Ist die Erderwärmung vorbei?
Glaubt man einigen Medien, so hat die globale Erwärmung aufgehört oder macht zumindest Pause. DIE WELT schrieb diese Woche auf der Titelseite: „Mehr Schnee, mehr Kälte – wo bleibt die Erderwärmung?“ Im Blatt dann ein Artikel von Ulli Kulke mit dem programmatischen Titel: Klimakatastrophe – alles nur heiße Luft. Dort schreibt Kulke, dass „im laufenden Jahrzehnt die globalen Temperaturen im Durchschnitt gar keinen Trend mehr nach oben anzeigen“.

Was steckt dahinter?
Ein Blick auf die Messdaten (siehe Grafik 1) zeigt: erstens stimmt das nicht, und zweitens vermengt man Klima und Wetter (oder allgemeiner Signal und Rauschen), wenn man einen so kurzen Zeitraum betrachtet. Über einen Zeitraum von nur 8 Jahren ist der Temperaturverlauf stark von kurzfristigen Zufallsschwankungen geprägt (siehe nähere Diskussion und Grafiken bei Realclimate). Eine gesicherte Aussage über den Klimatrend kann man aus einem so kurzen Zeitraum daher nicht ableiten. Der 8-jährige Trend schwankt stark je nach gewähltem Anfangsjahr. Er hat in den letzten dreißig Jahren sogar mehrfach nach unten gezeigt – Kulke hätte Anfang der 1980er oder Anfang der 1990er viel eher behaupten können, die globale Erwärmung habe aufgehört. Doch „im laufenden Jahrzehnt“ (also für 2000-2007) zeigt der Trend deutlich nach oben: im NASA Datensatz um 0.25ºC/Jahrzehnt und im Hadley Datensatz um 0.17ºC/Jahrzehnt. Aber: die Fehlermarge an diesen Zahlen beträgt ±0.34ºC/Jahrzehnt, daher sind 8-jährige Trends eben nicht aussagekräftig. Aufgrund eines so kurzen Zeitraums kann man nicht einmal sicher feststellen, ob der Trend nach oben oder unten geht! Zum Vergleich: der IPCC-Bericht gibt den Langzeittrend über die letzten 50 Jahre mit 0.13ºC/Jahrzehnt an, mit einer Fehlermarge von ±0.03ºC/Jahrzehnt.

Grafik 1: Globale Jahresmitteltemperaturen nach den Datensätzen von NASA (rot) und Hadley Center (blau) bis einschließlich 2007. Die dicken Linien sind über 11 Jahre geglättet. Zu beachten ist, dass der Unterschied zwischen den beiden geglätteten Kurven in den letzten 5 Jahren nicht statistisch signifikant ist, da sich eine 11-jährige Glättung natürlich nur bis 2002 exact berechnen lässt (aus den Daten 1997-2007), danach ist es eine zunehmend ungenaue Schätzung. Der graue Bereich mit den gestrichelten Linien ab 1990 zeigt die Spannbreite der IPCC-Szenarien. Für Details siehe Rahmstorf et al., Science 2007.
Die Aussage von Kulke ist etwa so clever, als würde man das Kommen des Frühlings anzweifeln, weil es im Verlauf der letzten Woche kühler geworden ist – siehe unsere Satire Doubts about the Advent of Spring vom 1. April 2005.
Doch wie wär’s mit noch einem kürzeren Zeitraum? O-Ton Kulke: „Die Welttemperaturen in diesem Winter signalisieren im Vergleich zum vorherigen den steilsten Absturz seit Aufzeichnung der Wetterdaten, der Januar war der kälteste seit 15 Jahren.“ Der Hauptgrund für diesen „steilen Absturz“ ist aber nicht, dass Januar 2008 so ungewöhnlich kalt war: seine Temperatur lag deutlich über dem langjährigen Mittel und lag nur um Hundertstel unter (also im Rahmen der Messunsicherheit gleichauf mit) dem Januar 2000. Der Grund ist vielmehr, dass 2007 mit weitem Abstand der wärmste Januar seit Beginn der Aufzeichnungen war. Man hätte es auch so formulieren können: inzwischen ist das Klima derart warm, dass selbst „der steilste Absturz seit Aufzeichnung“ keinen richtig kalten Januar mehr bringt (siehe Grafik 2).
