Moralphilosophen, wie etwa der an der Harvard University lehrende
Joshua D. Greene, der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT).
Mit Hilfe dieses bildgebenden Verfahrens kann er beobachten, welche
Hirnareale an einer moralischen Entscheidung beteiligt sind. Als er
Versuchspersonen das obige Gedankenexperiment vorlegte, zeigte sich
beispielsweise, dass die beiden Fälle an zwei ganz unterschiedlichen
Orten entschieden werden. Im ersten Fall, in dem es darum ging, ob man
die Weiche umlegen sollte, kommt es zu einer verstärkten Hirnaktivität
in Bereichen, die für kognitive Funktionen zuständig sind. Im zweiten
Fall, in dem es darum ging, ob man den Mann von der Brücke stoßen
sollte, kommt es dagegen zu einer verstärkten Hirnaktivität in
Bereichen, die für emotionale Funktionen zuständig sind. Insbesondere
der ventromediale präfrontale Cortex (VMPFC), der an der Steuerung
unserer Gefühle beteiligt ist, scheint dafür verantwortlich zu sein,
dass wir uns dagegen sträuben, den Mann von der Brücke zu stoßen.
Untersuchungen an Patienten, die eine Hirnschädigung im Bereich des
VMPFC erlitten haben und daher eher kognitiv als emotional entscheiden,
zeigen, dass sie weit weniger Probleme damit haben, einen Menschen zu
töten, um fünf zu retten. Auch die Tatsache, dass die wenigen normalen
Probanden, die sich dafür aussprachen, den Mann von der Brücke zu
stoßen, für ihre Entscheidung im Mittel etwa zwei Sekunden länger
benötigten, scheint diese Vermutung zu bestätigen – es hat den
Anschein, als hätten sie zunächst einmal den emotionalen Widerstand
ihres VMPFCs überwinden müssen.

Ähnlich
wie der Biologe Marc Hauser und der Psychologe Jonathan Haidt ist auch
Joshua Greene der Auffassung, dass moralische Entscheidungen eher
emotional als intellektuell getroffen werden. Nach Ansicht aller drei
Wissenschaftler haben sich im Laufe unserer Evolution moralische
Intuitionen herausgebildet, auf die wir in Entscheidungssituationen
automatisch zurückgreifen. So empfinden wir bestimmte Verhaltensweisen,
wie etwa den Inzest, geradezu instinktiv als falsch. Selbst wenn wir
von Geschwistern hören, dass sie lediglich ein einziges Mal
„experimentiert“ hatten und dabei noch Verhütungsmittel benutzten, ist
uns die Vorstellung, dass Bruder und Schwester miteinander schlafen,
schlicht zuwider. Die moralische Intuition, die uns den Inzest ablehnen
lässt, ist offenbar adaptiv. Sie hat uns im Laufe der Evolution vor den
deletären genetischen Konsequenzen der Inzucht bewahrt.

Joshua D. Greene
Greene glaubt, unter Rückgriff auf die Evolution auch die unterschiedlichen Reaktionen auf das obige Gedankenexperiment erklären zu können. Seiner Ansicht nach besteht zwischen den beiden Situationen, in denen wir durch das Opfer von einem Menschen fünf retten können, kein relevanter Unterschied. Dass wir dennoch im ersten, nicht aber im zweiten Fall bereit sind, einen Menschen zugunsten von fünf zu opfern, liege daran, dass wir auf die beiden Fälle emotional nicht gleichermaßen vorbereitet seien. In unserer Stammesgeschichte gab es zwar stets Situationen, in denen wir durch das direkte Töten eines Menschen das Leben mehrerer anderer retten konnten, nie aber Situationen, in denen wir durch das bloße Umlegen einer Weiche das Leben mehrerer Menschen retten konnten. Im Laufe der Evolution habe sich daher eine moralische Intuition gegen das direkte Töten, nicht aber gegen das indirekte Töten herausgebildet. Der ventromediale präfrontale Cortex, der uns daran hindert, den Mann von der Brücke zu stoßen, kann uns daher nicht in der gleichen Weise daran hindern, die Weiche umzulegen.

