Aus der Arktis
5 Uhr morgens. „Two polar bears ahead on the port side.“ Die ruhige Lautsprecherstimme von Expeditionsleiter Bud Lehnhausen reißt uns aus dem Schlaf. Mein Kabinengenosse, Prof. Jake Jacoby vom MIT, und ich streifen rasch warme Kleidung über und gehen an Deck. Kapitän Lampe nimmt langsam die Fahrt aus der National Geographic Endeavour. Nach und nach erscheinen auch die anderen an Deck. Ehrfürchtige Stille, die Leute flüstern, auch um die Tiere nicht zu erschrecken. Neben mir blickt Bill Ritter, der Gouverneur von Colorado, gebannt durch sein Fernglas. Paul Nicklen, Starfotograf von National Geographic, hat sein halbmeterlanges Teleobjektiv in Anschlag gebracht. Aus gebührender Entfernung können wir ausgiebig eine Eisbärenmutter mit ihrem zweijährigen Jungen auf einer Eisscholle beobachten. Unser Schiff scheint sie nicht besonders zu interessieren.
Wir haben Glück auf dieser Fahrt: schon am Vortag haben wir drei Eisbären beobachten können. Ein kräftiges Männchen rollte sich nach einer Robbenmahlzeit vor unseren Augen genüsslich auf dem Rücken im Schnee auf einer Eisscholle. Langsam dreht der Kapitän das Schiff, und wir lassen die Tiere wieder im Packeis allein.
Arctic Expedition for Climate Action
Mitte Juli hatte ich das Privileg, als einziger deutscher Teilnehmer bei der Arctic Expedition for Climate Action dabei sein zu können, die von der National Geographic Society in Zusammenarbeit mit Lindblad Expeditions und dem Aspen Institute organisiert wurde. Idee dieser einzigartigen Reise war es, führende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kirchen, Umweltbewegung, Gewerkschaften, Kunst und Wissenschaft, überwiegend aus den USA, zu einem Dialog und zum direkten Erleben der Arktis zusammen zu bringen. Da trafen „alte Hasen“ der Politik wie Jimmy Carter und Madeleine Albright auf junge Aktivisten wie Majora Carter, die aus einer armen schwarzen Familie in New York’s South Bronx stammt und dort eine erfolgreiche Bewegung für eine grüne Renaissance dieses Stadtviertels gestartet hat. Führer der amerikanischen Evangelikalen diskutierten mit Klimaforschern, CEOs von Konzernen wie Monsanto und Dupont, Google and Ebay plauderten mit den Köpfen von Umweltorganisationen. Der Komiker Chevy Chase sorgte für zahlreiche Lacher, die weltberühmte junge Violinistin Eugenia Choi und die Pianistin Carol Wong begeisterten mit ihrer Musik. Höhepunkt war ein Konzert von Choi an einem abgelegenen Strand der Spitzbergen-Insel Edgeoya, an dem wir mit Schlauchbooten angelandet waren. Die Violine hier einmal nicht vom Klavier begleitet, sondern vom Orchester eines großen Vogelfelsens, der die Szenerie majestätisch überragte und dessen Gipfel sich in den Wolken verlor.
Arche Noah für Saatgut
Begonnen hatte die Reise in Longyearbyen auf Spitzbergen mit einer Besichtigung des Saatgutbunkers, der dort im Februar eröffnet wurde. Ein Bauwerk wie aus dem James-Bond-Film. Eine Arche Noah für Saatgut, die für viele Jahrtausende die Grundlagen für die Ernährung der Menschheit sicher verwahren soll. Wohl seit den Pyramiden von Giseh ist kein Bauwerk für eine derart lange Lebensdauer geplant und gebaut worden; Atomkrieg und Terroranschläge sollen die tief in den Permafrost hinein gegrabenen Tunnel gleichermaßen überstehen können.
Prof. Cary Fowler, Leiter der tiefgekühlten Samenbank, erklärt uns die Bedeutung gerade in Zeiten des Klimawandels. Schon in 30 Jahren werden die Klimabedingungen, für die viele heute verwendete Saatgutsorten optimiert worden sind, nirgends mehr auf der Erde existieren. Denn nach einer Klimaerwärmung einfach das Saatgut in höheren, kühleren Breitengraden zu verwenden, das ginge nicht, erläutert er. Dort sind ja u.a. Sonnenstand und Tageslänge anders. Deshalb müssen zur Anpassung an die globale Erwärmung laufend neue Sorten gezüchtet werden – und genau dazu braucht man die genetische Vielfalt, die im Saatgutbunker gegen alle Bedrohungen gesichert werden soll. So sind immer wieder herkömmliche Samenbanken zerstört worden, in den letzten Jahren zum Beispiel im Irak und in Somalia, mit dem unwiederbringlichen Verlust tausender von Sorten.
