Aus der Arktis 2
Die Arktis ist ein hotspot des Klimawandels. Die Temperaturen dort haben sich mehr als doppelt so stark erwärmt wie im globalen Durchschnitt. Die Eisdecke auf dem arktischen Ozean ist bereits um die Hälfte geschrumpft. Im letzten Sommer waren es nur noch 4,3 Millionen Quadratkilometer, in den 1950-er bis 1970er Jahren lag sie meist zwischen 8 und 9 Millionen Quadratkilometer. Diese beiden Dinge – Erwärmung und Eisschwund – bedingen sich gegenseitig. Denn weniger Eis bedeutet mehr Aufnahme von Sonnenenergie: das ist die bekannte Eis-Albedo-Rückkopplung, die den Klimawandel noch verstärkt. Der große weiße Spiegel, der im Norden unseren Planeten kühlt, verschwindet rascher als erwartet.
Nach dem Negativrekord vom letzten Sommer warten die Eisexperten voller Spannung, wie sich dieses Eisjahr entwickeln wird. Trotz des relativ kalten Winters war die Eisfläche schon im Juni wieder so klein wie zur gleichen Zeit 2007. Doch dank der Wetterbedingungen sieht es jetzt wieder besser aus – man kann die Entwicklung tagesaktuell hier verfolgen. Eine zuverlässige Vorhersagemöglichkeit für die nächsten Monate gibt es nicht - dafür einen Wettpool und eine Art Wettbewerb verschiedener Forschergruppen im Internet.
Auch der große Eisschild auf dem grönländischen Kontinent schmilzt zusehends dahin. Nach einer 2006 in Science veröffentlichten Studie hat sich der Eisverlust im letzten Jahrzehnt von 90 auf 220 Kubikkilometer im Jahr mehr als verdoppelt. Grönland trägt damit bereits heute einen substanziellen Teil zum gemessenen Anstieg des Meeresspiegels um jährlich 3 Millimeter bei.
Der Schwund des Meereises dagegen verändert den globalen Meeresspiegel nicht direkt, denn es schwimmt bereits auf dem Wasser. Er könnte aber das Ende des grönländischen Eisschildes beschleunigen, heizt der Verlust des Meereises doch die ganze Region auf.
Eisbären in Gefahr
Der Höhepunkt unserer Arktis-Reise waren für mich die Begegnungen mit insgesamt fünf Eisbären im Packeis (siehe Teil 1). Wir hatten gleich mehrere Eisbär-Experten an Bord und hörten einen spannenden Vortrag zu ihrer Lebensweise, die aufs Engste mit dem Packeis verbunden ist. Verschwindet das Eis – da sind sich die Experten einig – würde nicht nur eine große Zahl dieser wunderbaren Tiere einen qualvollen Tod erleiden, sondern die ganze Art wäre in höchstem Maße vom Aussterben bedroht. Selbst die US-Regierung hat den Eisbären wegen des Klimawandels inzwischen in die Liste der bedrohten Arten aufgenommen.
Ich erwähne dies deshalb, weil auch zu diesem Thema einige deutsche Medien am liebsten selbsternannte Experten ohne fundierte Sachkenntnis zum Interview bitten, um sich die politisch gewünschten Aussagen zu beschaffen. Vielleicht glaubt man auch, das Lesepublikum zieht sachlich falsche, aber dafür frohe Botschaften der unangenehmen Wahrheit vor. Ich denke zum Beispiel an das peinliche Interview mit Josef Reichholf, wonach Eisbären gar kein Eis brauchen. Zitat: „Vielleicht bildet Knut im Berliner Zoo ja eine Ausnahme; aber in Wildnis lebt der Eisbär nicht davon, Eis zu lutschen.“ Spiegel-Leser wissen eben mehr!
Wer sich fachlich seriös über das Los der Eisbären informieren will, der findet einen kurzen Überblick in diesem Artikel von Andrew Derocher, dem Vorsitzenden der Polar Bear Specialist Group der IUCN.
Die Klimawende in den USA
Bemerkenswert an dieser Arktisreise war, wie ernsthaft und konstruktiv alle Teilnehmer über Lösungen des Klimaproblems diskutiert haben. Doppelt bemerkenswert angesichts der sehr unterschiedlichen Herkunft der Teilnehmer aus verschiedensten Bereichen der US-Gesellschaft (siehe Teil 1). Vielleicht war es der genius loci; vielleicht haben die Stille und Abgeschiedenheit der Arktis und der Zauber des Lichts zu dieser Stimmung beigetragen, die Differenzen und kleinliche Eigeninteressen vergessen ließ. Vielleicht auch die Begegnung mit den großartigen Lebewesen wie den Buckelwalen, die wir springen sahen, den Walrossen, den Ringelrobben und den kleinen eleganten Seeschwalben, die jedes Jahr die unglaubliche Reise von der Arktis in die Antarktis und zurück bewältigen. Wie zerbrechlich und gefährdet dieses Idyll ist, war für alle stets zu spüren und zu sehen. Die Moränen der schwindenden Gletscher Spitzbergens hatten wir immer wieder direkt vor Augen.
