Wie schnell schmilzt Grönlands Eis?
Eine der grossen Unsicherheitsfaktoren bezüglich des zukünftigen Meeresspiegelanstiegs betreffen dynamische Prozesse, die zum Abschmelzen des grönländischen Eisschildes beitragen. In den letzten Monaten und Jahren wurden verschiedene Studien veröffentlicht, die sich mit diesen Prozessen beschäftigen. Zur Zeit ist der Beitrag von Grönland zum Meeresspiegelanstieg noch relativ gering, ist aber in den letzten Jahren bereits auf 10-20% angestiegen. In Zukunft könnte er noch deutlich ansteigen. Aktuelle Beobachtungen zeigen jedoch so hohe Schwankungen in der Eisdynamik, dass sich daraus keine klaren Trends ablesen lassen [1,2] und im letzten IPCC-Bericht auf eine Quantifizierung dieser Prozesse verzichtet worden ist.
Der grönländische Eisschild ist die nach der Antarktis zweitgrösste Eismasse auf der Erde. Er enthält eine Masse, die als Wasser für eine Erhöhung des weltweiten Meeresspiegels um rund 7 Meter ausreichen würde. Doch diese riesige Eismasse ist eigentlich nur ein Relikt aus der letzten Eiszeit, die vor über 10'000 Jahren endete. Seine Existenz unter heutigen Klimabedingungen verdankt er seiner grossen Masse und der auf bis zu 3000 Metern hoch gelegenen zentralen Fläche, wo durch die dort herrschenden kalten Temperaturen der Niederschlag als Schnee fällt. Aus Beobachtungen aus der Vergangenheit und anhand von Modellrechnungen lässt sich ableiten, dass unter den heutigen Klimabedingungen in Grönland kein vergleichbar grosser Eisschild entstehen würde, wenn es ihn nicht schon gäbe. Daraus lässt sich bereits der Schluss ziehen, dass ein mögliches Abschmelzen des Eisschildes wohl für zehntausende von Jahren irreversibel wäre.Die Abschmelzprozesse zeigen verschiedene positive Rückkopplungen: Wenn die Dicke des Eisschildes abnimmt, liegt dadurch die Eisoberfläche in geringerer Höhe und ist damit höheren Temperaturen ausgesetzt. Diese höheren Temperaturen beschleunigen das Abschmelzen, die Dicke nimmt weiter ab und die Temperaturen weiter zu, usw. Im Weiteren ist Eis nicht eine feste Masse, sondern fliesst wie ein zähflüssiger Pudding, der sich auf alle Seiten ausbreitet, soweit er nicht durch Hindernisse gestoppt wird. Die Eismasse schmilzt vor allem am Rand, dort wo das Eis in tiefen Lagen liegt und die Temperaturen relativ hoch sind. Schmilzt am Rand Eis weg, so fliesst Eis aus den höher gelegenen Gebieten nach. Auf diese Weise kann sich die Eisoberfläche in grossen Gebieten absenken.
Hohe Dynamik am Rand des Eisschildes im Nordatlantik
Ein beträchtlicher Teil des im Inneren des Eisschildes gebildeten Eises wird durch riesige Ausflussgletscher direkt ins Meer transportiert, wo es langsam schmilzt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Fliessgeschwindigkeit vieler Ausflussgletscher stark erhöht, bei einigen Gletschern bis auf das Doppelte, womit natürlich auch der Abfluss von Eis aus dem Eisschild entsprechend zunahm. Ursprünglich wurde als Ursache vermutet, dass vermehrter Zufluss von Oberflächen-Schmelzwasser durch Spalten und Höhlen zum Gletscheruntergrund wie ein Schmiermittel wirkt, so dass die Reibung ab-, und die Fliessgeschwindigkeit zunimmt. Neuste Auswertungen zeigen jedoch, dass zwar lokale Beschleunigungen des Eisflusses beobachtet werden, die großen Eisströme jedoch nicht sehr stark auf die erhöhte Schmelzwasserzufuhr zu reagieren scheinen.
Inzwischen nimmt man aufgrund von Beobachtungen und Modellrechnungen an, dass die Beschleunigung der Ausflussgletscher primär auf erhöhte Ozeantemperaturen zurückzuführen ist [3]. Durch das wärmere Wasser schmelzen die schwimmenden Gletscherzungen, werden dünner und zerbrechen schließlich ganz. Dadurch werden die Druckverhältnisse im Gletscher so verändert, dass das Eis schneller ins Meer fließt und auch schneller abbricht. Durch die Beschleunigung wird mehr Eis vom Inneren des Eisschildes wegtransportiert, und die Eisoberfläche senkt sich bis weit in den Eischild hinein ab.
