Steinkohle: wissenschaftlicher Durchbruch
Der Gesamtverband Steinkohle präsentiert einen überraschenden Coup in der Klimaforschung: durch eine neue Datenanalyse gelang ihm der Beweis, dass die IPCC-Szenarien zur globalen Erwärmung stark übertrieben sind.
Treibhausbedingte Klimaänderungen haben eher am unteren Ende der vom IPCC genannten Bandbreite stattgefunden bzw. werden stattfinden,
verlautbart der Verband auf seiner Website. Er belegt dies durch die folgende Tabelle:

Auch eine Grafik ist dabei, die Ähnliches zeigt:

Hmmm... Wie konnten wir Klimaforscher das bloß übersehen?
Wir belassen das als kleines Adventsrätsel für unsere Leser: Worin besteht der Trick des Steinkohleverbandes? Wer zuerst die richtige Erklärung liefert, der bekommt vielleicht sogar einen Preis! Vielleicht auch nicht. Denn auf Prognosen von Klimaforschern ist ja bekanntlich kein Verlass...
(Auflösung dann hier in einigen Tagen!)
Auflösung:
Das hat ja nicht lange gedauert - nur ein paar Stunden war der Artikel online, schon hat Herr Bolt die Lösung gepostet. Danke!
Der Steinkohleverband hatte zwei Möglichkeiten: die IPCC-Szenarien nach oben "pushen" oder die Messdaten nach unten. Beide hat er genutzt. Hauptsächlich sind aber die IPCC-Szenarien völlig falsch dargestellt. Den Hinweis gibt schon die Tabelle: die Anstiegsraten pro Dekade, 0,14-0,58 bzw. 0,11-0,64 für die beiden letzten IPCC-Berichte, erinnern stark an die vom IPCC angegebene Erwärmung bis 2100, nämlich 1,4-5,8 ºC bzw. 1,1-6,4 ºC. Es ist natürlich Blödsinn, ein Szenario für die nächsten hundert Jahre mit Messdaten für die Vergangenheit zu vergleichen - das ist Äpfel mit Birnen. Das seltsame "bzw." in dem Zitat oben zeigt schon, dass der Steinkohleverband sich dessen bewusst war.
Besonders krass ist das in der Grafik, wo mit dem gelben Bereich der Eindruck erweckt wird, IPCC habe für 1979-2003 einen Anstieg um bis zu 1,4 ºC vorhergesagt. Das sind gerade die 0,58 ºC pro Dekade aus der Tabelle. Wie dieser Vergleich (IPCC-Szenarien aus dem 3. Bericht vs. beobachtete Temperatur) richtig aussieht, haben wir 2007 in Science publiziert. Ein update dieser Grafik (leicht vereinfacht) sieht so aus:
Gezeigt sind die Daten des Hadley Centre in blau (Jahreswerte und eine über 15 Jahre geglättete nichtlineare Trendlinie). Der Wert für 2008 ist vorläufig und beruht nur auf den Messdaten bis einschließlich Oktober 2008. Der graue Bereich zeigt die Spanne der IPCC-Szenarien - diese fächern sich erst später im 21. Jahrhundert weiter auf, je nach angenommenen Emissionen an Treibhausgasen. Die obere Kante endet in 2100 bei 5,8 Grad, die untere bei 1,4 Grad. Die gestrichelten grauen Linien sind einzelne Beispielszenarien. Die IPCC-Szenarien zeigen nur die Langzeittrends. Aufgrund der überlagerten natürlichen Schwankungen liegen in den Messungen einzelne Jahreswerte natürlich immer mal über der Trendlinie (wie die Jahre 2001-2005) oder darunter (wie 2007 und 2008).
Wir sehen also, dass überhaupt keine Rede davon sein kann, dass die Temperaturen langsamer steigen als erwartet. Und ob wir im oberen oder unteren Bereich der IPCC-Szenarien landen, ist ohnehin keine Frage, die man an Messdaten der Vergangenheit entscheiden kann. Denn das hängt vor allem von unseren künftigen Emissionen ab.
Es gibt noch eine Reihe weiterer Probleme mit dem Vergleich des Steinkohleverbandes. Zum Beispiel ergibt eine Erwärmung um 5,8 Grad von 1990-2100 nicht 0,58 Grad pro Dekade, sondern nur 0,53, da es sich um 11 und nicht 10 Dekaden handelt. Außerdem werden die Daten für die Troposphäre der University of Alabama gezeigt, die nur einen Trend von 0,13 Grad pro Dekade seit 1978 aufweisen (Trostpreis dafür an Herrn Mistelberger!) - die drei anderen globalen Datensätze liegen da alle bei 0,16. Sicher wurde hier extra der Datensatz mit der niedrigsten Rate gewählt - obwohl es sich nicht um Oberflächentemperaturen handelt, und also auch hier Äpfel mit Birnen verglichen werden, da die IPCC-Szenarien Oberflächentemperaturen sind. Aber seien wir großzügig - das sind Details. Der Hauptfehler ist die falsche Darstellung der IPCC-Szenarien.
