wissenslogs Wild Dueck Blog

Digitale Abwesenheit („Nur ein Meeting, bitte!“)

29. August 2010, 11:37

Während vieler Meetings grassiert heute die scheinbare Unsitte, E-Mails zu bearbeiten oder zu twittern. Ein am Tisch gesenkter Kopf deutet fast sicher auf ein unter der Tischplatte verdeckt gehaltenes iPhone hin! Oder es ist ein Blackberry, beidhändig zum Tippen bereit. In der Schule schauten wir den Vögeln oder draußen geworfenen Schneebällen nach. Wir waren mit der Seele nicht im Unterricht. Die Lehrer bestraften uns hart. Heute wütet der Chef, der sich über die digitale Abwesenheit ärgert. 

In heutigen Meetings wird kaum noch etwas besprochen. Das liegt am Shareholder-Value. Meetings dienen fast nur noch dem Verfolgen von Zahlen. Alle „tracken“, wie das ständige Wiegen der Schweine genannt wird, die durch eben dieses Wiegen Fett ansetzen sollen. Diese Meetings haben einen streng seriellen Verlauf. Dieser wurde ursprünglich von meinem sehr harten Latein-Lehrer in den 60er Jahren erfunden. Er fragte zu Beginn der Stunde immer in derselben Reihenfolge Vokabeln ab, um sich jedes Mal in der gleichen Weise über unseren unsäglichen Wissensnotstand zu ärgern. Jeweils ein Schüler war wirklich dran und wurde hochnotpeinlich durchleuchtet, die anderen wussten, dass sie irgendwann dran sein würden und gruselten sich. Die aber, die bereits ausgeschimpft waren, saßen überaus glücklich und ganz entspannt da, weil sie nichts mehr zu befürchten hatten. Nach und nach wurden alle ausgeschimpft und damit glücklich. Die jeweils noch nicht Ausgeschimpften wurden auch glücklich, weil die zuerst verbal Geprügelten so irre schlecht waren, dass sie ganz sicher nicht schlechter sein würden als diese. Das regte unseren Lehrer sehr auf. Oft stoppte er das Abfragen verzweifelt ab, weil es ja nur am Anfang spannend ist, wenn sich noch fast alle gruseln. 

Nach diesem Lateinvokabelabfrageritual wurden in den folgenden Jahrzehnten alle offiziellen Meetings durchstrukturiert. Immer einer ist „dran“, den Status zu berichten. Die anderen beruhigen ihre Nerven oder waren schon dran – sie langweilen sich jetzt oder haben einen Hang zur Schadenfreude. Im Grunde sind immer nur die aufmerksam, die noch etwas im Meeting zu gewinnen haben. Das sind nur wenige. Das finden eben diese Wenigen ganz gut, sie wollen aber natürlich, dass die anderen trotzdem aufmerksam sind, damit sie selbst bewundert werden können und sich die anderen ein Beispiel an ihnen nehmen sollen. Insbesondere der Chef, der hohe Zahlen erfragen möchte (= Vokabel-Lernertrag), will Aufmerksamkeit und scharf gefühlte Besorgnis um den meist elenden Gegenwartszustand.

Aber die lustvoll oder träumerisch Unaufmerksamen von früher gibt es nicht mehr. Sie arbeiten heute während der Meetings an E-Mails, tippen SMSe oder twittern, sie unterhalten sich mit anderen über Instant Messaging. Manche lernen schon Lippenlesen und skypen dann lautlos! Für die meisten ist ein Meeting heute wie eine normale Bürostunde. Der einzige Unterschied ist, dass bei normalem Arbeiten der Chef stört, weil er misstrauisch darüber wacht, dass man stark arbeitet. Bei Meetings will er, dass man gar nicht nebenbei arbeitet! Das ist anders und wieder auch nicht. Es ist in jedem Falle negativer Stress.

Die Möglichkeit digitaler Zweitbeschäftigung ist genial! Früher machten wir schon Abgefragten während des Ausschimpfens noch schnell die Hausaufgaben für die nächste Stunde. Das war mühevoll unter dem Tisch! Ach, hätte es damals schon iPads gegeben!

Und immer brüllt ein Chef: „Nur EIN Meeting bitte!“ und alle anderen rufen „Wir haben zu viel zu tun, wir müssen die unnütze Zeit im Meeting unbedingt nutzen!“

Ich war gerade weit weg im Urlaub, und ich hatte keine Meetings. Wir hatten tonnenvoll Zeit und aalten in der Sonne. Am Abend mixten wir Älteren uns Cocktails. In der zweiten Woche war uns das etwas langweilig. Da zog jemand ein Kartenspiel hervor, in dem man zehn verschiedene Aufgaben in vielen Runden erfüllen muss. Meistens gewinnt einer, der die zehn Aufgaben in vielleicht 20 Runden zuerst schafft. Das Spiel dauert zwei bis drei Stunden und macht richtig Spaß! Es stört nur ein bisschen, dass diejenigen, die erst drei Aufgaben bewältigten, emotional matt werden gegenüber denen, die schon mit acht Erledigungen triumphierten. Bei Losern lässt die Aufmerksamkeit merklich nach. Nur die Wenigen sind beim Spiel Feuer und Flamme, die etwas zu gewinnen haben! Das erkannte ich plötzlich, weil einige von uns unter dem Tisch mit dem SMS-Tippen anfingen, bei Facebook surften oder ständig vom Tisch aufstanden, um sich zu erleichtern, Chips zu holen oder das Fernsehprogramm zu studieren. Das kleine Kind musste bei Laune gehalten werden, jeder der Verlierer war glücklich, sich damit ablenken zu können. Einige lasen Zeitung. „Hey, du bist dran! Hey! Wir spielen jetzt! Wir lesen nicht Bücher! Verdammt! Toilettengänge nur beim Kartenmischen!“ So redeten die, die noch gewinnen wollten. Die anderen kamen auch dran („Was muss ich eigentlich tun?“), dachten ungehörig lange nach, weil sie mental aus dem Spiel waren und gestalteten alles noch langweiliger. „Wir spielen! Verdammt! Bitte nur ein Spiel!“ – „Warum hast du es eilig?“ – „Die Kinder müssen ins Bett, es muss schnell gehen!“ – „Dann hören wir eben mittendrin auf, ich verliere sowieso.“ – „Ich aber nicht, ich will nämlich gewinnen!“ – „Aber es geht nur, wenn ich verliere! Du brauchst mich dazu! Witzig, was?“ 