Lernen kann man an dieser Diskussion etwas über die Wärmebilanz unseres Planeten. Im Gleichgewicht ergibt sich die Temperatur aus der Bilanz an der Oberkante der Atmosphäre:
Sonneneinstrahlung – reflektierter Anteil = langwellige Abstrahlung
Abseits vom Gleichgewicht kommt noch der Wärmeaustausch mit dem Ozean hinzu. Langfristige Klimatrends sind hauptsächlich getrieben von Veränderungen der Sonneneinstrahlung (Sonnenzyklen, Erdbahnzyklen) und der langwelligen Abstrahlung (Treibhausgase). Die Schwankungen von Jahr zu Jahr liegen dagegen vor allem am reflektierten Anteil (Änderung der Schneebedeckung) und dem Wärmeaustausch mit dem Ozean. Ein besonders kalter Januar kann entstehen, wenn (wie dieses Jahr) ein La Niña-Zustand im Pazifik (der Ozean saugt Wärme aus der Luft auf) mit besonders viel Schnee an Land (der Sonne reflektiert) zusammen trifft. Da kurzfristige Schwankungen und langfristige Trends durch verschiedene physikalische Mechanismen entstehen, macht es keinen Sinn, aus dem Klimaverlauf über wenige Jahre Folgerungen für die Klimapolitik abzuleiten.
Zum Schluss soll nochmals Kulke zu Wort kommen:
„Doch inzwischen ist der Nordpol nach dem großen Tauwetter im vergangenen Sommer wieder zugefroren, und die globalen Klimadaten dieses Winters lassen vorerst eine Behauptung nicht mehr zu: dass sich die Erderwärmung immer stärker beschleunige.“
In der Polarnacht friert es am Nordpol? Das ist ja hoch interessant! (Das wird allerdings auch in hundert Jahren noch so sein, egal wie stark die globale Erwärmung ausfällt.)
Und wenn 8 Jahre Daten nicht ausreichen, um einen Trend zu bestimmen, wie viele Jahre braucht man wohl, um festzustellen, ob der Trend sich beschleunigt?
Kulke macht dies übrigens nicht zum ersten Mal. In unserem Buch Wie bedroht sind die Ozeane? diskutieren wir ein anderes Beispiel: als die Meerestemperaturen von 2003-2005 vorübergehend einen Zacken nach unten machten, schrieb Kulke unter der Überschrift „Es stürmt nur der Alarmismus“ in DIE WELT (25.9.2006):
„In unseren Zeiten ist dies doch eine ungeheure Information, eine echte Neuigkeit in der Klima-Einheitsdebatte. Dennoch taucht sie nicht in unseren Zeitungen auf, nicht in den Fernsehnachrichten. Sie passt nicht in die Zeit. (...) Der Zeitgeist ist auf Katastrophe eingestellt. Doch die Fakten spielen da nicht immer mit.“
Dass die Verdränger der Erderwärmung wie Kulke verzweifelt die Wahrheit im Rauschen suchen, weil sie das Signal nicht wahrhaben wollen, mag man lustig finden – ein Kollege etwa brach beim Lesen von Kulkes Artikel einfach lauthals in Lachen aus. Dass allerdings eine große Tageszeitung zum wiederholten Male ihren Lesern einen derartigen wissenschaftlichen Unsinn auftischt, das ist traurig - selbst wenn manche Leser dergleichen vielleicht gerne lesen.
Update 20. März: Die NASA hat gerade die neuesten Messungen der arktischen Eisbedeckung in diesem Winter publiziert. Trotz des überdurchschnittlich kalten Winters ist die Dicke des Eises weiter zurückgegangen. Die Fläche des mehrjährigen Eises hat diesen Winter ein "all-time minimum" erreicht. Die NASA weist darauf hin, dass das dünnere Eis verwundbarer ist, wenn die Schmelzsaison einsetzt.
