Die Klimawette
Derzeit liest man viel über eine angebliche globale Abkühlung. Zuerst brach aufgrund der Temperaturdaten der letzten acht Jahre eine ziemlich irreführende Mediendebatte aus, ob die globale Erwärmung aufgehört habe (siehe diesen Beitrag). Und nun wird die Phantasie der Öffentlichkeit von einer völlig neuen Diskussion beflügelt. Vorige Woche sagten Kollegen aus Kiel und Hamburg im Fachjournal Nature voraus, dass die globale Erwärmung in den nächsten zehn Jahren pausieren dürfte (Keenlyside et al. 2008).
Genau genommen machen sie in den letzten Absätzen ihrer Publikation zwei Vorhersagen über die Entwicklung der Globaltemperaturen, die in Abbildung 4 des Papers dargestellt sind (siehe Grafik). Die erste Prognose betrifft den Zeitraum von 2000 bis 2010, die zweite die Jahre 2005 bis 2015 (*). Über diese beiden Zehnjahresmittel schreiben die Autoren:
...the initialised prediction indicates a slight cooling relative to 1994-2004 conditions.
Die Grafik zeigt in der Tat: Die Temperaturen in den beiden bei 2005 und 2010 gezeigten Vorhersageintervallen (grün) sind nahezu identisch und liegen beide niedriger als die zwischen 1994 und 2004 beobachteten (das Ende der roten Linie in ihrer Grafik).

Quelle: Keenlyside et al., Nature 453, S. 84-88.
Die Autoren treffen auch Vorhersagen auf regionaler Skala, doch erwartungsgemäß beziehen sich die weltweiten Medienberichte (New York Times, Reuters, BBC News, Bloomberg und so weiter) auf die globalen Prognosen - stehen sie doch scheinbar im Widerspruch zur erwarteten globalen Erwärmung. Die Autoren selbst betonen diesen Aspekt, indem sie ihrer Pressemitteilung mit "Legt die globale Erwärmung eine kurze Atempause ein?" überschreiben.
Dass es sich bei dieser Abkühlung lediglich um einen zeitweiligen Temperaturrückgang handelt, ist unbestritten und wurde auch andernorts hinlänglich diskutiert. Eine andere Frage erhielt bislang jedoch wenig Aufmerksamkeit: Wird die Vorhersage auch eintreffen?
Wir bezweifeln das – und wir sind bereit, eine Wette anzubieten und dabei einen nicht unerheblichen Geldbetrag aufs Spiel zu setzen. Wir haben uns bei den Autoren rückversichert: Sie machen tatsächlich eine ernsthafte Vorhersage, es handelt es sich also nicht lediglich um ein Experiment zur Methodenentwicklung. Wenn die Kollegen glauben, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit ihrer Prognose bei über 50 Prozent liegt, sollten sie auf unser Angebot eingehen – schließlich handelt es sich dann um leicht verdientes Geld. Nehmen sie es nicht an, wirft das die Frage auf, inwieweit sie ihrer eigenen Vorhersage trauen.
Die Wette, die wir vorschlagen, ist ganz einfach und bezieht sich direkt auf die Voraussage, die Keenlyside et al. in ihrem Nature-Artikel über die globale Temperatur treffen. Sollte die Durchschnittstemperatur in den Jahren 2000 bis 2010 (ihre erste Voraussage) tatsächlich niedriger oder gleich der Durchschnittstemperatur in den Jahren von 1994 bis 2004 (*) sein, zahlen wir ihnen 2500 Euro. Ist sie höher, zahlen sie uns 2500 Euro. Wer diesen Teil der Wette gewinnt, wird sich Ende 2010 erweisen.
Das gleiche soll auch für ihre zweite Voraussage gelten. Erweist sich die Durchschnittstemperatur im Zeitraum zwischen 2005 und 2015 (*) als geringer oder gleich der Temperatur in den Jahren von 1994 bis 2004 (*), zahlen wir ihnen 2500 Euro. Sollte die Durchschnittstemperatur höher sein, zahlen sie diesen Betrag an uns. Als Basis für den Temperaturvergleich sollen die HadCRUT3-Daten dienen, die auch die Autoren in ihrer Publikation verwenden.
