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Klimaschutz pro & contra

von Stefan Rahmstorf, 26. Oktober 2009, 12:04

Hinter den Kulissen einiger konservativer Medien brodelt der Streit um den Klimawandel: zwischen den Wissenschaftsredakteuren, die mit den Forschungsergebnissen vertraut sind, und den politischen Kolumnisten, denen diese nicht ins Weltbild passen. Zu beobachten ist dies seit Jahren etwa beim Wall Street Journal; in Deutschland u.a. bei der Welt. Letztere hat diese Debatte nun löblicherweise in die Öffentlichkeit verlagert: pro Klimaschutz schreibt Wissenschaftsredakteur Wolfgang Merkel, contra Klimaschutz Michael Miersch. Eine gute Gelegenheit, um von einem führenden Vertreter des "Klimaschutz? Nein Danke!"- Lagers einmal aus erster Hand zu erfahren, ob es von dieser Seite noch ernsthafte Argumente gibt.

Kurz gesagt hat Miersch drei Thesen: (1) vielleicht fällt die Erwärmung ja aus, Computermodellen ist nicht zu trauen, (2) Erwärmung ist gar nicht so schlimm, und (3) es gibt dringendere Probleme.

Zu (1) beginnt Miersch gleich im ersten Satz mit der Behauptung:

Seit zehn Jahren ist die globale Durchschnittstemperatur nicht mehr gestiegen.

Publikumswirksam - aber für die Fragestellung pro oder contra Klimaschutz ist die Temperaturentwicklung über einen so kurzen Zeitraum irrelevant, da sie von natürlichen Schwankungen dominiert wird. Wir zweifeln auch nicht, ob der Winter kommt, wenn es nächste Woche wieder wärmer ist als diese. Und wie es der Zufall so will - in unserem besten Datensatz für die globalen Oberflächentemperaturen, dem des Goddard Institute for Space Sciences der NASA, beträgt der lineare Trend über die letzten zehn Jahre (1999-2008) +0.19 ºC - exakt so viel wie der klimatologisch relevante Langzeittrend über die letzten 25 Jahre, und gerade so viel wie von den Klimamodellen als anthropogene Erwärmung vorausgesagt (siehe unsere ausführlichere Diskussion der Messdaten). Die Aussage ist also nicht nur irrelevant, sondern obendrein unzutreffend (Miersch weiß natürlich beides, kennt aber bei der Verwendung von populistischen Scheinargumenten anscheinend keine Scham).

Als nächstes bezweifelt Miersch, dass Computerprognosen zum Klima verlässlich sind - weil kein Rechenmodell die Finanzkrise vorhergesehen hat, und weil kein Klimamodell die (nicht vorhandene) Erwärmungspause der letzten 10 Jahre vorhergesehen hat. Beides ist irrelevant. Die Finanzwelt folgt unberechenbaren menschlichen Entscheidungen, das Klima dagegen den bekannten Gesetzen der Thermodynamik und Hydrodynamik. Ein besserer Vergleich wäre es gewesen, die Klimamodelle mit jenen Simulationsmodellen der Strömungsdynamik zu vergleichen, die etwa beim Bau von Flugzeugen eingesetzt werden. Und die üblichen Klimamodelle versuchen gar nicht, den Temperaturverlauf innerhalb von zehn Jahren zu prognostizieren - interne Klimavariabilität ist als stochastischer Prozess erfasst (der auch dazu führt, dass es in den Modellen mal zehn Jahre stagnierende Temperaturen gibt) aber nicht als Prognose für ein bestimmtes Jahrzehnt. Die globale Erwärmung durch den Anstieg der Treibhausgase dagegen wurde lange vorhergesagt (schon 1965 gab es dazu einen Expertenbericht an den US-Präsidenten), bevor sie nachgewiesen werden konnte (in den 1980ern). Sie läuft seit Jahrzehnten wie vorhergesagt ab - Miersch hätte das ehrlicherweise als Paradebeispiel einer Prognose anführen müssen, die sich bewahrheitet hat.

Mistrauen gegen von Laien nicht durchschaubare Computermodelle ist leicht zu wecken - doch das Argument verkennt, dass die Warnungen vor einer anthropogenen Klimaerwärmung auch ohne Computermodelle kaum anders ausfallen würden. Denn sie folgt direkt aus gesicherten Gesetzen der Physik: der Absorption von Wärmestrahlung durch CO2 und andere Treibhausgase (1859 von John Tyndall erstmals gemessen) und dem Energiesatz. Die Strahlungsbilanz unseres Planeten, die die globale Temperatur bestimmt, wurde in ihren Grundzügen schon von Fourier Anfang des 19. Jahrhunderts verstanden, der damals auch den Begriff "Treibhauseffekt" geprägt hat. Wir fügen dem Planeten nach den Gesetzen der Physik netto Wärme hinzu, und daher steigt zwangsläufig die Temperatur.

