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Wie schnell schmilzt Grönlands Eis?

von Urs Neu, 25. Februar 2009, 15:32

Eine der grossen Unsicherheitsfaktoren bezüglich des zukünftigen Meeresspiegelanstiegs betreffen dynamische Prozesse, die zum Abschmelzen des grönländischen Eisschildes beitragen. In den letzten Monaten und Jahren wurden verschiedene Studien veröffentlicht, die sich mit diesen Prozessen beschäftigen. Zur Zeit ist der Beitrag von Grönland zum Meeresspiegelanstieg noch relativ gering, ist aber in den letzten Jahren bereits auf 10-20% angestiegen. In Zukunft könnte er noch deutlich ansteigen. Aktuelle Beobachtungen zeigen jedoch so hohe Schwankungen in der Eisdynamik, dass sich daraus keine klaren Trends ablesen lassen [1,2] und im letzten IPCC-Bericht auf eine Quantifizierung dieser Prozesse verzichtet worden ist.

Der grönländische Eisschild ist die nach der Antarktis zweitgrösste Eismasse auf der Erde. Er enthält eine Masse, die als Wasser für eine Erhöhung des weltweiten Meeresspiegels um rund 7 Meter ausreichen würde. Doch diese riesige Eismasse ist eigentlich nur ein Relikt aus der letzten Eiszeit, die vor über 10'000 Jahren endete. Seine Existenz unter heutigen Klimabedingungen verdankt er seiner grossen Masse und der auf bis zu 3000 Metern hoch gelegenen zentralen Fläche, wo durch die dort herrschenden kalten Temperaturen der Niederschlag als Schnee fällt. Aus Beobachtungen aus der Vergangenheit und anhand von Modellrechnungen lässt sich ableiten, dass unter den heutigen Klimabedingungen in Grönland kein vergleichbar grosser Eisschild entstehen würde, wenn es ihn nicht schon gäbe. Daraus lässt sich bereits der Schluss ziehen, dass ein mögliches Abschmelzen des Eisschildes wohl für zehntausende von Jahren irreversibel wäre.

Die Abschmelzprozesse zeigen verschiedene positive Rückkopplungen: Wenn die Dicke des Eisschildes abnimmt, liegt dadurch die Eisoberfläche in geringerer Höhe und ist damit höheren Temperaturen ausgesetzt. Diese höheren Temperaturen beschleunigen das Abschmelzen, die Dicke nimmt weiter ab und die Temperaturen weiter zu, usw.  Im Weiteren ist Eis nicht eine feste Masse, sondern fliesst wie ein zähflüssiger Pudding, der sich auf alle Seiten ausbreitet, soweit er nicht durch Hindernisse gestoppt wird. Die Eismasse schmilzt vor allem am Rand, dort wo das Eis in tiefen Lagen liegt und die Temperaturen relativ hoch sind. Schmilzt am Rand Eis weg, so fliesst Eis aus den höher gelegenen Gebieten nach. Auf diese Weise kann sich die Eisoberfläche in grossen Gebieten absenken.

Hohe Dynamik am Rand des Eisschildes im Nordatlantik

Ein beträchtlicher Teil des im Inneren des Eisschildes gebildeten Eises wird durch riesige Ausflussgletscher direkt ins Meer transportiert, wo es langsam schmilzt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Fliessgeschwindigkeit vieler Ausflussgletscher stark erhöht, bei einigen Gletschern bis auf das Doppelte, womit natürlich auch der Abfluss von Eis aus dem Eisschild entsprechend zunahm. Ursprünglich wurde als Ursache vermutet, dass vermehrter Zufluss von Oberflächen-Schmelzwasser durch Spalten und Höhlen zum Gletscheruntergrund wie ein Schmiermittel wirkt, so dass die Reibung ab-, und die Fliessgeschwindigkeit zunimmt. Neuste Auswertungen zeigen jedoch, dass zwar lokale Beschleunigungen des Eisflusses beobachtet werden, die großen Eisströme jedoch nicht sehr stark auf die erhöhte Schmelzwasserzufuhr zu reagieren scheinen.

Inzwischen nimmt man aufgrund von Beobachtungen und Modellrechnungen an, dass die Beschleunigung der Ausflussgletscher primär auf erhöhte Ozeantemperaturen zurückzuführen ist [3]. Durch das wärmere Wasser schmelzen die schwimmenden Gletscherzungen, werden dünner und zerbrechen schließlich ganz. Dadurch werden die Druckverhältnisse im Gletscher so verändert, dass das Eis schneller ins Meer fließt und auch schneller abbricht. Durch die Beschleunigung wird mehr Eis vom Inneren des Eisschildes wegtransportiert, und die Eisoberfläche senkt sich bis weit in den Eischild hinein ab.

Auch kleine Gletscher am Rand des Eisschildes, die nicht im Meer enden, verlieren zur Zeit stark an Masse. Dies trägt wesentlich zum Massenverlust des Eisschildes bei [4], doch wurde dies bisher nur regional begrenzt erfasst.

Die Frage, ob diese Dynamik des Eisflusses zu einer starken Beschleunigung des Abschmelzens des grönländischen Eisschildes und damit zu einem starken Meeresspiegelanstieg führen kann, ist zur Zeit sehr schwierig zu beantworten. Es fehlen ganz einfach (noch) die Daten, um die in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgelaufenen Prozesse genügend erfassen und interpretieren zu können. Bezüglich Katastrophenszenarien wurde kürzlich eine, wenn auch nicht sehr beruhigende, Obergrenze abgeschätzt: Die Menge des möglichen Eisabflusses durch die Ausfluss-Gletscher ist begrenzt, da deren Zahl und Querschnitt beschränkt sind. Entsprechende Berechnungen zeigen, dass Ausflussgeschwindigkeiten, die zu einer Meeresspiegelerhöhung von über zwei Metern bis zum Ende dieses Jahrhunderts führen würden, physikalisch unwahrscheinlich sind [5].

