Zwei Planeten
Zahlreiche Zeitungen meldeten gestern einen starken Rückgang der Eisbedeckung in der Arktis. Doch auf den Websites der „Klimaskeptiker“ wird derzeit genau das Gegenteil diskutiert: „Die Arktis weigert sich zu schmelzen, Alarmrufe beruhen auf falschen Daten!“ lautet eine der Schlagzeilen. Auch hier in der KlimaLounge ist diese These in einem Leserkommentar aufgetaucht. Was steckt dahinter?
Es geht um die folgende Kurve der Eisausdehnung des National Snow and Ice Data Center (NSIDC), hier die aktuelle Grafik von heute:
Sie zeigt, dass die Eisdecke trotz des relativ kalten Winters nicht mehr viel größer ist als im vergangenen Jahr, als ein absoluter Negativrekord erreicht wurde.
In der Internetzeitung „The Register“ zog nun ein Artikel von Steven Goddard die Datenkurve in Zweifel. Auf Basis derselben Satellitendaten von NSIDC behauptete Goddard, am 11. August sei die Eisausdehnung 30 % größer gewesen als im Vorjahr – nicht 13,5%, wie NSIDC in einer Pressemitteilung gesagt hatte (*). Wie kam er dazu? Er hatte dies aus zwei im Internet publizierten Bildern der Eiskarten abgeschätzt.
In der Blogosphäre tobt nun die Diskussion , wieso seine Abschätzung einen falschen Wert liefert – liegt es an der nicht flächentreuen Kartenprojektion, oder daran, dass die von ihm benutzten Grafiken zwischenzeitlich ins jpeg-Format komprimiert wurden?
Was auch immer es gewesen sein mag ist sekundär. Lehrreicher ist das Grundmuster, das immer wieder hinter solchen Skeptikerthesen steckt. Ein Laie macht auf seine Art eine Datenanalyse – er nimmt dazu zwei Bilder, nicht etwa die öffentlich verfügbaren Daten des NSIDC (auch die Auswertealgorithmen sind öffentlich dokumentiert und verfügbar). Er kommt zu einem anderen Ergebnis als die Wissenschaftler. Statt die Forscher zu kontaktieren um die Diskrepanz aufzuklären, schreibt er lieber einen Artikel (und stellt ein Video auf YouTube), in dem er den Forschern vorwirft, ihre Daten seien falsch.
Übrigens stimmen die Daten verschiedener Satelliten und Forschergruppen untereinander gut überein. Die japanischen Kollegen kommen zu einer sehr ähnlichen Kurve wie NSIDC. Auch Lars Kaleschke, Eisexperte der Uni Hamburg, bestätigt die Daten. Auf Basis der SSM/I Daten ermittelte er für uns die Eisausdehnung aus der gemessenen Eiskonzentration. „Am 12.8.2007 betrug die Eisfläche 5.9 Mio km², am 12.8.2008 6.5 Mio km². In den Jahren 2002-2006 war die Eisfläche an diesem Tag nie kleiner als 7.2 Mio km², im Mittel umschloss die Eiskante 7.5 Mio km²“
„Zur Zeit (18.8.) beträgt die Fläche etwa 5.9 Mio km2, 2007 waren es etwa 5.4 Mio km2, also weniger als 10% Unterschied“, sagte Kaleschke der KlimaLounge. Die räumliche Verteilung der Unterschiede illustriert das folgende Differenzenbild, das den Unterschied zwischen dem 18. August 2007 und 2008 zeigt.
Zum Kontext zeigen wir hier noch die langfristige Entwicklung:
Das Bild macht klar, wie extrem das Minimum im vergangenen Jahr war. Daher das große Interesse an der Frage, ob dies ein „Ausreißer“ war, oder ob in diesem Jahr erneut eine vergleichbar geringe Eismenge zu verzeichnen sein wird. Diese Frage werden wir Ende September, wenn die Schmelzsaison vorbei ist, sinnvoller diskutieren können.
