Wie schnell schmilzt Grönlands Eis?
Eine der grossen Unsicherheitsfaktoren bezüglich des zukünftigen Meeresspiegelanstiegs betreffen dynamische Prozesse, die zum Abschmelzen des grönländischen Eisschildes beitragen. In den letzten Monaten und Jahren wurden verschiedene Studien veröffentlicht, die sich mit diesen Prozessen beschäftigen. Zur Zeit ist der Beitrag von Grönland zum Meeresspiegelanstieg noch relativ gering, ist aber in den letzten Jahren bereits auf 10-20% angestiegen. In Zukunft könnte er noch deutlich ansteigen. Aktuelle Beobachtungen zeigen jedoch so hohe Schwankungen in der Eisdynamik, dass sich daraus keine klaren Trends ablesen lassen [1,2] und im letzten IPCC-Bericht auf eine Quantifizierung dieser Prozesse verzichtet worden ist.
Der grönländische Eisschild ist die nach der Antarktis zweitgrösste Eismasse auf der Erde. Er enthält eine Masse, die als Wasser für eine Erhöhung des weltweiten Meeresspiegels um rund 7 Meter ausreichen würde. Doch diese riesige Eismasse ist eigentlich nur ein Relikt aus der letzten Eiszeit, die vor über 10'000 Jahren endete. Seine Existenz unter heutigen Klimabedingungen verdankt er seiner grossen Masse und der auf bis zu 3000 Metern hoch gelegenen zentralen Fläche, wo durch die dort herrschenden kalten Temperaturen der Niederschlag als Schnee fällt. Aus Beobachtungen aus der Vergangenheit und anhand von Modellrechnungen lässt sich ableiten, dass unter den heutigen Klimabedingungen in Grönland kein vergleichbar grosser Eisschild entstehen würde, wenn es ihn nicht schon gäbe. Daraus lässt sich bereits der Schluss ziehen, dass ein mögliches Abschmelzen des Eisschildes wohl für zehntausende von Jahren irreversibel wäre.Die Abschmelzprozesse zeigen verschiedene positive Rückkopplungen: Wenn die Dicke des Eisschildes abnimmt, liegt dadurch die Eisoberfläche in geringerer Höhe und ist damit höheren Temperaturen ausgesetzt. Diese höheren Temperaturen beschleunigen das Abschmelzen, die Dicke nimmt weiter ab und die Temperaturen weiter zu, usw. Im Weiteren ist Eis nicht eine feste Masse, sondern fliesst wie ein zähflüssiger Pudding, der sich auf alle Seiten ausbreitet, soweit er nicht durch Hindernisse gestoppt wird. Die Eismasse schmilzt vor allem am Rand, dort wo das Eis in tiefen Lagen liegt und die Temperaturen relativ hoch sind. Schmilzt am Rand Eis weg, so fliesst Eis aus den höher gelegenen Gebieten nach. Auf diese Weise kann sich die Eisoberfläche in grossen Gebieten absenken.
Hohe Dynamik am Rand des Eisschildes im Nordatlantik
Ein beträchtlicher Teil des im Inneren des Eisschildes gebildeten Eises wird durch riesige Ausflussgletscher direkt ins Meer transportiert, wo es langsam schmilzt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Fliessgeschwindigkeit vieler Ausflussgletscher stark erhöht, bei einigen Gletschern bis auf das Doppelte, womit natürlich auch der Abfluss von Eis aus dem Eisschild entsprechend zunahm. Ursprünglich wurde als Ursache vermutet, dass vermehrter Zufluss von Oberflächen-Schmelzwasser durch Spalten und Höhlen zum Gletscheruntergrund wie ein Schmiermittel wirkt, so dass die Reibung ab-, und die Fliessgeschwindigkeit zunimmt. Neuste Auswertungen zeigen jedoch, dass zwar lokale Beschleunigungen des Eisflusses beobachtet werden, die großen Eisströme jedoch nicht sehr stark auf die erhöhte Schmelzwasserzufuhr zu reagieren scheinen.