Und mich gruselte es. Mitten im lustigen Spiel ist das Leben wie ein Meeting! Und die jungen Leute haben alle ein iXYZ und einen Facebook-Account oder ein neues Handy-Spiel, die alle für sich jede noch so große Zeitmenge mühelos fressen. Zu jeder Zeit gibt es noch Schöneres als Spiel oder Schöneres als das nicht-digitale Leben. Wir haben jetzt zwei Parallelleben. Oder drei? Vier? Wir zappen beim Spiel und während der Arbeit zwischen den verschiedenen Leben.

Ich selbst kann das noch nicht so wirklich, ich nähere mich dem unflexiblen Alter. Aber das Leben der Digital Natives muss doch wundervoll sein! Die Verkäuferinnen im Shop hören schon Musik aus dem Knopf, die Gepäckfilzer im Flughafen telefonieren mit Luxushandys, Kids wandern mit blau flackernden Displays bei Sonnenuntergang am Strand. Wer gerade nicht wirklich am Ohr gezogen dran ist, ist irgendwo digital abwesend! So lässt sich das Leben ertragen! Oder vermeiden! Oder wenigstens zerstreuen!

Digital, sei bei uns. Es leben anscheinend gerade nur noch die richtig, die gerade etwas zu gewinnen haben.



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (2). Trackbacks: (0). Permalink


Die Besichtigung der Melone

10. August 2010, 20:21

Neulich mussten wir wieder vor der Besichtigung einer kleineren Ein-Minuten-Sehenswürdigkeit eine gute halbe Stunde räumlich vor ihr in der stechenden Sonne eine trockene Erklärung eines verfalteten Reiseführers aushalten. Der zählte unglaublich schnell Fakten in feinster Sprache auf und blickte dabei die ganze Zeit nach unten. Daraus kann man schließen, dass er sicher ein früherer Professor war! Bestimmt hatte der nach der Emeritierung den Job angenommen, über sein Gebiet sprechen zu dürfen, diesmal gegen Vorauszahlung. Er hatte die komplette Sehenswürdigkeit, die wir eigentlich sehen wollten, ganz im Kopf – er gab uns nur den Rest. 

„Hier in diesem Landstrich werden die allergrößten Melonen gezüchtet. Es freut mich sehr, dass Sie sich alle für dieses Wissensgebiet interessieren und sich extra für diese Führung entschieden haben. Es ist nicht leicht, sich auf Melonen zu konzentrieren, wenn man am Tag vorher einen Dom besichtigen musste. Alle Achtung, was Sie in diesen Tagen auf sich nehmen!

Wir stehen hier vor dem kleinen Museum. Leider passt diese Gruppe gerade noch so hinein, so dass wir uns wegen der vielen anderen Gruppen, die die Riesenmelone ebenfalls sehen möchten, nur eine kleine Zeitscheibe sichern konnten, für die Sie diese horrende Eintrittssumme zahlen mussten. Ich habe gute Beziehungen zum Museum, so dass wir wahrscheinlich kurz nach Mittag hineinkönnen, vielleicht schon um zwei Uhr. Es war deshalb gut, dass wir um vier Uhr morgens aufgestanden sind und fast als erste hier waren. Melonen wachsen auf Feldern und brauchen viel Wasser und Sonne. Deshalb stehen wir hier ganz ohne Schatten und erleben hautnah die natürlichen Lebensbedingungen der Melone. Das Wasser können Sie gegen Vorlage von Kreditkarten erwerben, außer Visa, Amex und Master, die zu hohe Gebühren nehmen. Heute ist es sehr, sehr heiß. Ich bin froh, dass ich Ihnen unser Land unter vollkommen echten Bedingungen zeigen kann. Sie werden sehr schwitzen, weil Sie das nicht gewohnt sind. Ich finde es heute ganz normal. Sehen Sie? Mir geht es gut. Sie sollten es ebenso machen. Wir haben noch einige Stunden Zeit. Ich bin bereit, Ihnen solange etwas über die Melone zu erzählen. Die Melone ist eine Pflanze. Sie gehört zu den Kürbisgewächsen. Das ist eigentlich nicht schwer zu begreifen, weil Kürbisse ebenfalls sehr groß sind.

Es gibt aber einen Unterschied. Kürbisse sind ganz sicher ein Gemüse und bestimmt kein Obst. Melonen sind aber für die meisten Menschen kein Gemüse, sondern Obst. Genau genommen sind Melonen auch nicht wirklich Obst, sondern etwas anderes, etwas Drittes. Wissenschaftler haben schon hunderte Studien darüber verfasst, was Melonen nun eigentlich sind. Biologisch sind sie Gemüse, dann aber dürfte man sie nicht zum Nachtisch essen. Was ist richtig? Ich will Ihnen die ganze verzwickte Geschichte heute erzählen. Sie werden mich danach fragen, auf welche Seite ich mich selbst stelle. Ist sie Obst oder Gemüse? Ich meine: Eine Melone ist eine Melone. Sie ist die einzige Pflanze, die nur sie selbst ist. Deshalb habe ich mich ganz den Melonen verschrieben.