Update 10. April: Die NASA hat gerade die globale Temperatur für März publiziert. Die relativ kalten Monate sind vorbei: die Märztemperatur 2008 liegt exact auf der Trendlinie (siehe Abb. unten). Der März 2008 ist der drittwärmste März seit beginn der Aufzeichnungen, nach 2002 und 2005.

Globale Temperaturen jeweils für den März jeden Jahres, 1900-2008, nach NASA.
Update 17. April: Laut Analyse der NOAA war der März 2008 über Land der wärmste März seit Beginn der Aufzeichnungen. Luftttemperaturen über dem Ozean werden noch durch die anhaltenden La Niña - Bedingungen im Pazifik gekühlt. Dieser neue Wärmerekord illustriert auch dem Laien, der den fachlichen Argumenten oben nicht folgen mochte, wie abwegig die Diskussionen über das "Ende der globalen Erwärmung" gewesen sind.
Links:
Die Klimadaten der NASA
Die Klimadaten des Hadley Center
Hier diskutieren wir eine weitere Kulke-Falschmeldung
Spiegel-online zur von Kulke gelobten "Klimaskeptiker"-Konferenz
Realclimate zur von Kulke gelobten "Klimaskeptiker"-Konferenz
Realclimate zu den angeblich "gerichtsnotorischen Übertreibungen" von Al Gore
greenpeace-magazin spießt weitere Fehler des WELT-Artikels auf.
Ähnliche Artikel:
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- Obama zum Klima
- Klimawette Teil 2
- Die Bundesliga der Klimaforschung
- Die Bringschuld der Klimaforscher





Danke für Ihre deutlichen Worte.
Ich habe schon versucht, im Skeptikerforum www.oekologismus.de diese rechten Vergleiche abzustellen. Hierzu ist man dort leider nicht bereit. Statt dessen beschimpft und vergleicht man dort Klimaforscher und um das Klima besorgte Menschen mit grünen "Ökofaschisten", "Greenpissern", "braunen Weltbeglückern", "Inquisatoren" u.v.m.. Weil ich diese Vergleiche nun erneut dort kritisiert habe wurde ich jetzt wie auch schon etliche andere vor mir aus diesem Forum ausgeschlossen. Man wünscht dort keine kritischen Anmerkungen zum eigenen Fehlverhalten und ist hier auch nicht bereit, dieses zu überdenken. Eine Diskussion ist mit "diesen Leuten" so leider nicht möglich.
Eddy, ohne Worte, Raphael Gerk, Krishnag und Flamme sind alles Teilnehmer des Forums Oekologismus. Dort wird offen dazu aufgerufen, hier im Forum mitzumischen.
Und "ohne Worte". Ihren Link an Herrn Blume meinen Sie doch wohl nicht ernst, oder? Ich selbst bin auch Christ. Ich würde mir aber nie anmaßen, mit der Bibel unter dem Arm gegen eine Klimaschutzpolitik zu predigen. Das ist Religionsmissbrauch erster Kategorie!
Durch meinem Glauben sehe ich eine besondere Verantwortung für Schöpfung und Mitmenschen.
Die Diskusion als solche muss aber wissenschaftlich geführt werden. Wer den Glauben hierfür instrumentalisiert und missbraucht, ist ein angstschürender Sektierer!
Und Eddy alias Müller. Wollen Sie jetzt wirklich hier mit dem Klimalaien Beck argumentieren, der der wiederholten Datenmanipulation überführt wurde?
Ich schlage vor, wir verlassen jetzt die Diskussion um rechte Vergleiche und kehren zum Sachthema zurück!
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Rahmstorf,
vielen Dank für Ihre detaillierte Auskunft und die engagierte Diskussion. Den Link (die Internet Seite kannte ich) und die kurz geschilderte Problematik bzgl. der Handhabung und der Fehlermöglichkeit von Satellitendaten, was mein Wissen im Umgang mit der komplexen Thematik erweiterte und Anstöße zum besseren Verständnis gibt.