Inzwischen nimmt man aufgrund von Beobachtungen und Modellrechnungen an, dass die Beschleunigung der Ausflussgletscher primär auf erhöhte Ozeantemperaturen zurückzuführen ist [3]. Durch das wärmere Wasser schmelzen die schwimmenden Gletscherzungen, werden dünner und zerbrechen schließlich ganz. Dadurch werden die Druckverhältnisse im Gletscher so verändert, dass das Eis schneller ins Meer fließt und auch schneller abbricht. Durch die Beschleunigung wird mehr Eis vom Inneren des Eisschildes wegtransportiert, und die Eisoberfläche senkt sich bis weit in den Eischild hinein ab.
Auch kleine Gletscher am Rand des Eisschildes, die nicht im Meer enden, verlieren zur Zeit stark an Masse. Dies trägt wesentlich zum Massenverlust des Eisschildes bei [4], doch wurde dies bisher nur regional begrenzt erfasst.
Die Frage, ob diese Dynamik des Eisflusses zu einer starken Beschleunigung des Abschmelzens des grönländischen Eisschildes und damit zu einem starken Meeresspiegelanstieg führen kann, ist zur Zeit sehr schwierig zu beantworten. Es fehlen ganz einfach (noch) die Daten, um die in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgelaufenen Prozesse genügend erfassen und interpretieren zu können. Bezüglich Katastrophenszenarien wurde kürzlich eine, wenn auch nicht sehr beruhigende, Obergrenze abgeschätzt: Die Menge des möglichen Eisabflusses durch die Ausfluss-Gletscher ist begrenzt, da deren Zahl und Querschnitt beschränkt sind. Entsprechende Berechnungen zeigen, dass Ausflussgeschwindigkeiten, die zu einer Meeresspiegelerhöhung von über zwei Metern bis zum Ende dieses Jahrhunderts führen würden, physikalisch unwahrscheinlich sind [5].
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sehr rasche Veränderungen möglich sind. Vergleiche mit früheren Epochen mit starken Abschmelzvorgängen und Meeresspiegelanstiegen vor 125'000 oder 15'000 Jahren sind allerdings nur beschränkt hilfreich, weil damals die Vergletscherung der Arktis anders aussah als heute und weitere große Eismassen vorhanden waren (z.B. der Laurentidische Eisschild, der das ganze heutige Kanada und Teile der USA bedeckte). Kürzlich veröffentlichte Untersuchungen zeigen immerhin, dass das Abschmelzen des Laurentide-Eisschilds anscheinend zu Meeresspiegelanstiegen von rund einem Meter pro Jahrhundert geführt hat. Obwohl Vergleiche schwierig sind, liegen die damaligen Verhältnisse in ähnlichen Größenordnungen wie heute in Grönland [6].
Die aktuelle Entwicklung der Massenbilanz ist aus lokalen Messungen kaum abzuschätzen. Deshalb wurden ausgeklügelte Messmethoden über Satelliten entwickelt, die flächendeckend angewendet werden können (z.B. feinste Änderungen in der Erdanziehung, Laser-Höhenmessungen, GPS). Die unterschiedlichen Methoden geben ähnliche Resultate: In den letzten Jahren verlor der grönländischen Eisschild rund 150 bzw. 200 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Neuste Berechnungen ergeben für 2007 bereits einen Verlust von rund 270 Milliarden Tonnen [7]. In den letzten 10 Jahren wurde beinahe eine Verdreifachung des Massenverlustes pro Jahr beobachtet. Aber es besteht zur Zeit keine Möglichkeit, auch nur die Grössenordnung der zukünftigen Entwicklung abzuschätzen.
Ein weiterer
Unsicherheitsfaktor in der Entwicklung bildet der zur Zeit unerwartet rasche
Rückgang der sommerlichen Eisbedeckung in der Arktis. Es gibt kaum
Anhaltspunkte dafür, was ein sommerliches Schmelzen des Meereises an der
Nordküste Grönlands für den Eisschild genau bedeuten würde. Die entstehende
freie Wasseroberfläche führt zu einer verstärkten Erwärmung und verstärkten
Schmelzprozessen, mindestens im Sommer. Das erhöhte Feuchtigkeitsangebot führt
im Zentrum des Eisschildes wohl zu erhöhtem Schneefall und Eisbildung, doch
wird damit das zusätzliche Abschmelzen am Rand kaum kompensiert. Die Stärke
dieser Einflüsse ist nicht bekannt. Eine weitere massgebliche Beschleunigung
des Massenverlustes ist jedoch durchaus möglich.