Auch kleine Gletscher am Rand des Eisschildes, die nicht im Meer enden, verlieren zur Zeit stark an Masse. Dies trägt wesentlich zum Massenverlust des Eisschildes bei [4], doch wurde dies bisher nur regional begrenzt erfasst.
Die Frage, ob diese Dynamik des Eisflusses zu einer starken Beschleunigung des Abschmelzens des grönländischen Eisschildes und damit zu einem starken Meeresspiegelanstieg führen kann, ist zur Zeit sehr schwierig zu beantworten. Es fehlen ganz einfach (noch) die Daten, um die in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgelaufenen Prozesse genügend erfassen und interpretieren zu können. Bezüglich Katastrophenszenarien wurde kürzlich eine, wenn auch nicht sehr beruhigende, Obergrenze abgeschätzt: Die Menge des möglichen Eisabflusses durch die Ausfluss-Gletscher ist begrenzt, da deren Zahl und Querschnitt beschränkt sind. Entsprechende Berechnungen zeigen, dass Ausflussgeschwindigkeiten, die zu einer Meeresspiegelerhöhung von über zwei Metern bis zum Ende dieses Jahrhunderts führen würden, physikalisch unwahrscheinlich sind [5].
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sehr rasche Veränderungen möglich sind. Vergleiche mit früheren Epochen mit starken Abschmelzvorgängen und Meeresspiegelanstiegen vor 125'000 oder 15'000 Jahren sind allerdings nur beschränkt hilfreich, weil damals die Vergletscherung der Arktis anders aussah als heute und weitere große Eismassen vorhanden waren (z.B. der Laurentidische Eisschild, der das ganze heutige Kanada und Teile der USA bedeckte). Kürzlich veröffentlichte Untersuchungen zeigen immerhin, dass das Abschmelzen des Laurentide-Eisschilds anscheinend zu Meeresspiegelanstiegen von rund einem Meter pro Jahrhundert geführt hat. Obwohl Vergleiche schwierig sind, liegen die damaligen Verhältnisse in ähnlichen Größenordnungen wie heute in Grönland [6].
Die aktuelle Entwicklung der Massenbilanz ist aus lokalen Messungen kaum abzuschätzen. Deshalb wurden ausgeklügelte Messmethoden über Satelliten entwickelt, die flächendeckend angewendet werden können (z.B. feinste Änderungen in der Erdanziehung, Laser-Höhenmessungen, GPS). Die unterschiedlichen Methoden geben ähnliche Resultate: In den letzten Jahren verlor der grönländischen Eisschild rund 150 bzw. 200 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Neuste Berechnungen ergeben für 2007 bereits einen Verlust von rund 270 Milliarden Tonnen [7]. In den letzten 10 Jahren wurde beinahe eine Verdreifachung des Massenverlustes pro Jahr beobachtet. Aber es besteht zur Zeit keine Möglichkeit, auch nur die Grössenordnung der zukünftigen Entwicklung abzuschätzen.
Ein weiterer
Unsicherheitsfaktor in der Entwicklung bildet der zur Zeit unerwartet rasche
Rückgang der sommerlichen Eisbedeckung in der Arktis. Es gibt kaum
Anhaltspunkte dafür, was ein sommerliches Schmelzen des Meereises an der
Nordküste Grönlands für den Eisschild genau bedeuten würde. Die entstehende
freie Wasseroberfläche führt zu einer verstärkten Erwärmung und verstärkten
Schmelzprozessen, mindestens im Sommer. Das erhöhte Feuchtigkeitsangebot führt
im Zentrum des Eisschildes wohl zu erhöhtem Schneefall und Eisbildung, doch
wird damit das zusätzliche Abschmelzen am Rand kaum kompensiert. Die Stärke
dieser Einflüsse ist nicht bekannt. Eine weitere massgebliche Beschleunigung
des Massenverlustes ist jedoch durchaus möglich.
