Heiß!
Derzeit hält man sich am besten in der Nähe eines schönen Badesees auf, und auch ich habe gerade einige Tage mit meinen Kindern am Bodensee Abkühlung gesucht. Aber nicht nur in Deutschland ist es heiß: auch die globale Temperatur ist in den vergangenen Monaten auf Rekordniveau. Wir zeigen dazu hier einmal das gleitende Mittel über zwölf Monate in den Daten des Goddard Institute for Space Studies der NASA, das gerade den Wert für Juni veröffentlicht hat.

Neben dem aktuellen Rekord zeigt die Grafik auch, dass es im Jahr 2008 ein relatives Minimum gab - was einige "Klimaskeptiker" (vorhersehbar) vom Ende der globalen Erwärmung fabulieren ließ, war 2008 doch kühler als 1998! Doch wer die ganze Zeitreihe im Blick hat, der erkennt, dass "Berge" wie 1998 oder "Täler" wie 2008 natürlich nichts am langfristigen Erwärmungstrend ändern. Seit mindestens 130 Jahren war es global nicht so warm wie derzeit.
Mit dem Heraufziehen von La Niña - der kalten Phase der Southern Oscillation im tropischen Pazifik - dürfte die Kurve in der zweiten Jahreshälfte wohl wieder einen Zacken nach unten machen. Ob am Jahresende dann 2010 als neues Hitzerekordjahr dasteht, ist noch offen. Es wird aber immer wahrscheinlicher. Man kann das monatlich beim Rekordticker von Georg Hoffmann verfolgen. (Aber Kollege, wo bleibt der für Juni ...?)
Der abgelaufene Monat liegt übrigens "nur" auf Rang 3: in den Jahren 1998 und 2009 war der Juni noch ein wenig wärmer. Doch der April und Mai diesen Jahres haben jeweils neue Rekorde für diesen Monat gesetzt (siehe Rekord-April).
Zur Hitze (und unserem letzten Beitrag) passt auch die aktuelle Meldung des National Snow and Ice Data Center der USA: noch nie war in einem Juni die Eisbedeckung des Arktischen Ozeans so klein wie dieses Jahr. All dies übrigens, obwohl die Sonne schwächelt: wir befinden uns in den letzten Jahren im tiefsten und längsten Minimum der Sonnenleuchtkraft seit Beginn der Satellitenmessungen in den 1970er Jahren.
Noch eine Anmerkung zu den Temperaturdaten: eine ausführliche und aktuelle Diskussion dazu findet man online in dem lesenswerten Aufsatz Global Surface Temperature Change von Hansen et al 2010. Der erklärt auch nochmals die Unterschiede zu den Daten des Hadley Center, die darauf zurückzuführen sind, dass die Hadley-Kollegen die Arktis außen vor lassen, die sich zuletzt besonders stark erwärmt hat (wie man auch am Rückgang der Eisdecke dort sieht). Dies hatten wir auch in der KlimaLounge bereits ausführlich erläutert. (Diese Debatte wollen wir hier nicht wieder aufs Neue eröffnen.) In den Klimatrends unterscheiden sich die verschiedenen Datensätze zur globalen Temperatur ohnehin kaum, wie wir hier in einer Grafik gezeigt haben.
Noch ein Vorteil der NASA-GISS-Daten: alle Eingangsdaten und der Computercode sind frei verfügbar und intensiv von Anderen nachgeprüft worden. So hat zum Beispiel das Clear Climate Code Projekt, eine Initiative von Software-Ingenieuren, die NASA-Berechnungen komplett neu in Python programmiert und verifiziert. Dabei werden im Blog des Projekts auch "Klimaskeptiker"-Behauptungen nachgeprüft, wie etwa die, dass durch die abnehmende Anzahl von Wetterstationen ein künstlicher Erwärmungstrend entsteht (stimmt nicht) oder dass der städtische Wärmeinsel-Effekt den Trend beeinflusst (stimmt nicht). Eine lobenswerte Initiative, die beispielhaft zeigt, wie Wissenschaft im Zeitalter von Internet und Open Source immer transparenter und nachvollziehbarer wird.