In Bezug auf den
Meeresspiegelanstieg haben wir es ja nicht nur mit Grönland zu tun. In der
Westantarktis, stehen wir vor ähnlichen Ungewissheiten. Auch dort wurde in den
letzten Jahren eine Beschleunigung von Eisabflüssen beobachtet, und es gibt
riesige Eismassen, die unter dem Meeresspiegel aufliegen und beim Abschmelzen
vom Boden weggehoben würden. Weil die Temperaturen am Südpol viel kälter sind
als am Nordpol, spielt in der Antarktis weniger die Erwärmung der Luft als
vielmehr die Erwärmung des Meerwassers eine entscheidende Rolle.
Trotz vielen offenen Fragen lässt sich der mögliche Rahmen aufgrund der
physikalischen und geographischen Bedingungen etwas einschränken. Eine
katastrophal schnelle Entwicklung, die zu einem Meeresspiegelanstieg von über
zwei Metern noch in diesem Jahrhundert führen würde, ist unwahrscheinlich. Doch
bereits ein Meeresspiegelanstieg von rund einem Meter, was beim heutigen
Kenntnisstand nicht unrealistisch scheint, ist bei der heutigen
Bevölkerungsdichte an den Küsten sehr problematisch.
Literatur:
[1] F.M. Nick et al., Nature Geoscience, doi:10.1038/ngeo394 (online 11 Feb 2009) http://www.nature.com/ngeo/journal/vaop/ncurrent/abs/ngeo394.html
[2] R. Kerr, Science, Vol. 323: S. 458 (2009) http://www.sciencemag.org/cgi/content/summary/323/5913/458ac
[3] D.M. Holland et al., Nature Geoscience, Vol. 1, 659ff (2008) http://www.nature.com/ngeo/journal/v1/n10/abs/ngeo316.html
[4] I.M. Howat et al., Geophysical Research Letters, Vol. 35: L17505 (2008). http://www.agu.org/pubs/crossref/2008/2008GL034496.shtml
[5] W.T. Pfeffer et al., Science 321: 1340ff (2008). http://www.sciencemag.org/cgi/content/abstract/sci;321/5894/1340
[6] A.E. Carlson et al., Nature Geosciences 1: 620ff (2008). http://www.nature.com/ngeo/journal/v1/n9/abs/ngeo285.html
[7] E. Rignot et al., Geophysical Research Letters, Vol. 35, L20502 (2008). http://www.agu.org/pubs/crossref/2008/2008GL035417.shtml
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270.000.000.000 Tonnen netto Eisverlust pro Jahr hört sich zunächst einmal für uns Laien nach enorm viel an. 7 Meter Meeresspiegelanstieg bedeutet eine unvorstellbare Katastrophe für die Menschheit, keine Frage. Deshalb erzeugen derartige Berichte, geschrieben von seriösen Wissenschaftlern, beim Normalbürger ein gewisses Schaudern und damit eine entsprechende Medienpräsenz.
Allerdings braucht man nur einen Taschenrechner mit genügend Nullen, um auch als Laie zu der Erkenntnis zu gelangen, dass 270 Mrd. Tonnen ungefähr 0,0001% der gesamten Eismasse Grönlands ausmachen. Auch die Meßgenauigkeit sorgt für Erstaunen. Allerdings sorgt dann ein weiterer Rechengang für totale Konfusion, denn wenn die Messungen stimmen dauert es bis zum totalen abschmelzen stolze 15.000 Jahre, vorausgesetzt es bleibt bei den 270 Mrd. Tonnen Verlust pro Jahr. Da darf dann aber keine neue kleine Eiszeit dazwischen kommen.
Deshalb meine Fragen: Was soll mit diesem Bericht bezweckt werden? Warum werden die von mir angerissenen Relationen nicht erwähnt? Wenn der Eisverlust dennoch ein wirkliches Problem ist, was kann man dagegen tun?