In Bezug auf den
Meeresspiegelanstieg haben wir es ja nicht nur mit Grönland zu tun. In der
Westantarktis, stehen wir vor ähnlichen Ungewissheiten. Auch dort wurde in den
letzten Jahren eine Beschleunigung von Eisabflüssen beobachtet, und es gibt
riesige Eismassen, die unter dem Meeresspiegel aufliegen und beim Abschmelzen
vom Boden weggehoben würden. Weil die Temperaturen am Südpol viel kälter sind
als am Nordpol, spielt in der Antarktis weniger die Erwärmung der Luft als
vielmehr die Erwärmung des Meerwassers eine entscheidende Rolle.
Trotz vielen offenen Fragen lässt sich der mögliche Rahmen aufgrund der
physikalischen und geographischen Bedingungen etwas einschränken. Eine
katastrophal schnelle Entwicklung, die zu einem Meeresspiegelanstieg von über
zwei Metern noch in diesem Jahrhundert führen würde, ist unwahrscheinlich. Doch
bereits ein Meeresspiegelanstieg von rund einem Meter, was beim heutigen
Kenntnisstand nicht unrealistisch scheint, ist bei der heutigen
Bevölkerungsdichte an den Küsten sehr problematisch.
Literatur:
[1] F.M. Nick et al., Nature Geoscience, doi:10.1038/ngeo394 (online 11 Feb 2009) http://www.nature.com/ngeo/journal/vaop/ncurrent/abs/ngeo394.html
[2] R. Kerr, Science, Vol. 323: S. 458 (2009) http://www.sciencemag.org/cgi/content/summary/323/5913/458ac
[3] D.M. Holland et al., Nature Geoscience, Vol. 1, 659ff (2008) http://www.nature.com/ngeo/journal/v1/n10/abs/ngeo316.html
[4] I.M. Howat et al., Geophysical Research Letters, Vol. 35: L17505 (2008). http://www.agu.org/pubs/crossref/2008/2008GL034496.shtml
[5] W.T. Pfeffer et al., Science 321: 1340ff (2008). http://www.sciencemag.org/cgi/content/abstract/sci;321/5894/1340
[6] A.E. Carlson et al., Nature Geosciences 1: 620ff (2008). http://www.nature.com/ngeo/journal/v1/n9/abs/ngeo285.html
[7] E. Rignot et al., Geophysical Research Letters, Vol. 35, L20502 (2008). http://www.agu.org/pubs/crossref/2008/2008GL035417.shtml
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Ich freue mich auf eine Veranstaltung in Grönland hinweisen zu können:
„Aasivik Fire & Ice 2009“ in Grönland
Global Climate Forum
17.-19. Juli 2009, nahe Kangerlussuaq, Grönland
Alte Weisheit indigener Völker und moderne Wissenschaft verbinden sich für den Klimaschutz
Die Auswirkungen des globalen Klimawandels sind auf Grönland besonders stark sichtbar und spürbar: Mit erschreckender Geschwindigkeit schmelzen Eisberge und verändern den Salzgehalt des Meeres, der den Verlauf des Golfstromes bestimmt; in den Sommermonaten werden Landflächen freigelegt, die für immer schneefrei bleiben. Das sind Veränderungen, die nicht nur auf die Bewohner der Insel Einfluss nehmen, sondern auch auf Europa, dessen Klima vom Golfstrom abhängt.
Aasivik Fire & Ice 2009
Vom 17. bis 19. Juli 2009 findet an der Westküste Grönlands unmittelbar am Eisschild „Aasivik Fire & Ice 2009“ statt auf Einladung der Föderation der Ältesten Grönlands und der Organisation „Ancient Wisdom for Earth“ (AWE).
Delegationen indigener Völker aus aller Welt sowie international anerkannte Wissenschaftler, Politiker, Künstler, Umweltschützer, Führungspersönlichkeiten und die Öffentlichkeit finden sich zusammen, um moderne Wissenschaft und indigene Weisheit miteinander zu verbinden („Science meets Spirit“) und den Naturvölkern Gehör im globalen Diskurs über den Klimawandel zu verschaffen.
Eine uralte Prophezeiung geht in Erfüllung
Mit dieser Zeremonie wird sich eine uralte Prophezeiung der Kalaallit Grönlands erfüllen: Wenn das große Eis schmilzt, die Erde in großer Bedrängnis ist und wieder Bäume in Grönland zu wachsen beginnen, wird das Heilige Feuer dorthin zurückkehren – und mit ihm eine neue Weisheit, die in die Welt zieht.