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sehr rasche Veränderungen möglich sind. Vergleiche mit früheren Epochen mit starken Abschmelzvorgängen und Meeresspiegelanstiegen vor 125'000 oder 15'000 Jahren sind allerdings nur beschränkt hilfreich, weil damals die Vergletscherung der Arktis anders aussah als heute und weitere große Eismassen vorhanden waren (z.B. der Laurentidische Eisschild, der das ganze heutige Kanada und Teile der USA bedeckte). Kürzlich veröffentlichte Untersuchungen zeigen immerhin, dass das Abschmelzen des Laurentide-Eisschilds anscheinend zu Meeresspiegelanstiegen von rund einem Meter pro Jahrhundert geführt hat. Obwohl Vergleiche schwierig sind, liegen die damaligen Verhältnisse in ähnlichen Größenordnungen wie heute in Grönland [6].

Die aktuelle Entwicklung der Massenbilanz ist aus lokalen Messungen kaum abzuschätzen. Deshalb wurden ausgeklügelte Messmethoden über Satelliten entwickelt, die flächendeckend angewendet werden können (z.B. feinste Änderungen in der Erdanziehung, Laser-Höhenmessungen, GPS). Die unterschiedlichen Methoden geben ähnliche Resultate: In den letzten Jahren verlor der grönländischen Eisschild rund 150 bzw. 200 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Neuste Berechnungen ergeben für 2007 bereits einen Verlust von rund 270 Milliarden Tonnen [7]. In den letzten 10 Jahren wurde beinahe eine Verdreifachung des Massenverlustes pro Jahr beobachtet. Aber es besteht zur Zeit keine Möglichkeit, auch nur die Grössenordnung der zukünftigen Entwicklung abzuschätzen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor in der Entwicklung bildet der zur Zeit unerwartet rasche Rückgang der sommerlichen Eisbedeckung in der Arktis. Es gibt kaum Anhaltspunkte dafür, was ein sommerliches Schmelzen des Meereises an der Nordküste Grönlands für den Eisschild genau bedeuten würde. Die entstehende freie Wasseroberfläche führt zu einer verstärkten Erwärmung und verstärkten Schmelzprozessen, mindestens im Sommer. Das erhöhte Feuchtigkeitsangebot führt im Zentrum des Eisschildes wohl zu erhöhtem Schneefall und Eisbildung, doch wird damit das zusätzliche Abschmelzen am Rand kaum kompensiert. Die Stärke dieser Einflüsse ist nicht bekannt. Eine weitere massgebliche Beschleunigung des Massenverlustes ist jedoch durchaus möglich.

In Bezug auf den Meeresspiegelanstieg haben wir es ja nicht nur mit Grönland zu tun. In der Westantarktis, stehen wir vor ähnlichen Ungewissheiten. Auch dort wurde in den letzten Jahren eine Beschleunigung von Eisabflüssen beobachtet, und es gibt riesige Eismassen, die unter dem Meeresspiegel aufliegen und beim Abschmelzen vom Boden weggehoben würden. Weil die Temperaturen am Südpol viel kälter sind als am Nordpol, spielt in der Antarktis weniger die Erwärmung der Luft als vielmehr die Erwärmung des Meerwassers eine entscheidende Rolle.

Trotz vielen offenen Fragen lässt sich der mögliche Rahmen aufgrund der physikalischen und geographischen Bedingungen etwas einschränken. Eine katastrophal schnelle Entwicklung, die zu einem Meeresspiegelanstieg von über zwei Metern noch in diesem Jahrhundert führen würde, ist unwahrscheinlich. Doch bereits ein Meeresspiegelanstieg von rund einem Meter, was beim heutigen Kenntnisstand nicht unrealistisch scheint, ist bei der heutigen Bevölkerungsdichte an den Küsten sehr problematisch.


Literatur:

[1]  F.M. Nick et al., Nature Geoscience, doi:10.1038/ngeo394 (online 11 Feb 2009) http://www.nature.com/ngeo/journal/vaop/ncurrent/abs/ngeo394.html 

[2]  R. Kerr, Science, Vol. 323: S. 458 (2009) http://www.sciencemag.org/cgi/content/summary/323/5913/458ac

[3] D.M. Holland et al., Nature Geoscience, Vol. 1, 659ff (2008) http://www.nature.com/ngeo/journal/v1/n10/abs/ngeo316.html

[4] I.M. Howat et al., Geophysical Research Letters, Vol. 35: L17505 (2008). http://www.agu.org/pubs/crossref/2008/2008GL034496.shtml

[5] W.T. Pfeffer et al., Science 321: 1340ff (2008). http://www.sciencemag.org/cgi/content/abstract/sci;321/5894/1340

[6]  A.E. Carlson et al., Nature Geosciences 1: 620ff (2008). http://www.nature.com/ngeo/journal/v1/n9/abs/ngeo285.html

[7]  E. Rignot et al., Geophysical Research Letters, Vol. 35, L20502 (2008). http://www.agu.org/pubs/crossref/2008/2008GL035417.shtml

 





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Kommentare

  1. Michael Krüger Ende des Schmelzens
    01.03.2009 | 10:35

    FALL MEETING OF THE AMERICAN GEOPHYSICAL UNION:
    Galloping Glaciers of Greenland Have Reined Themselves In
    Richard A. Kerr

    Ice loss in Greenland has had some climatologists speculating that global warming might have brought on a scary new regime of wildly heightened ice loss and an ever-faster rise in sea level. But glaciologists reported at the American Geophysical Union meeting that Greenland ice's Armageddon has come to an end.

    http://www.sciencemag.org/...summary/323/5913/458a

    Eine britisch-amerikanische Forschergruppe um Faezeh Nick und Andreas Vieli von der Durham University hat die entsprechenden Modelle nun einer kritischen Vergleichsstudie unterzogen. Dabei kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass aus der gegenwärtigen Rekordmenge an Schmelzwasser der Rückzug der Gletscher nicht langfristig hochgerechnet werden kann.

    Konsequenzen für prognostizierten Meeresspiegelanstieg

    Wie die Forscher in der Zeitschrift "Nature Geoscience" schreiben, besteht auch ihrem neuen Modell zufolge kein Zweifel daran, dass die seit einigen Jahren beobachtete verstärkte Eisschmelze unmittelbare Auswirkungen auf den Zungenbereich des Gletschers hat. So simuliert das Modell beispielsweise das bis zum Jahre 2005 gemessene schnelle Vordringen des Helheim-Gletschers, eines der größten bis ins Meer reichenden Gletscher Grönlands, recht genau. Im Gegensatz zu den anderen Modellen der Gletscherbewegungen erfasst das britisch-amerikanische Modell aber auch die erhebliche Verlangsamung des Gletschervorstoßes, die seit einigen Jahren gemessen wird. Die Modellrechnungen ergeben sogar, dass sich der Helheim-Gletscher in einigen Jahren weiter im Inland stabilisieren wird.

