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Das Ende des Schelfeises?

von Martin Visbeck, 02. April 2008, 07:49

Vor wenigen Tagen erreichten uns Satellitenbilder von der Antarktis, die das dramatische Abbrechen eines 41 mal 2.5 km großen Teiles des Wilkens-Eisschelfs am 28 Februar zeigten. Letzte Woche folgte dann das Auseinanderbrechen einer vielgrößeren Eisfläche von 405 Quadratkilometern. Müssen wir dem Ende des Schelfeises entgegensehen?

Quelle: Britisch Antarctic Survey 

Der britische Antarktisforscher David Vaughn macht die in den letzten Jahren stark angestiegene Lufttemperatur in der Region der Antarktischen Halbinsel südlich von Südamerika für das Abbrechen verantwortlich. Das Wilkens-Eisschelf liegt auf der Westseite der Halbinsel und sollte damit betroffen sein. Schon im Jahr 2002 gab es einen größeren spektakulären Kollaps eines Eisschelfs, des Larsen B, auf der Ostseite der Antarktischen Halbinsel. Dieses dramatische Ereignis reihte sich allerdings ein in den generellen Rückzug der Larsen-Eisschelfs in den letzten 20 Jahren, wie die Graphik zeigt. 

 

Quelle: Britisch Antarctic Survey 

Die beobachtete Erwärmung der Luftmassen über der Antarktischen Halbinsel ist mit über 1°C während der vergangenen 20 Jahre tatsächlich rekordverdächtig. Ein solch dramatischer Wandel legt den Schluss nahe, dass dieses eine erste Folge derglobalen Erwärmung ist. Aber können wir da sicher sein?

 

Was ist eigentlich genau der Unterschied zwischen Meereis, Schelfeis und einem Gletscher?

Eis welches durch Schneefall über Land gebildet wird und langsam den Hang hinab Richtung Meer„fließt“ wird mit dem Wort Gletscher bezeichnet. Das Gleichgewicht von Gletschern wird bestimmt von der Menge des winterlichen Schneefalls und dem Tauen im Sommer. Wenn die Luft im Sommer wärmer wird, nimmt das Abschmelzen zu. Die Gletscher verlieren an Masse und „ziehen sich zurück“. Diese Tendenz wird global bei der Mehrheit der kleineren Gletscher beobachtet. Wird dieTemperatur im Winter wärmer, erhöht sich in der Regel der atmosphärische Feuchtetransport von den Ozeanen auf das Land und es kommt zu erhöhtem Schneefall. Dann werden die Gletscher mächtiger und „vergrößern“ sich. In der Erdgeschichte haben wir beide Klimaverschiebungen mit entsprechenden Veränderungen der Gletscher beobachten können.

Wenn Gletscher in das Meer „fließen“, können zwei Dinge passieren. Ist der Hang den das Eis herabfließt relativ stark geneigt brechen an der Kante des Gletschers immer wieder große Eisbrocken ab und fallen in das Meer: Der Gletscher kalbt. Dabei fällt Landeis in das Meer und erhöht damit Stück für Stück den Meerespiegel.Das Kalben passiert oft mit lautem Getöse und spektakulären Spritzwasser-Fontainen. Dieses Schauspiel der Naturgewalten lockt vielemoderner Kreuzfahrer in die polaren Gebiete. Ist der Untergrund allerdings relativ flach fließt der Gletscher langsam in das Meer hinein ohne auffälliges Getöse. Die Stelle wo er vom festen Boden abhebt und im Meer zu schwimmen beginnt nennen die Fachleute die „grounding line“. Das schwimmende Gletschereis dahinter wird Eisschelf genannt. An einigen Stellen rund um das Antarktische Festland ist das Schelfeis mehrere Hundert Kilometer lang. Meereis hingegen entsteht durch gefrierendes Meerwasser und braucht zu seiner Entstehung kalte Luftmassen, die dem Ozean die Wärme entlocken.

 

Wie sieht das Ende eines Eisschelfs aus?

Wenn das Eis in Regionen wärmerer Luftmassen gerät und oder mehr direktes Sonnelicht erhält, kann es von oben schmelzen. Irgendwann wird das Eis dünn genug, das es von Stürmen und Wellen erfasst wird und vom festen Eisschelf abbricht. Das ist allerdings die Ausnahme. Die Mehrheit der Eisschelfe werden vom Ozean von unten abgeschmolzen. „Warmes“ Wasser (vielleicht 0-2°C warm) strömt in der Nähe des Meeresbodens in Richtung Grundlinie („grounding line“) und schmelzt das darüberliegende Eis. Dadurch reduziert sich der Salzgehalt der Meerwassers, es bekommt eine geringere Dichte und steigt entlang der Unterseite der Schelfeises auf und fließt weg von der Grundlinie zurück zum offenen Ozean.