Die Stärke der Erwärmung hängt dabei auch von Rückkopplungen ab, aber deren Wirkung kann man im heutigen Klima (etwa beim Jahresgang) direkt beobachten - siehe etwa aktuell die neuen Messungen zur Stärke des wichtigsten, des Wasserdampffeedbacks. Und man kann diese Rückkopplungen an den starken Klimaänderungen der Erdgeschichte abschätzen - wo man ja das Endresultat aller Feedbacks direkt zu Gesicht bekommt.

Die verbleibende Unsicherheit über die Stärke der Feedbacks wird dabei - Zeichen jeder seriösen Wissenschaft - vom IPCC klar benannt, und sie ändert nichts am Problem. Denn selbst im günstigsten Falle, einer Klimasensitivität von nur 2 ºC, könnten wir nur durch sofortigen ambitionierten Klimaschutz eine globale Erwärmung über 2 ºC hinaus vermeiden. Im ungünstigsten Falle, sollte die Klimasensitivität eher 4 ºC betragen, dürfte die international inzwischen weitgehend akzeptierte 2-Grad-Linie wohl schon nicht mehr zu halten sein.

Auch der etwas diffuse Hinweis von Miersch, durch einen Vulkanausbruch oder eine Veränderung der zyklischen Strömungen im Pazifik würden "die Karten neu gemischt" ist falsch: beides kann lediglich kurzfristige Schwankungen verursachen, die sich dem Klimatrend überlagern, aber an dem Problem der anthropogenen Erwärmung ändert dies nichts.

 

Oben: Beobachteter Verlauf der globalen Temperatur 1900-2005 (schwarze Kurve, Hadley-Daten) im Vergleich zu 58 Simulationsrechnungen mit 14 unterschiedlichen Klimamodellen, angetrieben von anthropogenen und natürlichen Klimaantrieben (gelbe Linien, Mittelwert dieser Simulationen ist die rote Linie). Die größten Vulkanausbrüche des letzten Jahrhunderts sind markiert. Die Grafik illustriert zweierlei: (1) Klimamodelle simulieren auch natürliche Klimavariabilität, die (wie das echte Wetter auch) eine starke Zufallskomponente hat - daher die Unterschiede zwischen den einzelnen Simulationen. (2) Vulkanausbrüche können zwar zu einer Abkühlung führen, die aber nur einige Zehntel Grad beträgt und einige Jahre anhält.

Unten: Das untere Panel zeigt 19 Modellsimulationen, in denen die anthropogenen Antriebe (Treibhausgase und Aerosole) nicht berücksichtigt wurden, sondern nur die natürlichen Klimafaktoren. Ohne die anthropogenen Faktoren wäre es in den letzten 50 Jahren zu einer leichten Abkühlung des Klimas gekommen. (Quelle: IPCC Abb. 9.5.)

Nun zu Punkt (2): die Folgen einer Erwärmung hält Miersch für harmlos. So behauptet er:

Entgegen der Prognosen blieb auch der Anstieg des Meeresspiegels im Bereich einiger Millimeter pro Jahr.

Klingt harmlos. Die Fakten: seit 1993 steigt der Meeresspiegel um 3.4 mm/Jahr (linearer Trend der Satellitenmessungen). Vom IPCC vorausgesagt waren (best estimate) 1.9 mm/Jahr. Der beobachtete Anstieg läuft entlang der obersten Kante des Unsicherheitsbereichs der Prognose. Harmlos? Bliebe die Rate konstant, wären das 34 cm in diesem Jahrhundert. Mit den 17 cm, die wir im letzten schon erlebt haben, ein halber Meter Anstieg, der bereits an vielen Küsten der Erde die Sturmflutrisiken stark erhöhen würde.

Aber die Anstiegsrate wird nicht konstant bleiben. Die Messdaten der vergangenen 130 Jahre zeigen einen klaren Zusammenhang: je wärmer es wurde, desto rascher stieg der Meeresspiegel. Das ist physikalisch zu erwarten: denn je wärmer es wird, desto schneller schmelzen die Eismassen.