Ich lebe ja von Ihnen, ich meine von ihnen! Kehren wir zu den Melonen zurück. Sie denken wahrscheinlich bei Melonen immer an die dicken grünen. Aber es gibt eine unabsehbare Artenvielfalt unter den Melonen. Ich selbst kenne über 300 verschiedene Arten. Es gibt wasserreiche und auch süße, zum Beispiel die Zuckermelone. Die ist aber eigentlich schon nicht mehr ein Kürbis, sondern eher eine Gurke. Sie sehen, die Forschung ist noch nicht sehr weit gekommen. Gurken sind auch ein Gemüse, Zuckermelonen aber ganz sicher nicht. Sie sehen, es ist ganz verwickelt.

Die Melone wurde vor einigen Jahrhunderten aus Afrika eingeführt, über die Jahreszahl wird noch gestritten. Die damaligen Früchte waren noch beerenmäßig klein und können aus heutiger Sicht gar nicht als Melonen gelten. Der berühmte Wissenschaftler Waxby datiert die Erfindung der Melone mit 1715 in England, das Standardwerk von Sombon weist Spuren schon 1642 in Frankreich nach. Hunderte Studien konnten aber heute keinen Zusammenhang mit den damaligen Behauptungen herstellen, es stimmt also nichts, gibt aber einen guten Anhalt. Es könnte auch sein, dass man die erste Melone für den Gral gehalten hat, weil sie ganz aus Wasser besteht. Dann wäre die Melone fast schon urgeschichtlich. Da es den Gral wissenschaftlich nicht gibt, können wir eine solche Annahme nicht durchhalten, denn dann gäbe es ja auch wissenschaftlich gesehen keine Melonen, aber es gibt ja tatsächlich welche.

Hier im Museum vor Ihnen wird die berühmte Riesenmelone von 1740 gezeigt, die neben einem Abwasserkanal in Süditalien gefunden wurde und für damalige Verhältnisse ungeheuer groß war. Sie wurde damals in einer Lake konserviert und später von Napoleon erbeutet. Unter großen Wirren, die ich seit Jahrzehnten als Historiker zu klären versuche, gelangte sie in dieses Museum. Sie schwimmt in einem großen Bassin von Alkohol, Zucker und wahrscheinlich Rizinusöl. Die Mischung ist geheim und wird seit Jahrhunderten von Mönchen immer gleich hergestellt und nachts erneuert. Es kann sein, dass Soldaten von Napoleon aus Durst von der Mischung tranken und deshalb während der Schlacht bei Waterloo, Sie wissen schon, vom Kämpfen die Nase voll hatten. Damit schreibt diese Melone höchstwahrscheinlich Weltgeschichte.

Leider verdarb sie über die Jahrzehnte, weil niemand ihren Wert erkannte. Sie verfiel. Melonen bestehen zu fast 95 Prozent aus Wasser und nur zu einem Prozent aus Fasern. Diese Fasern sind noch erhalten oder wurden behutsam von Historikern durch gleichwertige ersetzt. Wir haben aus wissenschaftlichem Stolz heraus nicht versucht, sie genau zu rekonstruieren, weil wir diese Melone nicht unnatürlich verfälschen wollten. Sie sehen sie jetzt gleich in einem Naturzustand, wie sie wäre, wenn man sie damals 1740 eine Woche lang hätte verfaulen lassen. Wir freuen uns sehr, sie nach so langer Zeit noch in diesem guten Zustand gegen hohen Eintritt zeigen zu können. Neben der Fasermasse in der Flüssigkeit hängt ein zeitgenössisches Ölbild, das eine Melone so zeigt, wie man sie damals kannte. Es stellt wahrscheinlich nicht die hier ausgestellte Original-Riesenmelone dar. Aber das macht nichts, Sie sehen auf dem Bild im Museum historisch genau, wie Melonen damals aussahen, nämlich rund und grün.

Der heute verfaulten Melone werden beträchtliche Heil- und Insektenvernichtungskräfte zugeschrieben. Große Rizinusölhersteller und Melissengeistkonzerne gehören zu den Sponsoren des hiesigen Klosters. Sie können sich schon heute hier im ausliegenden Buch als Freund der Melone eintragen und erhalten von Zeit zu Zeit Angebote mit Echtheitsrabatt. Wenn Sie den zehnfachen Preis zahlen, gibt es eine Gratisurkunde mit den amtlich bestätigten Phosphor- und Harnsäuregehalten dazu. Ich habe im Museum heimlich ein bisschen von der weißgelblichen Lagerflüssigkeit abgezapft und verkaufe sie Ihnen in Probesprühern zu 5 Milliliter. Sie kosten 29 Euro. Ich bitte Sie um 30 Euro, damit wir beim Wechseln keine Probleme bekommen und ich dadurch auch ein kleines bisschen dabei verdiene. Im Grunde könnten wir dann schon gehen. Es ist viel zu heiß und wir müssten noch lange warten.

