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Fehler im IPCC-Bericht?


In den Medien werden derzeit einige Fehler – und angebliche Fehler – des letzten IPCC-Berichts (“AR4”) herumgereicht, zusammen mit reichlich Verzerrungen und professioneller Propaganda von Gruppen, die die Klimaforschung diskreditieren wollen. Höchste Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen: Welche dieser Fehler sind real, welche nicht? Und was bedeutet das für das IPCC und die Klimaforschung im Allgemeinen?

Beginnen wir mit einigen grundlegenden Fakten über das IPCC. Anders als viele meinen ist das IPCC keine große Organisation. Tatsächlich beschäftigt es nur zehn Vollzeitmitarbeiter in seiner Geschäftsstelle bei der World Meteorological Organisation in Genf und ein paar Angestellte, die technische Unterstützung für die Vorsitzenden der drei IPCC-Arbeitsgruppen und der National Greenhouse Gas Inventories Group leisten. Die eigentliche Arbeit leisten unbezahlte Freiwillige – tausende Wissenschaftler von Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit, die als Autoren oder Reviewer bei der Erstellung des IPCC-Berichtes mithelfen. Auf diese Weise ist ein großer Teil der relevanten wissenschaftlichen Gemeinschaft beteiligt. Die drei Arbeitsgruppen sind:

Working Group 1 (WG1), die sich mit den physikalischen Grundlagen des Klimas befasst, wie sie sich den Klimatologen darstellen.

Working Group 2 (WG2), die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosysteme und Gesellschaften bezieht, die von Sozialwissenschaftlern oder Ökologen auf der Basis der eigentlichen Klimaprognosen analysiert werden.

Working Group 3 (WG3), die sich mit Möglichkeiten befasst, den Klimawandel zu begrenzen. Hier arbeiten unter anderem Ökonomen und Energieexperten mit.

Die Assessment Reports werden alle sechs oder sieben Jahre veröffentlicht, und es dauert etwa drei Jahre, sie zu schreiben. Jede Arbeitsgruppe veröffentlicht einen der drei Bände des Berichts. Im Brennpunkt der aktuellen Vorwürfe steht der vierte Assessment Report, veröffentlicht 2007. Jeder einzelne der drei Bände hat knapp 1000 eng bedruckte Seiten, geschrieben von über 450 Haupt- und etwa 800 Nebenautoren, von denen die Mehrzahl zum ersten Mal an einem IPCC-Bericht mitgearbeitet hat. Es gibt drei Begutachtungsstufen mit mehr als 2500 Reviewern, die insgesamt 90.000 Kommentare zur Rohversion beisteuerten. All diese kann man, zusammen mit den Antworten der Autoren, öffentlich einsehen (hier und hier).

Fehler im IPCC Fourth Assessment Report (AR4)

Soweit es uns bekannt ist, wurde bisher erst einer – allenfalls zwei – echte Fehler im Bericht gefunden:

Himalaya-Gletscher: Im Regionalkapitel Asien in Band 2, das Autoren aus der Region geschrieben haben, stand fälschlicherweise, dass 80% der Himalaya-Gletscher sehr wahrscheinlich bis 2035 verschwunden sein werden. Das ist natürlich nicht die eigentliche IPCC-Prognose zum Gletscherrückgang, die man in Band 1 des Reports nachlesen kann. Dort findet man ein völlig valides, 45 Seiten langes Kapitel über Gletscher, Schnee und Eis, verfasst von weltweit führenden Gletscherexperten (darunter unser Kollege Georg Kaser aus Österreich, der diesen Fehler zuerst entdeckte). In Kapitel 10 („Global Climate Projections“) handeln ebenfalls mehrere Seiten vom zukünftigen Rückgang der Gletscher, dort werden die Prognosen genutzt, um den Anstieg des Meeresspiegels zu berechnen. Das Problem ist also nicht, dass die IPCC-Experten eine falsche Vorhersage gemacht hätten, sondern dass ein WG2-Kapitel sich eben nicht auf die Vorhersage der IPCC-Kollegen verlassen, sondern eine unzuverlässige externe Quelle zitiert hat. Der Fehler ist bereinigt, wenn man auf Seite 493 des WG2-Berichts ganze zwei Sätze streicht.

Meeresspiegel in den Niederlanden: Der WG2-Bericht schreibt „Die Niederlande sind ein Beispiel für ein Land, das sehr anfällig sowohl für einen Meeresspiegelanstieg als auch für Flusshochwasser ist, weil 55% ihres Gebiets unter dem Meeresspiegel liegen.“ Den Satz lieferte eine Holländische Regierungsbehörde, die Netherlands Environmental Assessment Agency. Sie hat bereits eine Korrektur veröffentlicht, nach der dieser Satz lauten sollte: „55 Prozent der Niederlande sind von Überschwemmungen bedroht; 26 Prozent liegt unter dem Meeresspiegel und 29 Prozent ist anfällig für Flusshochwasser.“ Es zählt gewiss zu den peinlicheren Episoden seiner Geschichte, dass das holländische Parlament vorletzten Montag das IPCC in einer erhitzten Debatte dafür geißelte, eine Zahl abgedruckt zu haben, die die holländischen Regierung selbst geliefert hatte. Zusätzlich merkt das IPCC an, dass es verschiedene Definitionen für „unter dem Meeresspiegel“ gibt. Das holländische Verkehrsministerium nutzt die Zahl 60% (unter dem Höchststand bei Sturmflut), während andere 30% angeben (unter dem mittleren Meeresspiegel). Unnötig zu sagen, dass die konkrete Zahl für die Schlussfolgerungen des IPCC keine Bedeutung und auch nichts mit Klimaforschung zu tun hat. Es ist fraglich, ob man dies überhaupt als Fehler des IPCC zählen sollte.