Berücksichtigt man diesen Beschleunigungseffekt, landen wir schnell bei einem Meter oder mehr Meeresspiegelanstieg bis 2100 - und es geht danach noch viele Jahrhunderte weiter, weil die großen Eismassen in Grönland und der Antarktis nur langsam abschmelzen. Es gibt genug Eis auf der Erde, um den Meeresspiegel um 65 Meter anzuheben. Schon wenige Prozent dieses Eises zu verlieren wäre daher verheerend für viele unserer Küstenstädte. Übrigens: am Ende der letzten Eiszeit stieg die globale Temperatur um 4 bis 7 ºC - ein ähnlicher Anstieg, wie wir ihn bei ungebremsten Emissionen bis 2100 erwarten. Dabei gingen im Zuge dieser Erwärmung nicht etwa wenige Prozent des damals vorhandenen Landeises verloren, sondern zwei Drittel. Der Meeresspiegel stieg um 120 Meter.

Doch lassen wir wieder Miersch zu Wort kommen:

Sicher ist: Die 0,7 Grad Celsius, um die das Weltklima sich im 20. Jahrhundert erwärmte, führten nicht zu einem Anstieg von Wirbelstürmen und anderen Naturkatastrophen.

Miersch behauptet da einfach das Gegenteil dessen, was die Datenanalysen zeigen. Der IPCC-Bericht findet etwa in den Messdaten eine deutliche Zunahme in der Stärke tropischer Wirbelstürme seit den 1970er Jahren, die eng mit der Zunahme der Meeresoberflächentemperaturen korreliert (siehe unsere Diskussion hier). Und - interessant - Miersch behauptet, seine Sicht der Dinge sei "sicher". IPCC ist da vorsichtiger und gibt den Belegen für die Zunahme von Wirbelstürmen nur die Einstufung "wahrscheinlich", weil es über die Datenqualität noch Fachdiskussionen gibt. Miersch warnt am Ende vor den Konjunktiven der Wissenschaft - aber mir ist die ehrliche Diskussion von Unsicherheiten deutlich sympathischer als eine forsch behauptete Sicherheit in Punkten, wo es sie nicht gibt.

Noch etwas ist für Miersch "sicher":

Sicher ist: Die erdgeschichtlichen Warmzeiten waren die besseren Zeiten für Natur und Mensch, wie Ökologen und Klimahistoriker bestätigen. [...] Die Wärmeperioden der menschlichen Geschichte waren Epochen des Wohlstandes.

Er vergisst allerdings zu erwähnen, dass die natürlichen Klimaschwankungen in den letzten Jahrtausenden deutlich weniger als 1 ºC in der globalen Temperatur betrugen, und dass die damaligen Wärmeperioden global nicht wärmer als die heutige Zeit waren. So zeigen alle Temperaturrekonstruktionen (es gibt ein gutes Dutzend in der Fachliteratur) für die letzten ein- bis zweitausend Jahre übereinstimmend, dass wir schon in der Mitte des 20. Jahrhunderts die globale Temperatur des Mittelalters überschritten haben. Über eine drei oder vier Grad wärmere Erde liefert die Menschheitsgeschichte keinerlei Erfahrungswerte - so warm war es nicht mehr, seit der Mensch den aufrechten Gang erlernt hat (nämlich seit dem Pliozän for 3 Millionen Jahren - etwa 2-3 ºC wärmer, Meeresspiegel 25-35 Meter höher).

Am Ende fordert Miersch noch eine Kosten-Nutzen-Analyse für den Klimaschutz (die gibt es, siehe Stern Review - nicht zu handeln wäre ein Vielfaches teurer als Klimaschutz) und bringt das schein-moralische Argument, wir sollten uns lieber um andere Probleme wie Abholzung, Überfischung, Armut und Hunger kümmern. Seltsamerweise höre ich dieses Argument nie von Entwicklungsexperten (die wissen nämlich, wie der Klimawandel heute schon die Ärmsten der Welt trifft - siehe aktuell den Bericht des Global Humanitarian Forum). Sondern ich höre es in Podiumsdiskussionen von Vertretern der fossilen Energiewirtschaft. Vielleicht wissen die ja etwas, was Miersch nicht weiß: nämlich dass sie das durch nicht getätigte Klimaschutzinvestitionen  eingesparte Geld gar nicht zur Bekämpfung des Hungers in Afrika einsetzen wollen?

Miersch präsentiert auch in diesem Artikel wieder die üblichen Ladenhüter aus dem Gruselkabinett der "Klimaskeptiker": den  SPIEGEL-Titel von vor 23 Jahren, die von "führenden Köpfen der Mehrheit" geforderte Ökodiktatur (schade, keine Quellenangabe), die bei den Kreationisten als Ersatz für Argumente schon bewährten Unterschriftenlisten, Al Gore, unseriöse Umfragen (80% der Klimaforscher zweifeln an den Computermodellen - ich zähle bei der so gestellten Frage übrigens auch dazu).