Ein Kollege kam zufällig in mein Büro, als ich die Steinkohle-Grafik auf dem Schirm hatte, und sagte dazu: "Wieso machen die sowas? Arbeiten da keine Leute, die auch Kinder haben, denen sie eine gute Zukunft wünschen? Warum verfälschen die so dreist wissenschaftliche Daten?" Das kann ich nicht beantworten, werde es aber den Steinkohleverband fragen - vielleicht bekommen wir ja eine Stellungnahme für unsere Leser.
Immerhin hat das Vorgehen dieses Verbandes den Vorteil, dass es zur Klärung beiträgt. Man hat sich dort offenbar von jeder seriösen Diskussion verabschiedet und möchte nicht mehr ernst genommen werden. Lieber verleugnet man das Problem mit statistischen Bauernfängertricks, als ehrlich über die Lösungsmöglichkeiten zu reden. Das zeigt einmal mehr, dass es keine seriösen Argumente gegen den Klimaschutz mehr gibt, sonst würde man ja nicht zu solchen Methoden greifen müssen.
Update 17.12.: Auf meine Bitte um Stellungnahme hat der Gesamtverband Steinkohle geantwortet, dass man sich an einem Blog nicht beteiligen werde.
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In der Tat eine interessante Frage. Einige unter ihnen haben den Trend allerdings sehr wohl wahrgenommen und entsprechend darauf reagiert.
Erinner wir uns an die Artikel von Keenlyside und von Wood die im Mai dieses Jahres in Nature erschienen sind:
http://www.nature.com/...191/full/nature06921.html
und
http://www.nature.com/...3/n7191/full/453043a.html
Wood schrieb dort: "...and the Intergovernmental Panel on Climate Change recently projected that, even in the next 20 years, the global climate will warm by around 0"
Lediglich offen bleibt, wie diese Aussage zur oft propagierten unaufhaltsamen, beschleunigten Erwärmung passt.
Beste Grüße,
Rainer
P.S.: Ich weiß natürlich auch, dass nur die wenigsten echten Wissenschaftler von "unaufhaltsam und beschleunigt" gesprochen haben. Das waren zumeist die Medien. Nur - offen widersprochen wird solchen Meldungen von Seiten der Klimaforschung so gut wie nie.
[Antwort: Sie vermischen hier zwei ganz verschiedene Dinge. Bei dem Vergleich des Steinkohleverbandes geht es um den anthropogenen Klimatrend und die Messdaten aus der Vergangenheit. Bei den von Ihnen genannten Publikationen von Keenlyside und Wood geht es um die Vorhersagemöglichkeit künftiger, natürlicher Klimaschwankungen. Das Wood-Zitat ist Ihnen etwas verkrüppelt, es lautet so:
"Climate change is often viewed as a phenomenon that will develop in the coming century. But its effects are already being seen, and the Intergovernmental Panel on Climate Change recently projected that, even in the next 20 years, the global climate will warm by around 0.2 °C per decade for a range of plausible greenhouse-gas emission levels. Many organizations charged with delivering water and energy resources or coastal management are starting to build that kind of warming into their planning for the coming decades. A confounding factor is that, on these timescales, and especially on the regional scales on which most planning decisions are made, warming will not be smooth; instead, it will be modulated by natural climate variations."
Stefan Rahmstorf]
Die IPCC-Prognose bezieht sich auf den Zeitraum von 1990 bis 2100 und sagt teilweise exponentielles Wachstum vorher.
Die beobachteten Veränderungen erstrecken sich nur auf den Zeitraum bis 2006, für den auch die IPCC-Vorhersagen geringer sind. Und sie beziehen sich auf das Jahr 1987, das wärmer war als 1990 und überhaupt nicht in den Vorhersagebereich des IPCC gehört.
Gruß und bei der Gelegenheit ein "Danke schön" für den Blog. Weiterbloggen wäre mir Preis genug - falls meine Lösung stimmt.
[Antwort: Gratulation, Herr Bolt, Sie haben gewonnen! Wenn Sie möchten, sende ich Ihnen wahlweise eines der Bücher Der Klimawandel oder Wie bedroht sind die Ozeane. Herzliche Grüße, Stefan Rahmstorf]
Ein Lösungsvorschlag:
Der Gesamtverband Steinkohle hat mit dem Zeitraum von 1987-2006 nur 19 Jahre betrachtet. Um offiziell von Klima sprechen zu können müssen es mindestens 30 Jahre sein. Allerdings würde man bei der Betrachtung von 1978-2008 ebenfalls auf einen Wert von 0,16 °C pro Dekade kommen.
http://www.woodfortrees.org/...vgl/from:1978/trend
Da fragt man sich natürlich: Wenn sich der Verband schon so "angreifbar" mancht, warum dann nicht vernünftig. Wenn man z.B. die letzten 10 Jahre betrachtet kommt man sogar zu einer leichten Abkühlung (-0,00068 p.a.). Aber das wäre ja unfair. 1998 war schließlich Super El Nino.