Einige andere Fragen

Afrikanische Ernteerträge: Der Synthesebericht des IPCC stellt fest: “In einigen Ländern könnten bis 2020 die Ernten aus Regenfeldbau um 50% zurückgehen.” Dafür wird korrekt auf Kapitel 9.4 von WG2 verwiesen, wo es heißt: „Zusätzliche Risiken in anderen Ländern, die durch den Klimawandel verschärft werden könnten, schließen stärkere Erosion, Ernteverluste bei Regenfeldbau um bis zu 50% im Zeitraum von 2000 bis 2020 und geringere Wachstumsperioden bei Feldfrüchten ein (Agoumi 2003).“ Die Agoumi-Referenz ist zutreffend und auch korrekt angegeben. Trotzdem skandalisiert die Sunday Times, in einem Artikel von Jonathan Leake, die Frage als „Africagate“ – hauptsächlich weil die Studie von Agoumi nicht durch den Peer Review gegangen ist (siehe auch unsere Anmerkungen zur „grauen“ Literatur weiter unten) sondern vom International Institute for Sustainable Development und dem Climate Change Knowledge Network stammt. Finanziert wurde sie von der US Agency for International Development. Der Bericht, geschrieben vom marokkanischen Klimaexperten Professor Ali Agoumi, ist eine Zusammenfassung technischer Studien und Forschung, die zur Erstellung der National Communications dreier Länder (Marokko, Algerien und Tunesien) an die United Nations Framework Convention on Climate Change durchgeführt wurde, und ist eine völlig legitime IPCC-Referenz.

Bemerkenswert ist, dass Kapitel 9.4 folgendermaßen weitergeht: “Es ist allerdings möglich, dass Anpassung diese negative Effekte reduzieren könnte (Benhin 2006).” Es folgen ein paar Beispiele, und dann heißt es: „Allerdings werden nicht alle Veränderungen des Klimas und der Klimavariationen negativ sein, da Feldbau und Wachstumsperiode in einigen Gebieten (zum Beispiel Teile des Äthiopischen Hochlands und des südlichen Afrikas und Mosambik) durch den Klimawandel sich verlängern könnten, dank einer Kombination aus gestiegenen Temperaturen und veränderten Regenfällen (Thornton et al. 2006). Milde Klimaszenarien sagen weitere Vorteile für afrikanisches Ackerland voraus, für bewässerte Farmen und besonders in trockenen Regionen.“ (Übrigens sind die eher entwarnenden Benhin- und Thornton-Zitate ebenfalls „graue“ Literatur, aber darüber hat sich niemand beschwert. Könnte es sein, dass die IPCC-Kritiker mit zweierlei Maß messen?)

Für uns klingt Kapitel 9.4 nach einer ausgewogenen Bewertung von Risiken und Chancen, basierend auf den zu jener Zeit verfügbaren Erkenntnissen – kaum Anlass, wild “Africagate!” zu schreien. Wenn man das IPCC hier kritisieren kann, dann dafür, dass diese Ergebnisse für den kurzen Synthesebericht zu stark eingedampft wurden, so dass Nuancen und Relativierungen verlorengingen – speziell der Aspekt, dass das Risiko einer Dürre (definiert als eine Reduktion der Regenfälle um 50%) „durch den Klimawandel verschärft werden könnte“, wie es in Kapitel 9.4 heißt – statt vom Klimawandel verursacht zu werden.

Trends bei Katastrophenschäden: In der Sunday Times beschuldigte Johnathan Leake (wieder) das IPCC, den Klimawandel fälschlicherweise mit Naturkatastrophen in Verbindung zu bringen. In einer Stellungnahme verweist das IPCC auf Fehler in Leakes „irreführender und gegenstandsloser Geschichte“ und besteht darauf, dass das IPCC eine „ausgewogene Behandlung eines komplizierten und wichtigen Themas“ geliefert habe. Wir stimmen hier mit dem IPCC überein, jedoch enthielt WG2 eine diskutierbare Graphik von Robert Muir-Wood (allerdings nicht im Report selbst, sondern im Online-Zusatzmaterial). Als Quelle wurde ein Paper von Muir-Wood zitiert, das nicht die Graphik enthält, sondern die Analyse, auf der sie basiert. Muir-Wood selbst erklärte öffentlich, dass das IPCC seine Ergebnisse ausgewogen dargestellt hat und es angemessen war, sie im Bericht zu zitieren. (Siehe dazu auch den vorigen KlimaLounge-Beitrag.)

Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes: Unterstützt durch „Recherchen“ des „Klimaskeptikers“ Richard North hat (schon wieder) Leake „Amazongate“ ausgerufen, mit einer Geschichte über eine Aussage des WG2 über die Zukunft des Amazonas-Regenwalds. Das betreffende IPCC-Statement lautet: „Bis zu 40% der Amazonas-Wälder könnten drastisch auf selbst kleine Rückgänge der Niederschläge reagieren; das bedeutet dass die tropische Vegetation, Wasserhaushalt und Klimasystem in Südamerika sehr schnell von einem stabilen Zustand in einen anderen wechseln könnte, nicht notwendigerweise mit einem graduellen Übergang zwischen dem heutigen und einem zukünftigen Zustand (Rowell und Moore, 2000).“ Leake hat ein Problem mit dem Zitat von Rowell und Moore, einem Bericht des WWF.

Die Geschichte geht auf zwei Blogbeiträge von North zurück, in denen er zuerst behauptete, dass der WWF-Bericht die ihm zugeschriebenen Aussagen gar nicht enthalte. Da diese These sofort widerlegt wurde, behauptete North anschließend, dass der hinter dem WWF-Bericht stehende Artikel (1999 von Nepstad et al in Nature) sich nur auf die Effekte von Abholzung und Feuer bezog, nicht aber auf Trockenheit. Nepstad selbst hat als Reaktion auf all diese Behauptungen klargestellt, dass die Darstellung des IPCC völlig korrekt ist. Das einzige Problem ist, dass das IPCC den WWF-Bericht zitiert und nicht direkt die ihm zugrunde liegende Fachliteratur. Diese peer-reviewten Studien sind die Basis für die IPCC-Einschätzung ser Empfindlichkeit des Amazonasbeckens gegenüber Dürre. Untersuchungen der Korrespondenz zwischen Leake, Wissenschaftlern und einem BBC-Reporter (hier, hier und hier) zeigen, dass Leake bewusst Erklärungen von Nepstad und einem anderen Experten, Simon Lewis, ignoriert oder verzerrt wiedergegeben hat und seine falsche Geschichte trotzdem veröffentlichte. Diese Kritik an IPCC entbehrt jeglicher Grundlage.