In Bezug Ihrer Anregungen, sollte auch bei Satellitendaten die Verwendung „Real“ oder „Echt“ kritisch betrachtet werden. Ihre Frage, warum ich Satellitendaten, einen der Wirklichkeit näher kommenden Wert zuordne, liegt daran, dass von den drei gängigen Verfahren zur Temperaturerfassung – Thermometermessung, Ballon- und Satellitenmessung – die Daten von Ballon- und Satellit am besten übereinstimmen (was natürlich nicht für ihre Richtigkeit spricht – die Thermometerdaten weichen von beiden in etwa gleicher Weise ab). Sowie der Tatsache, dass die Temperaturmessungen (durch individuelle Gewichtung, in meinem ersten Kommentar) und der mathematischen Höhenanpassung, nicht mehr die Ursprungswerte wiedergeben. Des Weiteren sind die Messstationen räumlich ungleichmäßig verteilt (mit zunehmender Erfassung über den Ozeanen wird hier sicherlich die Lücke zu schließen sein). Ihr ebenfalls renommierter Kollege Herr Prof. Dr. John Christy sieht dies ähnlich und priorisiert meines Wissens ebenfalls Ballon-, bzw. Satellitendaten. Bewusst hatte ich auf eine geglättete, also mathematisch behandelte Kurve in meiner Argumentation verzichtet und auf eine rein messtechnisch ermittelte Kurve verwiesen. Die Messwerte für die ersten 8 Jahre diesen Jahrtausends lassen keinen Trend zu Temperaturanomalien erkennen.
Diese unterschiedliche Auffassung kann aber die wissenschaftliche Auseinandersetzung nur fördern, da sie den Anreiz zu weiteren Gesprächen und Untersuchungen schafft, an deren Abschluss dann, sowohl für den interessierten „Laien“, als auch für den engagierten Wissenschaftler, Klarheit besteht. Ihr Wissenschaftlerkollege Herr Prof. Dr. John S. Mattick hat die Problematik (allerdings in einem anderen Zusammenhang) in Spektrum der Wissenschaft (03/05) anschaulich formuliert: “Unbewiesene Annahmen entwickeln manchmal ein Eigenleben, was besonders in der Naturwissenschaft unangenehme Folgen haben kann. Am Anfang geht es gewöhnlich nur um eine plausible oder einfache Erklärung der Befunde. Wenn sie keine offensichtlichen Mängel aufweist und ihr Wahrheitsgehalt nicht unmittelbar überprüfbar ist, mutiert sie aber oft zum Glaubenssatz. Neue Beobachtungen werden dann passend interpretiert. Irgendwann aber muss das Dogma unter der Last eklatanter Widersprüche zusammenbrechen.“ MfG RL
[Antwort: Lieber Herr Leistenschneider, ich wundere mich ein wenig, dass Sie die Satellitendaten "eine rein messtechnisch ermittelte Kurve" nennen - Sie wissen doch sicher, dass diese noch stärker auf Modellen und Berechnungen beruht, als die Bodenmessungen mit Thermometern. Was die Höhenkorrektur der Wetterstationen angeht: zumindest kennt man die Höhe, in der gemessen wird. Bei den Satelliten weiß man nicht, aus welcher Höhe in der Atmosphäre die Strahlung stammt, die oben beim Satelliten ankommt. Auch die Glättung ist nicht relevant: ich zeige in meiner Grafik ja auch die Jahresmitteldaten, und auf den von mir angegebenen Weblinks sind auch die Monatsdaten. Zur Erläuterung erlaube ich mir ein Zitat aus unserem Buch Der Klimawandel, Kapitel 2:
Die globale Erwärmung wird auch durch Satellitenmessungen bestätigt, auch wenn die Messreihen erst Ende der 1970er Jahre beginnen. Um die Lufttemperatur zu bestimmen, nutzt man dabei die von den Sauerstoffmolekülen der Luft abgegebene Mikrowellenstrahlung (sog. MSU-Daten). Allerdings kann man so nicht die für uns Menschen vor allem interessanten oberflächennahen Temperaturen bestimmen, da der Satellit Strahlung aus der ganzen Luftsäule misst – teilweise sogar aus der Höhe der Stratosphäre, die sich (hauptsächlich aufgrund des Ozonschwundes) in den vergangenen Jahrzehnten um ca. 2°C abgekühlt hat.46 Die Interpretation der Satellitendaten ist deshalb (und auch wegen der kurzen Lebensdauer und veränderlichen Bahn der Satelliten) schwierig, und verschiedene Arbeitsgruppen sind bei der Bestimmung des Erwärmungstrends für die unteren Kilometer der Atmosphäre zu recht unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Die Spanne reicht von 0,12°C bis 0,26°C Erwärmung pro Jahrzehnt (seit 1979).47 Zum Vergleich: die Bodenmessungen (Abb. 2.3) ergeben für diesen Zeitraum 0,17°C pro Jahrzehnt."