Ein benachbartes Restaurant hier in der Nähe bietet frische Melonen zusammen mit einer Diashow an, wo Sie ganz ohne Hitze und Faulgeruch alles anschauen können. Ich bekomme ein Bestechungsgeld, wenn ich Sie dahin führe. Es ist dieselbe Regelung wie gestern, als wir den dunklen Dombesuch durch Postkartenkaufen ersetzten und so Zeit für Latte Espresso in einer befreundeten Cafeteria herausschinden konnten. Ich verstehe nicht, warum Sie so anstrengende Reisen im Voraus bezahlen.

Sonst würden wir uns als Reiseleiter noch einen Clou einfallen lassen müssen, eine Schlusspointe, einen Gag, etwas zum Freuen! Aber so lassen wir Sie nur in der Hitze schmoren, so dass Sie jede noch so beliebige Geschichte dämmernd hinnehmen. Ich weiß, dass ich auch jetzt zu lange geredet habe. Wenn ich zu kurz und schlecht rede, nehmen Sie es mir übel. Bin ich schlecht und zu lang, sind Sie erleichtert, wenn ich aufhöre. Das ist positive Emotion pur. So üben wir Reiseleiter das alle in vielen Rhetorik-Seminaren, um professionell zu bleiben. Ich danke Ihnen für heute Morgen. Ich gehe jetzt mit einer ausgehöhlten halben Melone herum und sammle Geld ein. Damit erleichtere Sie nochmals.“



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (1). Trackbacks: (0). Permalink


Polemik gegen den Hass auf „Jeder kann und soll studieren!“

07. August 2010, 16:22

Neulich habe ich unter dem Titel „Hirn verpflichtet“ einen neuen Aufbruch in eine Wissensgesellschaft gefordert. Das gab ein vollkommen gewohntes Echo, das ich bei meinen Reden auf Bildungskongressen schon hinlänglich gewohnt bin. „Wer soll dann noch arbeiten, wenn alle ein Diplom haben?“ heißt es ebenso oft wie „Sind nicht ziemlich viele einfach zu blöd dafür?“ oder „Was wollen Sie denn mit dem ganzen Sozialsumpf machen?“ oder „Es gibt eine statische Glockenkurve über Intelligenz, wissen Sie das nicht?“ Mir bleibt bei realen Konfrontationen oft die Entgegnung im Hals stecken. Ich versuche es einmal hier in Ruhe. Ein Ruf an die, die gegen Hirnverpflichtungen sind: (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (44). Trackbacks: (0). Permalink


Mit Reethisierung und Wertediät aus dem Effizienzsumpf

02. August 2010, 19:34

Weisheit rät, in der Mitte des Weges zu gehen. Tao. Effizienz aber optimiert die Ressourcen so stark, wie es nicht weiter geht – also bis an eine Grenze. Effizient ist etwas dann, wenn mindestens eine der Ressourcen komplett aufgebraucht ist. Dann kann der Gewinn zum Beispiel nicht mehr gesteigert werden, weil Leute fehlen oder kein Kredit mehr aufgenommen werden kann. Im Zustand der Effizienz ist irgendwo kein Spielraum mehr. Das Maß ist verloren, die Mitte verlassen. Der Zustand der Effizienz ist einer voller Risiken. Oder einer kurz vor dem Sumpf.

Wenn Kredite fehlen, werden neue aufgenommen. Wenn Menschen gebraucht werden, stellt man sie ein. Schlauer oder gerissener erscheint es, zur Steigerung des Gewinns die Rechnungen absichtlich später zu bezahlen, Lieferanten hängen zu lassen und die Mitarbeiter zu unbezahlten Überstunden zu überreden. Wenn Bleistifte fehlen, kauft sie schon einer privat. Wir sehen, dass die Gewinnmaximierung nicht einfach nur ein rein mathematisches Problem ist. Ein Computer, der den Aktienkurs optimieren müsste, würde Leute einstellen, wenn welche gebraucht würden, weil er darauf programmiert ist, die Arbeitszeiten und Tarife zu beachten. Er ist leider nicht kreativ! Er steuert alles nach den Bedingungen, die wir ihm eingeben. Computer überwachen zum Beispiel die Sicherheit von Bohrlöchern oder Tankschiffen. Diese Sicherheitsspielräume müssten Menschen gegen den Willen des Computers kreativ abschalten, sonst halten sich Computer an Regeln. In der Praxis lässt man Computer deshalb weiterhin optimieren, aber so, dass immer ein paar rote Lampen in der Alarmanlage blinken („Ist noch nie etwas passiert. Alle überkandidelte Warnlampen.“).

Diese Aufweichung akzeptieren wir zu Gunsten einer ausgeweiteten „Effizienz“. Wir behandeln die Grenzen, die wir eigentlich haben, als sich immer weiter ausdehnende Grauzonen. In diesen Grauzonen liegt das Erlaubte schon lange hinter uns. Der eigentliche Spielraum ist hier schon negativ, aber wir erlauben uns immer mehr „Interpretationsspielraum“. Wie lange kann man Kunden verärgern? (Es gibt gerade sehr eindrucksvolle Werbung mit einer Hotline für Kundenbeschwerden. Man wirbt damit, Kundenbeschwerden sofort anzuhören! „Kann schon sein, dass mal das Internet einen Monat nicht funktioniert, aber bei Ärger darf man mit einem bildschönen Avatar telefonieren!“) Wann laufen die Mitarbeiter davon? Wie erkenne ich, dass jemand einen Burnout bekommt, damit schon vorher Ersatz besorgt werden kann? Fangen Mitarbeiter unter Stress an, schlecht zu arbeiten? Wie lange bleiben Lieferanten bei der Stange? Wie lange liefern sie akzeptable Qualität? Werden Termine wenigstens ungefähr eingehalten? Zusagen? Versprechen? Neulich erfreute mich ein Mitarbeiter der Bahn mit der denkwürdigen und vollkommen gutgelaunten Ansage: „Wir verabschieden uns von unseren Fahrgästen, die in Mannheim aussteigen, sagen Auf Wiedersehen – und wie immer entschuldigen wir uns für die entstandene Verspätung!“ WIE IMMER! Nach den Grenzen sind auch die Schamgrenzen gefallen. Ist der Ruf erst ruiniert, entschuldigt es sich ungeniert.