Mindestens zweimal am Tag gab es Diskussionsrunden, an denen auch immer so gut wie alle teilnahmen. (Eine habe ich wegen Übermüdung verpasst - da es rund um die Uhr hell war, war es nicht einfach, sich abends von den angeregten Bargesprächen los zu reißen und schlafen zu gehen.) „Polar bear moments“ wurden dabei zum oft zitierten geflügelten Wort. Wer den „polar bear moment“ nicht nutzt und sich nicht aus seinem warmen Bett aufraffen kann, der hat die Eisbären eben verpasst. Auch die Menschheit ist jetzt an einem solchen „polar bear moment“ angelangt: handeln wir jetzt nicht rasch und entschlossen, um die globale Erwärmung zu stoppen, dann wird es nicht mehr möglich sein, sie auf höchstens 2 ºC zu begrenzen. Vielleicht wird es auch nicht mehr möglich sein, das Abschmelzen von großen Teilen des Grönland-Eises, und damit den Untergang vieler Küstenstädte, zu verhindern. Und das Aussterben der Eisbären.
Aufbruchsstimmung war mit Händen zu greifen. Es ist klar, dass die USA vor einem einschneidenden Kurswechsel in der Klimapolitik stehen. Es war viel die Rede davon, dass die USA jetzt endlich die weltweite Führungsrolle dabei übernehmen würden – darunter machen die Amerikaner es eben nicht. Immerhin haben beide Präsidentschaftskandidaten sich auf die Fahnen geschrieben, die US-Emissionen von Treibhausgasen bis 2050 um 80% zu reduzieren. Doch mehr als alle schönen Worte ermutigte mich, was die Gründer von venture capital Firmen aus Silicon Valley zu berichten hatten (und übrigens auch Larry Page von Google): man steigt dort jetzt mit vielen Milliarden in die erneuerbaren Energien ein. Und Gouverneur Bill Ritter aus Colorado hat ein eindrucksvolles Programm zur Förderung der Erneuerbaren in seinem Bundesstaat vorgelegt – auf dieser Plattform hat er auch die Wahlen gewonnen.
Die Arktisreise auf der National Geographic Endeavour – ein Mikrokosmos dessen, was in der US-Gesellschaft in nächster Zeit zu erwarten ist? Die kommenden Jahre werden es zeigen.
Weblinks
Mehr zur Arktis auf KlimaLounge: Zwei Planeten (vom 21.8.08)
Aktuell: Arktis-Eisschelf verliert riesige Brocken
Eisbären: Melting under Pressure
Mehr zu Josef Reichholf: hier, hier, und hier
(Alle Fotos (c) S. Rahmstorf)
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"Bemerkenswert an dieser Arktisreise war, wie ernsthaft und konstruktiv alle Teilnehmer über Lösungen des Klimaproblems diskutiert haben. Doppelt bemerkenswert angesichts der sehr unterschiedlichen Herkunft der Teilnehmer aus verschiedensten Bereichen der US-Gesellschaft."
Wieviele Obdachlose waren unter den Reiseteilnehmern?
Nur so 'ne Frage.
Hier einmal die Werte von Nuuk (Hauptstadt von Grönland 1880-2008).
http://data.giss.nasa.gov/...1&num_neighbors=1
Demnach müssten die Eisbären schon um 1950 ausgestorben sein.
Und was schreibt Greenpeace 1999
*Das 1973 unterzeichnete Abkommen über den Schutz und die Erforschung der Polarbären hat dazu geführt, daß die Population seitdem von rund 5000 auf etwa 25.000 Tiere weltweit angestiegen ist.*
http://www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=4348
Im Klimaoptimum des Holozän (vor ca. 5.000 Jahren) war es zudem viel wärmer als heute.
http://www.warwickhughes.com/climate/decarb5.gif
[Antwort: Ich schrieb: "Verschwindet das Eis – da sind sich die Experten einig – würde nicht nur eine große Zahl dieser wunderbaren Tiere einen qualvollen Tod erleiden, sondern die ganze Art wäre in höchstem Maße vom Aussterben bedroht." Noch ist das Eis nicht verschwunden, und noch sind die Eisbären nicht ausgestorben. Weder 1950 noch im frühen Holozän war das Eis weg. Wenn wir so weiter machen, werden wir dies aber noch in diesem Jahrhundert erleben. Stefan Rahmstorf]
*Noch ist das Eis nicht verschwunden, und noch sind die Eisbären nicht ausgestorben. Weder 1950 noch im frühen Holozän war das Eis weg. Wenn wir so weiter machen, werden wir dies aber noch in diesem Jahrhundert erleben. Stefan Rahmstorf*
Wenn, ... ja wenn ... könnte ..., oder auch nicht.