Spätestens da wird klar, für wen Miersch nicht schreibt: nämlich für Menschen, die Wert auf seriöse, belastbare Informationen legen und auch mal den einen oder anderen Punkt kritisch nachprüfen. Mehr als die üblichen populistischen Versatzstücke von den "Skeptiker"-Websites hat er nicht zu bieten. So erbringt Miersch selbst den besten Beweis, dass es ehrliche und ernst zu nehmende Argumente gegen Klimaschutz offensichtlich nicht mehr gibt - sonst hätte er sie sicher genannt.



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Kommentare

  1. Günter Heß Quantitative Bestimmung
    26.10.2009 | 13:54

    Lieber Herr Rahmstorf
    Danke für diesen ausführlichen Beitrag. Ich habe verstanden, dass die Computermodelle den Temperaturverlauf im 20. Jahrhundert nicht simulieren können ohne anthropogenen Beitrag.
    Ich verstehe das Argument qualitativ, suche aber eine quantitative Antwort, da man doch nur so die wahrscheinlichen Szenarien erkennen und wirksame Gegenmaßnahmen auswählen kann.
    Ich suche deshalb schon seit einiger Zeit nach der quantitativen Antwort auf die folgenden Fragen:
    Wie groß war der Anteil der anthropogenen CO2 Emission, gemessen in Kelvin, an der Temperaturerhöhung von ca. 0.8K im 20 Jahrhundert?
    Wie groß war der Anteil der anderen Treibhausgase, gemessen in Kelvin, an der Temperaturerhöhung von ca. 0.8K im 20 Jahrhundert?
    Wie groß war der Anteil der natürlichen Variabilität, gemessen in Kelvin, an der Temperaturerhöhung von ca. 0.8K im 20 Jahrhundert?
    Ich würde gerne diese Zahlen in Kelvin mit Fehlerbalken wissen und ein „Peer-Reviewed“ Paper lesen, das die Methode erklärt, wie diese Zahlenzustande kommen.
    Für mich selbst habe ich sehr grob aus den Climate Explorer Szenarien 0.6 K +/- 0.5 K für den anthropogenen Anteil abgeschätzt.
    Meine Methode war aber nur visuelle Inspektion der einzelnen 20cm3 Simulationen, die in ihr Bild Eingang gefunden haben. Zugegeben eeine grobe Methode, deshalb wüsste ich gerne genaueres.
    Können Sie mir da weiterhelfen?
    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

    [Antwort: Lieber Herr Heß, die einfachste näherungsweise Abschätzung der jeweiligen Beiträge können Sie direkt aus den Strahlungsantrieben machen, IPCC Abb. SPM2. Etwas aufwändiger ist die Korrelationsanalyse von Lean&Rind (GRL 2008) die den Zeitverlauf der Antriebe mit berücksichtigt (und auch räumliche Muster untersucht). Für die letzten 100 Jahre (genauer 1905-2005) kommen sie auf 0.59 ºC anthropogene Erwärmung plus 0.07 ºC Sonnenaktivität, die beiden anderen Faktoren (ENSO und Vulkane) sind klein und summieren sich für diesen Zeitraum gerade auf Null. Summe wäre also 0.66 ºC (linearer Trend, konsistent mit IPCC 0.74+/- 0.18), und davon wäre 89% athropogen und 11% Sonne. Zur Aufteilung auf die einzelnen Gase siehe oben.

    Für die letzten 25 Jahre (1979-2005) sieht es so aus: 0.50 ºC anthropogen, -0.01 ºC Sonne (Abnahme der Sonnenaktivität) und + 0.03 durch ENSO und Vulkane. Da haben wir also 97% anthropogen.

    Eine weitere Methode wäre die Analyse von Modellsimulationen, bei denen einzelne Forcings weggelassen werden, um deren Beitrag zu berechnen. Stefan Rahmstorf]

  2. Jürgen Bolt Ein gutes Wort für Miersch
    26.10.2009 | 14:02

    Lieber Herr Rahmstorf,

    Ich stimme Ihnen ja inhaltlich völlig zu. Aber eine Frage habe ich doch: tun Sie Herrn Miersch nicht ein bißchen unrecht?

    Miersch beschreibt sein Anliegen so:
    "Ihre Autorinnen und Autoren (gemeint ist die 'Achse des Guten', der Miersch angehört) lieben die Freiheit und schätzen die Werte der Aufklärung. Sie versuchen populären Mythen auf den Grund zu gehen, und sind skeptisch gegenüber Ideologien."