[Antwort: Es ist völlig richtig, dass der gegenwärtige Massenverlust nur einen sehr kleinen Bruchteil der Gesamtmasse Grönlands ausmacht. Das Problem ist jedoch nicht dieser Betrag, sondern die beschriebenen positiven Rückkopplungen und die damit verbundene mögliche Beschleunigung. Damit wir uns richtig verstehen: Wir sprechen hier nicht von Prognosen, sondern von Risiken. Wir wissen viel zu wenig, um eine Prognose machen zu können. Aber wir können versuchen, Überlegungen über den maximal möglichen Schaden zu machen. In den letzten zehn Jahren hat sich der Massenverlust ungefähr alle fünf Jahre verdoppelt. Es ist kaum anzunehmen, dass diese Beschleunigungsrate so weitergeht, da die beobachteten Prozesse nicht beliebig beschleunigt werden können. Aber auch bei einer Verdoppelung alle zehn Jahre (also halb so schnell) kann man mit dem Taschenrechner ausrechnen, dass nach hundert Jahren zwei Drittel des Eisschildes, entsprechend einem Meeresspiegelanstieg von ungefähr fünf Metern, weggeschmolzen sind (exponentielle Entwicklungen gehen viel schneller als man meint). Auch eine solche Entwicklung wird als sehr unwahrscheinlich eingestuft. Die postulierte Obergrenze von zwei Metern Meeresspiegelanstieg bis 2100 rechnet mit einem Beitrag von 50cm von Grönland. Das ist noch einmal ein Faktor Zehn weniger. Aber es gibt immer noch viele Unbekannte. Noch vor fünf Jahren hätte man die mittlerweile beobachteten Fliessgeschwindigkeiten von Gletschern nicht für möglich gehalten. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass bei grossen Eisschildern in der Grössenordnung von Grönland Massenverluste, die einem Meeresspiegelanstieg von rund einem Meter pro Jahrhundert entsprechen, möglich sind. Wir haben zwei solche gefährdete Eisschilder, Grönland und der Westantarktische Eisschild. Dabei ist das Risiko in der Westantarktis, dessen Eisschild sechs Meter Meeresspiegel entspricht, wohl grösser als in Grönland, da ein beträchtlicher Teil des Randes weit unter dem Meeresspiegel liegt und von wärmerem Meerwasser angegriffen wird. Wir haben also ein Risiko, das kaum bezifferbar ist. Vielleicht haben wir Glück, und es geht alles schön langsam. Wir können es einfach gleich machen wie mit der Finanzwirtschaft und ein bekanntes, aber kaum bezifferbares Risiko ignorieren. Allerdings ist es für unsere Staaten trotz aller Unannehmlichkeiten wohl einfacher Banken zu retten als den Meeresspiegel zu senken. Auf der andern Seite betrifft das Risiko in der Finanzwirtschaft vor allem unsere Generation, während das Risiko beim Meeresspiegel vor allem unsere Nachkommen vor Probleme stellen könnte. Das ist dann eine moralisch-ethische Frage. Was wir tun können? Die Erwärmung möglichst klein halten. Nach dem bekannten ökonomischen Credo, den maximal möglichen Schaden zu minimieren. Urs Neu]
Ist schon interessant. Wieso sind die Eisschilde in Nordamerika und Nordsibirien abgeflossen und in Grönland nicht? Ist das die Ausprägung der Luftströmungen?
[Antwort: Ob ein Eisschild abschmilzt oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere jedoch von der Bilanz von Abschmelzen und Zuwachs. Beides ist abhängig von Temperatur, Niederschlag und der atmosphärischen Zirkulation. Dabei kann eine relativ geringe Verschiebung eines oder mehrerer dieser Faktoren dazu führen, dass die Bilanz negativ wird, d.h. dass der Verlust überwiegt. Dann kommt es häufig zu den beschriebenen positiven Rückkopplungen. Die Verhältnisse bezüglich dieser Faktoren war in Sibirien und Nordkanada offensichtlich anders. In Grönland hingegen ist der nötige Schwellenwert der Bilanz für ein Abschmelzen zu Beginn der jetzigen Warmzeit nicht überschritten worden. Dies könnte mit zunehmender Erwärmung jedoch bald der Fall sein. Urs Neu]
Danke für die ausführliche Erläuterung. Wenn man sich allerdings einmal die tatsächlich gemessenen Temperaturen in Grönland anschaut:
http://data.giss.nasa.gov/...1&num_neighbors=1
ist zumindestens an dieser Meßstation schon seit ca. 80 Jahren überhaupt kein Erwärmungstrend erkennbar. Jedenfalls nicht für einen Laien.
