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Klimapause, zum Zweiten...

von Stefan Rahmstorf, 21. November 2009, 20:00

Vor einigen Wochen haben wir hier über die Diskussion über die angebliche Pause bei der Erderwärmung berichtet. Im letzten Spiegel hat sich nun Gerald Traufetter des Themas angenommen. Tenor des Artikels: Ich stünde mit meiner (hier in der KlimaLounge vertretenen) Ansicht weitgehend alleine da. Wer jedoch meinen Beitrag und den Spiegel-Artikel aufmerksam liest, der wird feststellen: diese These beruht allein auf einer Verwirrung über die unterschiedlichen Zeiträume.

Der erste und wichtigste Punkt in meinem Artikel war ja, dass es über kürzere Zeiträume aufgrund der natürlichen Variabilität zu Stagnation der globalen Temperaturen kommen kann - da stimme ich zu 100% mit dem geschätzten Kollegen Latif überein, der im Spiegel sagt:

Wir müssen der Öffentlichkeit erklären, dass die Temperaturen durch die Treibhausgase nicht von einem Rekord zum anderen eilen, sondern natürlichen Schwankungen unterliegen.

Genau dieses versuche ich in Punkt 1 meines KlimaLounge-Beitrages.

Der zweite Punkt meines Beitrages war, dass die oft gehörte These:

Die Erderwärmung ist ins Stocken geraten: Seit zehn Jahren steigt die globale Durchschnittstemperatur nicht weiter an.

(erster Satz des Spiegel-Artikels) so nicht stimmt. Denn für die letzten zehn Jahre gilt dies nur dann, wenn man die Arktis ausklammert - also nicht global. Dieser Analyse widerspricht in dem Spiegel-Beitrag niemand, und ich stehe damit auch nicht alleine da, wie behauptet wird, sondern dies wird von den meisten Kollegen geteilt (wie u.a. die in wenigen Tagen erscheinende Copenhagen Diagnosis zeigt, ein von 26 führenden Klimatologen erarbeitetes Update zur Klimawissenschaft).

Der Spiegel-Artikel konstruiert hier leider einen Scheinwiderspruch, weil er dann im Weiteren nicht mehr von den letzten zehn Jahren, sondern von "den letzten Jahren" und dann expliziter von "den vergangenen fünf Jahren" spricht, in denen der Trend in der Tat negativ ist. Das zeigt auch die Grafik in meinem oben genannten KlimaLounge-Beitrag. Nur - über 5 Jahre ist dies nichts Ungewöhnliches, sondern im Laufe der letzten 30 Jahre immer wieder einmal vorgekommen, ohne dass dies zu großen Diskussionen oder einer nachhaltigen Pause in der globalen Erwärmung geführt hat.

Vor allem erklärt über die letzten fünf Jahre schon der Übergang von dem solaren Maximum in 2002 zum derzeitigen tiefsten and längsten solaren Minimum seit Beginn der Satellitenmessungen weitestgehend das Fehlen einer Erwärmung (siehe Lean und Rind 2008), worauf ja auch der Titel des Spiegel -Artikels ("Das Schwächeln der Sonne") hinweist. Da dies ein Zyklus mit einer Periode von im Mittel elf Jahren ist, wird dieser solare Effekt aber auch nicht zu einer längeren Pause in der Erderwärmung führen (Lean und Rind 2009).

Als letztes bringt der Spiegel-Artikel noch eine dritte Zeitskala ins Spiel: nämlich die der "Klimawette", also der von uns hier diskutierten Prognose von Latif und Koautoren (Keenlyside et al, Nature 2008). Diese bezieht sich spezifisch auf den Mittelwert über den Zeitraum 2000-2010, der laut Keenlyside et al kühler werden soll als der Mittelwert 1994-2004 (*). Hier geht es also gar nicht um einen Trend innerhalb der letzten zehn Jahre, wie in meinem KlimaLounge-Beitrag, geschweige denn um einen Trend innerhalb der letzten fünf Jahre wie in Traufetters Spiegel-Artikel, sondern um die Frage: werden die Jahre 2000 bis 2010 im Mittel kühler als die Jahre 1994 bis 2004? Das wäre für 10-Jahresmittel in der Tat sehr ungewöhnlich und stünde im Widerspruch zu den Klimamodellen, die so etwas (anders als eine Stagnation innerhalb eines 10-Jahres-Zeitraumes) nicht zeigen. Bislang sieht der Zwischenstand hier so aus (und zwar auf Basis der HadCRUT3-Daten, also denen mit dem Loch in der Arktis, weil dies der von Keenlyside et al verwendete Datensatz ist):

Mittelwert 1994 bis 2004: 0,36 ºC.