An jeder Stelle sind die Spielräume erschöpft. Jede Regierung klagt, sie habe „keinen Handlungsspielraum“ mehr. Nicht mal ein Wahlversprechen ist mehr drin, weil der Glaubwürdigkeitskredit längst im schwarzen Loch verschwand – die Grauzone ist irgendwann verlassen worden. Es gibt keinen Spielraum für Löhne, für Betreibsfeiern, für Zeit zum Reden, für Beratung beim Arzt. Wir sind schon weit weg von der geraden Mitte des Weges.

Nun häufen sich die Grauzonenunglücke.

Konsumenten steigen die Kredite über die Ohren, Öl quillt aus der ungesicherten Erde. Unterfinanzierte fettfreie Unternehmen klagen laut über die Kreditklemme. Straßen sind löchrig wie am Ende der 40er Jahre. U-Bahnen werden weitgehend stützungsfrei gebaut. Menschen haben kein scharfes Gewissen mehr, es ist eine graue Zone wie alles geworden. Nicht einmal die richtige Richtung zum Guten ist mehr klar, weil wir im Grauen das Helle nicht mehr orten (Die Liberalen zum Beispiel versprechen den Wählern im schnellen Wechsel Steuerentlastungen und -erhöhungen, wahrscheinlich um damit erstmals wirklich allen Wählern attraktiv zu erscheinen).

Nun wachen wir langsam auf und merken, dass sich unsere Existenz grenzwertig verschlechtert. Wir stellen fest, dass es keine Grenzen und Regeln mehr gibt, sondern nur noch stark interpretierte „Praxis“. Wir sehen, dass wir wieder Regeln brauchen, die aber Momos grauen Herren sofort als „Regulierungen“ erscheinen und heftig abgelehnt werden.

Wer jetzt „wieder Regeln einführen will“, stellt fest, dass das in den meisten Fällen kompletter Unsinn ist. Denn die Regeln gibt es ja. Man hat sich eben nicht daran gehalten. „Die geltenden Bestimmungen reichen vollkommen aus, es muss nur deren Einhaltung kontrolliert werden.“ Mitarbeiter dürfen zum Beispiel nur 10 Stunden am Tag arbeiten und höchstens 48 Stunden die Woche – und die Ruhepausen müssen in aller Regel im Voraus feststehen. Es geht nicht beliebig: „Bleiben Sie heute mal länger da.“

Stellen Sie sich vor, es würde ein Ruck durch uns gehen und wir würden ALLE Regeln wieder ab jetzt sofort gewissenhaft einhalten. Was passiert dann?

In Amerika dürfen die Banken ihre faulen Kredite länger abschreiben als es normale Regeln erlauben würden. Sonst wären die Banken nämlich ganz offiziell pleite und nicht nur de facto. Daran sehen wir, dass wir uns soweit in die Grauzonen der Effizienz verloren haben, dass wir nicht plötzlich auf einmal wieder brav sein können. Denn dann bräche das System zusammen.

Der Staat muss weiter Schulden machen, sonst bricht er zusammen. Die Ölbohrungen müssen riskant weitergehen, weil sonst das Öl zu teuer wird. Die Banken dürfen (sie sind ja das Vertrauenswürdigste überhaupt, sie sind eine sichere Bank!) die Bilanzen weiter grau halten, weil der Weg zur weißen Weste zu weit ist.

Wir stellen fest: Ein Wandel zum Guten ist in einem einzigen Sprung nicht möglich.

Wir müssen eine Reethisierungphase von vielen Jahren planen und eisern durchhalten. Wir sitzen nämlich zu tief im Morast. In Griechenland ist man von der Vorstellung einer sofortigen Herstellung des Normalen absolut schockiert gewesen! Das langsame Versinken ist nämlich angenehmer als das haarschmerzende Herausziehen.

Können wir eine so lange Reethisierung durchhalten? So etwas wie eiserne Wertediät halten und langsam über die Jahre ehrlicher und ethischer werden? Müssen wir nicht unsere Wertegewohnheiten grundlegend umstellen, bis wir nach und nach wieder zu einem vollwertigen Leben zurückkehren?

Oder sind wir auch schon zu weit gesunken? Dann würden wir uns vor dem Guten schrecklich fürchten, wie Trinker vor der Trockenheit oder Kokainsüchtige vor der Realität.