Graue Literatur: In seinem vierten Bericht zitiert das IPCC etwa 18.000 Quellen, von denen die große Mehrheit aus wissenschaftlicher Fachliteratur besteht. Das IPCC hat klare Richtlinien für die angemessene Verwendung so genannter „grauer“ Literatur, typischerweise Berichte von anderen Organisationen oder Regierungen. Besonders für die Arbeitsgruppen 2 und 3 (manchmal aber auch für WG1) sind „graue“ Quellen unverzichtbar, da sie viele wertvolle Daten enthalten: Berichte von nationalen Statistikbehörden, der International Energy Agency, der Weltbank, UNEP und so weiter. Das ist besonders wichtig für regionale Effekte in den am wenigsten entwickelten Ländern, wo erfahrene Experten oft weder die Gelegenheit noch die Motivation haben, in internationalen Fachzeitschriften zu publizieren.

Berichte von Nichtregierungsorganisationen können ebenfalls verwendet werden (wie zum Beispiel bei Himalaya und Amazonas), aber jede Information muss sorgfältig überprüft werden (im ersteren Fall wurde diese Richtlinie nicht befolgt). Schließlich ist es Aufgabe des IPCC, Informationen zu bewerten und nicht einfach alles zusammenzustellen was es findet. Diese Bewertung erfordert ein kritisches Urteil, Überprüfung und sorgfältige Gewichtung sich widersprechender Indizien, und einen kritischen Blick auf die verwendeten Methoden, die zu den vorliegenden Resultaten führten. Deswegen braucht man auch führende Experten für die Zusammenstellung des Berichts – und nicht zum Beispiel studentische Hilfskräfte, die eine Literaturübersicht erstellen.

Verzerrungen in den Medien

Für diejenigen, die sich mit der Arbeit des IPCC und den wissenschaftlichen Grundlagen auskennen, ist die gegenwärtige Diskussion in den Medien in weiten Teilen einfach absurd und surreal. Journalisten, die nie auch nur einen Blick in den IPCC-Bericht geworfen haben, zeigen sich nun empört, dass auf Seite 493 in Band 2 eine falsche Zahl erscheint. Wir haben Fernsehteams getroffen, die einen Bericht über die Fehler des IPCC-Berichtes drehen wollten, und die erstaunt waren, wenn sie einen der schweren Bände in der Hand hielten – sie hatten sie noch nie gesehen. Diese Leute gestanden freimütig, dass sie keine Möglichkeit haben, sich selbst ein Urteil zu bilden: sie könnten nur berichten, was ihnen darüber erzählt wird. Und es gibt gut organisierte Lobbyorganisationen mit ausgezeichneten PR-Möglichkeiten, die dafür sorgen, dass den Journalisten die „richtige“ Geschichte erzählt wird. Das erklärt auch, weshalb manche Berichte darüber, was angeblich im IPCC-Bericht drinsteht, einfach durch Nachlesen im Bericht widerlegt werden können. Unglücklicherweise ist das IPCC als Freiwilligen-Initiative mit einer minimalen Infrastruktur nicht gut positioniert, um Misinformation und Propaganda schnell und effektiv zu begegnen.

Ein nahezu universelles Motiv der Berichterstattung über den Himalaya-Fehler war, dass es sich dabei um eine der zentralen Vorhersagen des IPCC-Berichts handelt – offenbar um den Fehler schlimmer ertscheinen zu lassen als er eigentlich war. Tatsächlich aber taucht die Vorhersage weder in einem der Summaries for Policy Makers, noch im Synthesebericht auf (was zumindest zum Teil erklärt, warum er seit Jahren niemandem aufgefallen ist). Keiner der uns bekannten Medienberichte hat darüber berichtet, dass es in Band 1 (wo Vorhersagen über physikalische Veränderungen auch hingehören) eine ausführliche und völlig korrekte Diskussion des Gletscherschwundes gibt.

Offensichtlich haben interessierte Gruppen nach dem Publikwerden der Himalaya-Geschichte die IPCC-Bände besonders sorgfältig durchkämmt, in der Hoffnung, weitere peinliche Fehler zu finden. Tatsächlich ist dabei kaum etwas ernsthaftes aufgetaucht, aber das bisschen, das zu Tage kam, wurde prompt zu „Seagate“, „Africagate“, „Amazongate“ und so weiter aufgeblasen. Es gibt hier eine gewisse Parallele zum Diebstahl der CRU E-Mails, wo in tausenden Mails wenig gefunden wurde, aber ein paar Sätze aus dem Kontext gerissen und misinterpretiert wurden, um sie zu „Climategate“ aufzublasen.

Wie Tim Holmes glasklar analysiert hat, scheint es ein paar aktive Anführer dieser Misinformationsparade in den Medien zu geben. Jonathan Leake gab den Ton an, doch seine Geschichten enthalten diverse Fehler, Falschdarstellungen und manipulierte Zitate. Außerdem gibt es ein beträchliches Kontingent von "Ich-auch!"-Journalisten, die derartige Geschichten einfach verfielfältigen, ohne sich angemessen über das Thema zu informieren. Typischerweise berichten sie von verschiedenen „Vorwürfen“ wie die gegen das IPCC - oder sie berichten, dass der Mail-Diebstahl am CRU zu „Vorwürfen der Datenmanipulation“ führte. Genau genommen ist das nicht einmal falsch, aber sollte es nicht die Aufgabe von Journalisten sein, solche Vorwürfe zu prüfen, bevor sie sie einfach übernehmen?

Leake attackierte bereits im Januar die wissenschaftliche Arbeit von einem von uns (SR) in einem Sunday Times-Artikel. Der Beitrag war ziemlich einseitig und enthielt eine Reihe inhaltlicher Fehler, um deren Korrektur SR bat. Er hat weder eine Antwort erhalten, noch wurden die Fehler korrigiert. Zwei von Leake zitierte britische Wissenschaftler – Jonathan Gregory und Simon Holgate – schrieben ihm unabhängig voneinander nach Erscheinen des Artikels, dass sie grob falsch zitiert worden seien. Einer von ihnen schrieb, dass er nach der Erfahrung mit Leake „abgeneigt sei, noch einmal mit einem Journalisten über irgend ein Thema zu sprechen“.