Soweit das einfache Bild. Kompliziert wird die Situation durch die Druckabhängigkeit der Gefrierpunkts von Wasser. Ist das Eisschelf dick und die Grundlinie mehrere Hundert Meter tief kann es passieren, dass das Schmelzwasser nahe der Grundlinie weiter oben am Eisschelf wieder anfriert und damit das Eisschelf dort dicker macht. Wirkt dieser Prozess über viele Jahre, kann es dazu führen, dass ein großes Gebiet der Eisschelfs eine konstante Dicke hat. An irgendeinem Tag, wenn der Wind starkt bläst, die Sonne von oben das Eis abgeschmolzen hat und vielleicht noch ein starkes Wellenfeld sich auf das Eisschelf zubewegt, reicht der interne Halt nicht mehr aus und große Stücke der Eisschelfs lösen sich auf und „zerbröseln“. Wann genau das passiert und die genaue Physik des Vorganges sind aber (noch?) nicht gut verstanden.

 

Die hochauflösenden Satellitenbilder der letzten 10-15 Jahre ermöglichen es, diese Ereignisse global zu dokumentieren. Und wenn es an einem wolkenfreien Tag passiert, kann man sogar das spektakuläre Aufbrechen und Abtreiben der Eisberge beobachten. Eine 10 Jahre lange Zeitreihe ist aber zu kurz, um zweifelsohne eine Zunahme der Abbruchereignisse zu beweisen. 

Ob also schon in wenigen Jahrzehnten das Ende der Eisschelfe zu erwarten wäre, lässt sich folglich genauso wenig sicher vorhersagen. Zur Zeit ist die Dynamik von Gletschern und Schelfeis eines der hochaktuellen Forschungsgebiete, auf dem alle Klimaforscher auf schnelle Fortschritte und gesichertere Modelle hoffen.

Denn auch wenn das Abbrechen des Schelfeises an sich keine Meeresspiegelerhöhung bewirkt, kann man nicht ausschließen, dass der Eistransport über die Grundlinie danach schneller wird. Und dann gäbe es doch wieder ein Anstieg des Meeresspiegels, wenn mehr Landeis ins Meer „fließt“. Möglich ist auch eine Verlagerung der Grundlinie weiter Inland, dadurch wird die Angriffsfläche für das Abschmelzen von untern vergrößert. Forscher diskutieren über die relative Bedeutung von einer Erwärmung der Luftmassen über dem Eisschelf in Relation zur Erwärmung der Wassermassen, die dann vermehrt von untern schmelzen. Die wenigen gut dokumentierten Stellen rund um die Antarktis zeigen alle eine Erwärmung des Ozeans in den oberen 300 m. Also genau dort wo das Schelfeis den Ozean "spürt". 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die globale Erwärmung das Abschmelzen von Eisschelfen begünstig, sowohl an deren Oberseite durch wärme Luftmassen als auch von "unten" durch den erw.ärmten Ozean. In vielen Gebieten der Antarktis wird ein Rückzug der Eisschelfe beobachtet, manchmal dramatisch, oft nur langsam. An einigen Stellen wurde auch gleichzeitig mit dem Rückzug oder dem Abbrechen von Schelfeis eine Verlagerung der Grundlinie landeinwärts dokumentiert. Diskutiert wird zur Zeit, ob der Verlust der vorgelagerten Eisschelfe eine auf Dauer schnellere Fließgeschwindigkeit begünstigt, oder ob die sich Gletscher "nur" auf einen neuen stabilen Zustand bei ähnlicher langfristiger Abflussgeschwindigkeit mit geringere Ausdehnung hinbewegen.  

Es bleibt also spannend in der Klimaforschung und uns hoffentlich das Ende der Eisschelfe erspart.  

 

Weitere Links:

 

National Snow and Ice Data Center

Britisch Antarctic Survey 

 

PS: 8-April-2008 Mein Blog-Kollege Stefan Rahmstorf hat im Web eine schöne Abbildung zur Erwärmung der bodennahen Luftmassen über die letzten 20 Jahre erstellt von den NASA Kollegen gefunden, die ich hier gerne nachreiche.

 

EarthObservatory NASA



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Kommentare

  1. Thorsten Temperaturen in der Tiefsee
    03.04.2008 | 16:43

    @ ohne Worte

    0,06 °C Temperatursteigerung im Tiefenwasser der Arktis binnen 5 Jahren ist nicht wenig! Das bedeutet 1,2°C Temperaturanstieg binnen 100 Jahren in der Tiefsee (vorausgesetzt dieser Trend setzt sich fort).

    Natürlich ist das allein kein Beleg für den AGW, aber es ist ein weiterer Mosaikstein, der den AGW doch wohl eher bestätigt,als widerlegt.

  2. Ohne Worte Thorsten
    03.04.2008 | 20:04

    Sagen Sie das bitte Herrn Visbeck, oder besser noch Herrn Grevemeyer vom IFM-GEOMAR.

    Thorsten, Sie sind offensichtlich ein Experte auf dem Gebiet.