    Anscheinend verwechselt er Ihr Engagement mit Ideologie, aber wenn er sich damit auch bei Ihnen und vielen Ihrer Kollegen täuscht, so hat er doch insgesamt nicht ganz unrecht. Warum halten die meisten Deutschen den Klimawandel für eine reale Bedrohung, verweigern aber die Teilnahme an der Schweinegrippenimpfung? Für beides gibt es gute wissenschaftliche Gründe, aber der Klimawandel entspricht außerdem einer naturromantischen Ideologie (so etwas wie: Natur=gut, Mensch=schlecht), der die Schweinegrippenimpfung widerspricht.

    Offensichtlich ist es für die öffentliche Meinung weniger bedeutend, wie eine These wissenschaftlich begründet ist, und wichtiger, ob sie dieser Ideologie entspricht. Und das halte ich, wie Miersch, für durchaus kritikwürdig. Es ist ja ein für Sie glücklicher Zufall, daß sich die Ergebnisse Ihrer wissenschaftlichen Forschung mit den Ideologien vieler Menschen decken. Andere Kollegen, z.B. aktuell Michael Khan im Nachbarblog, haben da weniger Glück.

    Ich finde es eher schade, daß er sich in der Frage des Klimawandels so verrannt hat. Aber wenn er seine oben zitierte Position wirklich ernst meint, müßte er sich eigentlich durch Argumente, wie Sie sie immer wieder vortragen, langfristig überzeugen lassen. Daher würde ich es vorziehen, die Gräben nicht durch allzu polemischen Stil nicht unnötig weit aufzureißen. Natürlich kenne ich ihn kaum und beurteile ihn vielleicht ein bißchen naiv...

  3. M.Adeno kein Betreff
    26.10.2009 | 14:28

    Der weltweite CO2-Ausstoß steigt trotz Kyoto und EE-Subventionen nahezu ungebremst (http://www.iwr.de/klima/ausstoss_welt.html). Die Hoffnung, dass sich das ändert ist doch eher naiv. Für den Fall des Falles muss der Mensch wohl seine Anpassungsfähigkeit oder technischen Fähigkeiten demonstrieren. Wunschdenken ist keine Basis für eine glaubwürdige Klimapolitik.

  4. Fritz Böhm was ist seriös? (Teil1)
    26.10.2009 | 16:59

    ich erlaube mir als praktizierender Physiker und Hobby Meteorologe einige Argumente der AGW Verfechter und der sg. „Skeptiker“ zusammen zu fassen und überlasse den Lesern und ihnen, Herr Rahmstorf, gerne die subjektive Abwägung, was nun seriös sein könnte und was eben weniger od. gar nicht.

    1. Temperatur Rekonstruktionen:
    auf der einen Seite die berühmte M. Mann et al. Serie der NHK, hervorgehoben im IPCC Report 2001.
    http://www.grida.no/publications/other/ipcc_tar/
    od. von einer „Skeptikerseite“ (Nature 433: 613-617.)
    http://www.co2science.org/...udies/l1_mobergnh.php
    od. IPCC 2007
    http://www.ipcc.ch/...ar4/wg1/ar4-wg1-chapter6.pdf
    (Seite 35; Figure 6.10)

    man kann, wie man sieht, die MWP und LIA hervorheben od. auch nicht. Was entspricht der Realität? Lt. IPCC 2007 sind zu mindest die globalen T Variationen über 1000a mit den heutigen vergleichbar. Die natürlichen Klimaschwankungen sind offensichtlich nicht ausreichend bekannt.

    2. CO2 Rekonstruktionen:
    IPCC 2007: 10.000a CO2 Verlauf (Seite 3 Figure SPM.1)
    http://www.ipcc.ch/...port/ar4/wg1/ar4-wg1-spm.pdf
    od. Zbigniew Jaworowski, M.D., Ph.D., D.Sc. (Figure 4 und 5, Seite 7;8)
    http://www.21stcenturysciencetech.com/...andal.pdf
    Die Auswertungen von einem gewissen Herrn Beck sind ja auch nicht völlig zu verwerfen, würde ich noch hinzufügen.
    War der vorindustrielle CO2 Gehalt der Luft nun sehr konstant um 270ppm, oder gab es schon immer deutlich größerer Schwankungen als vom IPCC dargestellt? Sind die Methoden wie sie angewendet wurden „seriös“? Wird die sg. Klimasensitivität des CO2 nicht überstrapaziert? Viele gute Fragen, aus meiner Sicht.

