Klimaforscher-Konsens 97%
Schwammige oder suggestive Fragen, geringer Rücklauf, fragwürdige Kompetenz der Befragten, politischer "spin" bei der Interpretation der Ergebnisse - letzten Herbst hatten wir in mehreren Beiträgen über die Probleme mit einigen Klimaforscher-Befragungen berichtet. Aus den USA erreicht uns jetzt eine neue Studie, die diese Probleme weitgehend zu vermeiden sucht.
Die Fragen, die Peter Doran und Maggie Kendall Zimmerman (University of Illinois, Chicago) 10.257 Geowissenschaftlern (überwiegend aus USA) gestellt haben, waren klar und einfach, und mehr als 30% der Angeschriebenen haben sie beantwortet (im Vergleich zu 18% bei der Storch/Bray Umfrage).
1. Im Vergleich zum Temperaturniveau vor dem 19. Jahrhundert, sind die globalen Durchschnittstemperaturen allgemein gestiegen, gefallen oder etwa gleich geblieben?
2. Glauben Sie, dass menschliche Aktivitäten ein signifikanter Faktor bei der Veränderung der globalen Temperatur sind?
Kurz gesagt: gibt es eine globale Erwärmung, und wird sie signifikant vom Menschen verursacht? Insgesamt antworteten 90% mit "gestiegen" auf Frage 1, und 82% mit "ja" auf Frage 2.
Doch jetzt kommt das eigentlich Interessante: die Teilnehmer wurden auch nach ihrem Fachgebiet und ihren Fachpublikationen der letzten fünf Jahre befragt. Hier in der KlimaLounge haben wir schon mehrfach darauf hingewiesen, dass man einen Experten nicht am Professorentitel erkennt, sondern daran, dass er selbst auf dem betreffenden Gebiet forscht und dies durch entsprechende Fachpublikationen belegen kann. An der obigen Umfrage beteiligten sich u.a. Geochemiker, Geophysiker, Ozeanologen, Geologen, Hydrologen, usw.
Dabei zeigte sich: die Zustimmung zu den beiden genannten Fragen ist umso höher, je mehr die Befragten vom Klima verstehen (siehe Grafik). Unter den Klimatologen, die überwiegend zu Klimaveränderungen forschen und publizieren, haben 97% Frage 2 mit "ja" beantwortet. Die geringste Zustimmung zur zweiten Frage fand sich unter Wirtschaftsgeologen (47%) und Meteorologen (64%).
Heizt der Mensch das Klima auf? Antworten auf Frage 2, aufgeschlüsselt nach Fachgebiet und Publikationstätigkeit (Fachartikel) der Befragten. Die Zahlen für die breite Bevölkerung stammen aus einer Gallup-Umfrage in den USA im Jahr 2008.
Diese Ergebnisse werden niemanden überraschen, der sich schon längere Zeit unter Klimaforschern bewegt. Die Skepsis in Geologenkreisen ist bekannt und nachvollziehbar, forschen viele doch nicht zu den Ursachen des rezenten Klimawandels sondern dazu, wo man noch mehr Öl und Kohle zum Verbrennen finden kann.
Auch die Skepsis unter manchen Meteorologen ist uns wohl vertraut (wenn auch in Europa wohl nicht so ausgeprägt wie in den USA). Wer mit Wettervorhersage zu tun hat, erlebt das Klimasystem als chaotisch und schwer berechenbar. Dabei wird von manchen übersehen, dass zwar das Wetter chaotisch ist, nicht aber das Klima. Wetter und Klima folgen ganz unterschiedlichen Gesetzen - so gibt es in einigen unserer Potsdamer Klimamodelle überhaupt kein Wetter (also Schwankungen von Tag zu Tag), sondern sie berechnen direkt die mittleren Klimagrößen. Die globale Temperatur wird zum Beispiel durch einen globalen Energiesatz bestimmt und ist daher leicht berechenbar - es gibt einfach nicht viele Möglichkeiten, einem Planeten Energie zu- oder abzuführen. In Wettervorhersage-Modellen wird dagegen oft sogar die Energieerhaltung verletzt - deshalb müssen sie erst modifiziert werden, wenn sie für Klimasimulationen eingesetzt werden sollen. Ein Ungleichgewicht in der planetaren Energiebilanz von einigen Watt pro Quadratmeter ist für die Wettervorhersage über einige Tage vollkommen unerheblich - für das Klima ist es entscheidend.