Vor einigen Jahren, als erstmals der russische Eisbrecher im Sommer mit Touristen zum Nordpol gefahren ist, gab es ein ziemlich merkwürdiges Satellitenbild von der Arktis: Die eisfreie Fläche sah wie ein Keil aus, der sich im Bereich zwischen Island und Spitzbergen nordwärts bis fast zum Pol zog.
Da war mein erster Gedanke, dass sich möglicherweise ein Seitenarm des Golfstroms in der Richtung geändert hat. Gibt es inzwischen eine wissenschaftlich gesicherte Erklärung für dieses Phänomen?
Beste Grüße aus dem Tropenbüro, Jochen
[Antwort: Mir ist keine detaillierte Untersuchung eines solchen Phänomens bekannt. Die Form des arktischen Meereises hängt vor allem im Sommer auch stark von den Windverhältnissen ab, indem Eisschollen zusammen- oder auseinandergetrieben werden. Urs Neu]
"Nach dem bekannten ökonomischen Credo, den maximal möglichen Schaden zu minimieren."
Herr Neu, das ist kein Credo mehr, das ist eine Phobie.
Leute, die den maximal möglichen Schaden einer potentiell tödlichen Infektion abzuwenden versuchen, indem sie alle Telefonhörer, Türklinken etc nur noch mit sterilisierten Handschuhen oder bewehrt mit Taschentüchern anfassen und ständig mit Mundschutz herumlaufen, gelten allgemeinhin als psychisch krank, nicht als ökonomisch optimiert.
Zugegeben, das ist nur ein plakatives Beispiel. Aber starten Sie doch bitte einmal einen ehrlichen Selbstversuch: Versuchen Sie (und Ihre Familie - sie haben doch Familie?) einmal für 14 Tage, diesem 'bekannten ökonomischen Credo' zu folgen und vermeiden Sie wirklich konsequent alle 'maximal möglichen Schäden'. Und berichten Sie uns dann hier aufrecht und ehrlich, ob und wie Sie Ihre alle Lebensqualität während dieser zwei Wochen verbessern konnten.
[Antwort: Man kann jede Regel ad absurdum führen, wenn man sie entsprechend interpretiert. Es geht hier weder um komplette Vermeidung jedes erdenklichen Risikos, noch um Vermeidung von Risikos, die unbeeinflussbar sind (wie Meteoriteneinschläge, Erdbeben, Krankheiten, etc.). Es geht um Risikomanagement, d.h. darum, bei beeinflussbaren Risiken den maximalen Schaden möglichst klein bzw. in einem tragbaren Rahmen zu halten. Es steht natürlich jeder Person frei, persönlich beliebige Risiken einzugehen. Wenn das Risiko jedoch andere Personen, ganze Firmen, die Volkswirtschaft etc. gefährdet, dann sollte das Risiko des maximalen Schadens in Grenzen gehalten werden. Genau das wurde z.B. im Investmentbanking nicht gemacht. Und wird auch von Rasern nicht gemacht. Das war gemeint. Urs Neu]
Hallo Herr Neu,
"Nach dem bekannten ökonomischen Credo, den maximal möglichen Schaden zu minimieren."
Dies ist mir nun als "ökonomisches Credo" ebenfalls völlig unbekannt. Welcher Ökonom auch immer das vertritt, ein Marktwirtschaftler ist es ganz sicher nicht.
Vielmehr haben Sie in nur einem kurzen Satz die ganze Diskussion über "Klimaschutz" auf den zentralen Punkt gebracht. Wenn wir über die Sinnhaftigkeit von Klimaschutzmaßnahmen diskutieren, dann sprechen wir eigentlich nicht über die Genauigkeit von Messungen und den Wahrheitsgehalt von Hypothesen, das sind nur Nebengefechte. Wir streiten im Kern über dieses Credo.
(Es ist schon interessant, daß dieser zentrale Satz nicht in Ihrem Artikel, sondern in einer Antwort, eher am Rande also, vorkommt. Kann es sein, daß die Klimadebatte eigentlich falsch geführt wird?).