    3. Medien, Methoden, peer review & co.
    manchmal wünscht man sich die „Pressefreiheit“ zum Teufel, oder nicht? Skeptiker wie AGW Verfechter sind hier um keinen Deut besser. Als Beispiel der bekannte Al Gore Film. Ich lasse die vielen Ungereimtheiten und Anmaßungen mal weg, der Rahmen ist dazu nicht geeignet, nur ein Auszug, welcher oft übersehen wird: in der Einleitungsphase erklärt Gore die Plattentektonik, welche Südamerika irgendwann von Afrika löste. Das die Ränder dieser Landmassen so gut zusammen passen wie der T und CO2 Verlauf war als Verständnisbrücke gedacht, aber dann, Al Gore: …„der Schüler welcher sich damals (Ende 1950) fragen getraute, ob diese 2 Kontinente mal verbunden waren, wurde vom Lehrer für blöd erklärt, der Schüler ist heute drogenabhängig und der Lehrer Berater der Bush Regierung! Und, die Wissenschaft war damals noch nicht mit der Plattentektonik vertraut“…
    Polemik pur, würde ich sagen, denn bereits Jahrzehnte davor hat ein Herr A. Wegener (1912!) die Plattentektonik wissenschaftlich beschrieben. Ich stelle fest, dass die einzig wirklich sinnvolle Aussage in diesem Film die Geschichte mit dem Frosch ist, der Rest ist Hollywood. Kein Problem, nur wird dieser Film in vielen Ländern als Unterrichtsmittel verwendet. Polemik und politische Anmaßungen über Lobbys, dem Bush Clan und die Vergleiche von „Skeptikern“ mit Nationalsozialisten Hitlerdeutschlands krönen das „Meisterwerk“. Warum wird nicht gleich Gerlich&Tscheuschner: http://arxiv.org/...arxiv/pdf/0707/0707.1161v4.pdf
    als Unterrichtsmittel verwendet? Weil der 2. HS der Thermodynamik falsch interpretiert wurde und/od. weil man Schüler nicht überfordern sollte? Warum stellt sich das IPCC neben Al Gore auf die Bühne und stellt damit jede Glaubwürdigkeit des Nobelpreis Komitees schwer in Frage? Nehme ich den IPCC 2001 Report zur Hand, kann ich seriös über 20 gravierende Falschaussagen des Herrn Gore in seinem Film festmachen. Ist ihnen das alles egal, nur um ein simplifiziertes Bild vom Klima in die Köpfe der Menschen zu bringen? Wer wird den angerichteten Schaden gut machen, wie kann man nur auf wissenschaftliche Unabhängigkeit und Glaubhaftigkeit vertrauen, wenn so etwas zugelassen, ja sogar weitestgehend verteidigt wird?

    [Antwort: Lieber Herr Böhm, was an Al Gore's Film wissenschaftlich falsch und was richtig ist, haben sowohl ich selbst in den deutschen Medien als auch z.B. meine Kollegen auf Realclimate bereits kurz nach Erscheinen kommentiert (auf 20 gravierende Fehler sind wir dabei allerdings nicht gekommen). Gore hat übrigens die Dinge, die wir damals als fehlerhaft benannt haben, in späteren Auftritten mit seinem Vortrag (ich habe ihn live in Berlin erlebt) dann korrekt wiedergegeben. Er ist also durchaus lernfähig und nach meiner Einschätzung an der Wissenschaft und der korrekten Wiedergabe ihrer Ergebnisse sehr interessiert.

    Ihre rhetorische Frage zu Gerlich&Tscheuschner ist ein Scherz, oder? Ein verworrenes Paper zweier obskurer Physiker (kaum Fachpublikationen) voller elementarer Physikfehler (wie Sie selbst sagen, 2. Hauptsatz nicht verstanden uvm.) und völliger Ahnungslosigkeit über das Klimasystem, als Unterrichstmaterial? Stefan Rahmstorf]

  5. Folke Kelm Sehr geehrter Herr Böhm
    26.10.2009 | 20:26

    Zur Frage, welche Artikel denn Nun seriös sind, sollten sie als Physiker doch wissen, wie man Messreihen erstellt.
    In Anbetracht der tatsache, dass Sie herrn Beck und Herrn jaworowski so explizit erwähnen, sollten Sie wissen, dass herr Beck sein 170 Arbeiten zum Gehalt der Luft durchaus nicht selbst verfasst hat, sondern auch nur abgeschrieben hat. Mein Anliegen ist aber vielmehr, Sie darauf hinzuweisen, dass die werte, die Herr Beck so schön in eine Kurve gebracht hat, durchaus NICHT miteinander zu vergleichen sind. Herr Beck hat schlicht ignoriert, dass die allermeisten dieser Analysen in Milieus erfolgten, in denen von durchmischter Atmosphäre und kontinuierlichen Messreihen keine Rede sein kann. Wenn sie heute mit diesen Methoden die Luft analysieren, in denselben Milieus wie in den Originalarbeiten, bekommen Sie teilweise Werte von über 1500ppm. Es hat auch schon zur Zeit vor den Keeling-Messungen seriöse Versuche zur Abschätzung des CO2-gehaltes der Atmosphäre gegeben, die auch sehr gut mit dem Trend in der Keeling Kurve konsistent sind.
    Zu Jaworowski ist zu sagen, dass ich beim überfliegen seines Artikels (ich kannte diesen noch nicht, danke für den Link) eine ganze Reihe von massiven Fehlern und anscheinend bewussten Irreführungen gefunden habe, die ich gerne bei etwas Zeit einmal mit Ihnen diskutiere.
    Soviel zu zwei ausserordentlich unseriösen Publikationen.