Der Nordpolschwimmer
In Spitzbergen kam auch der als Nordpolschwimmer bekannt gewordene Lewis Pugh für einen Empfang an Bord. Im vergangen Jahr schwamm er – nur mit Badehose bekleidet – einen Kilometer am Nordpol, um damit auf die Erderwärmung aufmerksam zu machen. Derzeit lebt er in Spitzbergen, um für einen neuen Stunt zu trainieren: im September will er mit einem Kajak von Spitzbergen zum Nordpol paddeln. „Ich hoffe, ich schaffe es nicht“, sagte er mir. „Denn ich hoffe, dass das Eis nicht so rasch schwindet, um eine solche Fahrt möglich zu machen.“ In der Tat sieht die Eislage derzeit nicht so aus, als könnte dieses Unterfangen in diesem Jahr gelingen. Zwar ist am Nordpol außergewöhnlich dünnes Eis - einige US-Eisexperten sorgten sogar vor einigen Wochen mit der Einschätzung für Schlagzeilen, dass die Chancen 50:50 stünden, dieses Jahr erstmals riesige eisfreie Flächen am Pol zu erleben (CNN video dazu). Das liegt neben der Klimaerwärmung aber auch an den ungewöhnlichen Winden, die das dickere, mehrjährige Eis vom Pol weggeblasen haben – in Richtung Spitzbergen. Dort staut sich daher auf der Nordseite eine Eisbarriere, die zu durchqueren die größte Hürde für Pugh werden dürfte und auch unser Schiff daran hinderte, Spitzbergens Nordküste zu besuchen.
Weiter geht’s hier mit Teil 2 des Reiseberichts!
Update (3.9.): Lewis Pugh ist jetzt mit dem Kayak unterwegs - aktuelle Berichte incl. CNN-Video hier.
Weblinks
Mehr zur Arktis auf KlimaLounge: Zwei Planeten (vom 21.8.08)
Präsentation: The 5 most important data sets of climate science
Tägliche Meereiskarten (Uni Bremen)
Arctic climate impact assessment
(Alle Fotos (c) S. Rahmstorf)
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Ich glaube ich habe das falsche Fach studiert. Da kann man ja neidisch werden...
[Antwort: Genau. Für alle, die gleich das richtige studieren wollen, bieten wir Klimaphysik als Vertiefung im Rahmen des Physikstudiums an der Uni Potsdam an. Stefan Rahmstorf]
Vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht. Die Fotos sind wirklich wunderschön. Ich freue mich schon auf den zweiten Teil!
Sehr schön geschriebener Bericht von einer offenbar sehr inspirierenden Reise.
Ihre Fotos geben einen guten Eindruck von der "Stimmung" und wären sicher eine Ausstellung wert.
Ich selbst hatte im Alter von 12 Jahren das große Glück, mit meinen Eltern nach Spitzbergen zu reisen.Die Eindrücke von damals sind mir heute noch so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen! Ein guter Grund für mich (und sicher auch für Sie), wenn die Zeit reif ist (d.h das Kind alt genug, um nicht zu vergessen), der Familie diese schöne Region der Erde zu zeigen.
Mit den besten Wünschen
Jens Christian Heuer
http://wetterwechsel.wordpress.com
[Antwort: Danke für die netten Worte. Die Bilder kommen im Netz natürlich nicht gut raus - die Originale sind klassisch auf Rollfilm im 6x6 Format aufgenommen. Gruß, Stefan Rahmstorf]
Ein Haufen Leute unternimmt eine Kaffeefahrt in die Arktis und am Ende verfassen die Teilnehmer eine gemeinsame Resolution gegen klimaschädigende Fernreisen.
[Antwort: Ein berechtigter Einwand (auch wenn wir keine Resolution gegen Fernreisen verfasst haben). Immerhin wurden die Emissionen kompensiert - Details dazu auf der oben verlinkten Expeditions-Website. Stefan Rahmstorf]
Herr Rahmstorf,
Erstens, wenn man Ihren Ausführungen Glauben schenken darf, dann sollten wir Emissionen vermeiden, nicht kompensieren. So wie wir es vermeiden sollten, im Straßenverkehr Fußgänger anzufahren, auch wenn wir ihnen Schmerzensgeld zahlen.
Andernfalls sollten Sie Ihre "Bahnfahrt nach Dresden" nochmal redigieren:
"Es ist Ende August 2002. Ich nehme den Flieger von Potsdam nach Dresden. Zunächst mit dem Ferrari nach Schönefeld. (...)"
Und immer schön die Kompensationen erwähnen.
Zweitens würde es mich interessieren, wer für diese Kompensationen tatsächlich aufgekommen ist. In einem kürzlich geführten Interview auf Deutschlandradio Kultur erwähnten Sie, daß Dienstreisen einen erheblichen Anteil Ihres 'Carbon Footprint' ausmachen. Ihre persönliche Teilnahme an dieser Fahrt hat nicht unbeträchtliche Emissionen verursacht, die uns und unseren Nachkommen - falls Sie Recht haben - meßbar schaden.