Muss das IPCC sich ändern?
Das IPCC hat bis jetzt sehr gute Arbeit gemacht, aber es gibt natürlich Raum für Verbesserungen. Zum Beispiel könnte der Review-Prozess besser organisiert sein. Bis jetzt durfte jeder Reviewer nach Belieben jeden Teil des Manuskripts bewerten, aber es gab keine Koordination in dem Sinne, dass, sagen wir, ein Gletscher-Experte speziell aufgefordert wurde, noch einmal das WG2-Kapitel über Asien zu prüfen. Eine solches Verfahren hätte zum Beispiel den Fehler mit den Himalaya-Gletschern gefunden. Ein weiteres Problem war, dass die Berichte aller drei Arbeitsgruppen fast gleichzeitig fertig werden mussten, was es zum Beispiel für WG2 sehr schwierig macht, die eigenen Erkenntnisse auf den Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe 1 aufzubauen. Dieser Punkt wurde für den fünften IPCC-Bericht bereits verbessert, dort soll der WG2-Bericht sechs Monate nach der Fertigstellung des WG1-Berichts komplettiert werden.

Außerdem offenbarten die Fehler, dass das IPCC keinen Mechanismus zur Publikation von Errata hat. Da in einem 2800-Seiten-Dokument Fehler unvermeidlich sind, muss es einen Weg geben, Fehler zu korrigieren, sobald sie gefunden werden.

Ist die Klimaforschung zuverlässig?

Einige Presseberichte haben den Eindruck erweckt, dass nun auch grundlegende Ergebnisse der Klimaforschung in Frage gestellt seien. Zum Beispiel ob die Menschheit tatsächlich das Klima verändert, Gletscher schmelzen und den Meeresspiegel steigen lasse und so weiter. Das IPCC betreibt selbst keine Forschung, und deswegen erlauben eventuelle Fehler des IPCC auch keine Rückschlüsse über die Qualität der zugrundeliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. Eine unangemessene Literaturquelle oder ein redaktioneller Fehler in Bericht untergräbt offensichtlich nicht die Klimaforschung selbst. Die grundlegenden Ergebnisse der Klimaforschung auf der Basis der jüngsten Anschuldigungen gegen den IPCC anzuzweifeln entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da kein einziger der tatsächlichen und angeblichen Fehler im Bericht der Arbeitsgruppe 1 steht, wo es um die Klimaforschung im eigentlichen Sinne geht.

Fairerweise muss man anmerken, dass die Klimaforscher der Arbeitsgruppe 1 eine wesentlich leichtere Aufgabe haben als ihre Kollegen der WG2 und WG3. Wir studieren ein System, das von den wohlbekannten Gesetzen der Physik regiert wird, es gibt reichlich harte Daten und wissenschaftliche Studien, und die Wissenschaft ist vergleichsweise ausgereift. Der Treibhauseffekt wurde schon im Jahre 1824 von Fourier entdeckt, und schon 1859 maß Tyndall die Wärmeabsorption durch CO2 und andere Gase. Die Empfindlichkeit des Klimas gegenüber CO2 berechnete Arrhenius erstmals im Jahr 1896, und in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts waren die physikalischen Grundlagen des Klimasystems weitgehend verstanden.

Impliziert all das “politisierte Wissenschaft“, absichtliche Täuschung oder eine Tendenz zum Alarmismus auf Seiten des IPCC? Wir denken, dass solche Anschuldigungen jeglicher Grundlage entbehren. Im Gegenteil, eine große Gruppe (tendenziell konservativer) Wissenschaftler, die versucht, einen Konsens in einem politisch bedeutsamen gemeinschaftlichen Dokument zu erreichen, wird sich grundsätzlich nur auf zurückhaltende Schlussfolgerungen einigen können. Tatsächlich war, bevor die letzte Mediendebatte ausbrach, das eigentliche Diskussionsthema unter Experten, ob der vierte IPCC-Bericht einige Folgen des Klimawandels unterschätzt hat. Darunter sind so entscheidende Aspekte wie der Meeresspiegelanstieg oder der Rückgang des arktischen Meereises (siehe auch die entsprechenden Kapitel der Kopenhagen-Diagnose), bei denen die Daten zeigen, dass sich die Situation schneller ändert als vom IPCC erwartet.

Insgesamt gibt der IPCC-Bericht den den gegenwärtigen Stand der Klimawissenschaft sehr gut wieder. Es gab ein paar einzelne Fehler, die eingestanden und korrigiert wurden. Das eigentliche Problem ist ein anderes, nämlich das die öffentliche Wahrnehmung des IPCC und der Klimaforschung durch die mediale Berichterstattung massiv verfälscht wurde. All diese „gates“ – Africagate, Amazongate, Climategate und so weiter – sind keine Skandale des IPCC oder der Klimawissenschaft. Vielmehr sind sie die peinlichen Schlachtrufe eines Medienskandals, in dem einige Journalisten die Öffentlichkeit mit völlig übertriebenen oder ganz erfundenen Pseudo-Skandalen irregeführt haben. Viel zu viele sind ihnen dabei naiv und willig gefolgt, ohne die Farce zu durchschauen.

P.S. Gerade ist das neue Buch The Climate Crisis der Realclimate-Autoren David Archer und Stefan Rahmstorf herausgekommen, das die wichtigsten Schlussfolgerungen des AR4 (alle drei Bände) allgemein verständlich darstellt. Keine der echten oder angeblichen Fehler sind in diesem Buch enthalten, da keine der umstrittenen Aussagen wichtig genug war, um in dieser 250-Seiten-Zusammenfassung aufzutauchen.

Update 24. März: Der Forscher Simon Lewis hat eine offizielle Beschwerde bei der britischen Press Complaints Commission eingelegt gegen den falschen Sunday Times Artikel zum Amazonas. 

Update 29. März: IPCC-Chairman Rajendra Pachauri hat einen lesenswerten Beitrag zum Thema im Guardian publiziert.

Update 5. Mai: Greenpeace hat gerade eine lesenswerte Dokumentation zu den Hintergründen der Attacken auf Klimaforscher in den letzten 20 Jahren publiziert.

Dieser Artikel ist eine Übersetzung des Beitrags IPCC errors - facts and spin des Realclimate-Autorenteams.

Links:

Bei den Scienceblogs fragt der Physiker Jörg Rings: Warum streiken die Klimaforscher eigentlich nicht?

Guardian-Artikel von Jeffrey Sachs zu den Hintergründen des Medienskandals





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Kommentare

  1. Jochen Binikowski Nur kleine Fehler?
    20.02.2010 | 21:29

    Wenn man in den letzten Monaten die Presse beobachtet hat kann man den Eindruck bekommen dass es sich keinesfalls um Fehler im IPCC Bericht handelt, sondern es um bewusste Desinformation der Öffentlichkeit geht.