  6. Peter Heller Flugzeuge im Bauch
    26.10.2009 | 22:06

    Zitat:

    "Ein besserer Vergleich wäre es gewesen, die Klimamodelle mit jenen Simulationsmodellen der Strömungsdynamik zu vergleichen, die etwa beim Bau von Flugzeugen eingesetzt werden."

    Dieser Vergleich ist in der Tat überaus sinnvoll, Herr Rahmstorf. Nur schießen Sie hier ein Eigentor.

    Denn tatsächlich ist es so, daß die Darstellungen der Umströmung gekrümmter Flächen, die uns derzeit mit Modellrechnungen im Flugzeugbau möglich sind, der Realität nur angenähert entsprechen.

    Kein Mensch sollte sich in ein Flugzeug setzen, das allein aufgrund von Modellrechnungen konstruiert wurde. Das wäre nicht nur fahrlässig, sondern sogar selbstmörderisch.

    Windkanaltests und vor allem die Erprobung im Flug sind in der Konstruktion eines Flugzeuges auch heute noch unerläßlich und führen regelmäßig zu Designänderungen, die so nicht durch Modellrechnungen abgeleitet werden können. Und das wird sich wahrscheinlich niemals ändern.

    Glauben Sie vor diesem Hintergrund tatsächlich, ausgerechnet das komplexe Klimasystem der Erde bereits heute so weit verstanden zu haben, daß es in einem Modell abgebildet werden kann, das die Zukunft auf den Zehntelmillimeter (Meeresspiegel) oder auf das hundertstel Grad genau vorhersagen kann?

    [Antwort: Nein, das glaube ich nicht - heutige Modelle können den Meeresspiegel im Jahr 2100 nicht einmal auf zwanzig Zentimeter genau vorhersagen, geschweige denn auf Zehntelmillimeter. Auch beim Klima verlassen wir uns in erster Linie auf die Messdaten (wie oben ja beschrieben - auch ganz ohne Computermodelle kämen wir ja im Grundsatz zu den gleichen Folgerungen), und ein großer Teil unserer Arbeit in der Klimasimulation besteht ja darin, die Modelle etwa an vergangenen Klimaänderungen zu testen (wobei der Schwerpunkt meiner Arbeitsgruppe dabei auf dem Eiszeitklima liegt). Stefan Rahmstorf]

  7. Karl Mistelberger Was ist seriös?
    27.10.2009 | 13:31

    Auf den polemisch formulierten Beitrag von Fritz Böhm im Detail einzugehen ist Zeitverschwendung. Als seriös bewerte ich das, was ich verstehen kann und dazu gehört in Zusammenhang mit Moberg dieser Artikel: http://www.realclimate.org/...sphere-temperatures/

  8. Wolfgang Rech Zehntel in mm spielen doch keine Rolle
    27.10.2009 | 13:33

    Wenn unstrittig bewiesen ist (was der Fall zu sein scheint), dass es im Pliozän vor 3 Millionen Jahren, etwa 2-3 ºC wärmer war und in der Folge dessen der Meeresspiegel 25-35 Meter höher lag - sollte man sich dann als Bürger dieses Planeten nicht fragen dürfen (ja, sogar fragen müssen), was für ein sonderbares Spiel wir hier alle treiben, wenn uns klar vor Augen geführt wird, dass wir bis Ende dieses Jahrhunderts mit 4-7 ºC Temperaturerhöhung zu rechnen haben?

    Wir scheinen mehr als blind geworden zu sein, denn wir verfielen in den Irrtum, dass wir unsere Ansichten, wie das Leben gestaltet sein soll, über die Gesetzmäßigkeiten des Planeten stülpen zu können.

    Und was passiert, seitdem wir im Grunde all dies wissen?

    Die Zahlen (Quelle: IPCC Abb. 9.5.) sprechen für sich und belegen, dass all unser Entgegenwirken nicht einmal dazu gereicht hat, einen Gegentrend in der Klimaentwicklung erkennen zu lassen.