Fazit: diese Studie belegt einmal mehr den überwältigenden Konsens in der Wissenschaft - zumindest unter denen, die tatsächlich zum Thema forschen - dass wir mit unseren Emissionen von Treibhausgasen das Klima aufheizen. In der breiteren Bevölkerung - und teilweise auch unter Wissenschaftlern von Nachbardisziplinen, die nicht direkt zum Klima forschen - ist dieser Konsens aber noch bei weitem nicht angekommen. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass in den Medien "Skeptiker" weit überproportional zu Wort kommen, oft ohne kritische Nachfrage, ob sie überhaupt sachlich fundierte Argumente haben und ihre Fakten und Zahlen stimmen. Hauptsache, die Thesen klingen originell. So entsteht bei vielen Medienkonsumenten der falsche Eindruck, die Ergebnisse der Klimaforschung seien noch unsicher und unter Experten umstritten.
Literatur
Doran, P. T., and M. Kendall Zimmerman (2009), Examining the Scientific Consensus on Climate Change, Eos Trans. AGU, 90(3), doi:10.1029/2009EO030002.
Kendall Zimmerman, M. (2008), The consensus on the consensus: An opinion survey of Earth scientists on global climate change, 250 pp., Univ. of Ill. at Chicago.
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Der Klimawandel: Sichtweisen und Interpretationen
Ergebnisse des Projektes
"The Perspectives of Climate Scientists on Global Climate Change"
Dennis Bray, Hans von Storch, Sönke Rau
Institut für Gewässerphysik der GKSS, D 21502 Geesthacht
Universität Hamburg
Zusammenfassung
In diesem Artikel werden einige der Ergebnisse des Projektes "The Perspectives of Climate Scientists
on Global Climate Change", vorgestellt. Für dieses Projekt wurde ein Fragebogen an 1.000
Wissenschaftler in den USA, Kanada und Deutschland verschickt. In den Antworten finden sich
Ähnlichkeiten und Differenzen zwischen den einzelnen Ländergruppen. Hier sollen die Ergebnisse
für die deutsche Forschergruppe im Vordergrund stehen. Deutsche Forscher zeigen im allgemeinen
das größte Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Klimamodellen. Sie geben in stärkerem Maße als die
anderen Gruppen an, daß Klimawandel negative Auswirkungen für ihre Gesellschaft haben wird und
glauben in stärkerem Maße an die Notwendigkeit politischer Maßnahmen, um dem Klimawandel zu
begegnen. Unterschiede zwischen den Gruppen finden sich auch in der Bewertung der Beziehung
Wissenschaft - Politik. Deutsche Forscher haben, prozentual gesehen, den geringsten Kontakt mit
Medien und Politik. Trotz dieser geringen Kontakte ist die deutsche Gruppe jene, die am stärksten die
Meinung zum Ausdruck bringt, daß es Forscher gibt, die in der Lage sind, die sozialen Auswirkungen
eines Klimawandels bewerten zu können. Wissenschaftler aller betrachteten Länder zeigen sich
unzufrieden mit der gegenwärtigen Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik. Wir glauben, daß
die Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen das Ergebnis der unterschiedlichen
sozio-historischen Kontexte sind, in denen sich die Wissenschaft in den einzelnen Ländern befindet.
Dies weist auf die soziale Konstruktion des Gegenstandes "Klima" hin.
http://coast.gkss.de/...ch/pdf/thyssen.deutsch.pdf
[Antwort: Wir haben diese Studie hier und hier diskutiert. Stefan Rahmstorf]
Ein Beispiel eines "Abweichlers".
Quantitative implications of the secondary role of carbon dioxide climate forcing
in the past glacial-interglacial cycles for the likely future climatic impacts
of anthropogenic greenhouse-gas forcings
http://cfa-www.harvard.edu/...n02_097-125-Soon.pdf
Ist es denn wirklich korrekt die Kompetenz der Fachleute allgemein nach dem Kriterium Klimaveröffentlichungen zu sortieren? Unklar ist doch weniger die qualitative Auswirkungen des CO2 auf die Temperatur sondern allenfalls der genaue quantitative Beitrag. Für die Beurteilung diese Zusammenhänge ist ein Experte für Temperaturmessungen, Eisbohrkernanalyse, Meeresanalysen, CO2-Umsatz,Wetteranalysen, El Ninjos usw. auch nicht kompetenter als irgend ein Friedensnobelpreisträger. Welcher Anteil der Klimaforscher ist denn auf dem Gebiet der numerischen Modellierung des Strahlungstransports Experte? Gemeinsamkeit ist doch eher, dass viele aus den o.g. Fachgebieten von den Etats der Klimabefürchtungen leben.