Der Fairness halber sehen wir auch eine Ausstiegsklausel vor. Im Falle eines großen Vulkanausbruchs oder eines Meteoriteneinschlags auf die Erde, der die Temperaturen unter das Niveau von 1994-2004 drückt, ließen sich die Voraussagen von Keenlyside et al. nicht mehr verifizieren. Dann gilt die Wette als unentschieden.
Zudem bräuchten wir einen neutralen Schiedsrichter. Wir schlagen zum Beispiel den Direktor des Hadley Centre vor, wo die von Keenlyside verwendeten HadCRUT-Daten ermittelt werden, oder einen Ausschuss neutraler Kollegen. Dieser Schiedsrichter würde auch entscheiden, ob ein Vulkanausbruch oder ein Meteoriteneinschlag so gravierend ist, dass die Wette abgebrochen werden muss.
Demnächst werden wir auch die wissenschaftlichen Argumente für unsere Zweifel an Keenlysides Voraussagen an dieser Stelle vorstellen. Aber zuerst wollen wir von unseren Kollegen wissen, ob sie unsere Wette akzeptieren. Die freundliche Herausforderung steht – nun hoffen wir, dass die Kollegen sie im Sinne des Sportsgeistes annehmen!
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(*) Wir gehen hier von der Definition zehnjähriger Intervalle aus, wie sie auch in der Publikation vorgenommen wurde. Der Zeitraum reicht also vom 1. November des ersten Jahres bis zum 31. Oktober des letzten Jahres. 2000-2010 bedeutet also: der Zeitraum vom 1. November 2000 bis zum 31. Oktober 2010.
Stefan Rahmstorf, Michael Mann, Ray Bradley, William Connolley, David Archer, und Caspar Ammann
(Dieser Beitrag erscheint zeitgleich auf englisch auf realclimate).
Update: Zum Thema gibt es jetzt ein Interview bei Focus online.
Andy Revkin (New York Times) hat auch einen Artikel zur Wette.
Und es gibt inzwischen Teil 2 der Klimawette mit unseren wissenschaftlichen Argumenten
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Herr Rahmstorf,
#Der Fairness halber sehen wir auch eine Ausstiegsklausel vor. Im Falle eines großen Vulkanausbruchs oder eines Meteoriteneinschlags auf die Erde, der die Temperaturen unter das Niveau von 1994-2004 drückt, ließen sich die Voraussagen von Keenlyside et al. nicht mehr verifizieren.#
In Chile brodelt der Vulkan doch schon, wie sich das weiter entwickeln wird ist doch nicht abzusehen.
Wenn ich mich an die alte Wetterweisheit halte, „das Wetter von Morgen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das Wetter von heute“ und noch die Trägheit eines System mit Energiespeichern und leicht positivem Trend in den letzen 20 Jahren berücksichtige, tippe ich mal auf 60:40 für die Gruppe Rahmstorf.
...durch so etwas gewinnt Wissenschaft an Sportsgeist und Dramatik. Aber bestimmt mangelt es auch nicht an Naserümpfern, in den Sozial- und vor allem Geisteswissenschaften wäre man nach dem Vorschlag einer solchen Wette wahrscheinlich ganz schnell persona non grata.
Viel Erfolg, Herr Rahmstorf, mit dem spannenden Wissenschafts-Wette-Versuch! Wir sind gespannt, wie Keenlyside et al. und das Klima reagieren... ;-)
der potentielle Wettgegner kein hungernder Doktorand auf ner halben Stelle BAT ist, geht das auf jeden Fall in Ordnung. Derartige Wetten haben ja auch eine gewisse Tradition, man denke an die Hawking/Thorne/Preskill-Wette über den Informationsverlust in Schwarzen Löchern.