    Sollte das Modell tatsächlich die langfristigen Verhältnisse in Grönland beschreiben, dann hätte das erhebliche Konsequenzen für die Berechnung des künftigen Meeresspiegelanstieges. Käme es nämlich zur vorhergesagten Stabilisierung der Gletscher, wäre der Anstieg weit weniger dramatisch, als die Forscher gegenwärtig annehmen.

    http://www.faz.net/...C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    [Antwort: "Sollte, hätte, käme". Ihre Formulierungen und der Artikel von R. Kerr bestätigen genau das, was ich geschrieben habe: Wir wissen nicht, wie stark die Trends sein werden. Vielleicht wird der Eisabfluss relativ gering sein, vielleicht aber auch nicht. Die Prognose von zwei Metern Meeresspiegelanstieg bis 2100 rechnet mit einer viel geringeren Beschleunigung als die Entwicklung der letzten Jahre. Die Tatsache, dass das Abschmelzen auch relativ gering sein könnte, schliesst das Risiko eines schnellen Abschmelzens nicht aus. Urs Neu]

  2. jochen Energieeffizienz
    01.03.2009 | 11:41

    Hallo Herr Neu, ich denke wir reden ein wenig aneinander vorbei. Man sollte folgende Dinge etwas auseinanderhalten:

    1. Energieeffizienz-Maßnahmen, die auch ohne Subventionen bares Geld sparen, werden natürlich von der Wirtschaft und den Verbrauchern realisiert. Die CO2-Einsparung und Veringerung der Abhängigkeit von Energieimporten sind dabei nur Nebeneffekte.

    2. Techniken zum Ersatz fossiler Energien bzw. CO2-Verminderung werden fast ausschließlich wegen der Subventionen durchgeführt. Ohne EEG gäbe es vermutlich keine einzige Windmühle oder Solaranlage. Ob die EEG-Strategie sinnvoll ist oder nicht, möchte ich nicht beurteilen.

    3. Maßnahmen, die ausschließlich die CO2-Verminderung zum Ziel haben sind meiner Meinung nach kontraproduktiv. Wenn man z.B. hört, dass die geplante CO2-Abscheidung bei Kohlekraftwerken den Wirkungsgrad reduziert und damit mehr Kohle verfeuert werden muß, und gleichzeitig die CO2-Lagerung in Bergwerken extrem teuer und unsicher ist, fragt man sich was das eigentlich soll.

    Es geht doch letzlich um die Frage, wie man die gewünschten Ziele, nämlich die Reduzierung der fossilen Energieerzeugung, Unabhängigkeit von Energieimporten und Senkung des CO2-Gehaltes mit den vorhandenen Mitteln am besten realisiert. Wenn alle Mittel in die genannte CO2-Abscheidung, Zertifikatehandel und Klimakonferenzen gesteckt werden, bleibt das Problem mit der Importabhängigkeit nicht nur bestehen, sondern vergrößert sich durch den höheren Verbrauch an Primärenergie auch noch.

    Eine Konzentration des Problems auf das CO2 ist deshalb kontraproduktiv, weil sie den Blick auf das große Ganze verdeckt.

    PS: Die Sache mit der Holzkohle (Terra Preta) steht in Kopenhagen meines Wissens auf der Tagesordnung. Mal sehen, was die Düngemittel- und Energiekonzerne dagegen unternehmen werden. Aber selbst wenn es in den CDM-Katalog aufgenommen wird bedeutet das noch nicht viel. Es sind ja fast ausschließlich Kleinprojekte betroffen und die haben weder die 6-stelligen Summen für eine Zertifizierung noch wird denen jemand die Zertifikate zu einem vernünftigen Preis abkaufen. Zu diesem Thema verfüge ich über Insider-Informationen, das ist eine echte Horror-Story.

  3. jochen Peter Heller
    01.03.2009 | 12:00

    "Viele technische Ansätze, von modernen Wasserbausystemen, über Präzisionslandwirtschaft bis hin zu grüner Gentechnik müssen und werden hier zusammenwirken, um das zu erreichen."

    Das ist ein Teilaspekt einer möglichen Lösung des Gesamtproblems. In vielen Gegenden der Dritten Welt, aber auch in Osteuropa, liegen die Hektarerträge drastisch unter denen in den Industrieländern. Eine Vervielfachung der Ernten ist technisch möglich.

    Damit würde allerdings eine gigantische Überproduktion an Nahrungsmitteln nebst Preisverfall entstehen, das nennt man Schweine-Zyklus. Die große Chance liegt darin, die so frei werdenden Flächen für Energiepflanzen zu nutzen. Damit hätten die Bauern zusätzliches Einkommen und könnten sich dann u.a. auch vernünftige Bewässerungen, Trockenanlagen, Saatgut usw. leisten, ganz ohne Entwicklungshilfe und Subventionen.

    Offenbar ist dies aber politisch nicht gewollt. Ich habe kürzlichen einen deutschen Landwirt gefragt, warum er nach der Getreideernte nicht noch Bohnen pflanzt, um proteinhaltiges Futter für seine Tiere selbst zu produzieren. Antwort: Es ist billiger, das Monsanto Roundup Gensoja aus Brasilien und Argentinien zu importieren...

  4. Wolfgang Flamme kein Betreff
    01.03.2009 | 16:41

    Nein, Herr Neu,

    ich sehe in Ihrer Stellungnahme vor allem eines: Sie versuchen, Ihre persönliche Überzeugung und Lösung - man müsse das Schlimmste verhindern - so darzustellen, als handele es sich um das Resultat eines nüchternen, ergebnisoffenen Bewertungsprozesses namens 'Risikomanagement'.

    Sie reduzieren Ihre Version von Risikomanagement dafür auf Vermeidungs- und Begrenzungsstrategien und den Umgang mit extremsten Ereignissen ... und natürlich läßt diese verstümmelte Auffassung dann gar keine andere Betrachtungsweise mehr zu.