Ist es nicht eine selbsterfüllende Prophezeiung, daß diejenigen, die maßgeblich für die Fachliteratur auf diesem Gebiet sorgen, auch dementsprechend auf diese Fragen antworten?
Mich wundern eher die 3%, welche anders geantwortet haben.
Es ist wohl tatsächlich so, dass der Grad der Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit der Unwissenheit über die Zusammenhänge ansteigt.
Interessant fand ich im Editoroal der Fwebruar-Ausgabe von National Geographic, dass Klimaleugner, Kreationisten und Holocaustleugner in einem Atemzug genannt werden.
Wenn sich auch die Inhalte, mit denen sich diese Gruppe befassen, stark unterscheiden, so sind ihre Methoden doch sehr ähnlich: alles, was nicht in ihre vorgefasste Ideologie passt, wird einfach ausgeklammert, Fakten nur dann zur Kenntnis genommen, wenn sie diese scheinbar bestätigen.
"Willst du gerecht sein, zähle nicht, sondern wäge!" Augustinus, 5. Jhd. n.Chr., Bischof von Hippo Regio, Nordarfrika
Daher warte ich immer noch auf den schon vor Wochen angekündigten Beitrag, in dem die Hypothese der CO2-induzierten, anthropogenen Erderwärmung in einem plausiblen physikalischen Modell detailliert dargestellt, quantitativ abgeschätzt und gegenüber den natürlichen Klimaschwankungen abgewogen wird.
[Antwort: Kommt, bitte Geduld. Ich stimme Augustinus voll zu. Stefan Rahmstorf]
Nun, es ist nicht wirklich überraschend, dass in Meinungsumfragen zum Thema "menschgemachter Klimawandel" gerade diejenigen besonders zustimmen, die direkt von Forschungsgeldern zu diesem Thema leben. Jedes andere Ergebnis wäre verdächtig, weil Klimaforscher nicht für eine hervorstechend altruistische Haltung bekannt sind.
Ich persönlich bleibe bei meiner altmodischen Ansicht, dass es auf die wissenschaftlichen Ergebnisse ankommt, belegt, nachvollziehbar und dokumentiert. Meinungen können Fakten nicht ersetzen.
Mich hat schon früh fasziniert, wie voll die Geschichte der Wissenschaften ist an Fehlern in der Lehrmeinung. Und wie lange es oft gedauert hat, bis die fehlerhafte Lehrmeinung korrigiert wurde.
Im Übrigen zielen derartige Meinungsumfragen klar erkennbar letztlich auf politische Einflußnahme ab. Was die Meinungsumfragen in meinen Augen in wissenschaftlicher Hinsicht vollends disqualifiziert.
Wenn jemand zwei Herzen in seiner Brust hat, ein wissenschaftliches und ein politisches, dann sollte er/sie sich irgendwann entscheiden, denke ich. Aus Gründen der Redlichkeit, aber auch im eigenen Interesse und Wohlergehen.
[Antwort: Das Argument der Forschungsmittel wird oft gebracht - aber was ich daran nicht verstehe ist das Folgende. Wenn ich mehr Forschungsmittel wollte, würde ich dann nicht sagen: wir sind noch unsicher, lasst uns erstmal weiter forschen? Wenn es mir um Eigennutz ginge würde ich doch nicht sagen: wir sind inzwischen sicher, gebt die Forschungsgelder den Kollegen von den erneuerbaren Energien. Stefan Rahmstorf]
Nur eine kleine Bemerkung: Der Hinweis auf biases als mögliche Ursache für die relativ geringe Zustimmung von Wirtschaftsgeologen und Meteorologen zu den Fragen muß natürlich auch für die relativ hohe Zustimmung von Klimatologen gelten. Dann bliebe mit 90 bzw. 82% Zustimmung immer noch ein weitgehender Konsens.