Jonathan Haidt
All diese
evolutionsbiologischen Überlegungen und hirnphysiologischen
Beobachtungen sind zweifellos interessant. Doch sind sie auch
moralphilosophisch relevant? Helfen sie uns in irgendeiner Weise dabei,
die moralisch richtige Entscheidung zu treffen?
Offenbar gibt es
mindestens drei verschiedene Antwortmöglichkeiten auf diese Frage.
Erstens könnte man argumentieren, dass wir auf unsere moralischen
Intuitionen hören sollten, weil sie adaptiv sind und sich über
Jahrmillionen bewährt haben. Zweitens könnte man argumentieren, dass
wir unsere moralischen Intuitionen besser ignorieren sollten, weil sie
zwar in der Vergangenheit, nicht aber in der Gegenwart zuverlässig
waren. Und drittens könnte man argumentieren, dass wir die Neuroethik
schlicht und einfach vergessen sollten, weil sie zwar theoretisch
interessant, aber praktisch vollkommen irrelevant ist. Welche dieser
Antworten scheint die angemessene zu sein?

(Für
eine Übersicht zur Neuroethik siehe auch die ausgezeichnete
Titelgeschichte „Erst das Gefühl, dann die Moral?“ von Stephan Schleim und Henrik Walter in
der aktuellen Ausgabe von Gehirn&Geist.)
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Sehr schwieriges Thema, dennoch fällt mir an dieser Stelle ein Zitat von Harry G. Frankfurt ein, bezogen auf die Moral: "Die Moral ist weniger einschlägig für die Bildung unserer Präferenzen und die Orientierung unseres Verhaltens, sie gibt uns weniger Auskunft über die Fragen, was wir schätzen und wie wir leben sollen [...]. Die Moral ist vor allem mit der Frage beschäftigt, wie wir im Rahmen unserer Einstellungen und Handlungen die Bedürfnisse, Wünsche und Ansprüche anderer Menschen berücksichtigen sollen. Warum aber sollte man das als die ausnahmslos wichtigste Sache in unserem Leben betrachten?"
Wir können unsere Natur nicht leugnen, auch als Menschen sind wir Lebewesen mit "natürlichen" Regungen, weshalb man m. E. auch das, was neurophysiologisch in uns vorgeht, nicht unberücksichtigt lassen kann.
Das erste Argument, man solle auf seine moralischen Intuitionen hören, finde ich äußerst problematisch, da diese "Intuitionen" nur schwer als einheitlich bzw. übereinstimmend bezeichnet werden können. Zwar haben wir gewisse gemeinsame Vorstellungen von "richtig" und "falsch", letztendlich jedoch sind wir Individuen mit eigenen Vorstellungen, Prioritäten, etc. Insofern kann die individuelle Meinung einer Person durchaus auch von den gängigen Moralvorstellungen abweichen, vor allem auch deshalb, weil sich Moral hauptsächlich in einem gesellschaftlichen Kontext abspielt.
Schlicht und ergreifend ignorieren können wir diese moralischen Modi allerdings auch nicht.
Ich denke, wir sollten es akzeptieren, dass Menschen in solchen besonderen Situationen, wo sie sich zudem äußerst schnell entscheiden müssen, ob bzw. wie sie handeln, individuell verschiedene Entscheidungen treffen werden. Ich fände es fatal, wenn dieser Mensch, der zwangsläufig entscheiden musste, für eine gesellschaftlich als falsch betrachtete Handlung bestraft oder geächtet werden würde.
Wenn es zudem an der Funktion verschiedener Hirnareale liegt, die auch bei verschiedenen Menschen verschieden ausgeprägt sind, dann läßt sich schlußfolgern, dass eine Gesellschaft, in der die Menschen überwiegend Hirnfunktion A haben, Handlung A als moralisch richtig befinden würde. Eine Gesellschaft, in der die Menschen überwiegend Hirnfunktion B haben, würde Handlung B als moralisch richtig befinden und möglicherweise Handlung A ächten. Was soll da richtig und was falsch sein?