Nach meiner Auffassung ist Ihr Credo äußerst riskant. Ihm zu folgen erzeugt also nicht weniger, sondern mehr Risiken und mehr Probleme. Wir können froh sein, daß die Menschheit in ihrer Geschichte niemals diesem Credo gefolgt ist, und, im Lichte der Evolution, sich auch keine andere Art auf diesem Planeten so verhält.
Ich möchte dem entgegenhalten, was aus meiner Sicht das Credo ökonomisch vernünftigen Handelns ist. Nämlich, sich so zu verhalten, daß unter allen denkbaren Umständen die Gewinnmöglichkeiten maximiert werden.
M.a.W.: Es geht darum, eine Strategie zu finden, die robust ist gegenüber konträr wirkenden Faktoren.
Im konkreten Beispiel heißt dies, daß es keinen Sinn macht, Maßnahmen zu ergreifen, die eine mögliche Erhöhung des Meeresspiegels verhindern oder zumindest abschwächen bzw. verlangsamen. Es geht darum, die Folgen möglicher Überschwemmungen beherrschbar zu machen.
Denn die nächste Sturmflut kommt in jedem Fall, ob Grönland nun schmilzt, oder nicht. Und es wird immer eine Flut geben, die mehr Gewalt entwickelt, als alle vorhergehenden.
Ergo: Nicht CO2 "vermeiden", sondern Deiche bauen, Hochwasserschutz verbessern und die Reaktionsfähigkeit im Falle von Katastrophen effizienter und effektiver gestalten, ist eine ökonomisch vernünftige Strategie.
Für den Bewohner einer Küstenregion ist es letztlich völlig uninteressant, ob es in Zukunft eine höhere oder eine geringere Wahrscheinlichkeit für Überflutungen gibt.
Entscheidend ist, daß es eine nächste Überflutung mit hundertprozentiger Sicherheit geben wird (wann und wie auch immer) und die zu behandelnde Frage lautet: Wie stellen wir uns darauf ein?
[Antwort: Und welche technische Lösung bieten Sie denn z.B. gegen grossräumige Dürren und Trinkwassermangel an? Und was sollen arme Länder tun, die kein Geld für den Bau von Deichen etc. haben (und notabene nicht zu den Verursachern gehören)? Wir hier können uns schon anpassen und das Problem (vielleicht) technisch lösen. Aber ob das billiger ist, als das Problem zu verhindern, ist überhaupt nicht klar und möglicherweise alles andere als ökonomisch. Im Übrigen siehe Antwort zum vorherigen Kommentar. Urs Neu]
Die derzeitigen Strategien der Risikovorsorge sehen in erster linie folgende Punkte vor:
1. Konzerne kassieren ihre Kunden für Emissionszertifikate ab, die sie von der Regierung geschenkt bekommen.
2. Es werden im großen Stil Urwälder gerodet, um unter Einsatz gigantischer Mengen an Kunstdünger und Chemie Energiepflanzen zu produzieren.
3. Eine internationale Klimakonferenz jagt die andere, immer mit mehr aus 10.000 Teilnehmern in touristisch bevorzugten Orten.
4. Die Regierungen geben der Klimaforschung hächste Priorität, dadurch fehlt es der Wissenschaft in anderen wichtigen Bereichen an Geld.
Durch all diese ultrateuren Maßnahmen wird kein Gramm CO2 eingespart, im Gegenteil. Keine Ahnung, was das alles mit Risikovorsorge zu tun haben soll?
[Antwort: Es gibt durchaus Entwicklungen, die nicht so laufen, wie sie sollten. Das gibt es jedoch in allen Bereichen des täglichen Lebens und ist nichts spezielles. Dass Konzerne unter falschen Vorwänden Preise erhöhen, ist nun wirklich nichts Neues. Dasselbe gilt für Konferenzen in Ferienorten. Dass die Produktion von Biotreibstoffen je nach Pflanze, Produktionsart, etc. grosse Nachteile aufweist und nicht sinnvoll ist, hat man relativ rasch bemerkt und ist bekannt. All diese Punkte haben jedoch überhaupt nichts mit dem Risiko und dessen Einschätzung zu tun. Urs Neu]
" All diese Punkte haben jedoch überhaupt nichts mit dem Risiko und dessen Einschätzung zu tun. Urs Neu"
Das verstehe ich jetzt nicht. Uns wird doch täglich durch die Medien suggeriert, dass durch CO2-Vermeidung die negativen Folgen des Klimawandels abgemildert werden. Ich kann nicht beurteilen ob die CO2-These stimmt oder nicht. Aber wenn sie stimmt, warum werden dann ausschließlich Maßnahmen getroffen die teuer und zugleich in dieser Beziehung völlig wirkungslos sind?