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (2). Trackbacks: (0). Permalink


Hirn verpflichtet

30. Juni 2010, 14:25

Normalerweise kennen wir nur die Formel „Eigentum verpflichtet“, womit wohl gemeint sein könnte, dass Menschen, die ziemlich viel von etwas besitzen – also mehr, als sie persönlich brauchen –, ein gediegenes Maß von dem Überschüssigen anderen zur Verfügung stellen oder dem Gemeinwohl widmen. Aber schauen wir uns einen großen Bauernhof an, den der Besitzer einfach brach liegen und verkommen lässt. Disteln sprießen, überall blüht Löwenzahn. Solch ein Niedergang würde uns verstören. Ist man nicht auch verpflichtet, sein Eigentum gedeihen zu lassen? Wie aber steht es dann mit unseren Talenten, Fähigkeiten und Begabungen? (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (6). Trackbacks: (0). Permalink


Business und Technik wie Hund und Katze

13. Juni 2010, 21:36

Die Manager und die „Techies“ verstehen sich nie so wirklich gut. Die einen halten nur Zahlen für das einzig „Konkrete“, weshalb sie das Wort konkret inflatorisch benutzen. Für die anderen „zählen“ nur die Produkte, die Qualitäten, die technischen Funktionen – die Technologie eben. Form steht gegen Inhalt, nicht wahr? Gegen! „Es muss letztlich funktionieren!“, entsetzen sich die Techies, wenn sie einfach nur Zahlen liefern sollen. Und es kommt zurück: „Es zählt nur, was unter dem Strich steht oder was der Chef heute morgen gerade so will! Keine technischen Komplexitäten!“ Manager sind wie Hunde, Techies wie Katzen! Wirklich! Schauen wir uns diese Tiere einmal genauer an. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (8). Trackbacks: (0). Permalink


Als das Kind schrie, er sei nackt, fror der Kaiser

23. Mai 2010, 10:42

Die Spekulanten, die sich gegen das hoch verschuldete Griechenland verbünden, bereinigen angeblich den Markt. Dafür – so sagen viele – müssten wir ihnen dankbar sein. Denn nun kann Griechenland wieder zur Ordnung zurückkehren. Diese neu entstehende Ordnung sei am Ende die Folge der Spekulation. Das Problem ist, dass auch nur naiv aufgedeckte Wahrheit das, was wieder in Ordnung kommen soll, oft in großen Wirren verwickelt. Das geschieht besonders dann, wenn mit der Wahrheit nicht ordentlich umgegangen wird, sondern aus ihrer Aufdeckung ein Problem höherer Ordnung entsteht.

Version 1: Eine Mutter hat Zwillingssöhne in der Schule, der eine lernt mit Fleiß und Mühe und gilt als ganz befriedigend, der andere schreibt gerissen alles ab und schlängelt sich so durch. Das fliegt eines Tages auf. Die Familie berät sich, auch mit den Erziehern. Sie zeigen sich gemeinsam mit dem schwarzen Schaf geduldig, geben ihm Nachhilfe, zwingen ihn durch zeitweilige Strafen, ermutigen ihn und fordern ihn heraus. Trotzdem bleibt er einmal sitzen. Seine erste Freundin rümpft später nur einmal die Nase über seine Noten und leitet eine gewisse Wandlung ein, die immerhin einen passablen Schulabschluss ermöglicht. Alles wird brauchbar gut.

Version 2: Eine Mutter hat Zwillingssöhne, einer fleißig, einer lebenslustig gerissen. Das erkennen einige Spekulanten beim analysierenden Durchforsten der Klassenarbeitsbilanzen und Punktelisten. Da verhandeln sie mit einigen Bankkunden im Ort, die keine Ahnung von den schlechten Zahlen haben und große Stücke auf die Familie halten, eine Wette. Sie wetten darum, dass beide Söhne gleichzeitig den Schulabschluss ohne Sitzenbleiben schaffen. Beide Seiten setzen eine Million Euro ein. Topp, die Wette gilt!

Sofort stürmen die Spekulanten los und decken die kleinen Betrügereien des einen Jungen auf. Sie interviewen alle Klassenkameraden und finden viele neue Anhaltspunkte für Unsauberkeiten. Manche ahnen noch Dunkleres, was sich später nicht bewahrheitet, aber gut genug zum Niederziehen ist. Die Spekulanten setzen die Vermutung in den Raum, dass auch der fleißige Junge wohl etwas zu verbergen hätte.

Darüber ist die Familie sehr erschrocken. Noch schlimmer, sie bekommt jetzt Vorwürfe von ihren Freunden, die eine Million Euro auf den Erfolg der Zwillinge gesetzt haben. Die dringen auf sofortige Mobilmachung aller Kräfte. Die Zwillinge werden zum Tagesgespräch. Der gerissene Junge zieht sich zurück, der fleißige leidet unter Stress und Scham und empört sich über den anderen. Die Zwillinge entzweien sich, der Fleißige will, dass sofort alles in Ordnung kommt. „Was macht es schon, wenn ich einmal sitzen bleibe?“, streikt nun trotzig das schwarze Schaf und findet, dass noch gar nichts verloren ist. Die Familie kocht, die Freunde werden ungeduldig. Das Sitzenbleiben ist zwar keine Katastrophe, aber angesichts der eingegangenen Wette ist sie nun sehr wohl eine für die Freunde. „Sitzenbleiben ist keine Option mehr!“ Die wohl gesonnenen Wettfreunde schimpfen. Das kommt den Spekulanten zu Ohren. Sie jubeln diese Nachricht überall hinaus – nämlich, dass die Gegenwetter offenkundig nun ganz und gar nicht mehr hinter ihrer Wette stünden und sich auf hohe Verluste einrichten müssten.

Nun überstürzen sich die Ereignisse. Die Mutter macht der Schule Vorwürfe, die Lehrer bloggen Gegendarstellungen im Internet. Wettbüros eröffnen Schalter im Dorf und nehmen weitere Wetten an. Durch den Widerhall im Internet beginnen sich auch Einwohner aus den umliegenden Dörfern an den Wetten zu interessieren. Kinder, die die Zwillinge als Insider kennen, werden bestochen, etwas über die Zwillinge zu verraten.