[Antwort: Noch ein Hinweis zur Moderation: ich bin den Rest der Woche beim Klimakongress in Kopenhagen und werde daher keine weiteren Kommentare beantworten können. Stefan Rahmstorf]
Sehr geehrter Herr Professor Rahmstorf
Wissenschaftlern,die der Hypothese von einer menschengemachten Klimakatastrophe skeptisch gegenüberstehen,wird sehr oft unterstellt,sie täten dies aus eigenen wirtschaftlichen Interessen. Sie tun das auch ganz ungeniert in Ihrem obigen Beitrag. Wenn aber auf der Gegenseite Wissenschaftler der Münchner Rück unermüdlich die Klimaapokalypse beschwören und Voraussagen machen,die ihrem Arbeitgeber in jeder Hinsicht nützen,sind die Medien voll des Lobes über das Engagement eines Wirtschaftsunternehmens. Eine Wissenschaftssparte in der Forschungsergebnisse danach beurteilt werden, ob sie möglicherweise Ölmultis dienen (unglaubwürdig) oder Versicherungskonzernen(glaubwürdig) verspielt ihre Glaubwürdigkeit.
Mit freudlichen Grüßen
[Antwort: Sie haben Recht. Solch eine Wissenschaftssparte würde ihre Glaubwürdigkeit verspielen. In der Klimawissenschaft ist dieses folglich auch nicht der Fall. Ergebnisse von Wissenschaftler der Münchener Rück werden nur dann in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht, wenn sie den peer-review Prozess erfolgreich durchlaufen haben. Wenn Sie sich natürlich anhand einer Broschüre einer Firma informieren, dann können Sie nicht davon ausgehen, dass dieses Wissenschaft ist, was Sie dort lesen. Das sollte aber doch klar sein, oder? Anders Levermann]Reinhard Bösch
Vielleicht hätte man auch mal die japanischen Geowissenschaftler befragen sollen... http://www.theaustralian.news.com.au/...03,00.html
Aber das hätte vermutlich das gewünschte Ergebnis verzehrt.
Wenn ich sehe, wie hoch in diesem Blog die inhaltlichen und formallen Anforderungen an Umfragen mit anderslautenden Ergebnissen gestellt werden, dann ist die Euphorie angesichts dieser eher platten Umfrage schon ziemlich peinlich.
Übrigens konnten Ihnen Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts die Finanzexperten anhand ihrer Modelle auch genau erklären, wann und warum der DAX über 10.000 Punkte gehen würde. Und mindestens 97% aller Wirtschaftexperten waren im Konsenz darüber, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten war.
Der Rest ist Geschichte...
Die einzige Lehre, die wir aus der Vergangenheit ziehen, ist die, das wir keine Lehren aus der Vergangenheit ziehen...
[Antwort: Lieber Herr Savoyen, Sie nennen die von uns oben geschilderte Umfrage "eher platt". Aus einer solchen Formulierung kann niemand erkennen, was konkret ihre Kritik daran ist. Wir freuen uns in der Diskussion hier generell mehr über Sachargumente. Stefan Rahmstorf]
[Antwort: Das Argument der Forschungsmittel wird oft gebracht - aber was ich daran nicht verstehe ist das Folgende. Wenn ich mehr Forschungsmittel wollte, würde ich dann nicht sagen: wir sind noch unsicher, lasst uns erstmal weiter forschen? Wenn es mir um Eigennutz ginge würde ich doch nicht sagen: wir sind inzwischen sicher, gebt die Forschungsgelder den Kollegen von den erneuerbaren Energien. Stefan Rahmstorf]
Ich respektiere Ihre persönliche Einstellung, aber es ging um den hohen Zustimmungsgrad unter "Climatologists" und "Active Publishers".
Wenn Ihre Kollegen so denken wie Sie, müssten eigentlich die Anträge auf Forschungsmittel zu klimarelevanten Fragen bereits deutlich zurückgegangen sein. Gibt es dazu offizielle Zahlen, zumindest aus Deutschland?
[Antwort: Dieser Logik kann ich nicht ganz folgen. Forscher hören ja nicht auf zu forschen, nur weil bestimmte Fragen - wie die Ursache der globalen Erwärmung - geklärt sind. Sie wenden sich neuen Fragen zu, etwa den Folgen der Erwärmung. Zum Beispiel sind aktuell das Verhalten der Eisschilde und der Anstieg des Meeresspiegels in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Stefan Rahmstorf]