    Deshalb erwähnen Sie auch keine anderen, alternativen Strategien aus dem Portefeuille des Risikomanagements wie zb Anpassung, Streuung und Akzeptanz, denn dann müßten Sie auch offenlegen, wieso Ihre Strategie die bessere sein soll.

    Sie vermeiden auch darzulegen, daß beim Risikomanagement keineswegs das größte Schadensereignis maßgebend ist. Tatsächlich beinhaltet schon die elementare Definition von Risiko, daß der Eintrittswahrscheinlichkeit eine ebenso hohe Bedeutung zukommt wie der Schadenshöhe.
    Das RM konzentriert sich deshalb schwerpunktmäßig gerade nicht auf die extremsten Schäden, weil gerade Extreme a) sehr selten, b) nur mit hoher Unsicherheit abzuschätzen und c) überaus schwierig und unzuverlässig steuerbar sind.

    Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus dem Hochwasserschutz. Dort wird nicht versucht, Extremereignisse mit einer (vermuteten) Jährlichkeit von 1 000 oder mehr Jahren zu verhindern oder für diesen Fall kontrollierte Schadensbegrenzung zu betreiben. Und das ist das nüchterne, ergebnisoffene Ergebnis von RM-Prozessen und nicht etwa Fahrlässigkeit.

    [Antwort: Wir sprechen von zwei völlig unterschiedlichen Dingen: Sie sprechen über den Umgang mit nicht beeinflussbaren Risiken (z.B. Vulkanausbrüche, Tornados, usw.). Da haben Sie mit Ihren Überlegungen recht. Da ist sinnvolle Anpassung die einzige Lösung. Ich spreche jedoch über Risiken, die beeinflussbar sind, bzw. wie man mit beeinflussbaren Risiken umgeht, wo man wählen kann zwischen Anpassung und Verminderung des Risikos. Bleiben wir bitte dabei. Urs Neu]

  5. Peter Heller Der Sicherheitsgurt
    01.03.2009 | 23:25

    Zitat aus Ihrer Antwort an mich:

    „Das Argument, dass die Grösse eines Risikos keine Rolle spielt, verstehe ich nicht. Damit können Sie alle risikomindernden Massnahmen vom Tisch wischen (z.B. das Gurten tragen im Auto, da Unfälle trotzdem tödlich sein können).“

    Ich denke, hinter Ihrem Credo steckt ein anderer Begriff von „Risiko“, als er gemeinhin verwendet wird. Sie verwechseln nach meiner Auffassung „Schaden“ mit „Risiko“.

    Der Gurt im Auto ist hierfür der perfekte Beleg.

    Der Gurt ist keinesfalls dazu geeignet, Unfälle zu vermeiden. Er macht lediglich, so wie eine Vielzahl anderer Sicherheitssysteme im Automobil auch, die Folgen eines Unfalls beherrschbar. Das Argument für den Gurt ist genau nicht die Unfallvermeidung, sondern die Abmilderung der Folgen.

    [...] Man kann mit einem Sicherheitsgurt keinen Unfall vermeiden, man kann auch nicht die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls senken. Denn ob man einen Unfall erleidet oder nicht, hängt neben der eigenen Fahrweise und der der vielen hundert anderen Autofahrer, denen man so begegnet, auch von einer Vielzahl fahrzeugtechnischer und äußerer Einflüsse ab.

    [Antwort: Sie haben Recht, dass das Gurt-Beispiel auch mit Anpassung zu tun hat. Aber es geht auch um Risiko, nämlich um das Risiko des tödlichen Unfalls. Und das können Sie mit dem Gurt senken. Der entscheidende Punkt ist Ihre Behauptung, die Folgen eines Extremereignis Urs Neu]

    Und ebensowenig kann man mit der Vermeidung von CO2-Emissionen erreichen, daß Wetterextreme wie Dürren oder Überschwemmungen nicht mehr geschehen.

    [Antwort: Man kann nicht erreichen, dass sie nicht mehr geschehen. Davon war auch nie die Rede. Sie werden jedoch kaum bestreiten, dass die Schäden von der Stärke eines Sturms oder der Dauer einer Dürre abhängen. Und das lässt sich mit der Vermeidung von CO2-Emissionen höchstwahrscheinlich beeinflussen. Urs Neu]

    Das Äquivalent zum „Sicherheitsgurt“, das ich einfordere, wäre in diesen Fällen ein entsprechendes Krisenmanagement und die Entwicklung technischer Lösungen. Lösungen, die helfen, trotz eines Wetterextrems sicher überleben zu können.
    Es stellt sich nämlich beim Risikomanagement nicht nur die Frage nach der Robustheit einer Strategie, sondern auch die Frage nach der Optimierbarkeit.

    [Antwort: Richtig. Es ist alles andere als klar, dass Anpassung besser ist als Vermeidung. Nicht aus ökonomischer Sicht und noch viel weniger aus moralischer Sicht, da Anpassung für die Hauptverusacher günstiger sein mag, für die Hauptbetroffenen jedoch mit Sicherheit nicht. Urs Neu]

    Ihr Ansatz, ein Risiko auszuschließen, ist bspw. im Straßenverkehr nur dann optimierbar, wenn man nicht am Straßenverkehr teilnimmt. Diesen Ansatz für alle Menschen gleichermaßen umzusetzen, hieße, den Straßenverkehr zu verbieten. Dies ist offensichtlich unvernünftig.

    [Antwort: Es geht wie gesagt nicht um Risikoausschluss. Wir können Überschwemmungen als solches nicht verhindern, aber Häufigkeit und Ausmass senken. Genau das tun wir auch im Strassenverkehr, nämlich durch Geschwindigkeitsbeschränkungen. Urs Neu]

    In Fragen des Klimaschutzes aber gibt es keine optimierbare Strategie nach Ihrem Credo. Denn so wenig, wie Sie als Autofahrer das Verhalten aller anderen Fahrer bestimmen oder vollständig vorhersehen können, so wenig können wir als Menschen die natürlichen Faktoren, die letztendlich unser Wetter bestimmen, beeinflussen.