Aber man fragt sich natürlich, was aus dem guten alten "Verlierer zahlt das Bier" geworden ist. O tempora, o mores! ;-)
das Klima betreffend ist eine verrückte Idee, sie zeigt aber auch wie unterschiedlich die Standpunkte in der Diskussion darüber sind. Wenn man sich intensiv mit beiden Seiten dieser Medaille beschäftigt und auch die Argumente beider Seiten gleich schwer wichtet, erhält man ein Bild, dass zeigt, wie viel oder wenig wir eigentlich über die komplexen Zusammenhänge in unserem Klima wissen. Genaue Prognosen zu erstellen dürft äußerst schwierig sein, da die Datengrundlage für eine Klimavorhersage meiner Meinung nach nicht ausreichend ist. Zwar definiert die WHO Klima als den Zustand der Atmosphäre in einem Zeitraum von 30 Jahren, aber meiner Meinung nach reicht dieser Zeitraum für eine fundierte Vorhersage nicht aus. Zu viele bekannte und wahrscheinlich genauso viele unbekannte Variablen und Zusammenhänge machen eine exakte Vorhersage nahe zu unmöglich.
Das finde ich mal richtig klasse (obwohl ich Geisteswissenschaften Studiert habe, Michael Blume!) oder, neudeutsch und besser gesagt: echt cool!
Mal gespannt, wer Mephisto und wer der Herr ist.
Zitat "Das finde ich mal richtig klasse (obwohl ich Geisteswissenschaften Studiert habe, Michael Blume!)"
Da haben wir was gemeinsam! Und in der Religionswissenschaft gäbe es einige Leute, darunter gestandene (und frisch gebliebene) Profs, die so eine Wette richtig gut fänden - und andere, die die Stirn allertiefts furchen würden. Darauf ließe sich wetten... ;-)
Sie sehen, Herr Rahmstorf: Ihre kollegiale Klimawette ist auch für die Wissenschaftsreflektion, -kommunikation und -soziologie spannend! Allerdings stellen Sie uns vor ein moralisches Dilemma: Wir würden Ihnen den Wettsieg gönnen, aber für einen weiteren, schnellen Temperaturanstieg mag ich nun nicht die Daumen drücken...
Find ich ne witzige Idee, wobei mir 500 Euro aus meiner Privatkasse zu viel wären. Ich fänd es daher durchaus ok, wenn sie nicht angenommen würde.
Wetten haben eine schöne Tradition - auch in der Wissenschaft (habe so selbst schon einen schönen Tropfen verloren). Sich darüber aufzuregen, dass eine Wette natürlich kein wissenschaftlicher Beweis ist, ist ziemlich albern.....
Daß Wissenschaftler zunehmend in den letzten Jahrzehnten an Kultur und universellem Niveau verlieren, ist schon lange meine Befürchtung. Jetzt dies:
Nur Banausen bieten bei einer solch interessanten und delikaten Wette als Wetteinsatz so etwas Proletenhaftes wie Geld an. Männer des Geistes mit Humor, Level und eigenem Selbstverständnis hätten stattdessen einige Kistchen eines edlen Weines, Champagners, Kaviars oder etwas diesem Niveau entsprechendes geboten.
Aber billige Knete? Ich werde diese Wette nicht weiter verfolgen.
Mit leiser Verachtung,
Müllenberg
[Antwort: Sie haben recht! Wir waren zu fantasielos. Champagner oder Kaviar mag ich allerdings gar nicht so. Aber vielleicht könnte man auch über hundert Tonnen CO2 aus dem EU Emissionshandel wetten, oder eine Spende an ein Projekt zum Schutz des Regenwaldes. Ich werde mit meinen Kollegen darüber reden.
Uns geht es bei dieser Wette vor allem darum zu signalisieren: diese neue Vorhersage ist nicht eine Vorhersage "der Klimaforschung" (die dann auch insgesamt büßen muss, wenn sie nicht eintritt), sondern sie ist im Kollegenkreis durchaus umstritten. S.R.]
Einfach nur geschmacklos!
[Antwort: Die KlimaLounge ist ein Ort, wo locker, entspannt und auch mal unkonventionell über Klima nachgedacht und diskutiert wird. Etwa so, wie wenn Kollegen an einem lauen Abend mit einem schönen Cocktail auf der Terrasse beisammen sitzen. (Wozu übrigens eine exzellente Mojito-Minze in meinem Garten wächst.) Wem es bei uns nicht bierernst genug zugeht, dem empfehlen wir, die KlimaLounge strikt zu meiden und sich nur an die Fachjournale zu halten! S.R.]