Schwieriger sieht das dann allerdings aus, wenn man einen Fall betrachtet, wo mehr Bedenkzeit gegeben ist. Also dieser Fall, wo ein Arzt unter Opferung eines gesunden Patienten mehrere kranke retten könnte.
Wenn wir hier die Opferung des einen gesunden Menschen moralisch zulassen würden, hätte das eine Willkür im Handeln von Ärzten zur Folge, die der ganzen Gesellschaft Angst machen würde. Der Arzt hat die Zeit, sich an gesellschaftlichen Gesetzen zu orientieren. Wer im Affekt den Mann von der Brücke schmeißt, der hat diese Zeit nicht.
Ich teile Ihre Skepsis gegenüber "Intuitionen". Warum sollten wir uns im Bereich der Ethik auf Intuitionen verlassen, wenn wir es im Bereich der Physik doch auch nicht tun? Intuitionen mögen ein Anfang sein, doch sie sind sicher nicht das Ende unseres Erkenntnisprozesses.
Auch stimme ich zu, dass der Begriff "moralische Intuition" viel zu vage ist. Schließlich gibt es Intuitionen und Intuitionen. Wieviele Menschen meinen beispielsweise "intuitiv" zu wissen, dass die Homosexualität unmoralisch sei? Ähnlich ist es mit nahezu allen Errungenschaften der Biomedizin - ob Organtransplantation, In-vitro-Fertilisation oder Gentechnik, stets gibt es lediglich intuitiv begründete Vorbehalte.
Ja, ich finde auch, dass man andere Beispiele wählen sollte. Das Beispiel mit den Gleisarbeitern ist zwar intellektuell interessant, aber praktisch irrelevant. Ich lasse mir über Nacht mal zwei alltäglichere Beispiele einfallen, und zwar Dilemmata aus dem Bereich der Medizinethik, vor denen Ärzte jeden Tag stehen.
Nachdem Mark Hauser 60.000 Menschen aus 120 Ländern zu dem oben erwähnten und zahlreichen anderen moralischen Dilemmata befragt hatte, kam er zu dem Schluss, dass wir offenbar von der folgenden moralischen Intuition geleitet seien: "Es ist verboten, einem anderen absichtlich Schaden zuzufügen, selbst wenn dies einem höheren Gut dient; es ist aber sehr wohl zulässig, Schaden zuzufügen, wenn dieser nur eine indirekte Folge der Absicht ist, ein höheres Gut zu erreichen."
Diese moralische Intuition hat in der Philosophie einen Namen: Sie wird die "Doktrin vom doppelten Effekt" genannt. Die meisten Philosophen lehnen sie ab, doch katholische Moraltheologen haben sie seit Jahrhunderten vertreten. Die Doktrin vom doppelten Effekt hat etwa dazu geführt, dass man bei Entbindungen, in denen der Kopf des Babys im Geburtskanal steckengeblieben ist, sowohl Mutter als auch Kind sterben lassen hat, obgleich man das Leben der Mutter durch die Tötung des Babys durchaus hätte retten können. Das Leben der Mutter auf diese Weise zu retten, ist als falsch betrachtet worden, weil man hierzu das Baby direkt hätte töten müssen. Und die direkte, willentliche und wissentliche, Tötung eines Menschen ist nun einmal verboten.
Dieselben Moraltheologen hatten jedoch kein Problem damit, bei einer schwangeren Frau eine Hysterektomie oder "Totaloperation" durchführen zu lassen, wenn dies zur Rettung ihres Lebens erforderlich sein sollte. Auch hier ist natürlich das Baby im Mutterleib als Folge der Operation verstorben. Doch dies war in den Augen der Moraltheologen gerechtfertigt, weil die Tötung des Babys nicht direkt gewollt, sondern lediglich als eine indirekte Nebenwirkung der Operation in Kauf genommen worden ist.