    [Antwort: Den natürlichen Teil können wir nicht beeinflussen, aber den anthropogenen Einfluss. Im Strassenverkehr beeinflussen wir durch Geschwindigkeitsbeschränkungen auch das durchschnittliche Verhalten der anderen Fahrer und damit das Unfallrisiko. Das Risiko ist natürlich nicht ausschliessbar. Aber Risikomanagement bedeutet nicht die Unterscheidung zwischen gar kein oder volles Risiko. Urs Neu]

    Anders ausgedrückt: Wenn Sie, als einzelner Autofahrer, beschließen, nicht mehr am Verkehrsgeschehen teilzunehmen, ändert das nichts an dem möglichen Schaden, den andere Autofahrer durch Unfälle erleiden können. Und Klimaschutz, also CO2-Vermeidung, ändert in genau derselben Weise nichts am möglichen Schaden durch extremes Wetter.

    [Antwort: Wenn Sie das Autofahren sicherer machen wollen, müssen nicht alle auf das Autofahren verzichten, aber es müssen nicht nur Sie, sondern alle langsamer und vorsichtiger fahren. Das gleiche gilt für die CO2-Vermeidung. Es reicht natürlich nicht, dass Sie allein etwas tun (das verlangt auch niemand), sondern dass alle etwas tun. Urs Neu]

    Die in Wahrheit vernünftige Strategie in Bezug auf den Straßenverkehr ist es, ihn so auszustatten, daß im Falle eines Falles niemand mehr stirbt, der Totalverlust also nicht mehr eintreten kann. Und das ist eben möglich. Somit ist diese Strategie optimierbar. Und so, wie man es durch Technologie erreichen kann, daß jeder Autofahrer sich frei von der Angst vor einem tödlichen Mißgeschick auf den Weg machen kann, so besteht auch die Möglichkeit, uns von der Angst vor Wetterextremen zu befreien.

    [Antwort: Wie Sie im Strassenverkehr tödliche Unfälle technisch ausschliessen wollen, ist mir ebenso ein Rätsel wie Sie technisch die Folgen von Wetterextremen beherrschen wollen. Urs Neu]

    So handelt der Mensch schon seit Jahrzehntausenden, und das allein ist der Grund, warum wir noch existieren.

    Technischer Fortschritt bedeutet eben auch zunehmenden Schutz vor destruktiven natürlichen Einflüssen.

    Und wir werden, so meine Überzeugung, irgendwann dahin kommen, daß uns ein Hurrikan, eine Flut oder eine Dürre schlicht nicht mehr interessieren. In der entwickelten westlichen Welt ist es ja auch in Teilen schon so (die Angst in den Niederlanden im Meer zu verschwinden, ist beispielsweise äußerst begrenzt – die Angst vor einer Mißernte ist in Europa nahezu gleich Null –usw.).

    [Antwort: In Europa schon. Wir sind jedoch nicht die einzigen Menschen auf der Welt. Urs Neu]

    Wenn ich mit engagierten Klimaforschern diskutiere, dann stelle ich immer fest, daß irgendwann der Punkt kommt, an dem diese nicht verstehen, warum in der breiten Bevölkerung der entsetzte Aufschrei angesichts apokalyptischer Visionen ausbleibt, warum der sog. „Klimaschutz“ in Wahrheit von den meisten als Spinnerei belächelt wird.
    Der Grund dafür liegt im Wesen des Menschen. Das sollten Sie immer in Ihr Kalkül einbeziehen. Nach Ihrem Credo handelt ein Mensch irrational, der am Autoverkehr teilnimmt, obwohl er weiß, daß der Gurt ihn nicht vor einem Unfall beschützt. Ihr Credo, daß die Basis für jegliche Klimaschutzmaßnahme im Sinne von "Vermeidung von Risiken" darstellt, ist also nicht alltagstauglich (wie Wolfgang Flamme schon geschrieben hat).

    Was also tatsächlich auf die Agenda muß, ist ein „Sicherheitsgurt“ für den Klimwandel im Sinne einer Strategie der Anpassung an Folgen von eintretenden Risiken. Und nicht die Vermeidung des Unvermeidbaren.

    "Klimaschutz" darf also nicht übersetzt werden mit "Schutz des Klimas", sondern mit "Schutz vor dem Klima".

    So gestalten die Menschen, jeder von uns, auch ihren Alltag. Auch Sie, Herr Neu, oder?

    [Antwort: Da ist das grundlegende Missverständnis: Es geht um Risikominderung, nicht -ausschluss. Urs Neu]

  6. Günter Heß Rückgang von Gletschern
    02.03.2009 | 09:23

    Hallo Jochen,

    die Dicke und Mächtigkeit von Gletschereis hängt nicht nur von der Temperatur und ihrem Jahresgang ab.
    Neben dem Schmelzprozess wirken, sicher unter anderem, außerdem die Sublimation, sowie die Neubildung durch Niederschläge.
    Deshalb hängt die Dicke und Mächtigkeit von Gletschereis auch von der Luftfeuchtigkeit und der
    Niederschlagsmenge bzw. deren Jahresgang ab.
    Wäre es in den letzten Jahrzehnten über Grönland besonders trocken gewesen bzw. niederschlagsarm,
    dann würde das sicher auch einen Rückgang erklären, obwohl die Temperatur konstant bleibt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

  7. Peter Heller Technik gegen den Unfalltod
    02.03.2009 | 16:33

    Hallo Herr Neu,

    ich denke, wir können das hier abschließen, denn wir drehen uns im Kreis.

    Ihr Credo der Vermeidungsstrategie ist nun einmal grundlegend für alle Klimaschutzmaßnahmen, die der Reduzierung von CO2-Emissionen dienen sollen. Sie können davon also kaum abrücken, das verstehe ich schon. Auch, wenn es vernünftig wäre, aber ich konstatiere nun mal, daß engagierte Klimaforscher wie Sie, die Sie sich ja dankenswerterweise der Debatte stellen, sich da in etwas verrannt haben.