    Z.B. weiß IPCC Chef Pachauri seit Jahren von dem Himalaya-Fehler, hat aber offenbar eine Korrektur verhindert und andersdenkende Wissenschaftler der "Voodo-Science" bezichtigt. Warum tut der Mann das? Vieleicht weil sein eigenes Institut aufgrund des fehlerhaften IPCC Reports 5 Millionen für einen Forschungsauftrag abkassiert hat? Größtenteils vom deutschen Steuerzahler finanziert.

    Seit Monaten wird darüber berichtet, dass es möglicherweise gravierende Manipulationen bei der Ermittlung der globalen Durchschnittstemperatur geben soll. Es sind ca. 75% der Meßstationen aus der Berechnung genommen worden, vor allem solche die keinen Erwärmungstrend zeigen. Warum hört man Seitens des IPCC dazu kein Sterbenswörtchen? Immerhin geht es um die "Geschäftsgrundlage" vom Emissionshandel und EEG weltweit. Da sind zig Milliarden Gewinne für eine kleine Zahl multinationaler Konzerne und Großbanken bereits angefallen, bezahlt u.a. den Stromkunden in den Industrieländern.

    Weiterhin darf die Frage erlaubt sein, warum renomierte Klimaforscher wie v. Storch die Auflösung des IPCC fordern, wenn da alles angeblich mit rechten Dingen zugeht. Auch das Nobel-Kommitee bedauert inzwischen die Preisvergabe an das IPCC.

    Es wäre gut wenn die Öffentlichkeit endlich die volle Wahrheit erfahren würde. Die Gras-drüber Taktik wird nicht aufgehen.

    [Antwort: Problem ist halt nur, dass das meiste von dem, was Sie hier sagen, nicht stimmt. Sie müssen letztlich eine Wahl treffen. Entweder Sie halten das Wissenschaftssystem zwar nicht für fehlerfrei, aber grundsätzlich für glaubwürdig. Oder Sie halten es für grundsätzlich korrupt und glauben (und wiederholen) dafür lieber unkritisch alle möglichen Behauptungen von "Klimaskeptiker"-Websites (wie es leider auch einige Journalisten tun, siehe Artikel). Letzteres können Sie natürlich gerne tun, ich würde Sie dann einfach nur für schlecht informiert halten. Stefan Rahmstorf]

  2. Lukas John Klimasystem verstanden???
    20.02.2010 | 23:29

    "in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts waren die physikalischen Grundlagen des Klimasystems weitgehend verstanden" ???

    Noch heute erscheinen alle paar Wochen Artikel in denen auf komplett neue Effekte hingewiesen wird, die das Klima beeinflussen, oder die das Klimasystem sogar total umkrempeln (man denke hier z.B. an den kürzlich entdeckten Einfluss der Meeresströmungen)
    All das erweckt für mich nicht den Eindruck, dass das Klimasystem wirklich komplett verstanden ist, genauso wie die Diskussionen der Wissenschaftler die sich ja offensichtlich auch nicht einig sind, was zum Beispiel den tatsächlichen Anstieg der Meeresspiegel angeht.
    Tatsache ist, dass der IPCC sich solche (offensichtlichen) Fehler in einem öffentlichen Bericht eigentlich nicht leisten sollte, wenn er seine Glaubwürdigkeit behalten will.

    [Antwort: Seit 20 Jahren erforsche ich den Einfluss der Meeresströmungen auf das Klima - mir ist nicht bewusst, dass der erst kürzlich entdeckt worden sein soll. Aber Sie haben Recht: natürlich gibt es noch viele Aspekte des Klimageschehens, die man nur unzureichend berechnen kann, wie etwa den künftigen Meeresspiegelanstieg. Trotzdem sind die Grundlagen auch da verstanden: man weiß, welche Faktoren den Meeresspiegelanstieg verursachen. Gedacht hatten wir in dem Text oben aber vor allem an die Grundtatsache, dass CO2 ein Treibhausgas ist und das Klima aufheizt, und dass der Mensch mit seinen Emissionen die Konzentration dieses Gases erhöht - diese Dinge waren seit den 1950ern verstanden. Stefan Rahmstorf]

  3. M.Adeno kein Betreff
    21.02.2010 | 07:58

    Die Diagnose ist schon richtig, IPCC hat sich mit seinen Zukunftsprognosen in die politische Küche begeben (wer die Hitze scheut, sollte das nicht tun) und dort läuft die Auseinandersetzung nicht nur mit Sachargumenten und Logik sondern auch über Emotionen, Vorurteile und Verdächtigungen. Das liegt daran, dass nur wenige in der Lage sind, die quantitativen Prognosen des IPCC zur Welttemperatur persönlich zu verifizieren. Das wird dann ausschließlich eine Sache der Vertrauenswürdigkeit. Also geht es darum, die Glaubwürdigkeit des IPCC zu beurteilen. Welche Interessen verfolgen Repräsentanten des IPCC, welche diejenigen die dies stützen? Diese Fragestellung ist legitim, denn in der Politik ist es ein üblicher Mechanismus Ängste zu schüren um daraus politische Vorteile oder Ablenkungen zu erlangen. Das Verdächtigen oder Rumbohren in potentiellen Schwachstellen ist auch ein sinnvoller Test, denn vielleicht fliegt dabei ja auch etwas auf, man nicht erwartet hat.

  4. Dr. Sebastian Lüning Ein paar Anmerkungen zum Buch und 4AR
    21.02.2010 | 10:22

    Ich habe mir das im Beitrag erwähnte neue Buch „The Climate Crisis“ von David Archer und Stefan Rahmstorf gekauft und bin stark beigeistert. Ein absolutes „Muß“ für jeden, der sich aktiv an der Klimadiskussion beteiligen will. In knapper und gut verständlicher Form wird hier das Wissen des 4. IPCC Berichts (AR4) zusammengefaßt und durch Ergebnisse der Folgejahre ergänzt. Dankenswerterweise beschreiben die Autoren die einzelnen Themen mit (fast) all ihren Graustufen. Der Rote Faden ist zwar die allgemeine IPCC-Interpretationsweise, jedoch werden in diesem Buch auch die Schwachstellen relativ offen diskutiert. Wenn die Datenlage eine klare Interpretation nicht erlaubt, dann wird dies klar gesagt. Ein Qualitäts-Gradmesser von wissenschaftlichen Büchern ist für mich persönlich auch die Menge von Unterstreichungen, die ich während des Lesens vornehme. Eine kleine Marotte von mir. Ich bin derzeit bis zum Ende des 5. Kapitels und Seite 104 vorgedrungen, und wenn ich so zurückblättere, dann habe ich sicher ein Drittel des bisherigen Textes unterstrichen. Ein absoluter Rekord für mich! Und dies ist sicher schon das zehnte Klimabuch, das ich lese. Ein spannendes Thema am Puls der Zeit. In diesem Buch wird auf kleinstem Raum eine Vielzahl von klimatischen Zusammenhängen aufgezeigt, die man anderswo nicht bis kaum beschrieben sieht. Ich bin schon sehr auf die zweite Hälfte des Buches gespannt.