Mittelwert 2000 bis einschließlich Oktober 2009: 0,43 ºC. 

(angegeben jeweils als Abweichung von der Basisperiode 1961-1990, siehe auch die Fußnote.) Damit die von Keenlyside et al prognostizierte Abkühlung noch eintritt, müssten die verbleibenden 12 Monate im Mittel -0,19 ºC oder kälter sein - also satte 0,6 Grad kälter als der Mittelwert seit 2000! Ein solcher Temperatursturz ist in den 160 Jahren der HadCRUT3-Zeitreihe noch niemals aufgetreten. Um die von Latifs Team prognostizierte Abkühlung für äußerst unwahrscheinlich zu halten, muss man daher kein "düsterer Prophet" sein, wie Traufetter mich (durchaus diffamierend) nennt, und auch kein Pokerspieler. Man muss einfach nur rechnen können.

  (*) Wir folgen hier der Definition zehnjähriger Intervalle jeweils ab Anfang November, wie sie in der Publikation von Keenlyside et al vorgenommen wurde. Der Zeitraum reicht also vom 1. November des ersten Jahres bis zum 31. Oktober des letzten Jahres. 2000-2010 bedeutet also: der Zeitraum vom 1. November 2000 bis zum 31. Oktober 2010.

Weblink: Georg Hoffmann hat letztes Jahr eine vergleichbare Analyse der Klimawette vorgelegt - allerdings auf Basis der GISS-Daten. Im Wesentlichen kommt da natürlich das Gleiche heraus, Georg hat auch eine schöne Grafik dazu. Möglicherweise würden Journalisten weniger Fehler machen, wenn sie ab und zu bei den Weblogs von Forschern vorbeischauen würden?





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Kommentare

  1. Landmann, Wolfgang Reflektion der Wärme durch CO2
    30.12.2009 | 11:53

    Sehr geehrter Herr Ramstorf,
    ich bin durch eine Anfrage beim WDR3, Quarks & Co. auf diese Seite verwiesen worden. Durch Lektüre Ihrer Stellungnahmen bin ich zu der Ansicht gelangt, daß Sie den nötigen Background besitzen, mich auch über die Grundlagen aufzuklären, die mich umtreiben. Sehen, Sie, wenn ich mir einen Ausschnitt des Himmels aufzeichne und maßstäblich die Fläche des CO2 eintrage, dann ist diese Fläche so gering in Relation, daß ich Probleme habe, mir vorzustellen, wie diese Fläche eine so immense Wärmemenge reflektieren können soll. Oder ist die Menge nicht groß? Und erwärmt sich das CO2 bei der Refektion? Wenn ja, warum steigt es dann nicht auf und gibt die Wärme nach außen ab?
    Ich bin sicher, daß es hierzu saubere Messungen und Rechnungen gibt, die die Grundlage des ganzen Problems plausibel machen.
    Vielen Dank im voraus.

    Wolfgang Landmann

    [Antwort: Lieber Herr Landmann, CO2 reflektiert keine Wärmestrahlung, sondern absorbiert sie und re-emittiert sie in alle Richtungen. Das sind elementare Grundlagen, die z.B. schon John Tyndall bekannt waren, der diesen Effekt für verschiedene Gase im Jahr 1859 in seinem Labor vermessen hat. Ich empfehle für solches Grundwissen einfach einen Blick in ein Klimatologie-Lehrbuch. Eine gute Einführung online ist z.B. auch dieser deutschsprachige Artikel von Bakan und Raschke. Stefan Rahmstorf]

  2. David @Stefan Rahmstorf
    19.07.2010 | 15:07

    Sie schreiben

    Denn für die letzten zehn Jahre gilt dies nur dann, wenn man die Arktis ausklammert - also nicht global. Dieser Analyse widerspricht in dem Spiegel-Beitrag niemand, und ich stehe damit auch nicht alleine da, wie behauptet wird, sondern dies wird von den meisten Kollegen geteilt

    Im Spiegel-Artikel steht jedoch:

    Die Forscher des Hadley-Zentrums hätten für das Loch einfach den globalen Durchschnittswert eingesetzt und damit ignoriert, dass es in der Arktis bedeutend wärmer geworden sei, kritisiert Rahmstorf. Doch eine Nasa-Arbeitsgruppe vom Goddard Institute for Space Studies in New York, das den Sonderfall Arktis im Sinne von Rahmstorf berücksichtigt, kommt für die vergangenen fünf Jahre auf eine ähnlich flache Temperaturkurve wie die britischen Kollegen.

    Inwiefern paßt das zusammen?

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