    [Antwort: Darüber, wer sich verrannt hat, kann man sich streiten. Sie sehen die technische Lösung eines Problems als das in jedem Fall beste Mittel an und erwarten, dass so alle Probleme der Menschheit gelöst werden können. Dies mag in der Vergangenheit funktioniert haben. In letzter Zeit haben sich technische Lösungen jedoch immer häufiger als Ursachen neuer, zum Teil noch grösserer Probleme entpuppt. Zudem sind aus ihrer Sicht "optimale" technische Lösungen oft nur aus Sicht des Technikbenutzers optimal, aber nicht unbedingt für den Rest der Gesellschaft. So erhöhen schwere, robuste Fahrzeuge zwar die Sicherheit der Fahrzeuginsassen (sind also optimal für den Fahrer), erhöhen jedoch die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer (Fussgänger, Radfahrer, Fahrer leichterer Fahrzeuge). Auch bei der CO2-Vermeidung gibt es das gleiche Problem: Die ausschliessliche Strategie der Anpassung ist zwar für unsere Generation in den Industrieländern, die wir uns in den nächsten zwei Jahrzehnten noch gar nicht stark anpassen müssen, selbstverständlich optimal. Für die armen Länder, die diese Möglichkeit nicht haben, sowie für die kommenden Generationen, die immer weniger von fossilen Energieträgern profitieren können und nur die Kosten der Anpassung tragen müssen, ist diese Strategie kaum optimal. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Selbstverständlich wird Anpassung nötig sein, dazu ist der Klimawandel bereits zu weit fortgeschritten. Es geht tatsächlich darum, die optimale Strategie zu finden, doch Ihr ausschliesslicher Fokus auf die heutige Generation der Industrienationen zielt am Problem, das einen globalen und langfristigen Horizont hat, vorbei. Zur Zeit muss in der Schweiz eine Giftmülldeponie, die in den 1970er Jahren für die damalige Wirtschaft die "optimale" Lösung darstellte, für viele Milliarden Franken und mit hohem Gesundheitsrisiko der beteiligten Arbeiter saniert werden. Ihr unerschütterlicher Glaube an die Technik als Allheilmittel und die Ausblendung ethisch-moralischer Gesichtspunkte kann ich nicht teilen. Schliessen wir also die Diskussion hier ab. Wer sich verrennt, wird die Zukunft zeigen. Urs Neu]

    Zum Abschluß möchte ich aber noch auf einen Punkt eingehen, Zitat:

    „Wie Sie im Strassenverkehr tödliche Unfälle technisch ausschliessen wollen, ist mir ebenso ein Rätsel wie Sie technisch die Folgen von Wetterextremen beherrschen wollen.“

    Fangen wir mit dem Straßenverkehr an. Es handelt sich hier um ein synergetisches Zusammenwirken einer Vielzahl technischer Systeme. Statt hochtheoretisch und abstrakt zu werden, verwende ich mal als konkretes Beispiel einen beliebigen Kollisionsunfall.

    Nehmen Sie ein Auto, daß seine Umwelt inklusive der korrekten Interpretation dynamischer Vorgänge besser wahrnimmt, als der Fahrer selbst, und das mit seiner Umwelt (bspw. mit anderen Fahrzeugen) kommunizieren kann. Es gibt nun einen Zeitpunkt, zu dem das Auto weiß, daß ein Unfall unvermeidbar ist. Es kennt seinen Fahrer, seinen Zustand, seine Reaktionsfähigkeit, es kennt seinen Fahrtvektor und den des Hindernisses, es kennt den Straßenzustand und seine technischen Möglichkeiten. Wenige Zehntelsekunden vor einem Aufprall weiß es also, daß es einen solchen definitiv geben wird. An der Physik kommt auch unser kluges Auto nicht vorbei. Und diese wenigen Zehntelsekunden reichen aus, um eine Vielzahl äußerst cleverer Maßnahmen in Gang zu setzen. Gurtstraffung, Airbag auf die Auslösung vorbereiten, Ausweichmanöver und Vollbremsung einleiten sind dabei nur die wenigen, die demnächst in Fahrzeugen serienmäßig verfügbar sein werden. In naher Zukunft wird das Auto das vorausfahrende Fahrzeug warnen und vielleicht auch bitten können, einmal kurz die Geschwindigkeit zu erhöhen. Dann wird ein automatischer Notruf an eine Leitzentrale abgesetzt, der nicht nur die genaue Position unseres klugen Autos, sondern auch wichtige medizinische Informationen zum Fahrer enthält (Blutgruppe, Allergien, … - das ist nun eine wirklich aufregende Sache, der Notruf wird abgeschickt, noch bevor der Unfall tatsächlich passiert ist). Und irgendwann werden wir auch über adaptive Karosserien verfügen, die punktuell verstärkt oder abgeschwächt werden können, um die Kollisionsenergie aufnehmen und ablenken zu können. In Verbindung mit entsprechend gut ausgestatteten Rettungsdiensten (die bspw. über neuartige Fluggeräte a la Gyrocopter verfügen) ist es auf diese Weise mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr möglich, bei einem solchen Unfall zu Tode zu kommen.

    Einiges davon ist bereits Realität, anderes kommt bald in die Serie und an allen oben genannten Punkt wird gearbeitet. Kommen Sie zur CeBIT? Da kann man sich intelligente Fahrzeuge dieser Art ansehen.

    Wie gesagt, der Unfall als solcher wird bei diesem System als unvermeidbar akzeptiert. Er findet statt.
    Und dieselbe Vorgehensweise ist auch in Fragen der Wetterextreme erforderlich. Für Dürren, Überschwemmungen u.ä. kann ich mir eine Menge vorstellen. Das Spektrum reicht vom „adaptiven Deich“ (in dem gezielt Tore geöffnet werden, um bestimmte Areale zu überfluten, andere dagegen nicht) über gentechnisch optimierte Nutzpflanzen (die Dürren o.ä. problemlos überstehen), Maßnahmen effizienter und effektiver Vorratshaltung (um Hungersnöte zu vermeiden), effektive und effiziente Wasseraufbereitung und – gewinnung, bis hin zu entsprechend ausgestatteten Leitzentralen und Rettungsteams.

    Sie räumen doch oben auch ein, daß wir dies in Europa schon sehr gut umgesetzt haben. Warum also sollte das der Rest der Welt – mit unserer Hilfe möglicherweise – nicht auch können?