Hier mal die Trends ab 1999:
seit 1999 +0,007 °C p.a.
seit 2000 +0,002
seit 2001 -0,011
seit 2002 -0,019
seit 2003 -0.024
seit 2004 -0,031
...
Mit etwas besserem Marketing hätten sie also von einer Trendumkehr seit 2001 sprechen können. Etwas "verwegener" vielleicht auch von einer sich beschleunigenden Abkühlung...
Aber was erwartet man schon von der Kohleindustrie. Sind halt doch alles Lobbyisten und von Exxon geschmiert :o)
MFG
Rainer
[Antwort: Ihre Trendwerte kann ich nicht nachvollziehen. Für die letzten 10 Jahre (also 1999-2008) komme ich auf +0.11 in den Hadley-Daten und +0.17 Grad/Dekade in den GISS-Daten. Der Unterschied zwischen beiden rührt daher, dass die Hadley-Daten die Arktis weitgehend ausklammern, wo in den vergangenen 10 Jahren die größte Erwärmung stattgefunden hat (siehe realclimate dazu).
Sie müssen auch die Schätzfehler bei so kurzen Trends berücksichtigen; bei einem 10-Jahrestrend beträgt der Fehler +/- 0.2 Grad/Dekade (2-sigma), daher sind solch kurze Trends nicht besonders aussagekräftig. Stefan Rahmstorf]
Der Steinkohleverband zeigt die Temperaturen in der mittleren Troposphäre und hier die zweifelhaften Daten der University of Alabama.
Die IPCC-Szenarien beziehen sich auf die Erdoberfläche.
Herr Schirmer, ehrenamtlicher Hauptmann des Bremer Deichverbandes Rechts der Weser und Professor an der Universität Bremen, sprach in einem Vortrag zum Thema Klimawandel, Anstieg des Meeresspiegels und Küstenschutz in Bremerhaven davon, dass der Klimawandel kein Science Fiction Märchen von Übermorgen ist, sondern das wir uns mitten darin befinden. Klimatisch befänden wir uns in einer Warmzeit, zu der aufgrund menschlicher Einflüsse noch einmal eine kräftige Warmzeit hinzukomme. Eine Klimasituation wie diese habe es in der Menscheitsgeschichte noch nicht gegeben.
Anhand der CO2-Verlaufsdaten, wie sie aus den Analysen von Eisbohrkernen über Zeiträume von zigtausend Jahren bekannt sind kann man erkennen, dass die "natürlichen Schwankungen", inklusive der Extreme während der Warm- und Eiszeiten, sich immer um ein annähernd waagerecht verlaufendes Mittel bewegt haben. Erst seit dem 19. Jahrhundert beginnen die Verlaufskurven der Klimagaskonzentrationen in der Atmosphäre und der mittleren globalen Temperatur sprunghaft anzusteigen. Das bestätigt die Aussage Herrn Schirmers. Die aktuelle mittlere globale Temperatur liegt bereits weit oberhalb des bisherigen bekannten Maximums.
Vor diesem Hintergrund ist die Argumentation des Gesamtverbands Steinkohle, auf Grundlage der Daten einiger weniger Jahre am "unteren Rand der Bandbreite", ein plumper Versuch von der Realität abzulenken. Mit einem wissenschaftlichen Durchbruch hat das absolut gar nichts zu tun. Ob die treibhausbedingten Klimaänderungen am unteren- oder am oberen Ende der vom IPCC genannten Bandbreite stattfinden, hängt entscheidend davon ab, ob die Weltgemeinschaft jetzt die richtigen Maßnahmen ergreifen wird (unterer Rand ...), oder ob sie weitermacht wie bisher (... oberer Rand der Bandbreite).
http://www.skepticalscience.com/...servations.html
Krieg ich nun den Preis oder nicht?! ;-)))
"Wer zuerst die richtige Erklärung liefert, der bekommt vielleicht sogar einen Preis! Vielleicht auch nicht. Denn auf Prognosen von Klimaforschern ist ja bekanntlich kein Verlass..."