Auftakt des Global Climate Forums bildet eine Feuer- Zeremonie: Auf dem Fundament der Asche Heiliger Feuer aus aller Welt wird das große Heilige Feuer feierlich entzündet mit dem Holz der Bäume, die heute wieder in Grönland wachsen. Diese Zeremonie ist Symbol für die tiefgreifenden Veränderungen, die auf der größten Insel der Welt seit Jahren vonstatten gehen.
Indigene Weisheit zum Nutzen der Klimaforschung
Die Beobachtungen der Bewohner Grönlands stellen einen wichtigen Beitrag für die Klima- und Polarforschung dar. Die Klimaveränderungen haben bereits unmittelbar Einfluss auf ihr Leben. Die Fjorde frieren später zu, die Zeit zum Jagen wird immer kürzer. Die Jagd an sich wird von Jahr zu Jahr gefährlicher, da sich die Qualität des Eises aufgrund des erhöhten Süßwasseranteils immer stärker verändert. Für die Bewohner Grönlands zeigt sich jeden Tag, dass der Klimawandel einen Bewusstseinswandel auf allen Ebenen erfordert. In der modernen Welt Europas ist der tägliche Wandel des Klimas am dramatischen Rückgang der Gletscher in den Alpen zu sehen und ruft uns zum Handeln auf.
In den Foren „Science meets Spirit“ von „Aasivik Fire & Ice 2009“ treffen Wissenschaftler mit Stammesältesten aus aller Welt zusammen, um die Stimmen der Naturvölker in den weltweiten Diskurs über den Klimawandels einzubringen.
Das Ergebnis der verschiedenen Workshops und Foren soll auf der Kyoto-Nachfolgekonferenz in Kopenhagen präsentiert werden.
In den letzten Jahren hat die Häufigkeit von Gletscherbeben deutlich zugenommen. Dies wird als Indiz dafür gesehen, dass sich das Eis in Folge von mehr Schmelzwasser zwischen Felsuntergrund und Eis schneller bewegt - also auch ein Hinweis auf zunehmende Abschmelzvorgänge. Näheres dazu z.B. unter http://www.groenlandinfo.de/index.php?id=3581
Sehr geehrter Herr Neu
Beim Lesen Ihres interesasnten Texts sind mir zwei Fragen gekommen:
1. Wo auf Grönland wurde gezeigte Fotografie geschossen? Kennt man die ungefähre Meereshöhe?
2. Wie gesichert ist es, dass die Niederschläge über Zentralgrönland zunehmen, solange dort ein Eisschild liegt? Rein gefühlsmässig würde ich eher davon ausgehen, dass die einzige kalte Oberfläche weit und breit, wenn denn das Meereis im Sommer erst einmal weg ist, zur Bildung eines stationären Kältehochs führen müsste, welches sämtliche Niederschläge verhindern und zusätzlich die Entstehung von Gletscherseen fördern würde.
Besten Dank für Ihre Antworten
R. Schwörer
[Antwort: Die Häufigkeit und Stationarität von Kältehochs ist vor allem vom Umfang der kühlen Unterlage abhängig. Kältehochs gibts vor allem über Zentralasien und Nordkanada. Grönland ist hingegen eher klein. Zudem treten Sie vor allem im Winter auf, und im Winter verändert sich die arktische Meereisbedeckung kaum. Eine signifikante Veränderung von Kältehochs über Grönland ist also nicht zu erwarten. Die Zunahme der Niederschläge über Zentralgrönland ist vor allem aufgrund der höheren Feuchtigkeit von wärmeren, bzw. weniger kalten, Luftmassen zu erwarten. Bezüglich Foto müssen wir beim Autoren nachfragen. Urs Neu]
Mich würde Interessiern wie die Ausdehnung des arktischen Meereises
und die Eismasse Grönlands zur Besiedlungszeit der Wikinger in der mittelalterlichen Warmzeit waren.
Vergleichbar mit heute ?
Gibt es überhaupt wiss.Arbeiten darüber ?
[Antwort: Die Eismasse Grönlands war zur Zeit der Wikingersiedlungen praktisch exakt genauso groß wie heute - dies kann man aus Daten über den Meeresspiegel folgern, der sich zwischen den Jahren 1000 und 1900 um maximal +/- 20 cm verändert hat (die Belege dazu sind im IPCC-Bericht diskutiert). Da die Eismasse Grönlands etwa 7 Metern Meeresspiegel entspricht, hätte schon ein Eisverlust von 3% von Grönland den Meeresspiegel um 21 cm angehoben. Stefan Rahmstorf]