    Die Liste der Anpassungsideen, die durch moderne Technik, etwa telematische Systeme und neue Materialien in Verbindung mit Bio- und Gentechnik, erst möglich und denkbar werden, umfaßt locker mehrere Seiten.
    Unter der Überschrift „einhundert Dinge, die man hätte haben müssen, damit New Orleans den Hurrikan Kathrina ohne mit der Wimper zu zucken übersteht“ könnte man hier eine Menge zusammentragen. „Irgendetwas mit CO2-Vermeidung“ aber steht nicht auf dieser Liste…

    Womit also rettet man Menschenleben? Beispielsweise mit Einsatzteams, die über genaue Ortungs- und Navigationssysteme in Verbindung mit exakten digitalen Karten verfügen? Oder mit „CO2-Vermeidung“?

    [Antwort: Fragt sich nur noch, wer das bezahlt, vor allem in den armen Ländern (das Prinzip Hoffnung reicht dafür nicht aus). Und ebenso fragt sich, was mehr kostet, die CO2-Vermeidung oder die ganzen technischen Massnahmen. Je nach Klimaentwicklung könnten die Kosten für die Anpassung deutlich höher werden. Da fragt sich dann eben, was optimal bedeutet. Aber lassen wir die Diskussion hier stehen. Urs Neu]

    Nun gut, Ihnen Danke für diese angeregte Diskussion und viel Erfolg bei Ihren weiteren Forschungen. Daß Sie der Experte für die Kryosphäre sind, erkenne ich unumwunden an, aber lassen Sie mir meine intelligenten Autos, für die ich nun wiederum Fachmann bin. Und die Übertragung der Systemkonzepte vom intelligenten Auto auf den „intelligenten Deich“ oder die „adaptive Landwirtschaft“, nun, die sehe ich auch eher bei mir, als bei Ihnen.

    Alles Gute, beste Grüße und bis zum nächsten Mal.

  8. Wolfgang Flamme kein Betreff
    02.03.2009 | 22:08

    Herr Neu,

    Sie antworteten mir: "Wir sprechen von zwei völlig unterschiedlichen Dingen: Sie sprechen über den Umgang mit nicht beeinflussbaren Risiken (...)"

    Ich sehe keinen Anhaltspunkt dafür, daß ich mich in meinen Stellungnahmen auf unbeeinflußbare Risiken festgelegt hätte.

    Tatsächlich ist das von mir erwähnte Beispiel des Hochwasserschutzes oder das von Ihnen genannte Beispiel von Wirbelstürmen ja aus Ihrer Sicht grundsätzlich beeinflußbar, weil die Häufigkeit dieser Ereignisse nach Ihrer Auffassung vom Klimawandel mitbestimmt wird, dessen Ausmaß wir steuern können.

    Da wir jeden Euro nur ein einziges mal ausgeben können ist jetzt die Frage, wo wir die Mittel denn am ökonomischsten zur Risikosteuerung einsetzen - auch ein wesentlicher Bestandteil des RM. Sollen wir vielleicht gar nichts tun (Akzeptanz) und das gesparte Geld besser zur Steuerung anderer Risiken einsetzen?

    Oder sollen wir vielleicht mehr PV aufs Dach schrauben, damit Kohlestrom substituieren, damit das Ausmaß des CO2-Ausstoßes senken, damit den Klimawandel eindämmen, damit die Jährlichkeit von Hochwasserereignissen zu unseren Gunsten beeinflussen (Minderung)?

    Oder sich vielleicht doch durch konventionelle Strategien wie Ausbau von Rückhalteräumen, Anpassungen von Siedlungspolitik und Baurecht, Infrastrukturmaßnahmen und Kastastrophenschutz wappnen (Anpassung)?

    Versicherungszwang und Lastenausgleich wären ebenfalls eine Möglichkeit, um Härten vorzubeugen (Risikostreuung/-wälzung).

    Oder eben eine möglichst optimale Verteilung der Mittel auf diese (und andere) Maßnahmen, die das Gesamtrisiko oder unzumutbare Härten im Einzelfall - je nach Präferenz - minimiert und die begrenzten Mittel optimal einsetzt?

    Herr Neu, das ist jetzt bloß locker runtergeschrieben, erhebt keinen wissenschaftlichen oder fachspezifischen Anspruch. Es soll lediglich verdeutlichen, daß RM deutlich mehr Optionen beinhaltet und Möglichkeiten eröffnet als nur extremste Schäden zu verhindern/begrenzen. Und nach wie vor fehlt der Nachweis, daß die Verminderung des Treibhausgas-Ausstoßes die optimale Methode ist, auf die Problematik zu reagieren.

    U.a. der Stern-Report hat sich an diesem Nachweis versucht und ist heftig kritisiert worden ... nicht nur von Konservativen, sondern u.a. auch von Umweltschützern.

    Der Klimawandel ist komplex genug, das Thema Klimawandelfolgen ist noch komplexer und das Thema optimierte Klimawandelfolgen-Minimierung sprengt nochmals diese Grenzen. Da kann man doch nicht kurzerhand mit einer 'Lösung' daherkommen und sich eine Vorstellung von 'Risikomanagement' zurechtzimmern, die zu dem Ergebnis paßt.

    Wenn jemand behauptet, er habe die beste Lösung für meine drängendsten Zukunftsprobleme gefunden, habe ich dann nicht das Recht - ja, die Pflicht - zu fragen, wie genau er zu dieser Lösung gekommen ist? Und wenn ich auf Unstimmigkeiten stoße, darf - muß - ich dann nicht mißtrauisch werden?

    [Antwort: Sie haben völlig recht, dass das Thema komplex ist und es keine Patentlösung gibt. Das Problem ist, dass wir die Grösse des Schadens, der ohne Minderungsmassnahmen eintritt, nicht kennen. Je nach Grösse des Schadens kann die eine oder die andere Strategie besser sein. Wir wissen allerdings, dass sehr grosse Schäden möglich sind, welche den Aufwand zur Verminderung vermutlich deutlich übersteigen. Ich habe keine Patentlösung, es geht um die Wahl der grundsätzlichen Strategie. Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Strategien, einerseits das Prinzip Hoffnung, nämlich dass der Schaden im untersten Bereich der möglichen Entwicklung liegt (mit dem Risiko der Möglichkeit eines sehr hohen Schadens) oder anderseits das Prinzip Vorsorge, das einen besser berechen- und planbaren Mitteleinsatz zur Verminderung (mit einem gewissen Verzicht auf kurzfristigen Gewinn) vorzieht und damit das Risiko eines hohen Schaden senkt. Ich ziehe die zweite Variante vor, auch unter Berücksichtigung bereits erwähnter moralisch-ethischer Aspekte und langfristiger Überlegungen. Die Finanzindustrie hat es mit der ersten Variante versucht. Das Problem beim Klima ist, dass im Falle des Eintreffens von Schäden im oberen Bereich der Erwartungen auf Ursachenseite keine Korrekturmöglichkeiten mehr bestehen und die Anpassungs- und Schadenskosten sehr, sehr teuer werden können. Welche Variante gewählt wird, entscheiden Gesellschaft und Politik. Dieser Entscheid hat auch nichts mit Wissenschaft zu tun. Urs Neu]