Zurück zu Goddards Artikel. Wie bei solchen Meldungen üblich, wurde er von den deutschen Skeptikerwebsites begierig aufgegriffen, z.B. von der „Achse des Guten“ des Journalisten Dirk Maxeiner, dem seit Jahren keine Skeptikerfalschmeldung zu dumm ist, um sie weiter zu verbreiten (und wenn es sich um Astrologie handelt). Ebenso EIKE, das „Europäische Institut für Klima und Energie“ – ein recht neuer Klimaskeptiker-Lobbyverein nach US-amerikanischem Vorbild. (Satzungsziel: „Förderung von Wissenschaft und Forschung“.)
In der realen Welt schrumpft das arktische Meereis dramatisch, in der virtuellen Welt der Skeptikerwebsites dagegen „weigert es sich, wie befohlen zu schmelzen“ – deutlicher kann man nicht illustrieren, dass die Skeptikergemeinde inzwischen auf einem anderen Planeten lebt.
Im Gegensatz zur Wissenschaftsgemeinde geht es den Netzwerken der „Klimaskeptiker“ nicht darum, einen Sachverhalt zu klären. Vielmehr geht es darum, immer wieder Nebelkerzen in die öffentliche Diskussion zu werfen, die bei Laien den Eindruck erwecken sollen, in der Klimaforschung ginge nicht alles mit rechten Dingen zu. Klimaforscher haben weder Zeit noch Lust, immer aufs Neue solche Falschbehauptungen zu widerlegen.
Hier möchte ich einmal die Medien loben, die inzwischen diese Mechanismen etwas besser verstehen und nicht mehr so oft auf solche Falschmeldungen hereinfallen. Zumindest habe ich keine Zeitung gesehen, die Goddards Geschichte vom angeblich nicht schmelzenden Eis aufgegriffen hätte. Ich hoffe, keiner unserer Leser muss mich hier eines Besseren belehren!
Update: Herr Kaleschke weist mich gerade darauf hin, dass sich heute (21.8.) neben der Nordwestpassage nun auch die Nordostpassage geöffnet hat. Zu sehen auf der AMSR-E Eiskarte.
Update: Ganz interessant ist die Rezeptionsgeschichte unserer obigen Meldung zur Nordostpassage. Am Samstag, den 23.8. wurde sie von der tageszeitung aufgegriffen, als Quelle ist dort auch die KlimaLounge genannt. Am 27.8. folgte dann Spiegel online. Am folgenden Tag landete die Meldung dann um 20 Uhr in den Hauptnachrichten der Tagesschau - exakt eine Woche nach dem Ereignis, und nachdem wir es hier gemeldet hatten.
Update: Polarstern durchfährt Nordwestpassage, will durch Nordostpassage zurückkehren. Siehe AWI Presse-Mitteilung.
Update (25.8.): Steven Goddard hat inzwischen zugegeben, dass seine Berechnung falsch und die NSIDC-Grafik korrekt ist. Siehe den Editor's Note unter Goddards Artikel. Danke an mehrere Kommentatoren hier für diesen Hinweis!
Update (3.9.): Im Artikel "Aus der Arktis" hatten wir über unsere Begegnung mit Lewis Pugh berichtet, der mit dem Kayak zum Nordpol vordringen will. Lewis ist jetzt unterwegs - aktuelle Berichte incl. CNN-Video hier.
Update (5.9.): Der Eisverlust im August hat einen neuen Rekord gesetzt: noch nie ist in einem August so viel Eis abgeschmolzen, siehe Pressemitteilung von NSIDC.
Links: Siehe auch unseren Artikel Aus der Arktis
(*) Goddards Artikel sagt fälschlich, die NSIDC-Pressemitteilung hätte 10% und nicht 13,5% behauptet – wie er in der Internetdiskussion zugeben musste, beruhte auch dies darauf, dass er nicht die Zahlen in der Pressemitteilung benutzt hatte, um den Prozentsatz zu berechnen, sondern nur eine Grafik ungenau abgelesen hatte.
Druckvorschau
Ähnliche Artikel:
- Hurrikane in der Morgenpost
- Treibhauseffekt widerlegt!