Ein aktuelles Beispiel für die Doktrin vom doppelten Effekt finden wir in der Diskussion um die Sterbehilfe. Nach Ansicht der katholischen Moraltheologie ist es unzulässig, einen Menschen auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin zu töten. Es ist jedoch zulässig, ihm Medikamente in so hoher Dosis zu verabreichen, dass er sterben mag, vorausgesetzt, dass sein Tod nicht direkt beabsichtigt war, sondern lediglich als eine indirekte Nebenfolge der Schmerzlinderung in Kauf genommen worden ist. Seit Palliativmediziner entdeckt haben, dass diese Argumentation ihrer medizinischen Praxis entgegenkommt, haben sie sich zu Verfechtern der katholischen Doktrin vom doppelten Effekt entwickelt.
Für mich hat der doppelte Effekt in allen 3 Beispielen verschiedene Nuancen. Im Fall des Weichenstellers kann ich das gut nachvollziehen, dass der eher die Weiche umstellen würde, weil er dabei nur den Tod eines Menschen in Kauf nimmt, aber nicht so leicht, wenn es dabei um eine absichtliche Tötung geht. Hier handelt es sich um eine Entscheidung, deren Ausgang so oder so gleichwertig ist. Da ist dann die Entscheidung, nicht zu töten, sicher die bessere.
Im Fall des Babys und der Mutter sollte immer das Verfahren angewendet werden, was doch wenigstens zur Rettung einer der beiden führt, wenn nicht beide gerettet werden können. Vorzugsweise zur Rettung der Mutter, würde ich sagen. Hier kommt kein Dritter ins Spiel, der zur Rettung beider geopfert werden müsste.
Im Fall der Sterbehilfe geht es eindeutig um das Selbstbestimmungsrecht des Sterbewilligen.
Somit ist das alles für mich so direkt nicht vergleichbar.
Du hast aber sehr schön die Verbindung dieser Fälle über den Begriff der "doppelten Moral" rausgestellt, Edgar! Und wahrscheinlich gründet das Dogma, selbst beim Willen eines Menschen, sterben zu wollen, nicht zu töten, wirklich auf diesem psychologischen Problem.
"Es ist verboten, einem anderen absichtlich Schaden zuzufügen, selbst wenn dies einem höheren Gut dient; es ist aber sehr wohl zulässig, Schaden zuzufügen, wenn dieser nur eine indirekte Folge der Absicht ist, ein höheres Gut zu erreichen."
Könnte diese moralische Intuition nicht auch die Erklärung für ein mich immer noch verblüffendes Phänomen sein, nämlich die andauernde Ungleichbewertung der Folgen der Nazi- und der Kommunisten-Diktaturen? Spätestens seit dem "Schwarzbuch des Kommunismus" sollte bekannt sein, dass der Terror von Links dem Terror von Rechts in nichts nachstand. Aber irgendwie scheinen viele darauf hereinzufallen, dass die Kommunisten es doch (angeblich) eigentlich gut meinten, die Opfer also nur eine indirekte Folge ihrer guten Absicht waren. Die Nazis hingegen hatten kein akzeptabel erscheinendes höheres Ziel für Ihre Bestialitäten. Den Rassen- und Expansionswahn konnte man wohl wenn überhaupt, dann nur im damaligen "Zeitgeist" nachvollziehen. Das Gefasel von einer "sozial gerechteren Welt", in der alle gleich viel haben, scheint dagegen zeitlos akzeptabel zu sein (ungeachtet der historisch und damit gewissermaßen experimentell bewiesenen Tatsache, dass man dieser Ar Gleichheit nur mit brutalsten Methoden und Einsperren der Menschen erreichen kann).
Ausgezeichnete Frage! Komme gleich darauf zurück. Muss nur erst schnell sehen, wie die Bayern spielen.
Ich sehe das genauso wie Sie: Moralisch nehmen sich der Nationalsozialismus und der Kommunismus nichts. Beides sind quasi-religiöse Heilslehren, die zahllosen Menschen das Leben gekostet haben. Beides sind kollektivistische Ideologien, die meinten, den Einzelnen zugunsten der Gemeinschaft, das Individuum zugunsten des Staates, opfern zu dürfen. Tatsächlich hat der Kommunismus sogar mehr Opfer auf dem Gewissen als der Nationalsozialismus.