    Ist es da nicht wirklich langsam angebracht, uns allen Ernstes zu fragen, ob wir das Menschsein an sich überhaupt wertschätzen möchten - oder ob wir weiterhin so unterbelichtet bleiben wollen, uns nach Prämissen auszurichten, die den Gesetzmäßigkeiten des Lebens widersprechen?

    Ich will nichts anderes, als nur etwas "Neues Denken" anzuregen versuchen, da alle bisherigen Appelle der sogenannten Weisen unserer Zeit - die seit Jahren nicht weniger fordern, als die "Große Transformation" - den erforderlichen Wandel nicht herbeigeführt haben.

    Vielleicht sollten wir damit beginnen aufzuhören, uns nur die Worte zu erlauben, welche unserer Stellung in der Gesellschaft oder unserem Beruf angemessen erscheinen, und uns zu aller erst daran erinnern, dass wir allesamt ausnahmslos im Grunde unseres Seins nur eines sind - nämlich Bewohner dieses Planeten.

    Die Frage lautet nur: Wollen wir dies bleiben, oder nicht?

    Denken Sie weiter verehrte Leser der "WISSENlogs" - insbesondere dann, wenn Sie jünger als 50 sind und vielleicht sogar Kinder haben, was in beiden Fällen für mich nicht zutrifft.

  9. Björn Lohmann Ressortkonflikte
    27.10.2009 | 18:10

    Als freier Wissenschaftsjournalist habe ich mit Wissenschaftsredakteuren vieler Redaktionen zu tun, und ich kenne dort keinen einzigen Fall eines "Skeptikers"; vermutlich, weil dort Leute sitzen, die sich aufgrund der Ausbildung mit dem Thema auskennen oder in der Lage sind, (natur-)wissenschaftliche Publikationen zu verstehen. Ein Politikredakteur muss nicht in der Lage sein, ein klimawissenschaftliches Paper auf Plausibilität zu prüfen - aber dann sollte er dem Konsens einer Einrichtung wie dem IPCC vertrauen oder einen Kollegen aus dem Wissenschaftsressort um eine kritische Prüfung bitten. Eine persönliche Meinung ohne wissenschaftliche Grundlage hat in einer wissenschaftlichen Diskussion nichts verloren, erst recht nicht aus der Feder eines Journalisten. Ich kann mich übrigens an keinen Fall erinnern, in dem ein Wissenschaftsredakteur ein (nicht fundiertes) "Kontra" zu einem rein politischen Thema gegeben hätte. Warum müssen immer alle Ressorts in der Wissenschaft mitreden?

    Ärgerlich finde ich zudem den immer wieder zu hörenden Vorwurf, Wissenschaft (resp. Klimaschutz) sei auch nur eine Ideologie. Sicher gibt es den fanatischen Wissenschaftler, dem Wissenschaftsethik fern liegt. Aber die seriöse Wissenschaft hat nicht nur den Zweifel als erstes Gebot, sie benennt auch immer - wie hier im Blog - die Größe ihrer Unsicherheit. Fehler und Fälschungen werden - wenn nicht durch Forscherkollegen, dann durch Fachjournalisten - sehr zuverlässig aufgedeckt. Ich bin sicher, vergleichbaren Handlungsbedarf gibt es auch im Politkjournalismus. Daher finde ich es schade, wenn manche Kollegen sich nicht auf ihre Kompetenzen konzentrieren, sondern sich zu Lobbyisten problematischer Irrglauben machen. An Stefan Rahmstorf an dieser Stelle deshalb ein "Danke" fürs Geraderücken.

  10. Michael Geiger Herr Rech!
    28.10.2009 | 16:31

    ich denke, sie glauben, wenn sich ein blog "wissensblog" nennt, dann finden sie dort die viel zitierte Wahrheit. Sie glauben, man würde wissen, wie warm es im Pliozän war. OK, dann sollten sie auch wissen, wie Paleo T Rekonstruktionen funktionieren. Man kann seriös nicht mehr sagen, als dass es wahrscheinlich um 3°C wärmer war, ALS WANN? 2008, 1970 bis 2008, 1900 bis 2000 od. viel besser 1000 bis 2000 und selbst das ist mit +/- 2°C zu behaften, wenn man nicht überheblich gscheit wirken will. Übrigens sollten alle nicht vergessen, wie unmöglich es ist einzelne Dekaden Peaks in 100.000a Reihen zu finden und diese mit heutigen Peaks (wie 1980 bis heute) zu vergleichen. Dieses simplifizierte Abbild jeder Klimageschichte wäre erst einmal richtig zu interpretieren, bevor man sich über die Menschheit an sich Gedanken macht.

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