- Ende der Schmelzsaison
- Klimaforscher-Befragungen und ihre Interpretation
- Obama zum Klima




Die Satelliten-Daten (SSM/I) von dem angegeben Link sind hier nicht geeignet. Der 19 GHz SSM/I-Kanal hat eine Auflösung von 69x43 km2. Mit dem AMSR-E erreicht man bei 89 GHz eine Auflösung von etwa 6x4 km2. Damit lässt sich erkennen, dass die Wilkizkistraße einfach passierbar und die Eisbrücke in der Laptevsee durchbrochen ist.
ftp://ftp-projects.zmaw.de/.../20080824.png
Es gibt offensichtlich verschieden Daten von verschiedenen Instituten, was Herr Rahmstorf eigentlich wissen sollte.
Er kann also einen sich auf Daten a) berufenden Autor nicht mit Daten b) als Scharlatan bewerten, der die Klimawelt veräppeln möchte:
http://klimakatastrophe.wordpress.com/...planeten/
Was also soll der hier vorliegend Artikel wirklich ?
Herr Rahmstorf,
"Im Gegensatz zur Wissenschaftsgemeinde geht es den Netzwerken der 'Klimaskeptiker' nicht darum, einen Sachverhalt zu klären. Vielmehr geht es darum, immer wieder Nebelkerzen in die öffentliche Diskussion zu werfen, die bei Laien den Eindruck erwecken sollen, in der Klimaforschung ginge nicht alles mit rechten Dingen zu."
Das sehen Sie vollkommen falsch.
Die gern von Ihnen benutzte Worthülse "irgendwer soll glauben..." ist sicher nicht das Anliegen von wem auch immer, der Ihre Meinung nicht teilt.
Sie müssen akzeptieren, daß Sie weder Meinungs- noch Deutungshoheit zu Klimafragen haben. Es gibt genug Wissenschftler, die anderer Meinung sind, auch annerkannte. Leider setzen Sie sich eben selten direkt mit Ihnen auseinander sonder versuchen sie nieder zu machen - unteranderem auch mit der o. e. Worthülse.
Es steht jedem frei, sich selbst mit Indizien zu besdchäftigen, das Für und das Wider gegeneinander abzuwägen und sich selbst eine Meinung zu bilden.
Es "soll niemand glauben".
Oder sollen wir wirklich glauben, daß, wie Sie behaupten, die Erde sich brutal erwärmt, das CO2 dafür veranmtwortlich ist und das die Schuld des Menschen sei, unwidersprochen glauben, weil IPCC es so möchte und Sie dahinter stehen ?
Nicht wirklich, oder ?
Und was zeigt die von Ihnen oben genannte Grafik http://www.wissenslogs.de/...gallery/16/seaice.png
?
Richtig, daß es noch mehr Eis als 2007 um die gleiche Zeit gibt, was sich, zugegegben, noch ändern kann, mehr nicht.
*Mit dem AMSR-E erreicht man bei 89 GHz eine Auflösung von etwa 6x4 km2. Damit lässt sich erkennen, dass die Wilkizkistraße einfach passierbar und die Eisbrücke in der Laptevsee durchbrochen ist.*
Sind Sie da sicher?
Schon 2005,im Jahr der zweitgeringsten Meereisausdehnung hatten sich da einige getäuscht.
http://www.ifm-geomar.de/...ailynews/20050901.html
Die Vilkitzky Strasse wurde nicht frei, dass Schiff konnte nicht auslaufen, die Expedition ist gescheitert.
Haben Sie aktuelle Informationen von vor Ort?
Weiter wundert mich, dass "Ihre" AMSR-E Daten so von denen der Japaner abweichen, wie ich hier grade gelesen habe.
http://klimakatastrophe.wordpress.com/...planeten/
Können Sie mir das erklären?
Mittlerweile hat Herr Goddard sich korrigiert und die Ursache für die große Diskrepanz gefunden, nachdem er auf das Vorliegen unterschiedlicher Indizes für die Eisdecke hingewiesen wurde. NSDIC: "Besides this significant error, the rest of the article consists almost entirely of misleading, irrelevant, or erroneous information about Arctic sea ice that add nothing to the understanding of the significant long-term decline that is being observed." (s. Arctic ice refuses to melt as ordered )
Das Ausblenden ungenehmer Fakten ist schon sehr befremdlich: Richtig, es gibt mehr Eis als 2007 um die gleiche Zeit. Aber auch richtig: es ist weniger als im Durchschnitt. Und der tägliche Rückgang stieg auf 113.000 Quadratkilometern am Tag bis zum 7. August und bis zum 10. August waren es 103.000 qkm/d. Im Vergleich dazu liege das langjährige Mittel für diese Jahreszeit bei 76.000 qkm/d Rückgang. Nachdem sich am zunehmenden Eis in der Antarktis, am starken Eisaufbau im Winter, dann an der sich dem Durchschnitt leicht annähernden Kurve des Arktismeereises festgebissen wurde, bleibt offenbar nur noch, dass der rekord von 2007 vielleicht nicht erreicht wird und das Antarktiseis zunimmt.