Ich glaube jedoch nicht, dass sich der Kommunismus hinter der "Doktrin von der doppelten Wirkung" verstecken kann. Die Verletzung der Rechte des Einzelnen ist in der "Diktatur des Proletariats" als ein notwendiger Schritt auf dem Weg zum Kommunismus festgelegt worden. Die Rechtsverletzungen - von der Indoktrinierung über die Inhaftierung bis hin zur Liquidierung politisch Andersdenkender - waren keine bloß "indirekte" Folge der Absicht, ein höheres Gut zu erreichen. Hier ist schlicht und einfach nach dem Motto "Der Zweck heiligt die Mittel" gehandelt worden.
Die von Ihnen erwähnte "Ungleichbewertung" des Nationalsozialismus und des Kommunismus ist, denke ich, darauf zurückzuführen, dass man den Kommunismus stets an seinen vermeintlich hehren Absichten und den Nationalsozialismus an seinen führwahr schrecklichen Folgen misst. Diese Form von "Doppelmoral" halte ich jedoch für ungerechtfertigt. Wenn wir beide Ideologien an ihren Konsequenzen messen würden, würde uns sofort deutlich, dass beide Ideologien gleichermaßen Unheil über die Menschheit gebracht haben.
Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass sich die beiden Ideologien auch in ihren Absichten nicht wesentlich voneinander unterschieden. Ich halte es für eine geradezu gefährliche Verharmlosung des Nationalsozialismus, wenn man seine Absichten kurzerhand mit seinen Folgen identifizierte. Dies unterstellt, dass die Menschen, die vor 75 Jahren die NSDAP gewählt hatten, diese Partei wählten, weil sie 6 Millionen Juden töten und einen Weltkrieg anzetteln wollte, der 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Aber das ist natürlich Unsinn (auch wenn man es nicht laut sagen darf).
"Das Gefasel von einer 'sozial gerechteren Welt', in der alle gleich viel haben, scheint dagegen zeitlos akzeptabel zu sein (ungeachtet der historisch und damit gewissermaßen experimentell bewiesenen Tatsache, dass man dieser Ar Gleichheit nur mit brutalsten Methoden und Einsperren der Menschen erreichen kann)."
Wenn es von Interesse ist, kann ich nächste Woche gerne etwas Kritisches zum Thema "Gleichheit" beisteuern.
"Somit ist das alles für mich so direkt nicht vergleichbar."
Was alle drei Fälle miteinander verbindet, ist, dass es moralisch unzulässig sein soll, einen Menschen zu töten, aber moralisch zulässig, den Tod eines Menschen in Kauf zu nehmen (jedenfalls dann, wenn er nur als indirekte Nebenfolge unseres Tuns eintritt).
...ja, Sie haben wohl Recht: was den Kommunismus für viele exkulpiert, ist eben dieses "der Zweck heiligt die Mittel", und der Nationalsozialismus hat keinen solchen noch heute akzeptabel erscheinenden höheren Zweck zu bieten. Für die Menschen in den 30er Jahren mag das teilweise anders gewirkt haben, so dass sie dann die ersten politischen Morde und Verhaftungen von SPD-Politkern etc. nach dem Motto "Wo gehobelt wird, da fallen Späne" aufgefasst haben und trotzdem am Nationalsozialismus und seinen Zielen festgehalten haben.
Umso wichtiger ist eine Auseinandersetzung mit den Zielen des Kommunismus oder der "LINKEN".