Wir arbeiten hier an einer neuartigen Landwirtschafts-Methode. Die hat einen Nebeneffekt, nämlich eine dauerhafte und sichere CO2-Endlagerung. Eine Förderung im Rahmen des Emissionshandels ist im Kyoto-Protokoll usw. jedoch ausdrücklich ausgeschlossen.
Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Mal nur gut dass sich das auch ohne Subvention rechnet.
[Antwort: Von welchen teuren Massnahmen sprechen Sie denn? Die meisten Massnahmen, die bisher getroffen worden sind, rechnen sich. Das haben viele Firmen, die in Energieeffizienz investiert haben, sehr rasch gemerkt. Gerade im Verkehr und im Gebäudebereich gibt es sehr viele mögliche Massnahmen, die sich langfristig lohnen, je nach Ölpreisentwicklung wahrscheinlich auch mittel- oder sogar kurzfristig. Die Verlierer sind die Erdölwirtschaft und die Autobranche. Gewinner sind Unternehmen, die effiziente Technologie entwickeln. Ein wesentlicher Vorteil vom Umrüsten auf Energieeffizienz ist, dass viel Geld in die Wirtschaft und in Arbeitsplätze im Inland gesteckt wird statt in die Erdöl- und Erdgasstaaten. Die Förderung von Landwirtschaftsmethoden ist Sache der Verhandlungen des Nachfolgeprotokolls von Kyoto. Urs Neu]
Hallo Herr Neu,
in meiner ganz persönlichen Liste der wichtigsten Herausforderungen für die Menschheit liegt die Frage der Wasserversorgung in der Tat auf dem zweiten Platz (nach der Malaria). Hätte ich allerdings eine Lösung, wäre ich ganz sicher dabei, diese zu implementieren, statt hier zu diskutieren.
(Haben Sie denn eine?)
Ich weiß nur, daß wir ein Wasserproblem in vielen Teilen der Welt schon immer hatten und haben. Dürren hat es immer gegeben und auch der Zugang zu sauberem Trinkwasser war immer problematisch.
Eine Vermeidung von CO2-Emissionen, um irgendetwas beim grönländischen Eisschild zu erreichen (oder auch nicht), wird also keinesfalls dazu führen, daß es in der Zukunft keine Dürrekatastrophen mehr gibt. Und hier ist es wie mit dem Hochwasser: Es interessiert die betroffenen Bauern nicht, ob es in der Zukunft mehr oder weniger Dürren mit mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit gibt. Es interessiert genau eine Dürre: Nämlich die nächste. Und diese wird eintreten, irgendwann und irgendwie.
Sie schreiben in Ihrer Antwort auf den berechtigten Einspruch von Wolfgang Flamme (auf die Sie mich verweisen):
"Es geht um Risikomanagement, d.h. darum, bei beeinflussbaren Risiken den maximalen Schaden möglichst klein bzw. in einem tragbaren Rahmen zu halten."
Dies ist keine Begründung für Ihr Credo, sondern nur eine andere Formulierung desselben.
Ich halte Ihnen nach wie vor entgegen: Das ist Risikomanagement im Sinne von Risikomaximierung.
"Risikomanagement" bedeutet eigentlich genau nicht, Risiken zu vermeiden oder zu beeinflussen. "Risikomanagement" geht vom Eintreten des Risikos aus und versucht die Schäden zu minimieren, bzw. beherrschbar zu machen, die mit ihm verbunden sind.
Es geht also darum, den Bauern dazu in die Lage zu versetzen, die nächste Dürre unbeschadet zu überstehen. Dann wird ihm das auch mit der übernächsten und allen weiteren gelingen können.
Viele technische Ansätze, von modernen Wasserbausystemen, über Präzisionslandwirtschaft bis hin zu grüner Gentechnik müssen und werden hier zusammenwirken, um das zu erreichen.