Also wer hat den Schaden kompensiert, den Sie durch ihre persönliche Anwesenheit dort verursacht haben? Lassen Sie mich raten ... es war eine dienstlich veranlaßte Reise ... das PIK finanziert sich zu einem erheblichen Anteil durch öffentliche Zuwendungen und Aufträge ... also wir alle, die Geschädigten selber?
[Antwort: Ich habe diese Reise als von den Organisatoren eingeladener Experte gemacht, also finanziert durch die privaten Sponsoren der Expedition, die auch die CO2-Kompensation finanziert haben. Bei der Kompensation von Emissionen geht es übrigens nicht darum, irgendjemanden zu entschädigen. Es geht darum, die verursachten Emissionen an anderer Stelle wieder einzusparen, z.B. durch Investitionen in Aufforstung. Stefan Rahmstorf]
Und nicht stören lassen: Es ist wohl leider noch immer Deutschland-typisch, dass man selbst hart arbeitenden und engagierten Menschen weder Genuss noch Reflektion gönnt. (Nur Sportler dürfen Millionen verdienen, alle anderen haben sich für ihre Erfolge gefälligst zu schämen.)
Dabei halte ich solche Aktionen wie die o.g. für außerordentlich wichtig: Kreativität und interdisziplinäres Denken können nur dort gedeihen, wo man sich auch mal neuen Eindrücken, ungewöhnlichen Gesprächspartnern und ermutigenden Erlebnissen aussetzt. Wenn Leute über den Tellerrand hinaus denken sollen, soll man sie auch mal darüber hinaus schauen lassen. Erfolgreiche, mittelständische und große Firmen setzen längst auf solche Effekte, die Wissenschaft, Politik und Medienwelt beginnt sie erst zu entdecken.
Also: von hier aus ein herzlicher Glückwunsch und danke für den Bericht!
Ich habe heute 3 Bäume gepflanzt. Auf meinen CO2-Konto habe ich also etwas gut. Diesen Ablass möchte ich gerne Herrn Rahmstorf verkaufen, damit er weitere "Kaffeefahrten" in die Arktis unternehmen kann. Kann man sich das in etwa so vorstellen?
Ich denke so viel Bäume kann man gar nicht zwecks CO2-Kompensation pflanzen, wenn wir uns alle die ein oder andere Fernreise gönnen. Die Welt wäre voller Wälder.
Herr Rahmstorf,
womöglich denke ich zu kleingeistig, wenn mir scheint, daß man ein Aufforstungsprojekt auch finanzieren könnte, ohne das dadurch gebundene CO2 durch Lustreisen an anderer Stelle gleich wieder freizusetzen. Und daß man noch erheblich mehr hätte aufforsten können, hätte man auf diese Reise und die damit verbundenen Ausgaben verzichtet (die Teilnehmerliste weist ja nicht gerade auf einen Personenkreis hin, der für seinen spartanischen Lebensstil berüchtigt ist).
Diese Vorreiter der "Koalition der Freiwilligen"(*) fordern mich zB zum Stromsparen und Reiseverzicht auf, damit ich den Planeten nicht in die Nähe irgendwelcher Kipp-Punkte treibe. Und dann demonstrieren mir dieselben Leute mit ihrem Lebensstil und ihrem Verhalten, daß ihnen selbst ein paar Tonnen CO2 pro Nase mehr oder weniger völlig egal sind (An- und Abreise nicht eingerechnet). Wie kann ich das Anliegen dann ernstnehmen, Herr Rahmstorf?
*) http://www.dradio.de/...r/sendungen/kritik/481633/
Vielleicht hätten Sie auch nicht nur Bilder schmelzender Eisreste, sondern auch von der "Eisbarriere". Die wesentliche Entwicklung in 2008 war ja bisher, dass sich die Anomalie aus 2007 deutlich zurückgebildet hat, trotz der unvorteilhaften Ausgangssituation mit wenig mehrjährigem Eis.
Denken Sie dass sich die Anomalie als Folge der Umkehr der PDA ganz abbauen, bzw. úmkehren wird, bzw. welche Konsequenzen hätte dies für die Klimamodelle ?
@Wolfgang Flamme
Dieser quasi religiöse Ablaßhandel ist dermaßen pervers, daß man eigentlich nur noch den Kopf schütteln kann. Und es wird kein "p" CO2 dadurch eingespart, sondern man beruhigt nur sein Gewissen - leisten können sich da die wenigsten - der Rest kann wieder sehen wo er bleibt.
Aber das Geld bleibt schon bei den "richtigen" hängen und wandert in die "richtigen" Taschen.
Irgendwann opfern wir dann auch wieder - hoffentlich nur Obst und Gemüse, das mit mehr CO2 in der Athmosphäre besser gedeiht.