Ich wäre sehr interessiert, von Ihnen mehr zum Thema "Gleichheit" zu hören. Um weiter zu provozieren, möchte ich gleich die nächste These in den Raum stellen:
Die Menschen sind ungleich, woran auch immer das liegt (an ihrer genetischen Ausstattung? an ihrem familiären Umfeld? an biographischen Zufällen?). Sie sind unterschiedlich begabt, interessiert, motiviert, engagiert, und wann immer man sie um knappe Ressourcen konkurrieren lässt (interessante Jobs, schicke Autos, schöne Frauen, gutes Essen, elegante Wohnungen), werden einige allen anderen überlegen sein und einige hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Gleichheit (der Einkommen, der Zahl der Liebschaften, der Wohnverhältnisse) zu schaffen, geht wenn überhaput, dann nur, wenn man den Begünstigten brutal in den Arm fällt und sie um die Früchte ihrer Talente bringt. Eigentlich ist es sogar ein geradezu absurdes Ziel, wenn man sich die realen Unterschiede in der Leistungsfähigkeit et. der Menschen anschaut.
Die Frage ist: gibt es nicht doch eine Verpflichtung, den vom Schicksal oder wem auch immer am stärksten benachteiligten wenigstens ein bisschen unter die Arme zu greifen - aus Mitteln, die die Telentiertesten erwirtschaftet haben? Was dieser Gedanke für das Thema "Partnerwahl" implizieren würde, ist mir allerdings selbst nicht klar...
Da wir hier die "Neuroethik" diskutieren wollten, sollten wir die Diskussion zu Kommunismus und Faschismus besser auf ein anderes Mal vertagen. Angesichts verschiedener Jahrestage gibt es in den nächsten Monaten ja noch hinreichend Gelegenheit, auf dieses Thema zurückzukommen. Vor allem ein Beitrag zum sogenannten "Erlösungsantisemitismus der Nazis" erscheint mir reizvoll, zumal sich dieses Thema fast nahtlos an unsere Diskussionen zur Religionskritik und den Kampf gegen den Irrationalismus anschließt.
Da ich mal wieder einen Abgabetermin für einen Drittmittelantrag habe, werde ich einen "Gastbeitrag" zum Thema Gleichheit ins Netz stellen müssen. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass der Beitrag kontrovers genug sein wird, um eine interessante Diskussion loszutreten.
Na, das sehe ich ja jetzt erst -- wenn sich da der Erstautor mal nicht beleidigt fühlt... :-)
Schade, dass du beim "emotionalen Widerstand des VMPFC" mein Gesicht nicht gesehen hast; da musste ich nämlich gehörig schmunzeln. Im Übrigen frage ich mich, was das Hirnbild uns verrät: Wie sie sehen, sehen Sie nichts?!
Eventuell gibt es diese Eine, moralethisch für jeden von uns, einzige "richtige", Antwort auf diese Frage gar nicht !
Genau so einzigartig, wie jeder von uns Menschenwesen im Detail , sowohl physisch als auch von der Persönlichkeitsstruktur her, ist, so muß wahrscheinlich jeder diese Frage, im Anlassfall dann, individuell beantworten und entsprechend dann mit den "Konsequenzen" leben. und vielleicht stricken ja wirklich, die Taten, die wir in die Welt setzten , die Fäden unseres Schicksals !? OK, daß ist jetzt wieder eindeutig Religion und Glaube aber danach zu leben bringt zumindest eine echte Bereicherung . . . und so sehr ich selbst auch interessierter wissenschaftlicher Laie bin, - möglicherweise sind doch einige Dinge über diese wissenschaftlichen Wege nicht zu beantworten und wir sollten wieder lernen auch der "Intuition" - dem sogenannten Bauchgefühl mehr konkreten Platz in unserer Wirklichkeit einzuräumen. Wahrscheinlich werden wir mit Neugier beseelte Menschenwesen auf diesem schönen Planeten, beide Herangehensweisen brauchen um die nächsten sagen wir 1000 Jährchen einigermaßen korekkt über die Bühne zu bringen ! und da ist Sie schon wieder im Großen, diese Qual der Wahl, diese Freiheit der Entscheidung ! Wir werden kriegen was wir tun und diesem riesigen Universum da draußen ist es wahrscheinlich völlig egal, wenn wir unseren Planeten morgen in die Luft sprengen ! In diesem Maßstab -da draußen dürften wir kaum irgend eine Rolle spielen ! mhhh :)