CO2-Emissionen zu vermeiden, das erreicht hier aber überhaupt nichts.
Es ist die Aufgabe unserer Generation, diese Lösungen jetzt, für uns, zu implementieren, so weit wir es können. Denn dann erst versetzen wir die nachfolgenden Generationen dazu in die Lage, mit möglichen anderen Herausforderungen umzugehen.
Wir müssen unseren Nachkommen nicht unbedingt den grönländischen Eisschild in der Form hinterlassen, in der er sich heute präsentiert. Wir müssen ihnen vielmehr die Möglichkeiten und Chancen hinterlassen, besser als wir zu leben, unabhängig vom Ausmaß dieser Eismasse.
Alle Generationen vor uns haben so gehandelt. Zum Glück. Dies zu ändern, wäre verantwortungslos.
[Antwort: Einverstanden, was die Problematik der Dürre an sich angeht. Hingegen ist die Häufigkeit und Dauer der Dürre kaum so unerheblich, wie Sie das darstellen. Je länger die Dürre, umso grösser die Folgen, je kürzer der Abstand zur nächsten, desto geringer die Möglichkeit zur Erholung. Dass durch die Klimaänderung die Anzahl und Dauer der Dürren generell steigt, ist eines der robustesten Resultate der Klimaprognosen (und lässt sich durch Verringerung der CO2-Emissionen eindämmen). Das Argument, dass die grösse eines Risikos keine Rolle spielt, verstehe ich nicht. Damit können Sie alle risikomindernden Massnahmen vom Tisch wischen (z.B. das Gurten tragen im Auto, da Unfälle trotzdem tödlich sein können. Urs Neu]
"Wir wissen viel zu wenig, um eine Prognose machen zu können. Aber wir können versuchen, Überlegungen über den maximal möglichen Schaden zu machen."
Sehr geehrter Herr Prof. Rahmstorf, Sie brauchen diesen Beitrag nicht zu veröffentlichen, aber ich will Sie doch darüber informieren, welche Gedanken mir beim Lesen Ihre og. Sätze gekommen sind.
Ich sitze in meinem Zimmer und schaue aus dem Fenster. Ich überlege mir, was wohl passieren könnte, wenn in der 6 km von unserem Wohnort entfernten Bundeswehrkaserne ein Artilleriegeschoss durch eine Trainingspanne das Geschütz verlässt und mein Zimmer trifft. Ich weiß natürlich viel zu wenig, um über die Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Geschehens genaue Aussagen machen zu können, aber: Wäre es nicht richtig, für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein und das Fenster mit einer meterdicken Betonmauer zu schützen? Was würden Sie raten?
[Antwort: (Der Satz wie übrigens auch der Beitrag stammt von mir und nicht von Herrn Rahmstorf.) Ich würde die Betonmauer um die Kaserne bzw. das Schiessareal bauen soweit eine Gefährdung vorhanden ist, und nicht vor sämtliche Fenster der möglicherweise betroffenen Umgebung. Der Aufwand wäre bedeutend kleiner. Urs Neu]
Herr Neu, Sie haben mir folgendes geantwortet:
"Es geht um Risikomanagement, d.h. darum, bei beeinflussbaren Risiken den maximalen Schaden möglichst klein bzw. in einem tragbaren Rahmen zu halten."
Ich weiß wirklich nicht wie Sie darauf kommen, daß Risikomanagement mit der Vermeidung des extremsten Schadensereignisses oder Begrenzung seiner Auswirkungen gleichzusetzen wäre.
Risikomanagement kreist doch nicht bloß darum, wie man das Armageddon verhindert/überlebt.
[Antwort: Nein, nicht nur, aber auch. Abgesehen davon geht es nicht um Armageddon. Bei der Klimaerwärmung geht es weder um den Weltuntergang noch um den Untergang der Menschheit. Aber es geht um möglicherweise sehr grosse und wahrscheinlich auch sehr teure Unannehmlichkeiten, die nicht nur uns, die wir von der Ignorieriung des Risikos profitieren, sondern primär die Armen und die folgenden Generationen treffen. Und die haben leider keine Mitsprache beim Entscheid. Urs Neu]