S.R.]
Werter Herr Blume
Als studierter Religions- und Politikwissenschafter ist man natürlich auch Wissenschaftler, leider kein Naturwissenschaftler.
Eigentlich war der Link dazu gedacht, Sie zu informieren, das Christen durchaus zwiegespaltener Meinung sind. Der Autor ist Christ, Umweltschützer, Mathematiker und Informatiker. Ihre Art der Interpretation finde ich befremdlich.
Ängste vor Diktaturen sind durchaus berechtigt, wie die Weltgeschichte zeigt. Befürworten Sie ein Meinungsdiktat des IPCC in den Klimawissenschaften?
@Thorsten
„Die Diskusion als solche muss aber wissenschaftlich geführt werden. Wer den Glauben hierfür instrumentalisiert und missbraucht, ist ein angstschürender Sektierer!“
Nun ist das eine wissenschaftliche Diskussion, an der sich Herr Prof. Graßl hier beteiligt?
http://video.google.de/...ocid=1761867670182358694
Kirche, alle Umweltverbände und Attac waren die Veranstalter.
Bitte sagen Sie mir konkret, welche Äusserung Sie von Herrn Prof. Graßl kritisieren. Dann können wir darüber reden. Ich unterstütze die Kernaussagen seines Vortrages. Diese sind hinreichend durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse gedeckt.
Herr Prof. Graßl hat zumindest nicht mit Bibelversen Angst geschürt.
In Ihrem Schreiben an Herrn Blume ziehen Sie schon wieder ungeheuerliche Vergleiche zwischen Diktaturen und dem angeblichen "Meinungsdiktat" des IPCC. Es gibt kein Meinungsdiktat des IPCC. Die Klimaforschung fordert von den sog. "Klimaskeptikern" seit Jahren, ihre Thesen ordentlich wissenschaftlich zu publizieren und Reviews zu unterziehen. Das wäre prima, denn dann könnte man wissenschaftlich darüber diskutieren und die Ergebnisse würden auch in die IPCC-Berichte einfließen. Aber nicht publizieren und dann hinterher unbelegte Behauptungen meist fachlicher Laien in die Welt setzen, das gilt nicht.
Herr Rahmstorf,
Sie antworteten mir:
"Zwei Dinge wundern mich. Erstens dass jemand, der den letzten Satz oben geschrieben hat, es als polemisch empfindet, wenn ich einen Datensatz "umstritten" zu nennen wage, weil es in der Fachliteratur eine kontroverse Diskussion dazu gibt. Zweitens wundere ich mich, dass die Diskussion über die Bodenmessungen vs. Satellitendaten die Gemüter so erregt. Alle Datensätze zeigen doch nahezu exakt das Gleiche!"
Ich stimme Ihnen da völlig zu. Umsomehr verwunderte mich ja Ihre Reaktion: Daß Sie es für nötig halten, von allen 'simplen' aber letztendlich doch völlig unbedeutenden Fehlern in all diesen nahezu exakt gleichen Temperaturreihen ausgerechnet Fehler des UAH-Teams besonders herauszekehren. Wieso Sie deren Ergebnisse als umstritten bezeichnen, wo sie doch Ihrer Meinung nach eigentlich deckungsgleich mit allen anderen Ergebnissen sind.