Die Freunde der Familie fürchten nun ernsthaft um ihr Geld und leiten Hilfsprogramme ein. Die Kinder werden Tag und Nacht gedrillt, sind aber psychisch völlig überfordert. Der fleißige Junge verstockt, er findet, er habe gar nichts damit zu tun. Er werde ja immer normal versetzt, und nun solle er zur Sicherheit mehr lernen und ebenfalls gedrillt werden, damit er seinem Bruder helfe? Der andere kommt irgendwann auf die Idee, sich selbst am Gewinn der Parteien beteiligen zu lassen. „Bekomme ich eine halbe Million, wenn ich einfach nichts mehr tue und sitzen bleibe?“ Dieser feine Gedanke setzt weitere Wellen in Gang. Der Arbeitgeber der Mutter sieht sie völlig überlastet und droht mit Entlassung. Die Bank fürchtet jetzt um das Hausdarlehen und fragt unruhig nach. Die Wellen schlagen immer höher, weil die Wetten Schwindel erregende Summen angenommen haben. Das Fernsehen untersucht, ob es ein Verbrechen wäre, wenn einer der Söhne absichtlich sitzen bleiben würde. Es häufen sich Meldungen, dass etwas mit der Schule nicht stimmt und wahrscheinlich auch nicht mit dem Ort, der von Journalisten wimmelt. Imbissbuden sprießen an Straßenrändern. Sie hoffen darauf, dass es zum Sitzenbleiben kommt und danach ein weiteres Jahr hindurch zu neuen Wetten, anschließend zu einer Börsennotierung der Zwillinge. Eine Immobilienspekulation beginnt. Makler reden Alteinsässigen den Niedergang des Ortes ein und reichen die verkauften Häuser gleich an Spekulanten weiter, die ihre Wetten ausweiten…

Und irgendwann stand da ein großäugiges kleines Mädchen, hatte den Daumen im Mund und fragte alle treu und unschuldig: „Was ist eigentlich das Problem?“ Und sie schrieen durcheinander, dass das ganze System und die weltweite Ordnung gefährdet seien. Da fragte das Mädchen: „Welche Ordnung?“



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (2). Trackbacks: (0). Permalink


Cyber-Nanni, Cyber-Manni

13. Mai 2010, 16:20

Mein Schachcomputer spricht mit mir, er heißt wohl Fritz (der Achte, wenn Ihnen das etwas sagt). „Turmtausch nach Schablone!“, mault er enttäuscht oder, vom Warten auf mich nervös geworden: „Soll ich dir mal einen guten Zug vorschlagen?“ Da kam mir eine geniale Idee! Die Schachstimme oder die abgehackt sprechende Frau in meinem Navi sind so etwas wie ein anders gepoltes Tamagotchi, oder? Eine Cyber-Nanni passt auf mich auf!

Das ist die Idee! Tamagotchis sind Kunstwesen, die wir wie Haustiere halten und bemuttern können. Sie waren Ende der 90er Jahre groß in Mode und kamen in neuerer Zeit nochmals auf. Wenn man sie nicht genug küsst oder füttert, können sie glatt sterben, es gibt im Internet virtuelle Friedhöfe für Tamagotchis. Bei meinem Navi ist es anders herum. Die künstliche Frau da drin sagt immer Achtung, wenn ich zu schnell fahre. Allerdings habe ich das im Navi selbst eingestellt. Sie soll das tun. Ich kenne das Gleiche von Beifahrerinnen, die mir aber zu unzuverlässig reagieren und oft einen kränkenden oder sogar verzweifelten Unterton in der Stimme haben, als würde ich sie umbringen wollen. Meist ärgern sie sich aber, dass ich zu langsam fahre, denn es ist oft von angeblich unnötigen 137 PS die Rede, die mein kleiner Volvo hat.

Es fasziniert mich, dass ein normaler Schachcomputer, der mich nur über meine paar Züge und die verbrauchte Bedenkzeit kennt, der also über sehr wenige Daten über mich verfügt, zu so sehr treffenden Bemerkungen über meine Spielweise imstande ist, dass er so etwas wie ein ätzender Freund wurde. Auch die Frau im Navi kennt mich kaum, sie hat nur geringe Kenntnisse von mir. Sie weiß, wohin ich normalerweise will, und sie weiß um meine gewöhnlichen Reaktionen auf ängstliche Routenänderungsvorschläge, um einen befürchteten Stau zu umfahren. Ich finde sie im Großen und Ganzen zu synthetisch, ich möchte eine neue Navi-Frau. Allenfalls ihre Aufforderung „Jetzt bitte wenden!“ klingt ein bisschen emotionaler, so wie bei Fritz.

Mit ein wenig Liebe zum Detail könnte sie sich doch ordentlich aufregen, wenn ich im Auto ans Handy gehe oder Apfelschorle am Steuer trinke. Sie könnte sich der Situation anpassen und auch mal fröhlicher sprechen. „Du fährst aber schwungvoll, wie viel hast du getrunken?“ Dann sage ich es ihr und sie erzählt Witze, damit ich wach bleibe.

Das brachte mich auf den Gedanken, eine Cyber-Nanni zu erfinden, die alle Daten über mich aus dem Netz, aus dem Navi oder von mir selbst über Sensoren kennt und mir dann dabei hilft, ein ganz normales Leben zu führen. Viele Erziehungsberechtigte schaffen es ja auch mit einem relativ eingeschränkten Idiomsatz, ihre Kinder oder Schüler zielgenau zu steuern. „Pass auf. Was habe ich gesagt! Du hörst nicht zu. Das darf man nicht. Nicht denken, machen. Man kann sich auf dich nicht verlassen. Andere sind besser. Das kannst du nicht. Okay, ich versuche es einmal anders herum: Danke! Aber du musst es jetzt sofort honorieren, wenn ich ausnahmsweise relaxed mit dir umgehe.“ Damit kamen wir auf dem Bauernhof auch bei Hunden und Pferden aus.