Update 16. Juli: Spiegel online hat heute eine ähnliche Geschichte zu den globalen Rekordtemperaturen - allerdings auf Basis der NOAA-Daten, nicht denen der NASA. Auch in den NASA-Daten sind übrigens nicht nur die vergangenen 12 Monate (wie oben gezeigt) sondern auch die vergangenen 6 Monate (wie bei Spiegel Online diskutiert) auf Rekordniveau - ebenso wie die letzten 18 Monate. Schön, bei Spiegel Online seriöse Aussagen zum globalen Temperaturanstieg zu finden, für die ich noch vor einigen Monaten im Spiegel der "Schwarzrechnerei" bezichtigt wurde (siehe dazu meine damalige Antwort, Klimapause, zum Zweiten...).
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Wie kommt die 0 Linie zustande - über welchen Zeitraum wurde gemittelt?
[Antwort: Sorry, das hätte ich angeben sollen: die Werte sind Abweichungen vom Mittelwert 1951-1980, so wie auf der NASA-GISS Webseite. Stefan Rahmstorf]
Vielen Dank Herr Rahmstorf für den interessanten Beitrag. In Tagen wie diesen meint man tatsächlich, global warming an der eigenen Haut zu spüren.
Welche Temperaturanomalien sind eigentlich zu erwarten, wenn die Sonne mal nicht mehr so schwächelt UND ein El Nino im Anflug ist? Was sagen da die Modelle?
Gruß
Thomas Knecht
[Antwort: Lean und Rind (2008) beantworten dies (allerdings auf Basis von Datenanalysen, nicht Modellrechnungen): der Sonnenzyklus bringt von Minimum zu Maximum etwas weniger als 0,1 ºC in der globalen Temperatur, El Niño etwas mehr als 0,1 ºC. Stefan Rahmstorf]
...spannend zu sehen, wie sich die nörgler und leugner die letzten wochen zurück hielten mit kommentaren zu den untersuchungsergebnissen hinsichtlich der angeblichen skandale. da kam dann nichts mehr - eben nur heiße luft und propaganda.
na ja, wird schon was passieren die nächsten monate, damit sie wieder von klimahysterie schwadronieren.
Lieber Herr Rahmstorf
angesichts der unterbelichteten, interessengesteuerten Unverschämtheit nach wie vor der sog. Skeptiker wäre es nicht an der Zeit, sie beim Namen in Ihrem Sprachgebrauch zu nennen? Es sind halt Klimawandelleugner, schliesslich benutzt ihr Kollege Hansen in "Storms of my Grandchildren" das Wort "contrarian", mit Querverweis im Index hierauf von "denialist". "Sceptic" kommt bei ihm als Suchterminus erst gar nicht vor.
Da "contrarian" auf englisch ein Neologismus ist, was schwerlich mit "Widerspenstige" (da verharmlosend)abzubilden wäre, schlage ich "Klimwandelleugner" vor. Dass "denialists" im engl. Sprachraum sich wegen der Leugnungsunterstellung schon erzürnen zeigt nur, wie effektiv die Bezeichnung funktioniert.
Wein CDU-Grossmeister mal sagte, in der Politik kommt es darauf an, die Begriffe zu besetzen.
Auffällig ist ja das Verhalten der arktischen Eisbedeckung und der Anteil der Arktis an der globalen Temperaturerhöhung. Ist es möglich, dass Veränderungen von Luft- und Meeresströmungen primär die Eisbedeckung reduziert haben und daraus dann eine Temperaturerhöhung in der Arktis folgte?
[Antwort: Die Arktis erwärmt sich vor allem deshalb überdurchschnittlich, weil der Eisrückgang dazu führt, dass weniger Sonnenlicht zurückgespiegelt wird (Eis-Albedo-Feedback). Dabei spielt auch die Ablagerung von Ruß aus anthropogenen Quellen eine Rolle, weil dadurch das Eis etwas dunkler wird und auch dadurch mehr Sonnenwärme aufnimmt. Stefan Rahmstorf]
Ja, auch ich war mit meiner Frau am Bodensee (Unterer See) und habe unter der Hitze ein wenig gelitten.