  9. Wolfgang Flamme kein Betreff
    04.03.2009 | 00:40

    Herr Neu,

    wenn Sie schreiben "dass wir die Grösse des Schadens, der ohne Minderungsmassnahmen eintritt, nicht kennen", dann ist das doch eigentlich nur die halbe Wahrheit. Denn die Größe des Schadens, der *mit* Minderungsmaßnahmen eintritt, die kennen wir doch auch nicht wirklich.

    Und die zugehörigen Eintrittswahrscheinlichkeiten auch nicht. Wir können also eigentlich gar keine klare Aussage über das Risiko machen, außer daß es eines gibt und daß es potentiell groß sein könnte.

    Wir sind ja noch nichtmal imstande vorherzusehen und zu berücksichtigen, daß die US-Nachfrage nach Bioethanol den Mexikanern das Essen klaut und daß unsere Investitionen in umweltverträgliche Biotreibstoffe dazu führen, daß im indonesischen Raum unwiederbringlich Tropenwälder gerodet werden - dabei ist das eigentlich nicht anspruchsvoller, als beim Schach einen Halbzug vorauszudenken.
    In einer Zeit drängender Probleme und entsprechend knapper Mittel betreiben wir eine Energiepolitik, welche den Einsatz der Technologien mit den höchsten CO2-Vermeidungskosten am großzügigsten unterstützt.

    Da muß man die Illusionen doch einfach mal abstreifen. Ich sehe da Ihre Lösung und den Impetus des Moralischen und auch die Gewißheit, daß es für jedes komplexe Problem eine Lösung gibt, die einfach, klar und ... falsch ist.

    Meine Einstellung ist deshalb: Gerade wenn man gefordert ist, das Beste zu tun, sollte man sich nicht für's Erstbeste entscheiden. Verbraucherschützer warnen nicht umsonst vor Vertragsabschlüssen, bei denen man sich (angeblich) unbedingt sofort entscheiden müsse, weil sonst erheblicher Verlust drohe.

    [Antwort: Ich habe nie von erstbesten Lösungen gesprochen. Dass Bioethanol problematisch ist, habe ich schon vor drei Jahren, als die Schweizer Regierung Biotreibstoffe zuoberst auf den Massnahmenkatalog setzen wollte, in einer Stellungnahme erwähnt. Zur Zeit sind wir an einem ausführlichen Assessment von Biotreibstoffen der zweiten Generation, damit dort nicht die gleichen Fehler passieren (eine unbedingte Förderung) wie bei denjenigen der ersten Generation. Ich bin selbstverständlich dafür, die geeignetsten Massnahmen zu ergreifen. Von der Art der Massnahmen handelt der Beitrag jedoch gar nicht. Urs Neu]

  10. jochen Konkrete Maßnahmen
    04.03.2009 | 12:20

    "Ich bin selbstverständlich dafür, die geeignetsten Massnahmen zu ergreifen. "

    Hallo Herr Neu, da sind wir glaube ich alle einer Meinung. Mich würde allerdings sehr interessieren, welche konkreten Maßnahmen Sie im Einzelnen vorschlagen. Ständig hört man Aussagen wie "Wir müssen umdenken" oder "der CO2-Ausstoß muß reduziert werden". Dummerweise wird aber fast niemals vorgeschlagen, wie das denn nun genau vonstatten gehen soll.

    [Antwort: Es gibt sehr viele Möglichkeiten der Reduktion. In vielen Bereichen kann der Energieverbrauch und damit der CO2-Ausstoss bei gleicher Leistung stark reduziert werden. Häuser lassen sich mit äusserst geringem Energieeinsatz heizen, und auch die Mobilität ist viel effizienter zu haben. Aufgrund des grossen Luftvolumens der Atmosphäre war die Emission von Abgasen so lange kein Problem und deshalb ohne Preis, als die Konzentrationen keine Schäden verursacht haben. Dies hat sich zuerst beim Schwfeldioxid geändert (Wintersmog). Daraufhin wurden die SO2-Emissionen in Europa und den USA in den 1970er und 1980er Jahren stark reduziert (um 60-90 Prozent), ohne dass die Wirtschaft oder unser Wohlstand im geringsten darunter gelitten hat. Einerseits durch Emissionsvorschriften (v.a. Europa) oder durch Emissionslenkungsabgaben (u.a. USA). Beide Instrumente sind einfach und haben sich bereits als sehr effizient erwiesen. Beim CO2 stehen wir nun auch an der Schwelle, wo die Emissionen so gross geworden sind, dass sie in irgendeiner Form einen Preis erhalten müssen. Das heisst, dass die "Entsorgung" von CO2 wie diejenige von allem anderen Abfall (Hauskehricht, Abwasser, usw.) nicht mehr gratis ist. Vor allem in dieser Hinsicht ist ein Umdenken notwendig. Es geht nicht um den Abbau von Wohlstand oder die Zerstörung der Zivilisation. Es geht um eine intelligente und effiziente Nutzung unserer Ressourcen (inklusive Atmosphäre als Auffangbecken von Abgasen!). Aufgrund der billigen Energie und Moblilität haben sich in der Wirtschaft z.T. sehr ineffiziente Produktionweisen (v.a. enorme Transportwege) etabliert. Hier sind Korrekturen notwendig, die sich auch durch höhere Energiepreise ergeben werden. Es gibt natürlich sehr viele verschiedene Massnahmen, die nötig sind, die uns insgesamt aber auch verschiedene weitere Vorteile bringen werden (u.a. geringere Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten, geringere Luftverschmutzung wie z.B. Feinstaub). Urs Neu]

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