    Dann haben wir vermutlich 12 Grad Anstieg in 1.000 Jahren und 120 Grad Anstieg in 10.000 Jahren. Kochendes Wasser.

  3. Ohne Worte Thorsten - Nachtrag
    03.04.2008 | 20:17

    "Natürlich ist das allein kein Beleg für den AGW, aber es ist ein weiterer Mosaikstein, der den AGW doch wohl eher bestätigt,als widerlegt."

    Ja und La Nina, die Abkühlung in der Zentralantarktis und der derzeitige globale Temperatursturz sind ein Beleg für eine neue kommende Eiszeit. Setze ich den Trend der Globaltemperatur fort, dann leben wir in wenigen Jahren auf einer Eiskugel.

  4. Krishnag Temperaturen der Tiefsee
    03.04.2008 | 21:10

    #Natürlich gibt es unterirdische Vulakane, aber ich glaube nicht, dass diese für die Erwärmung des antarktischen Meeres verantwortlich sind#

    Die eigentliche Provokation ist, wenn man von "angeblichen unterirdischen Vulkanen spricht, insbesondere unter Berücksichtigung obigen Zitats.
    Das zu glauben bleibt davon ja unbenommen, genau wie die Tatsache, das es im Bereich abschmelzenden Eises unterirdische Vulkane gibt.
    Also ganz einfach sachlich bleiben, beim Thema und gut ist.

  5. Krishnag Temperaturen der Tiefsee
    03.04.2008 | 21:13


    #0,06 °C Temperatursteigerung im Tiefenwasser der Arktis binnen 5 Jahren ist nicht wenig! Das bedeutet 1,2°C Temperaturanstieg binnen 100 Jahren in der Tiefsee (vorausgesetzt dieser Trend setzt sich fort).#
    Wer sorgt den bitte im Tiefenwasser für den AGW ?

  6. Krishnag Vulkan
    03.04.2008 | 21:46

    http://klimakatastrophe.wordpress.com/...entdeckt/

    Wenn man die verschiedenen dort zitierten Stellungnahmen liest, stellt man doch fest, das zwischen der Erwärmung der Westantarktis und dem Vulkan nichts desto trotz ein Zusammenhang bestehen kann.
    So ganz von Tisch ist diese Idee nicht, da noch Untersuchungsergebnisse auszustehen scheinen.

  7. Thorsten Vulkan
    04.04.2008 | 07:20

    Ich habe weder provoziert noch getrollt. Bitte tragen Sie Ihre Spielchen woanders aus, danke!

    "Wenn man die verschiedenen dort zitierten Stellungnahmen liest, stellt man doch fest, das zwischen der Erwärmung der Westantarktis und dem Vulkan nichts desto trotz ein Zusammenhang bestehen kann."

    Merkwürdig, bei den unterirdischen Vulkanen genügt es Ihnen, wenn ein vager Zusammenhang mit der Meerwassererwärmung bestehen "kann", beim AGW hingegen verlangen Sie 100%ige Beweise.

  8. adenosine kein Betreff
    08.04.2008 | 11:12

    Änderungen an den Eisverhältnisse der Pole geben sicherlich Anlass zu Überlegungen, wie eine Welt ohne Polareis aussehen oder wie sich die Menschheit an eine solche Situation anpassen könnte. Dies ist auch die potenziell schwerwiegendste Folge einer globalen Temperaturerhöhung, aber auch etwas das sicherlich nicht durch Biosprit, Solarsubventionen oder Zertifikatehandel beherrscht werden wird.

  9. Lars Fischer Naja,
    08.04.2008 | 23:35

    ganz wird das Polareis mit Sicherheit nicht verschwinden - wenn ich mich recht erinnere, ist die ostantarktische Eiskappe seit 30 Mio. Jahren stabil, die wird wohl auch uns überleben, wenn wir nicht grad ein paar Dutzend Atombomben draufschmeißen.

    In Anbetracht der Tatsache, dass wir nicht so genau wissen, was passieren wird, ist es aber sicherlich nicht schlecht, an der globalen Anpassungsfähigkeit zu arbeiten. Selbst wenn die aktuelle Krise ausfallen sollte, so ein Notfallplan ist immer gut.

  10. Ohne Worte PS: Hier eine andere Abbildung der NASA
    09.04.2008 | 01:19

    "PS: 8-April-2008 Mein Blog-Kollege Stefan Rahmstorf hat im Web eine schöne Abbildung zur Erwärmung der bodennahen Luftmassen über die letzten 20 Jahre erstellt von den NASA Kollegen gefunden, die ich hier gerne nachreiche."

    Unfug.

    Hier: Temperaturtrend in der Antarktis (1982-2004). Quelle NASA.

    http://www.oekologismus.de/...mps_avh1982-2004.jpg

    Oder siehe aktuelle Messwerte:

    http://www.antarctica.ac.uk/met/gjma/

    Die Südhalbkugel kühlt sich derzeit stark ab:

    http://hadobs.metoffice.com/...mispheric/southern/

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