Ich hatte mir einiges zu lesen mitgenommen und mein mobiles Internet. U.a. einen Artikel von Nicola Scafetta, der von solaren Zyklen spricht und davon ausgeht, dass die Tatsache, dass die Sonne um den gemeinsamen Schwerpunkt des "Gesamtsystems" "wobbelt", irgendwie Einfluss auf unser Klima/Wetter hat.
Auf der anderen Seite gibt es den "Gegenartikel" von Benestad, den ich allerdings nur bei den "Antiskeptikern" kommentiert fand und noch nicht selbst durchgearbeitet habe.
Was Scafetta schreibt, klingt doch eigentlich sehr plausibel. Ich verstehe nicht so ganz, warum er so in die Ecke eines "Querulanten" gestellt wird.
Können Sie dazu etwas sagen? Wäre sehr nett!
Besten Gruß JK
Hallo Herr Kampmann,
ich weiß nicht worauf sich die von Ihnen erwähnte Arbeit des N. Scafetta konkret bezieht. Allerdings gehört er zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die den 11-jährigen solaren Aktivitätszyklus, bzw. dessen Schwankungen für einen der wesentlichen Antriebe von Klimaänderungen auf der Erde verantwortlich machen. Ich habe bei N.C. zumindest keine Andeutung auf ein "Wackeln" o.ä. der Sonne gefunden.
Wie Herr Rahmstorf und andere führende Klimatologen belegen, ist der Einfluss des solaren Aktivitätszyklus allerdings eher untergeordnet gegenüber anderen Einflüssen, wie bspw. der Konzentration klimarelevanter Gase (Kohlendioxid, Methan, Lachgas) in der Atmoshäre, s.a. Beginn dieses Threads.
Witzig finde ich übrigens Ihre Bezeichnung "Antiskeptiker" für die Gruppe der unabhängigen führenden Klimawissenschaftler, dann erahnt man auch, woher Ihre Argumentation stammt.
(So eine Hitzephase wie wir sie zurzeit erleben, verschafft Rückenwind für klimarelevante Botschaften. Die Leute sind vergesslich.)
Aber wie kann man einen globalen Temperaturrekord konstatieren, wenn zum Beispiel auf der Südhalbkugel vllt. erst seit ein paar Jahrzehnten die Temperaturen systematisch gemessen werden?
[Antwort: Wie kommen Sie darauf? Vielleicht einfach mal in dem verlinkten Hansen et al Artikel nachlesen. Stefan Rahmstorf]
zu N. Scafetta:
Er ist Physiker, dessen Arbeitsschwerpunkt auf der Analyse von Zeitreihen und statistischen Zusammenhängen liegt. Diese wendet er u.a. auf biologische, soziale, physikalische Abläufe an, wobei er sich seit einigen Jahren auf den Zusammenhang zwischen solarer Aktivität und Klimaänderungen konzentriert.
Sein Ansatz ist also ein rein statistischer, ohne Modellrechnungen oder Wirkungszusammenhänge zu präsentieren -und weitgehend unbelastet von klimarelevantem Fachwissen.
Sehr geehrter Herr Rahmstorf,
ich finde, dass es für die Akzeptanz von Temperaturrekorden sehr wichtig ist, dass eine Vorstellung vermittelt wird, wie die Mitteltemperaturen "gebacken" werden.
Zum Beispiel war es vor einem halben Jahr, als hier die Busse in den Schneehaufen stecken blieben usw. schwer zu erklären, dass etwas gegen den globalen Temperaturanstieg unternommen werden muss bzw. dass es sich bei dem rel. strengen Winter um ein regional begrenztes Phänomen handelte.
Skeptickerseitig wurde das Wetter damals zum Anlass genommen, den KW für widerlegt zu erklären bes. in Verbindung mit den Stories, die damals Schlagzeilen machten.