Eisbären bewohnen seit ca. 200.000 Jahren den arktischen Bereich. Nicht nur die Warzeiten des Holozäns haben sie überlebt, sondern auch diese interglazialen Warmzeiten der letzten ca. 200.000 Jahre.
http://www.lavoisier.com.au/images/Figure1.jpg
[Antwort: Die von Ihnen verlinkte Grafik über Temperaturen der Antarktis ist von begrenzter Relevanz für Eisbären, da es die nur in der Arktis gibt. Auch das Überleben der Eisbären in den letzten 200 000 Jahren sagt nichts über deren Chancen in der Zukunft, da wir schon bei moderaten Emissionsszenarien sehr wahrscheinlich die Temperaturen deutlich überschreiten werden, die es jemals in den letzten 200 000 Jahren auf der Erde gegeben hat. Stefan Rahmstorf]
*Die von Ihnen verlinkte Grafik über Temperaturen der Antarktis ist von begrenzter Relevanz für Eisbären, da es die nur in der Arktis gibt.*
Nun, der Vostock-Eisker aus der Antarktis zeigt die selben Warmzeiten wie der GRIP-Eiskern aus Grönland. Also ist dieser Einwand nicht berechtigt.
http://www.igw.uni-jena.de/.../eis/GRIP_Vostok.gif
*da wir schon bei moderaten Emissionsszenarien sehr wahrscheinlich die Temperaturen deutlich überschreiten werden, die es jemals in den letzten 200 000 Jahren auf der Erde gegeben hat.*
Wie wahrscheinlich ist sehr wahrscheinlich?
Ein wenig Historie in Sachen Kartographie und Polar-Eis:
http://www.henry-davis.com/MAPS/Ren/Ren1/435.html
http://www.henry-davis.com/MAPS/Ren/Ren1/418.html
uU hängt das mit der Projektion zusammen.
Hallo Herr Dr. Rahmstorf,
es gibt aber durchaus Kollegen aus der Wissenschaft, die zu den Schwankungen des arktischen Eises eine etwas abweichende Meinungen haben.
Ist vielleicht doch nicht alles so schön einfach monokausal....
http://www.nature.com/...inks/031030/031030-5.html
[Antwort: Hmm. Was sieht der von Ihnen verlinkte Artikel von 2003 denn anders als ich? Stefan Rahmstorf]
Seit Knut gibt's einen Hype wenn's um weißes Fell und schwarze Nase geht, und jede Nachricht ist schlimmer als die nächste, lt. Google-Suche von 20 - 80 Jahre in 10er Schritten Jahre dauert es bis zum Aussterben der Eisbären.
Mitch Taylor sieht das wohl etwas anders:
[...] http://www.telegraph.co.uk/...rctic-warms-up'.html
So sind 2 bis nach Island gekommen, wo man sie wohl abschoß.
[...] http://www.investors.com/...amp;id=252201796298639- Haufenweise copy/paste-Text gelöscht. Bitte nicht spammen.
Die Redaktion -
Variable solar irradiance as a plausible agent for multidecadal variations in the Arctic-wide surface air temperature record of the past 130 years, Soon 2005, GEOPHYSICAL RESEARCH LETTERS
http://cfa-www.harvard.edu/...cticTempGRLfinal.pdf
Variability of the Intermediate Atlantic Water of the Arctic Ocean over the Last 100 Years, Polyakov et. al. 2004, Journal of Climate
http://www.frontier.iarc.uaf.edu:8080/....2004.pdf
Da stellt sich mir die Frage
Sind es doch natürliche Klimaschwankungen?
Ein schöner Satz:
#My advice to climate alarmists is that now is an appropriate time to start planning your exit strategy.#
gefunden hier
Was soll uns das jetzt sagen? Und: Können Sie auch noch was anderes als Sprüche von mehr oder minder dubiosen Websites kopieren?
Wenn man Ihre Kommentare hier als Indikator nimmt, scheint Ihre letzte intellektuelle Eigenleistung doch schon eine ganze Weile her zu sein...