:-)))
*Herr Schirmer, ehrenamtlicher Hauptmann des Bremer Deichverbandes Rechts der Weser und Professor an der Universität Bremen, sprach … Eine Klimasituation wie diese habe es in der Menscheitsgeschichte noch nicht gegeben.*
Der Mann sollte sich einmal mit der Klimageschichte von Bremen beschäftigen.
http://klimakatastrophe.wordpress.com/...-eiszeit/
Warmzeiten hatten wir in der Menschheitsgeschichte im Mittelalter, zur Römerzeit, nach der letzten Eiszeit (Holozän-Optimum), im Eem (Eem-Warmzeit), …
Das Holozän-Optimum und die Eeem-Warzeit waren weitaus wärmer als heute.
Dr. Michael Schirmer ist seit Juli 2006 im Vorruhestand.
Dr. Michael Schirmer ist Dipl.-Biol. (Hydrobiologie und Fischereiwissenschaft).
Die Abteilung Aquatische Ökologie ist aufgelöst!
http://www.limnologie.uni-bremen.de/
Er „arbeitet“ jetzt von seinem Wohnsitz in Bremen-Borgfeld aus.
Lieber Herr Rahmstorf,
"Sie müssen auch die Schätzfehler bei so kurzen Trends berücksichtigen; bei einem 10-Jahrestrend beträgt der Fehler +/- 0.2 Grad/Dekade (2-sigma), daher sind solch kurze Trends nicht besonders aussagekräftig. Stefan Rahmstorf]".
Man darf nicht vergessen, dass solche Trends, wie heute von 1980 bis 2008 auch nicht in allen späteren Rekonstruktionen ersichtlich wären (Eisbohrkerne, Baumringe usw.). Vor allem die Spitzen der heutigen Erwärmung würden wohl im Langzeit"trend" untergehen, vorausgesetzt das Klima würde sich ab jetzt wieder leicht abkühlen?
Zu ihren Erklärungen bzw. die von Herr Neu und denen von Herr Pielke, würde ich sehr gerne einmal ganz genau auf Deutsch von Ihnen erklärt bekommen, warum Herr Pielke sich irrt (dass die Projektionen des IPCC von 1990 überzogen waren).
Auf Englisch kann ich leider nicht alles so genau nachvollziehen und ich muss ihnen gestehen, dass wenn ich ihre Sichtweise, wie in der Graphik in meinem obigen Link, mit der von Herr Pielke aus diesem Jahr vergleiche, habe ich den Eindruck, als wollte entweder der eine oder der andere mich veräppeln.
Den Unterschied müsste man doch auch dem Laien erklären können.
Und noch kurz zu der Arktis. Da diese nur einen minimalen Teil der Erdoberfläche ausmacht, kann sie doch kaum den Unterschied zwischen Gut bund Böse ausmachen, oder sehe ich das falsch?
Hochachtungsvoll
Eddy
[Antwort: Die Szenarien des 1. IPCC-Berichts von 1990 zeigen nur den Effekt der steigenden Treibhausgaskonzentration, ohne Berücksichtigung der abkühlenden Wirkung der Luftverschmutzung durch Aerosole. Deshalb liegen die Werte deutlich höher als die der drei folgenden Berichte, in denen umfassendere Szenarien für den Effekt von Treibhausgasen und Aerosolen präsentiert wurden. Stefan Rahmstorf]
Ich denke so niedrig wie in Ihrer Grafik gezeichnet wird der 2008er Wert gar nicht ausfallen (November war ja schon etwas höher).
Die Emissionszahlen bis einschließlich 2006 (mit recht genauen Schätzungen für 07 und 08) sind bekannt - sie liegen ja noch über den worst case Fällen des IPCC. Daher finde ich, dass Sie den grauen Bereich nach unten arg kulant weit gewählt haben, eigentlich hätte man nur das bislang beobachtete Emissionsszenario und die Unsicherheit der Prognosen bzgl. dieses Szenarios wählen dürfen.
Also müsste man die blaue Hadley-Kurve nicht mit allen gestrichelten Linien, sondern nur mit den oberen beiden vergleichen, inklusive Modellunsicherheit. Und da liegt sie dann wohl am unteren Rand des prognostizierten Bereichs.
[Antwort: Das wäre ein anderer Vergleich, der auch interessant wäre. Wie wir in Science gezeigt haben, folgt die CO2-Konzentration trotz der hohen Emissionen ziemlich genau den Szenarien: "The level of agreement is partly coincidental, a result of compensating errors in industrial emissions and carbon sinks in the projections". Allerdings müsste man für einen sinnvollen Vergleich mit dem Temperaturverlauf das Gesamtforcing nehmen, nicht nur CO2, und dann wird es deutlich komplizierter. Diese Analyse habe ich nicht gemacht, aber ich vermute, die Unsicherheit im Gesamtforcing dürfte so groß sein, dass man keine Rückschlüsse etwa auf die Klimasensitivität aus diesen Daten ziehen könnte. Stefan Rahmstorf]