    Selbstverständlich habe ich aber auch ein paar Anmerkungen bzw. Ergänzungs- und Korrekturvorschläge für die nächste Auflage (Kapitel 1-5):

    1) Der Titel „The Climate Crisis“ muß vermutlich aus Marketing-Sicht sein und passt natürlich auch zur im Buch vertretenen Interpretation der Datenlage. Andere, ebenso ernst zu nehmende Klimaexperten, sehen in der aktuellen Erwärmung eher eine Fortsetzung der natürlichen Klimaentwicklung, wobei es in den vergangenen 10.000 Jahren immer wieder zu vergleichbaren Erwärmungsphasen gekommen ist. Der Titel überzieht daher möglicherweise.

    2) Auf Seite 4 wird die Einschätzung des AR4 dargestellt, dass CO2 seit 1950 für das Global Warming zuständig ist. An dieser Stelle wäre die Erwähnung abweichender Einschätzungen sicher angebracht, um die ganze Bandbreite der Klimadiskussion abzubilden. Insbesondere scheint dieser Startpunkt ungünstig gewählt zu sein, da die Erwärmung zwischen 1950-1975 pausierte. Gegen Ende dieser Phase warnten die Experten vor einer drohenden neuen Eiszeit.

    3) Auf Seite 6 wird der Anstieg des CO2 in den Zwischeneiszeiten erwähnt. Ich finde es grob irreführend, wenn an dieser Stelle nicht der zeitliche Verzug zwischen den beiden Größen genannt wird, der die Temperatur als Auslöser für eine ozeanische CO2-Ausgasung herausstellt (Henne/Ei).

    4) Auf Seite 8 wäre die Nennung anderer Modelle nützlich, in denen der Wasserdampf/Wolken Feeedback und die CO2-Klimasensitivität sehr viel geringer eingeschätzt wird (z.B. Lindzen mit 0,5 Grad C pro CO2-Verdopplung).

    5) Auf S. 14 sowie 34-36 wird eine Entkopplung zwischen Sonnenaktivität und Temperaturentwicklung seit den 1970ern postuliert. Svensmark & Friss-Christensen (2007) konnten hier jedoch nach Herausfilterung von El Nino, Vulkanausbrüchen und NAO eine gute Korrelation der Troposphären- und Ozean-Temperaturen mit der Sonnenaktivität zeigen. Die Sonnenaktivität blieb während dieser Zeit auf einem hohen Niveau, und gerade hat sogar Phil Jones das Fehlen eines statistisch relevanten Temperaturanstiegs für die letzten 15 Jahre erklärt. Man sollte daher mit der Sonne nicht so hart ins Gericht gehen, zumal CO2 und Temperaturen von 1950-1975 alles andere als eine ideale Korrelation zeigten.
    Etwas später wird auf der Seite von Modellierungsergebnissen geredet. Prinzipiell: Wenn man keinen Feedback-Mechanismus in die Modelle einbaut, kann auch keine signifikante solare Steuerungskomponente herauskommen (dies gilt auch für die Abbildung 3.18/Temperaturmodellierung mit und ohne CO2, die damit an Aussagekraft verliert). Das Vorhandensein eines positiven Feedback-Mechanismus sensu Svensmark ist jedoch sehr wahrscheinlich, ist doch die solare Steuerung des Klimas der letzten paar 1000 Jahre mittlerweile deutlich erkennbar (so steht es sogar im Buch auf S. 38 sowie 43 !!). Warum wird die Forschung von Svensmark im Solar-Abschnitt S. 34-36 ignoriert? Ich habe die Hauptpunkte hierzu mal zusamengetragen:

    http://www.klimaargumente.de/s3.htm

    6) Auf Seite 41 wird die Einmaligkeit der der aktuellen Temperaturerhöhungsrate postuliert. Man sollte von dieser Argumentation allmählich abkommen. Ähnliche Temperatursteigerungsraten hat es wohl auch vor der Römischen und Mittelalterlichen Wärmephase gegeben, sowie ab 1860 und 1910 (hier fehlen übrigens zwei gelbe Striche in Abbildung 3.1).

    7) Auf S. 43 wird behauptet, die Sonnenaktivität wäre konstant während des Abkühlunsgphase in den 1940ern bis 1970ern geblieben. Wenn man sich die „total irradiance“ Kurven in der Literatur anguckt (z.B. Hoyt & Schatten 1997, Soon 2005 etc.) dann sieht man, dass die Sonnenstrahlung sehr gut mit dem Temperaturverlauf korreliert. Kann dies Zufall sein?

    8) In Abbildung 3.7 auf S. 51 ist der Palmer Drought Severity Index abgebildet. Für welches Zeitintervall gilt die Karte? In diesem Zusammenhang sollte auf jeden Fall das „Green Sahara“ Phänomen diskutiert werden. Während des holozänen Temperaturmaximums, mit Temperaturen die höher waren als heute, hatte sich in der Sahara eine savannenhafte Vegetation ausgebreitet.

    9) Auf Seite 56 werden interne Klimaoszillationen wie z.B. die NAO diskutiert. Hier wäre ein klares Statement zum möglichen Antrieb nützlich. Ist es wirklich ein rein interner, autozyklischer Antrieb? Laut Latif ist der Einfluß externer Antriebe auf NAO und PDO noch unklar. Dies sollte Erwähnung finden.

    10) Auf Seite 63 wird erklärt, die Physik des Treibhauseffektes wäre gut unter Kontrolle und der beobachtete Temperaturanstieg würde gut mit den Modellen übereinstimmen. Dieser Satz spiegelt nicht den aktuellen Diskussionsstand wider. Laut einigen Autoren haben wir nur 15-40% des aus den Modellen postulierten Temperaturanstiegs in den letzten 100 Jahren gesehen (z.B. Schwartz et al. 2010 sowie Lindzen 2005). Zudem sind die Feedback Mechanismen von Wolken und Wasserdampf noch immer schlecht verstanden, wie Sie selber schreiben.