Ich bin ein praktisch denkender Mensch, Herr Rahmstorf. Wenn Ihre einseitige Darstellung "und die UAH-Leute mussten mehrfach ihre Daten erheblich korrigieren, u.a. wegen eines simplen Vorzeichenfehlers" nicht auf eine Diskreditierung der Daten abzielt, dann kann die Absicht nur in einer Diskreditierung der Personen bestehen, die sie erhoben haben - und es ist wohlbekannt, daß das UAH-Team bzgl. der *Interpretation* dieser Daten nicht so ganz auf Ihrer Linie liegt.
Ich weiß ja, daß Sie den Planeten retten wollen. Aber das wird nicht gehen, wenn Sie Ihre wissenschaftlichen Grabenkämpfe auf diese Weise öffentlich austragen. Für mich verlieren Sie damit (trotz der guten Absichten, die ich Ihnen durchaus zubillige) ganz erheblich an Glaubwürdigkeit. Sie schaden zudem dem Ansehen der Wissenschaft allgemein, wenn ein Laie nach der Lektüre Ihrer Kommentare glaubt, da seien ja Stümper am Werk, die noch nichtmal ein Vorzeichen richtig setzen können.
Und, Herr Rahmstorf, bitte lesen Sie meinen damaligen Kommentar doch noch einmal sorgfältig. Sie werden mir sicher nicht widersprechen wollen, daß sich das PIK wirklich nicht in dieser Richtung bewegen sollte - und dort, wo die ersten Ansätze dazu bereits sichbar wurden, schnellstens den Rückwärtsgang einlegen sollte.
Wissenschaftliche Erfolge erzielt man am ehesten durch bessere Forschung, politische Erfolge durch geschicktere Schlammschlachten ... es ist Zeit für große, grundsätzliche Entscheidungen.
Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Flamme
"Als studierter Religions- und Politikwissenschafter ist man natürlich auch Wissenschaftler, leider kein Naturwissenschaftler."
Ja, deswegen habe ich auch nicht beansprucht, die Klimaargumente hier abschließend bewerten zu können, sondern auf die verblüffende Ähnlichkeit fundamentalistischer Argumentationsmuster in kreationistischen und den hier vertretenen Anti-Klima-Kreisen hingewiesen. Die Sie dann sogar eindrucksvoll bestätigt haben.
"Eigentlich war der Link dazu gedacht, Sie zu informieren, das Christen durchaus zwiegespaltener Meinung sind."
Danke. Das ist auch bei Fragen der Evolutionstheorie in der Tat so. Und auch da gibt es Leute, mit denen man wunderbar diskutieren kann, ohne dass sie Andersdenkende gleich mit dem Bösen in Verbindung bringen...
"Der Autor ist Christ, Umweltschützer, Mathematiker und Informatiker."
Also auch kein Naturwissenschaftler...
"Ängste vor Diktaturen sind durchaus berechtigt, wie die Weltgeschichte zeigt."
Nicht aber im Bezug auf Herrn Rahmstorf, das Potsdam-Institut oder die Klimaforschung! Das ist nicht nur fachlich und tatsächlich lächerlich, sondern verhöhnt auch die Menschen, die seinerzeit echte Verfolgungen auf Leib und Leben erlitten und Angehörige verloren haben!
Und davon abgesehen: eine Vermischung wissenschaftlicher und religiöser Diskussionen schadet eher. Wenn Sie Wissenschaft diskutieren wollen - gerne. Wenn Sie Andersdenkende für Verbündete des Antichristen halten, hat das aber mit seriöser Wissenschaft nichts mehr zu tun.
"Befürworten Sie ein Meinungsdiktat des IPCC in den Klimawissenschaften?"