Nur auch im antarktischen Winter war der Aufbau des Meereises nach einem anfänglichen eher überdurchschnittlichen Aufbau zuletzt wieder unterdurchschnittlich.
Wenn nicht all das ständig als Hurra-Meldung: Schaut her die "KLimaalarmisten haben unrecht!" verbreitet würde, bräuchte es nicht immer wieder drüber diskutiert werden!
Alternativ-Hypothesen und Gegenthesen werden von der Klimaforschung sehr wohl und sehr eingehend verfolgt und geprüft.
Allerdings mussten diese Hypothesen nach eingehender Prüfung bisher allesamt verworfen werden. So lange dies der Fall ist, bleibt die Treibhauseffekt-These bestehen.
Sobald Sie eine neue These, die noch nicht geprüft worden ist, bringen, schauen wir weiter.
Aber es ist einfach schwierig, mit abkühlenden Trends bei Vulkanismus, Sonnenstrahlung und kosmischer Strahlung in den letzten Jahrzehnten eine Erwärmung erklären zu wollen. Auch wenn man die gleiche These immer wieder etwas anders formuliert, bringt sie nicht viel neues.
Vielleicht interessiert es Sie, dass Goddard den Grund für seine abweichende Auswertung gefunden hat und nun seine Aussage korrigiert hat:
"it is clear that the NSIDC graph is correct, and that 2008 Arctic ice is barely 10% above last year - just as NSIDC had stated."
siehe zuunterst in
http://www.theregister.co.uk/...rctic_ice_mystery/
Mich wundert auch, dass noch keine Meldungen von der aktuellen Transdrift XIV Expedition im Lena-Yana-Delta erschienen sind. Die Region sollte doch inzwischen eisfrei sein und die Expedition sollte Mitte August beginnen?
http://www.ifm-geomar.de/index.php?id=4235
Mal schaun, ob der erste Wochenbericht diese Woche noch erscheint.
Der Vergleich mit 2005 ist gut. Auch im Jahr 2005 gab es eine Öffnung der Vilkitzky Straße. Auf dem Satellitenbild sieht man diese am 16. August. Danach schließt sich die Straße aber wieder durch driftendes Eis. So etwas kann natürlich auch in diesem Jahr passieren. Vergleicht man 2008 mit 2007 sieht man 2008 deutlich weniger Eis in der Region.
2007
ftp://ftp-projects.zmaw.de/...70824-v5i_visual.png
Im Moment sind die Akademik Lazarev und die Fritjof Nansen vor Ort, ich bin aber nicht in Kontakt. Daher muss ich mich auf Satellitendaten verlassen, was aber nicht unbedingt von Nachteil ist. Der Nachteil von Schiffsbeobachtungen ist, dass es sich nur um sehr begrenzte "Punktbeobachtungen" handelt.
Neben den AMSR-E Daten gibt es z.B. noch ENVISAT-ASAR und MODIS, die eine noch höhere Auflösung bieten. Siehe z.B.:
ftp://ftp-projects.zmaw.de/...cts/NSR/20080821.jpg
http://iup.physik.uni-bremen.de:8084/...080823.png
Die Antwort auf die Frage, warum ein und dieselben AMSR-E Daten verschiedene Ergebnisse liefern, ist, dass verschiedene Algorithmen zur Berechnung der Eiskonzentration eingesetzt werden. Unser Verfahren nutzt die 89 GHz Kanäle mit der höchsten räumlichen Auflösung.
Details zu den verschiedenen ALgorithmen finden Sie hier:
http://www.seaice.de/2005JC003384.pdf
http://www.seaice.de/2006JC003543.pdf