    11) Auf Seite 78 wird das Abschmelzen des Kilimandscharo in den Kontext der Klimaerwärmung gestellt. Nach Kaser & Mote (2007) ist dieses Abschmelzen jedoch eher Folge der anhaltenden Trockenheit und hat mit dem Temperaturanstieg nichts zu tun. Desweiteren sollte man aus aktuellem Anlaß das Himalaya Statement auf S. 180 überprüfen, wo von Wasserproblemen ab 2050 geredet wird, obwohl es den Gletschern doch erst sehr viel später an
    den Kragen geht.

    12) Auf Seite 96 wird die Einmaligkeit des aktuellen Meeresspiegelanstiegs dargelegt. Gerade weil wir für vorangegangene Wärmeperioden keine guten Daten haben (z.B. Mittelalterliche Wärmeperiode), sollte man mit derartigen Aussagen lieber vorsichtiger sein.

    13) Ganz am Ende des Ozean-Versauerungskapitels wird kurz erwähnt, dass es in der Erdgeschichte schon sehr viel höhere CO2-Gehalte gegeben hat. Dies gilt insbesondere für das Mesozoikum, das sich geologisch durch eine Dominanz von Flachwasserkarbonaten mit üppigen Korallenriffen auszeichnet. Offensichtlich hat der saure Ozean den kalkbbildenden Organismen nichts anhaben können. Der Erklärungsversuch durch ominöse Pufferung erscheint hier eher hilflos. Auch hier gelten natürlich chemische Gleichgewichtsregeln, die nicht achtlos über Bord geschmissen werden sollten, auch wenn es zunächst unbequem erscheint.

  5. Gunnar Innerhofer only one question
    21.02.2010 | 21:16

    warum findet man in den IPCC Reporten nur solche Fehler, welche Richtung Dramatisierung tendieren?

    Ich meine, wieso tauchen da nicht andere "Fehler" auf, wie Himalaya Gletscher werden bis 3250 kaum schmelzen, od. die positiven Auswirkungen der Erwärmung im Vergleich zu den 60ger Jahren beschleunigen das Wirtschaftwachstum. Od. die CO2 Anreicherung zeigt überwiegend stark positive Entwicklungen in der Biosphäre und trägt maßgeblich zur Ertragsteigerung bei Getreideernten bei...usw.

    Also, wenn man Fehler findet, dann sind diese eigentlich immer mit dem gleichen "Vorzeichen" versehen. Haben andere Fehler keinen Platz?

    [Antwort: Nun gibt es, wie oben erläutert, ganze zwei Fehler, wobei die fragliche Zahl für Holland von einer holländischen Regierungsbehörde falsch zugemeldet wurde und an keiner IPCC-Folgerung irgendetwas ändert. Sie reden also hier also von einem Fall - dem Himalayafehler - aus dem Sie eine Verallgemeinerung ableiten. Und - wie im Artikel erwähnt - halten wir es für ein gravierenderes Problem, dass das IPCC den Meeresspiegelanstieg deutlich unterschätzt hat. Stefan Rahmstorf]

  6. Martin Holzherr Medien, Wissen und Nicht-Wissen
    21.02.2010 | 22:46

    Die Artikel in Daily Mail, Sunday Times etc. sind zum Teil bewusst irreführend, da gebe ich den Autoren recht. Natürlich sind Aussagen mit Festlegungen, gar Angaben von Jahreszahlen (z.B. 2035) immer besonders vulnerabel und falls sich herausstellt, dass sie nicht stimmen können, ein lohnendes Ziel für Häme in einem populären Medium. Denn jeder kann sich an so einem Fehler freuen, auch wenn er sich noch nie für Klimafragen interessiert hat.

    Es ist also kein Zufall, dass die Angriffe der Presse den Bercht der WG1 ausgespart haben. Die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimawissenschaft eignen sich offensichtlich nicht für die Daily Mail.
    Sobald aber im Kapitel über die wissenschaftlichen Grundlagen Vermutungen geäussert werden, stellen sich sehr wohl Fragen.
    Die Erwärmung in der 2.Hälfte des 20.Jahrhunderts soll ohne anthropogene Treibhausgase kaum erkärbar sein, nur weil Vulkanismus und Sonnenaktivität diesen Temperaturanstieg nicht erklären können? Sind denn alle Faktoren bekannt, die auf das Klimasystem einwirken? Könnte nicht auch eine langperiodische Klimavariabilität einen Beitrag geleistet haben?
    Rein phänomenologisch unterscheiden sich die Erwärmungsphasen 1860-1880,1910-1940 und 1975-1998 jedenfalls kaum.

    [Antwort: Lieber Herr Holzherr, eine globale Temperaturveränderung, die über wenige Zehntel Grad hinausgeht, können Sie grundsätzlich nur mit einer Veränderung der Strahlungsbilanz des Planeten erklären: irgendwo muss die Wärme ja herkommen, 1. Hauptsatz der Thermodynamik (Energieerhaltung). Deswegen ist "langperiodische Klimavariabilität" keine physikalische Erklärung, wenn Sie nicht dazu sagen, was der Mechanismus in der Strahlungsbilanz ist (z.B. ein solarer Zyklus). Nun wissen wir aber aus Messdaten, was in den letzten Jahrzehnten die Strahlungsbilanz verändert hat: es ist der Anstieg der Traubhausgase. Die natürlichen Veränderungen der Strahlungsbilanz (Sonne, Vulkanaerosole) gehen nun mal in abkühlende Richtung. Stefan Rahmstorf]

    Das Unbestrittene - dass CO2 ein Treibhausgas ist - und das Behauptete - dass eine stark positive Rückkoppelung den CO2-bedingten Temperaturanstieg verstärkt - lassen sich für den Nichtfachmann nicht leicht aus dem Bericht der WG1 auseinanderhalten.
    Eigentlich müsste man mit dem immer stärker werdenden Treibhauseffekt einen fast linearen Temperaturanstieg in den nächsten Jahrzehnten erwarten. Zu beobachten ist aber ein treppenförmiger Anstieg und die Klimasensitivität, die aus den Beobachtungen folgt, deckt sich nicht mit den Werten, die sich aus den Interglazialen errechnen.