Wir erfinde ich eine Cyber-Nanni? Ich könnte doch ein wahnsinnig gutes Business daraus machen. Die normale schlechte Erziehung von Kindern ist defizitorientiert, sagt man. Sie schimpft über abweichendes Verhalten. Das ist ja im Navi schon drin! Loben dagegen muss einen Sinn für das Gute, das Wesentliche oder Eigentliche haben, das ist schwer zu programmieren. Natürlich kann ich künstliches Loben einbauen, also die Cyber-Nanni immerfort brabbelnd dann loben lassen, wenn keine Abweichungen zu bemeckern sind, wenn also, wie es im ernsten Leben hieße, „die Zahlen stimmen“.

Ich beschloss, meine Idee nicht geheim zu halten und mich einem Freund anzuvertrauen, der alle paar Jahre ein neues Unternehmen gründet, weil er reich werden will. Dabei ist er wahrscheinlich für wirkliches Arbeiten nur zu verspielt. Ich erzählte ihm von meiner Idee – und er reagierte wechselnd errötend, peinlich berührt und auch jauchzend begeistert. Er wusste nicht, ob und was er sagen sollte, dann gestand er mir schließlich, dass er streng geheim an eben einem solchen Weltunternehmen arbeiten würde. Er konstruiert nämlich seit einiger Zeit einen Cyber-Manni, einen automatischen Manager. Er hatte den Gedanken an eine automatische Erziehung verworfen, weil die Erziehung zwar allgemein defizitorientiert ist, aber als absichtliches Produkt wahrscheinlich auf die Kritik der Verbraucherverbände und möglicherweise auch der Kirchen stoßen würde.

Dagegen ergaben seine Marktuntersuchungen, dass praktisch alle Beratungsmethoden im Management nach so genannten „Pain Points“ beim zu Beratenden suchen und ihm diese gegen einen hohen Preis unter die Nase reiben. Auch das gängige Verfahren des „Management by Review“ sei fast punktgenau defizitorientiert. Diese schon vollkommen eingeübten und erprobten Methodologien könnten relativ leicht in einen Cyber-Manni einprogrammiert werden. Normalerweise seien die verfügbaren Leistungsparameter über einen Mitarbeiter nicht viel informativer als die Kenntnisse von Fritz über mich beim Spielen.

Mein Freund grübelte noch über einem Business-Modell. Wie käme er an eben diese ganz wenigen Unternehmensdaten heran, damit der Cyber-Manni defizitorientiert agieren könnte? Er befürchtete, dass er für jedes Unternehmen eigene Schnittstellen zu Daten einrichten müsste. Ich riet ihm, diesen Gedanken fallen zu lassen. Er könne den Cyber-Manni doch so einstellen, dass er den Mitarbeiter einfach selbst fragt, ob er Defizite habe – so wie mein Navi erst mich selbst nach meinen Promille fragen könnte. Und wenn der Mitarbeiter sich selbst schlecht finde, werde er automatisch beschimpft! Und Manager, die schlechte Zahlen hätten, kämen automatisch von der Karriereleiter für ein Jahr auf die Stille Treppe. Wir redeten hin und her, tranken Rotwein und wurden immer optimistischer. Wir würden den Cyber-Manni entlang simplifizierender Minimalerziehung konzipieren.

Im Grunde brauchen wir ein defizitorientiertes „Schlechtes Gewissen“, oder? Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Man muss Cyber-Skinner-Boxen erfinden! Mit Pavlovian Yield-Award-Optimization! „Weißt Du was“, fiel mir ein – und ich starrte an die Decke und verstummte. Auch der Religion und dem Menschsein an sich würden sich ganz neue Wege eröffnen…



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (8). Trackbacks: (0). Permalink


Ich - bleib bei mir!

04. Mai 2010, 09:18

Ein kleines Mädchen mit einem Zettel in der Hand ist endlich beim Bäcker an der Reihe. „Sechs Bärlauchbrötchen, bitte.“ Es sind aber keine da. Das Mädchen schaut ratlos, alle lesen den Befehl auf dem Zettel nach und machen Alternativvorschläge. Es schaut immer ängstlicher und geht mit „so ähnlichen Brötchen“ schluchzend heim. Mama wird schimpfen, weil sie ganz enttäuscht ist. „Bring ganz genau diese Brötchen mit, andere schmecken von da nicht, hörst du? Wirst du das können? Bist du schon groß? Wir wollen sehen, ich vertraue auf dich.“ (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (9). Trackbacks: (0). Permalink


Selbstvertuschungkraft bei Systemsünden

24. März 2010, 23:17

Alle schwören rückhaltlose Aufklärung bei Sünden, aber es verschwinden meist nur ganz demonstrativ ein paar Sünder. Damit ist hart durchgegriffen worden, aber im Grunde bleibt das System dasselbe. Warum? Die Systeme behaupten, es handele sich um beklagenswerten Einzelfälle, also um schwarze Schafe. Die würden mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Die Ausgemerzten schweigen, weil sie ohne Anklage und mit Abfindung davon kamen. Sie haben Glück, weil das Ausbreiten ihrer Schuld zu viel Systemschaden verursacht. Sie kommen deshalb davon. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (6). Trackbacks: (0). Permalink


szmtag