Ganz und gar nicht. Und ich sehe dieses auch nicht, ebensowenig wie es eine Verschwörung der Evolutionsbiologen gibt. Gerade weil ich für die Freiheit von Forschung und Lehre eintrete lehne ich es entschieden ab, wenn sich Wissenschaftler pauschal als Verschwörer, Verfolger und Verbündete teuflischer Mächte beschimpfen lassen müssen. Das ist weder in Religions-, noch Naturwissenschaften und auch nicht in Mathematik oder Informatik korrekt...
Da fehlen diesmal mir die Worte, lieber anonymus...
#Als klimawissenschaftlicher Laie fällt mir auf, wie unsäglich und polemisch hier gegen Herrn Rahmstorf geschrieben und dabei von den Angreifern gleichzeitig eine Verfolgtenrolle eingenommen wird#
Wer in der Presse oder auf der Homepage von Herrn Rahmstorf seine Beiträge verfolgt oder gelesen hat wird nicht daran vorbeikommen zu bemerken, das die Art und Weise wir er z.B. mit Kollegen (Wissenschaftlern) umgeht, zum Teil schon recht befremdlich ist. Aber das kann jeder sehen wie er will, aber für jemand mit diesem Verhalten in dieser Stellung habe ich grundsätzlich keinen Respekt. Es gehört sich nicht, das ist eine Frage der Kinderstube, Kollegen mit abweichender Meinung derart abzukanzeln, zu erniedrigen, lächerlich zu machen, seine wissenschaftiche Reputation abzusprechen.
[Antwort: Ich möchte alle Leser dazu einladen, sich ein eigenes Bild zu machen - fast alle meine Artikel sind auf meiner home page nachzulesen. In der Tat wage ich es gelegentlich, ein in der Fachliteratur umstrittenes Ergebnis "umstritten" zu nennen, oder ich erwähne auch gelegentlich, wenn eine These die meisten Fachkollegen nicht überzeugt. Das ist in der Wissenschaft normal - es geht mir mit meinen eigenen Arbeiten genauso. Unsere These, dass abrupte Klimawechsel während der letzten Eiszeit durch Sonnenzyklen ausgelöst worden sein könnten (Braun et al., Nature 2005), hat z.B. bislang die meisten Kollegen nicht überzeugt. Ich gehöre zu denen, die der Meinung sind, man sollte offen über solche Dinge diskutieren. S.R.]
@Michael Blume
Solange Wissenschaftler Wissenschaft betreiben mag ja Ihre Aussage zutreffen, aber wenn Wissenschaftler sich anfangen derart in die Politik einzumischen, dann krieg im Zusammenhang mit Klima sehr ernsthafte Bedenken. Mit den diversen "likely" sollte man keine Politik machen.
@Thorsten, Blume
Mir wird leicht unwohl, bei den Äußerungen die von Ihnen Thorsten und Herrn Blume fallen.
Ich möchte das näher erläutern.
Zum einem gibt es das IPCC das zu 90% vom AGW überzeugt ist.
Dann gibt es die sog. Skeptiker, die bekanntlich nicht zählen. Alles Lobbyisten und „Scharlatane“ ohne anständige Peer-Review-Veröffentlichungen. Stimmt das wirklich?
Weiter gibt es die zu 110% überzeugten Wissenschaftler und vor allem Laien in Umweltschutzverbänden, Kirchen, Politik, …
Zusammen ergibt das also ihren 100%igen Konsens?
Vor allem die 3. von mir genannte Gruppe bereitet mir dabei Bauchschmerzen, die zu 110% Überzeugten.
Gewisse ersatzreligiöse und diktatorische Züge zeichnen sich für mich hier ab.
Thorsten, Sie und Herr Blume scheinen mir dieser 3. Gruppe anzugehören. Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege.
Herr Blume, Sie sind in der Lehre und Politik aktiv, vermutlich auch im Bereich des Klimachutzes? Thorsten, Sie scheinen auch im Bereich des Klimaschutzes aktiv zu sein. Beide sind Sie nicht in der Klimaforschung tätig, erlauben sich aber ein abschließendes Urteil, ohne wenn und aber.
Wie würden Sie beide das bezeichnen?