    [Antwort: Das letztere kann ich nicht nachvollziehen, was meinen Sie? Alle seriösen Abschätzungen der Klimasensitivität, die ich kenne (der IPCC-Bericht listet 13 Studien) kommen zu konsistenten Ergebnissen. Der "treppenförmige" Anstieg ergibt sich aus der Überlagerung der diversen bekannten Atriebssfaktoren. Stefan Rahmstorf]

  7. Lars Fischer @Innerhofer
    22.02.2010 | 00:01

    Das ist sehr einfach: Es gibt Fehler in beide Richtungen. Fehler in der einen Richtung werden von den ernsthaften Wissenschaftlern ausführlich diskutiert, damit eventuelle Schlussfolgerungen auch gut abgesichert sind. Fehler der anderen Richtung werden von selbstverliebten Möchtegerns unreflektiert durch die Gegend krakeelt, weil sie grad zur eigenen Ideologie passen.

    Das ist der Unterschied.

  8. Karl Mistelberger Nicht zu überbietende Scheinheiligkeit
    22.02.2010 | 08:24

    "warum findet man in den IPCC Reporten nur solche Fehler, welche Richtung Dramatisierung tendieren?"

    Substanz zur Entwicklung seit dem AR4 findet sich hier: http://www.copenhagendiagnosis.com/

    Bei den Fehlern wird eine Mücke zu einem Elefanten gemacht und eine unverantwortliche Presse macht in geradezu dümmlicher Weise mit.

    Manche Leute machen sich gar nicht erst die Mühe nach Mücken zu suchen, siehe: John Houghton has never said what he is quoted as saying ("Unless we announce disasters, no one will listen"), http://scienceblogs.com/...l_camp_is_winning_1.php

    Auf die Frage woher er das Zitat von Houghton hätte antwortet Benny Peiser ("Achse des Blöden"), er hätte es in Houghtons Büchern gelesen. Darauf angesprochen, dass es dort nirgends zu finden sei, labert er daher: "I've seen it printed in many books. He is well known for making these statements. I've used that quote on many occasions from one of the books on climate alarmism. If he makes the claim that he never said this then he has to clarify that."

    Fazit: Einige Quellen lügen, andere sind vertrauenswürdiger. Es ist Aufgabe eines Reporters auf diese Unterschiede hinzuweisen und nicht den Lügnern eine Plattform zu bieten. Wer das nicht schafft sollte sich einen anderen Beruf suchen, wo er der öffentlichen Diskussion über die zentrale Herausforderung unserer Zeit weniger Schaden zufügt.

  9. Robert Kühn kein Betreff
    22.02.2010 | 22:28

    Die Menge an Fehlern bzw. Ungenauigkeiten in den aktuellen IPCC-Berichten bewegt sich offensichtlich im Promille-Bereich, was für Meta-Studien oder fachübergreifende Untersuchungen einen deutlich niedrigen Wert darstellt.

    Die Gründe für die immens hohe Fixierung auf diese wenigen Problempunkte in den Medien hat vier Gründe:

    Das Thema "Klimaänderung" ist so komplex, dass eine fundierte Darstellung -auch nur einzelner Aspekte- eine umfangreiche und zeitintensive Recherche erfordert.

    Aufgrund der zunehmenden Reduzierung von wissenschaftlichen Fachkräften in vielen Redaktionen und dem Zwang zu möglichst aktueller Darstellung ist diese Recherche nicht möglich.

    Die Lösung für den gestressten Redakteur sind daher komplett ausformulierte Artikel, die er mehr oder weniger unbearbeitet übernehmen kann.

    Diese Artikel werden von -na nennen wir sie mal "finanziell potenten"- Institutionen hilfreich zur Verfügung gestellt, die im Auftrag der Energiewirtschaft, der Automobillobby u.ä. eine kritische Auseinandersetzung mit der momentanen Energieproduktion hintertreiben. Dieselben Strukturen trifft man übrigens auch bei der "Peak Oil"-Diskussion an.

    Und noch eine Anmerkung:
    Ich möchte mich gegen die Bezeichnung "Klimaskeptiker" aussprechen als Bezeichnung für Personen, die ohne ein wissenschaftlich fundiertes Modell die beobachteten Klimaänderungen und ihren Bezug zu menschlichem Handeln negieren. Ich bevorzuge den Begriff "Leugner".

    Dazu ein Zitat der UK Skeptics, einer Organisation von Wissenschaftlern, die sich u.a. kritisch mit Glaubenssystemen auseinandersetzen:

    We are nothing to do with opposition, activist, or denialist groups who wrongly refer to themselves as 'skeptics' because they adopt a position of non-belief (eg global warming skeptics, vaccine skeptics, etc).

    zitiert nach einem engagierten Kommentar im Guardian:
    http://www.guardian.co.uk/...ange-sceptics-science

  10. Franz Loesten Anmerkung zu Muir-Wood
    23.02.2010 | 00:06

    >Trends bei Katastrophenschäden: [...] Als Quelle wurde ein Paper von Muir-Wood zitiert, das nicht die Graphik enthält, sondern die Analyse, auf der sie basiert. Muir-Wood selbst erklärte öffentlich, dass das IPCC seine Ergebnisse ausgewogen dargestellt hat und es angemessen war, sie im Bericht zu zitieren.<

    Das ist falsch, und ich befürchte das wissen sie auch. Muir-Wood und seine Co-Autoren haben bei der Veröffentlichung ihres Papers explizit geschrieben, dass der vom IPCC AR4 in der erwähnten Grafik konstruierte Zusammenhang zwischen Temperaturanstieg und Unwetterschadenzunahme NICHT erwiesen ist. Zitat Muir-Wood et al.: "In sum, we found statistical evidence of an upward trend in normalized losses from 1970 through 2005 and insufficient evidence to claim a firm link between global warming and disaster losses."

    [Antwort: Nun - ich habe das Paper ja im vorigen Beitrag etwas ausführlicher zitiert, Sie zitieren eine andere Stelle mit ähnlicher Aussage. Wie gesagt, der Zusammenhang war marginal statistisch signifikant, daher die Aussage "no firm link". Was vom IPCC ja auch entsprechend differenziert diskutiert wurde. Unsere Leser können ja aus dem Vergleich der Zitate im vorigen Beitrag selbst urteilen, ob sie darin einen Skandal sehen. Stefan Rahmstorf]

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